Moderne Väter füttern nicht
Vom Stillhindernis zum aktiven Vater

„Papa ist die erste Person, die dem Baby verdeutlicht, dass Nahrung nicht immer deckungsgleich mit Liebe ist!“
Paula Yount

Stillförderung – bei diesem Wort denken wir am ehesten an die Vermittlung von Wissen über das Stillen an Mütter, und zwar von professionellen oder ehrenamtlich tätigen Dritten außerhalb der Familie. Geburtsvorbereitungskurse, Stillgruppen, Bücher, Stillaufklärung durch Hebammen oder den gut informierten Arzt im Krankenhaus – all diese Angebote bieten Müttern Informationen über die Bedeutung der Muttermilchernährung, und das ist ja auch dringend notwendig in einem Land, in dem es wie in allen Industrienationen keine schiere wirtschaftliche Notwendigkeit zum Stillen gibt und damit auch keine echte Stilltradition. Aber erfüllt diese Art von wissensorientierter, an die Mütter gerichtete Stillförderung auch ihren Zweck?

Diverse Studien (1) belegen: Zwar wird allgemein vom Nutzen solcher Stillwerbung durch Dritte ausgegangen – tatsächlich scheinen die meisten Mütter ihre Entscheidung zu stillen aber nicht von einem Gespräch mit Arzt oder Hebamme abhängig zu machen, sondern von der Einstellung anderer, ihnen nahestehender Personen, in den meisten Fällen vom Vater. Das gilt nicht nur für den grundsätzlichen Entschluss zum Stillen. Auch die Stilldauer, die allgemeine Zufriedenheit mit der Rolle als stillende Mutter, sogar der Stillerfolg selbst kann direkt auf die Haltung des Vaters gegenüber dem Stillen zurückgeführt werden.

Die Resultate der Studien bestätigen also, was der gesunde Menschenverstand sowieso nahelegt: Wenn Papa mitzieht, klappt’s auch mit dem Stillen. Leider gilt auch der Umkehrschluss: Ist es dem Vater nicht wichtig, wie sein Kind ernährt wird, oder sieht er das Stillen sogar kritisch, steigt das Risiko, dass die Mutter nicht oder nicht lange stillt. Unter allen Gründen, die Mütter für ihr frühzeitiges Abstillen angeben, steht die negative Einstellung des Vaters an erster Stelle, noch vor der Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit oder der Unsicherheit, genug Milch zu haben.(2)

Offenbar ist der Vater eine bisher vernachlässigte Größe unter den Faktoren, welche die Stillsituation beeinflussen. Seine Aufklärung hat zur Zeit noch keine Priorität in offiziellen Stillförderprogrammen.

So empfiehlt z.B. die von UNICEF und der WHO ins Leben gerufene Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ professionelle Stillberatung wie auch den Austausch mit anderen Eltern – für Mütter, aber nicht für die Väter. Entsprechend schlecht ist ihre Informationslage. Vielen werdenden und jungen Vätern ist die gesundheitliche Bedeutung des Stillens gar nicht im Detail bekannt, dafür haben sie eine Menge Sorgen und Vorbehalte in bezug auf die Brusternährung. Klassischerweise beinhalten diese etwa die Angst vor Veränderungen im Sexualleben („Wenn sie stillt, hat sie doch schon genug körperliche Nähe“; „Stillen ist schlecht für die Brust!“) oder die Sorge, bei ihrer Frau angesichts der engen Bindung zum Baby nicht mehr an erster Stelle zu stehen. Manche Väter glauben nicht damit umgehen zu können, dass die Mutter beim Stillen in der Öffentlichkeit einen so intimen Körperteil entblößt (und haben offenbar noch nie miterlebt, wie diskret öffentliches Stillen bei einem gut eingespielten Stillpaar über die Bühne gehen kann), sind eifersüchtig auf die Sonderstellung, die Mama als Ernährerin beim Baby genießt, oder fühlen sich schlicht nutzlos und überfordert angesichts dieses kleinen, oftmals laut schreienden Wesens, das sich von ihnen eben nicht so einfach beruhigen lässt.

