Reisen mit Stillkind

Erfahrungen unterwegs und in verschiedenen Ländern

Wir befinden uns seit knapp einem Jahr auf unserer Reise rund um die Welt und mein uneingeschränktes Fazit in Sachen Reisen mit Stillkind lautet: Es ist sensationell einfach und bewusstseinserweiternd!

Rein organisatorisch ist das Reisen mit einem Stillkind sehr leicht. Es entfallen die Mitnahme von Flaschen und Formula bzw. es ist nicht zwangsweise eine Unterkunft mit Kühlschrank erforderlich um alternativ angebotene Kuhmilch kalt zu stellen. Wird dann noch Co-Sleeping praktiziert, ist die Unterkunftssuche extrem einfach und vor allem preiswert denn in aller Regel zahlen Kinder bis zu einem gewissen Alter nichts, solange sie vorhandene Betten benutzen.

Doch nach unserer Erfahrung bewirkt das Stillen auf Reisen noch mehr.

Im Flugzeug kann eventuell auftretender Ohrendruck leicht gemildert werden, das Einschlafen gelingt leichter, das ungewohnte Essen wird besser vertragen, etwaige Unverträglichkeiten können durch das Stillen gut abgefedert werden. Und das Stillen ist ein sehr vertrautes und Nähe schaffendes Element egal wie fremd die Umgebung ist.

Mein vollgestilltes Baby ist mittlerweile zu einer fast 4jährigen Gelegenheitsstillerin herangewachsen und hat bislang in über 15 Ländern verteilt auf drei Kontinente sein Bedürfnis nach Nahrung und Nähe gestillt. Und auch wenn das Stillen nur noch selten bemerkt wird unser Fotoalbum zeigt Stillmomente an tropischen Stränden, unter Gipfelkreuzen, hoch oben über den Wolken, in verwinkelten Höhlen Südostasiens, in den U-Bahnen unserer Metropolen, auf diversen Bürgersteigen und Parkbänken. Sie hat in einem winzigen Zelt in den Schweizer Bergen an meiner Brust einem Sturm getrotzt, 14stündige Überlandfahrten in Thailand verschlafen und nach Touren im Hochgebirge Taiwans Kraft getankt.

Während das Stillen in Deutschland für mich nebenbei lief, stellte ich mir unterwegs die Frage wie selbstverständlich ich öffentlich stillen möchte und sollte. Die Zeitverschiebungen, Hunger und Reizüberflutungen führen unterwegs öfter zur Einforderung der Muttermilch und ich wog die Bedürfnisse meines Kindes gegen kulturelle Gepflogenheiten und sozialen Respekt ab.

Und immer häufiger erlebte ich dabei Momente der Begeisterung.

Nämlich dann, wenn das Stillen vollkommen offen gefördert wird. Wenn Mütter zum Stillen ermutigt und ihnen passenden Gegebenheiten zur Verfügung gestellt werden. Wenn ihnen das Stillen erleichtert und angenehm gemacht wird. Das gereichte Glas Wasser, das Kissen, wunderschöne Stillzimmer.

Und nach fast vier Jahren im Wunderland des Stillens möchte ich meine positiven Erfahrungen teilen insbesondere über das weltweite Stillen. Und ich möchte dadurch Familien ermutigen, sich mit ihren großen und kleinen Stillkindern auf den Weg zu machen. Sich, wenn sie wie wir Reiselust verspüren, zu trauen.

Denn die Welt ist so stillfreundlich!

Die Stillunterstützung in den einzelnen Ländern

Europa

- Frankreich: Das Stillen über das Babyalter hinaus ist eher nicht verbreitet und wird nicht weiter beachtet.

- Griechenland: Sehr stillfreundlich. Je ländlicher die Region, desto neugieriger wird das Stillen beäugt und sehr wohlwollend betrachtet. Vor allem andere Mütter und Großmütter verwöhnen die stillende Mutter und mir wurde häufig ein extra Platz angeboten. In Griechenland ist der Faktor Ruhe dabei sehr relativ. Wer ein leicht abzulenkendes Stillkind hat, darf sich auf längere Stillmahlzeiten gefasst machen oder sollte nicht in der Öffentlichkeit stillen.

- Italien: Hier kann ich nur für Norditalien und Südtirol sprechen. In beiden Regionen wird dem Stillen eher neutral begegnet. Mir sind nicht viele stillende Frauen aufgefallen, umgekehrt wurden stillende Mütter auch nicht weiter beachtet. Die Äußerung des Papsts zum Stillen führte jedoch zu einer großen Akzeptanz des Stillens in Kirchen.

- Niederlande: eher stillfreundlich. Vor allem in Restaurants wurde oft ein Glas Wasser vorab gebracht. Auffällig oft begegneten mir hier andere stillende Mütter, auch von Kleinkindern.

- Österreich: Das Stillen in Österreich wird ähnlich gehandhabt wie in Deutschland. Eher diskret, eher für die Dauer des Babyalters. Österreich habe ich als stillneutral erlebt. Die stillende Mutter wird höflich und respektvoll behandelt.

