Erziehung an der Mutterbrust von Sabine Seichter

Eine kritische Kulturgeschichte des Stillens von der Antike bis heute verspricht uns die Autorin und bleibt uns zumindest dabei nichts schuldig. Pflichtbewusst berichtet sie vom jeweiligen Zeitgeist der Epochen, den vorherrschenden Ammenmärchen zum Stillen, der gesellschaftlichen Stellung der Frau und zitiert interessante Literaturquellen. Selbst Leser(innen) von Karin Bergstermanns Website zur Geschichte der Säuglingspflege (www.bergstermann.de) erfahren hier noch Neues.

Leider wird das Stillen von der Autorin immer wieder auf die – wörtlich „frühestkindliche Ernährung“ reduziert und als naiven und unreflektierten Rückschritt zur Domestizierung der Frau erklärt.

Schon in der Einleitung stellt sie die bindungsfördernden und immunstärkenden Effekte des Stillens als „wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar“ in Frage, zitiert Zeilen aus Hannah Lothrops „Das Stillbuch“, die sie dann als Paradebeispiel für die „Verherrlichung des Stillens“ anführt. Bahnbrechende Erkenntnisse aus der Bindungsforschung werden zwar im chronologischen Rahmen erwähnt, finden dann in den weiteren Ausführungen Frau Seichters jedoch kaum Beachtung.

Mit aller Macht halte man sich ihrer Meinung nach an einer naturalistischen Bastion fest und verschweige dabei die Nachteile des Stillens, wobei die durch das Stillen erschwerte Berufstätigkeit der Mutter und „gefährliche Milchstaus“ besonders hervorgehoben werden. Eine sehr subjektive und inhaltlich falsche Aussage, wenn man bedenkt, welch umfassende Aufklärungsarbeit heutige Stillorganisationen ( AFS, LLL) in Bezug auf Stillprobleme und das Stillen im Kontext der Erwerbstätigkeit leisten.

Peinliche Fehltritte für eine Arbeit mit solch hohem wissenschaftlichen Anspruch sind, dass das „Kindspech“ (Mekonium/ der Darminhalt Neugeborener) allen Ernstes als Synonym für das Kolostrum (die Vormilch) angeführt wird oder die allseits bekannte Empfehlung zur Stilldauer der WHO von der Autorin falsch zitiert und mal eben um die Hälfte reduziert wird.

Einschätzung und Empfehlung

Die Abgrenzung zwischen Fachbuch und stillkritischer Streitschrift will Frau Seichter einfach nicht gelingen. Ihre oftmals zynische Wortwahl und der großzügige Gebrauch von Anführungszeichen zielen allzu offensichtlich immer wieder darauf ab, das Stillen entweder auf die Säuglingsernährung zu reduzieren, als naturalistischen Hype abzuwerten oder als Zwang von Außen zum Ausschluss der Frauen aus dem Berufsleben darzustellen.

Ein beispielhaftes Zitat:

Hätte man nicht gerade in der Bevorzugung der Flasche die Jahrtausende alte naturalistische `Bestimmung` der Mutter zur stillenden Ernährerin endlich aufheben können? (S. 122).

Die Autorin zeigt aber auch echte Begeisterung. Für die Fortschritte der Ersatznahrungsindustrie.

Als fast gar nicht mehr künstlich und beinahe so menschlich wie die Muttermilch selbst schreibt sie (hier ohne Sarkasmus und Anführungszeichen) von chemisch veränderter und in vielen Schritten industriell verarbeiteter Rindermilch in Pulverform, die den Kindern aus Plastikflaschen mit Silikonsauger verabreicht wird, als sie die Angebotspaletten mehrerer namentlich genannter Marktführer umreißt und deren Werbeeinschränkungen durch den von der WHO erlassenen Kodex zur Vermarktung von Ersatzpräparaten für Muttermilch bedauert.

Als sich Frau Seichter die Behauptung anmaßt, Langzeitstillen sei seltsam, mache Kinder von den Müttern abhängig und jene Mütter labil, driftet sie endgültig in die Polemik ab und lässt nun keinen Zweifel mehr daran, das große Feld der Bindungsforschung weitgehend außer Acht gelassen zu haben.

Die geschichtliche Entwicklung des Stillens und der Frau als Mutter werden in „Erziehung an der Mutterbrust“ gewissenhaft vorgestellt. Ein Blick über den Tellerrand der eigenen Voreingenommenheit hin zu einer sachlichen, ganzheitlichen Draufsicht unter Berücksichtigung der Mutter-Kind-Bindung bleibt leider aus, was dem Buch keinen Gefallen tut.

Informationen zum Werk

Autorin: Sabine Seichter

Über die Autorin:

Sabine Seichter, Jg. 1981, Dr. phil. habil., ist ordentliche Universitätsprofessorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Paris-Lodron Universität Salzburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Geschichte und Theorie von Erziehung und Bildung, historisch-kulturwissenschaftliche und personalistische Konzeptionen pädagogischer Anthropologie.

Titel: Erziehung an der Mutterbrust - eine kritische Kulturgeschichte des Stillens

Verlag: Beltz Juventa (12. Juni 2014)

ISBN-Nummer: ISBN-10 3779929856

Stefanie Kunz, AFS-Stillzeit 01/2015

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