Die Tragweite der mangelnden Väterinformation wird deutlich durch eine Studie aus dem Jahr 1993, die sich mit der ersten Mahlzeit des Neugeborenen befasst.(3) Die Person, die Mutter und Kind bei dieser wichtigen ersten Stillbegegnung, deren Verlauf die weitere Stillgeschichte entscheidend prägen kann, am weitaus häufigsten unterstützt, ist demnach nicht der Arzt oder die Hebamme, sondern der Vater! Eine gewisse Grundkompetenz in Stillfragen oder zumindest eine positive und aufmunternde Haltung des Vaters könnte vielleicht dazu beitragen, dass manche Probleme (wie mangelndes Selbstvertrauen der Mutter, vor allem die Angst vor einer nicht ausreichenden Milchmenge) gar nicht erst bzw. nicht so ausgeprägt auftreten.

Genau diese Vermutung hatte auch das italienische Forscherteam um Dr. Alfredo Pisacane von der pädiatrischen Abteilung der Universität Neapel.(4) Sie wollten herausfinden, ob und wie es die Frauen in ihrer Stillentscheidung beeinflussen würde, wenn man den Vätern Informationen über die Vorbeugung und Behandlung der häufigsten Stillschwierigkeiten an die Hand gäbe und ihnen klarmachte, dass ihr Einsatz wesentlich für den Stillerfolg ist.

In einem kontrollierten Versuch wurden die Väter von 140 Neugeborenen am zweiten Tag nach der Geburt in einem persönlichen, etwa 40 Minuten dauernden Gespräch mit einer stillerfahrenen Hebamme gezielt über Schwierigkeiten aufgeklärt, die beim Stillen auftreten können, wie wunde Brustwarzen, Brustentzündungen, die Angst der Mutter, zu wenig Milch zu haben oder vorübergehende Stillkrisen. Die Väter erhielten konkrete Vorschläge dazu, wie sie dazu beitragen konnten, solche Probleme zu verhindern und in den Griff zu bekommen. Darüberhinaus wurde versucht, ihnen ihre zentrale Bedeutung für den Stillerfolg klarzumachen. Die 140 Väter der Kontrollgruppe nahmen zwar auch an einem persönlichen Beratungsgespräch über Babypflege teil; jedoch erhielten sie schwerpunktmäßig Informationen über die Bedeutung von Muttermilch anstelle einer konkreten Anleitung zum Stillmanagement.

Nach je sechs und dann noch einmal nach zwölf Monaten wurden die Mütter beider Gruppen über ihre Stillsituation befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: In der ersten Gruppe der übers Stillmanagement aufgeklärten Väter war der Anteil der mit sechs Monaten noch voll gestillten Kinder signifikant höher. Außerdem gaben in dieser Gruppe auch wesentlich mehr Frauen an, von ihren Partnern emotionale Unterstützung und konkrete Hilfe beim Stillen erhalten zu haben, als in der Kontrollgruppe. Zwar berichten in beiden Gruppen etwa 65 % der Mütter von Schwierigkeiten beim Stillen, doch die Art und Häufigkeit dieser Probleme unterscheiden sich in den Gruppen erheblich: In der Gruppe der nicht auf Schwierigkeiten eingestimmten Männer gab es viel mehr Frauen, die „nicht genug Milch hatten“ oder das Stillen wegen „mangelhafter Milchbildung“ gleich ganz aufgaben. Und sogar bei den Müttern, die von Stillproblemen berichten, war der Anteil der mit sechs Monaten voll gestillten Babys bei den „aufgeklärten“ Vätern immer noch höher als bei den Müttern mit Problemen in der Kontrollgruppe.