Westafrika

- Seychellen: Es hat mich überrascht, auf den Seychellen kaum stillenden Müttern zu begegnen und stattdessen viele Formulaflaschen zu sehen. In jedem Supermarkt ist Ersatzmilch zu erträglichen Preisen erhältlich. Mit einer stillenden Mutter sprach ich länger über meine Beobachtung und sie erklärte die geringe Stillquote mit den Umständen, unter denen die Babys auf den Seychellen geboren werden. Die Schwangeren werden rechtzeitig zur Geburt auf die Hauptinsel Mahe gebracht und gebären dort im Krankenhaus. Die Frauen sind dort häufig auf sich gestellt, da die Familie nicht über Tage und Wochen mitreisen kann. Das führt zu einer standardisierten Betreuung der Wöchnerinnen, bei der das Stillen keine Priorität hat. Die Formula gilt als einfache, sichere und vollumfänglich versorgende Nahrung und wird durchaus als Privileg angesehen.

- Die muslimischen Frauen auf den Seychellen stillen allgemein länger und die Moschee auf Mahe ist ein wunderbarer Platz um mit anderen stillenden Müttern in Kontakt zu kommen.

Asien

- Malaysia: Malaysia vereint viele Kulturen und Religionen. Die Bevölkerung ist überwiegend muslimisch, das Stillen ist deshalb kulturell und religiös weit verbreitet und völlig selbstverständlich. Beim Stillen an öffentlichen Plätzen entstehen sehr schnell Gespräche und es findet ein Austausch über das Elternsein statt. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig und respektieren sich, für die Männer ist das Stillen normal. Formula wird hier weniger offensiv verkauft und angeboten. Es fiel auf, dass die Frauen sehr informiert über den Mehrwert der Muttermilch waren und konkrete Kenntnisse zur Zusammensetzung und den Vorteilen für ihre Kinder hatten.

- Philippinen: Was für eine Überraschung! Das Stillen ist auf den Philippinen völlig normal und wird gefördert. Egal wie klein und abgelegen die Insel ist, ich fand Geburtshäuser, an denen offen Stillkampagnen prangten. Auf den Philippinen gibt es überall eigene Stillräume. Auf den Fähren, in Einkaufszentren und an Flughäfen. Auch stillen viele Mütter ihre Babys und Kinder. Dennoch ist das Angebot an Formula sehr groß und überall verfügbar.

- Südkorea: Auch in Südkorea gibt es viele Stillräume. Zwar sind sie etwas schwieriger zu finden als in Taiwan (s.u.) und nicht so liebevoll gestaltet; doch es gibt sie und keine Mutter muss auf Komfort verzichten. Wie in Taiwan haben Kinder hier einen anderen Stellenwert und es dreht sich viel um die Frage der optimalen Versorgung des oder der Kinder. Während die Familien in Südostasien und Afrika häufig vier bis sechs Kinder haben, sind ein oder zwei Kinder pro Familie in Asien eher die Norm. Die Frauen treffen informierte Entscheidungen.

- Taiwan: Dieses oft unbekannte Land im fernen Osten ist ein einziges Still- und Elternparadies. Zwar wird das Stillen älterer Kinder etwas überrascht zur Kenntnis genommen, dennoch ist Taiwan sehr darauf bedacht Eltern eine optimale Umgebung zur Versorgung ihrer Kinder zu schaffen. Blitzsaubere Kinder- und Familientoiletten, wunderbare und voll ausgestattete Wickelräume und vor allem schöne Stillräume finden sich in jedem (!) öffentlichen Gebäude und in jeder (!) U-Bahnstation. Zum Teil sind die Stillräume wahre Kunstwerke, wie der Hello KittyStillraum am Internationalen Flughafen Taipeh. Die Räume sind oft sogar mit Stilleinlagenspendern ausgestattet. Die Einheimischen selbst stillen eher verdeckt, ziehen sich also wirklich in die Stillräume zurück. Das Stillen selbst wird als völlig normal betrachtet.

- Thailand: Leider konnte ich in Thailand keine einheimische stillende Mutter für ein Gespräch gewinnen. Mir ist Thailand relativ neutral vorgekommen, stillende Mütter werden im ganzen Land nicht weiter beachtet und fallen nicht besonders auf. In den Dörfern der Urwaldregionen an der Grenze zu Laos stillen die Frauen. Sie sind verwundert, dass europäische Frauen stillen. Auch dort gilt offenbar die Formula als die sicherere Nahrung und aus finanziellen Gründen wird auf Muttermilch zurückgegriffen.

- Vietnam: Das Stillen ist in den Städten weniger verbreitet und schien auch hier denen vorbehalten zu sein, die sich keine Formula leisten können. Ich kam in Vietnam nur über die Expatscommunity mit Vietnamesen in Großstädten in Kontakt; hier herrscht schlicht der Gedanke der Einfachheit und Formula gilt eben als unkompliziert. In ländlichen Regionen, vor allem in entlegenen Bergdörfern Nordvietnams, an der Grenze zu China und in den Floatingvillages im Mekong Delta und der Gegend um die Bai Tu Long Bai wird völlig selbstverständlich gestillt. Während es in den Städten überall Formula zu kaufen gibt, findet sich diese nicht in den Dörfern. Die Frauen stillen ihre Babys und Kinder völlig selbstverständlich und auch relativ lang, jedoch eher aus einem Mangel an Alternativen. Auch hier zeigten sich die Frauen in den Stammesdörfern erstaunt, dass wir unser Kind tragen und stillen. Wir hatten wunderbare Begegnungen mit tragenden und stillenden Müttern.