Damit wurde erstmals anhand einer klinischen Studie nachgewiesen, wie nachhaltig eine gezielte Aufklärung der Väter die Stillrate und -dauer beeinflussen kann, und wie notwendig es ist, Konzepte zur väterlichen Stillaufklärung zu entwickeln. Anscheinend reicht es nicht, nur die Mütter zu informieren. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, über welche Kanäle auch immer, an die Väter heranzutreten, und das am besten noch während der Schwangerschaft: Schon seit Jahren ist bekannt, dass die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Ernährungsform noch vor der Geburt getroffen wird.(5)

Hat die Stillförderung bei den Vätern erst einmal einen Fuß in der Tür, sollte es ein leichtes sein, nicht nur die objektive Wichtigkeit des Stillens und die Risiken der Flaschennahrung zu thematisieren. Auch die meisten der schon angesprochenen, manchmal irrationalen Väterängste (veränderte Sexualität, Attraktivitätsverlust der Partnerin) könnten so in einem Gespräch mit einem möglichst männlichen Geburtshelfer gut entkräftet werden.

Eine Ausnahme hiervon stellt möglicherweise das relativ neue Problem des „Vater-Bondings“ dar. Damit ist nicht das eher egoistisch begründete Eifersuchtsgefühl gemeint, das manche Männer entwickeln, weil das Stillen für sie der sichtbare Beweis dafür ist, dass ihre Partnerin nun jemand anderen mehr „bemuttert“ als sie selbst. „Vater-Bonding“ bezeichnet vielmehr den echten und tiefgehenden Wunsch vieler Männer, selbst so etwas wie ein „stillender“ Vater zu sein. Gerade die gut informierten Väter, die das Stillen eigentlich befürworten, haben genau an dieser Stelle ihren wunden Punkt. Insbesondere wenn sie sich sehr darauf gefreut haben, eine intensive Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, und sich aktiv am Leben mit dem Säugling beteiligen wollten, sind sie enttäuscht über den natürlichen Bonding-Vorteil ihrer Frau, die das Baby durch Stillen nähren und beruhigen kann. Dieses vermehrt auftretende Unzulänglichkeitsgefühl junger Väter verleitete schon in den 80er Jahren einige feministisch geprägte Psychologinnen zu der Hypothese, das Stillen verhindere eine Bindung zwischen Vater und Kind und führe darüber hinaus zu vermehrten Spannungen in der Beziehung des Vaters und der stillenden Mutter.(6)

Obwohl sich diese radikal negative Sicht zum Glück nicht durchsetzte (und auch nicht wissenschaftlich belegt werden konnte), hat sie doch bis heute immense Auswirkungen auf die Stillkultur der westlichen Welt.

Schuld daran ist – wer sonst – die Babynahrungsindustrie, wie der Ernährungswissenschaftler Ted Greiner feststellt. In immer neuen Werbespots und Anzeigen suggerieren die Hersteller von Muttermilchersatznahrung, wie der moderne Vater heute auszusehen hat: liebevoll, involviert, in engem Kontakt mit dem Baby – das er, natürlich, mit der Flasche füttert.

Was wiegen all die theoretischen Informationen zum Stillen gegen ein solches Bild des Friedens? Mögen bemühte Stillbefürworterinnen noch so viele „väterspezifische“ pro-still-Argumente anführen (von denen einige, so richtig und wichtig sie sind, ja fast schon zynisch klingen, etwa die enorme Geldersparnis durch die kostenlose Muttermilch) – an die Möglichkeit, selbst buchstäblich zum Ernährer des Babys zu werden, reicht man damit nur schwer heran.

Hier muss die Stillförderung energisch eingreifen! Der oft gehörte Vorschlag, der Vater könne das Kind mit abgepumpter Muttermilch füttern, muss mit Vorsicht genossen werden, da gerade in den ersten Lebenswochen das Abpumpen und Babys Bekanntschaft mit dem Flaschensauger ein Eingriff in die empfindliche junge Stillbeziehung ist und das Stillen unterminieren kann. Es muss vielmehr deutlich werden, dass Bonding sich längst nicht nur beim Stillen vollzieht und dass dem Vater viele andere Wege offenstehen, die Mutter aktiv zu unterstützen und eine liebevolle, intensive Bindung zum Kind aufzubauen. Tragen, schmusen, wickeln, massieren, beim Aufstoßen helfen, in den Schlaf wiegen – all das sind Gelegenheiten für Vater und Kind, zwischen den Stillmahlzeiten eine intensive und einzigartige Beziehung aufzubauen.

Nur auf den ersten Blick paradox ist das Phänomen, auf das die LLL-Stillberaterin Felicia Henry hinweist und das sicher viele Mütter bestätigen können: nämlich dass Papa oft gerade dadurch so einzigartige Hilfestellung leistet, dass er eben nicht stillen kann(7): Ein übermüdetes, soeben gestilltes Baby versucht verzweifelt, an der Brust in den Schlaf zu finden, nur um die angebotene Brust dann doch zu verweigern, und beruhigt sich, wenn Papa es hält und in den Schlaf wiegt. Füttern unnötig.

Wer als Vater dennoch unbedingt das Hochgefühl erleben will, persönlich für das zufriedene, satte Lächeln auf dem Gesicht seines Kindes verantwortlich zu sein, kann sich im zweiten Lebenshalbjahr um das Einführen der Beikost kümmern und so die Mutter wiederum entlasten. Sie ist dann weiterhin für flüssige Nahrung zuständig und kann die inzwischen gut eingespielte Stillbeziehung genießen, während der Vater ganz neue Kompetenzen in bezug auf das Baby entwickeln kann und so allmählich auch sein Selbstbewusstsein als Vater zunimmt.

Glaubt man den Thesen von Michel Odent in seinem Buch Geburt und Stillen, ist dieses langsame Wachsen der Beziehung von Vater und Kind ohnehin das artgerechte Verhalten bei Primaten. Er sieht das heute übliche Hervorheben des unmittelbaren Vater-Kind-Bondings, das den Vater dazu auffordert, die Mutter-Baby-Beziehung zu kopieren, als kontraproduktiv an. Die eigentliche Aufgabe das Mannes sei es, die Einheit von Mutter und Kind vor Gefahren von außen zu schützen – und damit letztlich auch den Erfolg des Stillens sicherzustellen.(8)

Auch Väter können also stillen – vielleicht nicht Babys Hunger auf Muttermilch, dafür aber den Hunger nach väterlicher Liebe und Zuwendung und den Hunger der Partnerin nach Anerkennung und Unterstützung. Die Väter in die Lage zu versetzen, diese Form der Unterstützung zu leisten, muss das erklärte Ziel moderner Stillförderung sein.


Literatur
(1) Giugliani et al: Effect of Breastfeeding Support from Different Sources on Mothers’ Decisions to Breastfeed. Journal of Human Lactation 1994; 10:157-161 und Pisacane et al: A Controlled Trial of the Father’s Role in Breastfeeding Promotion. Pediatrics 2005; 116:494-98
(2) Arora et al: Major Factors Influencing Breastfeeding Rates: Mother’s Perception of Father’s Attitude and Milk Supply. Pediatrics 2000; 106:67-70
(3) Buckner, Matsubara: Support Network Utilization By Breast Feeding Mothers. Journal of Human Lactation 1993; 9:255-59
(4) Pisacane et al: A Controlled Trial of the Father’s Role in Breastfeeding Promotion. Pediatrics 2005; 116:495-98
(5) Freed, Fraley: Effect of Expectant Mothers’ Feeding Plan on Prediction of Fathers’ Attitude Regarding Breastfeeding. American Journal of Perinatology 1993; 10:300-3
(6) Waletzky: Husbands’ Problems With Breastfeeding. American Journal of Orthopsychiatry 1979; 49:349-52 und Jordan: Breastfeeding as a Risk Factor for Fathers. Journal of Obstetric, Gynecologic, and Neonatal Nursing 1986; 15:94-97
(7) Henry: The Breastfeeding Father
(8) Odent: Geburt und Stillen – Über die Natur elementarer Erfahrungen. München 2000, 38-42


Kirsten Caspers


aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 3/2006, S. 13-15

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