Das Stillkind im Flugzeug - Kurz- und Langstrecke

Immer wieder werde ich in meiner Tätigkeit als Stillberaterin auch auf das Thema Fliegen mit Säugling / Kleinkind angesprochen. Die Sicherheit beim Fliegen und die Frage, ob das Stillen in der Kabine erlaubt ist, sind dabei die häufigsten Fragen.

Ich möchte an der Stelle lediglich auf die Reaktion der Airlines eingehen, wenn sie eine stillende Mutter in der Kabine bemerken. Nach meinem Kenntnisstand kann das Stillen in der Sitzreihe bei amerikanischen Airlines untersagt werden. Viele Familien erkundigen sich vor dem Flug bei der Airline über die Handhabung des Stillens. Das Stillen in der Kabine ist bei uns selten geworden, doch ich kann von den bisherigen Flügen nur Gutes berichten. Im schlechtesten Fall wurden wir nicht weiter beachtet, in aller Regel wurde jedoch ein Kissen oder eine Decke, zum Teil sogar ein Getränk angeboten. Bei Langstreckenflügen kann die rechtzeitige und damit Kosten sparende Buchung der Businessclass zu einem deutlich entspannteren Flugerlebnis führen, da hier noch mehr Annehmlichkeiten für Familien zur Verfügung stehen.

Einen sehr aufmerksamen Service gegenüber Familien und stillenden Müttern bieten Air Asia, Air Berlin, Air Seychelles (Business Class), Condor (Business Class), Ethiad (Business Class), Eva Airways, Hello Kitty Air by Eva Airways, Malaysia Airlines, Malindo, TuiFly.

Die FlugbegleiterInnen von Bangkok Airways, Cebu Pacific, Firefly, NOK und VietJet zeigten keine weitere Reaktion.

Fazit

Es zeigt sich deutlich, wie sehr das Stillen in Asien gewürdigt wird. Die Einrichtung von angenehmen Stillräumen erleichtert das Stillen sehr. Insbesondere Mütter von Säuglingen bevorzugen anfangs eine gewissen Ruhe; ihnen dürften diese Räume besonders helfen sich mit ihrem Stillkind in der Öffentlichkeit zu bewegen. Doch auch stillende Kleinkinder profitieren von solchen Einrichtungen, helfen sie ihnen doch, zwischendurch zur Ruhe zu kommen, in den Mittagsschlaf zu finden oder einfach einen entspannten Schluck Milch zu trinken. Ein älteres Geschwisterkind kann ebenfalls von diesen Einrichtungen profitieren und in der Nähe seiner stillenden Mutter sein.

Für mich als Stillberaterin haben sich dadurch unterwegs vielseitige Gespräche ergeben, in denen ich unsere Sicht zum Stillen darlegte, Frauen aufklären konnte und mit Familien über Bindung und Ernährung durch Muttermilch sprechen durfte. Mir war nicht bewusst, wie viele Frauen aus einem Mangel heraus stillen. Diesen Gedanken umzukehren und die Muttermilch als die optimale Säuglingsnahrung und optimale Gesundheitsvorsorge für Mutter und Kind gelten zu lassen ein schönes Ziel einer Reise.

Asien hingegen ist schon weiter und setzt sehr auf die Heilkraft der Muttermilch. So finden sich in jeder Drogerie Pflegeprodukte, die Kolostrum enthalten.

Es ist mir ein Anliegen den Mehrwert des Stillens für Mutter und Kind in die Welt zu tragen, den Frauen Mut zu machen, dem Nährwert ihrer Milch und ihren Körpern zu vertrauen. Es ist bereichernd, diese Aspekte zu erfahren. Und ich habe erkannt wie privilegiert wir sind eine informierte Entscheidung treffen zu können.

Die Tatsache, dass es in Deutschland Stillberaterinnen und Stillberater gibt, hat im Übrigen oft zu großem Erstaunen geführt - Warum braucht ihr in Deutschland dafür Berater?

Christina Hügelmann, zertifizierte Stillberaterin der AFS

www.sayhiwithasmile.com

Stillzeit 02/2015

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A7 Wege der Stillförderung in der AFS (Deggendorf)
So Jan 29, 2017 @09:30 - 17:00
A2 und A3 Gesprächsführung und Telefonberatung (Deggendorf)
Fr Feb 10, 2017 @18:00 -
Gesamtvorstandssitzung (Köln)
So Feb 12, 2017 @09:30 - 17:00
A1 Eigene Stillgeschichte (München)
Sa Feb 25, 2017 @09:00 - 18:00
Stillfortbildungstag Füssen