Schreibaby-Bücher: gefährliche Ratgeber und echte Hilfen

Eine persönliche Einordnung von einer AFS-Stillberaterin.

Ende 2009 hatte ich eine Mutter in der telefonischen Stillberatung, die das Gefühl hatte, ihr Kind würde „immer schreien“ und sie könne nichts dagegen tun. Nach schlechten Erfahrungen mit Ärzten, Hebammen und anderen Menschen aus dem Gesundheitswesen wollte die Mutter auf keinen Fall noch jemanden kennenlernen, der ihr sagt was sie alles falsch macht. Da die Familie mehr als 400km entfernt wohnte, konnte ich nicht einfach vorbeischauen.

Diese Situation war der Anlass nach hilfreichen Büchern für Eltern von Schreikindern zu suchen. Gefunden habe ich sieben lieferbare Bücher, die ich alle gelesen habe. Als Mutter eines ehemaligen Schreikindes habe ich mir überlegt, was ein gutes Buch ist: Die Empfehlungen sollten hilfreich, ressourcenorientiert und umsetzbar sein. Es sollte bestenfalls stillfreundlich oder zumindest neutral gegenüber dem Stillen sein und es sollte Beratung empfehlen, wenn die Eltern allein mit dem Buch nicht weiterkommen.

Hilfreich heißt, dass das Buch den Blick öffnen soll. Eltern von Schreikindern haben oft das Gefühl, sie können nichts tun damit das Schreien weniger wird und sind in ihrer Situation gefangen. Hier hilft es den Blick zu öffnen und klarzumachen, dass viele Babys schreien und Eltern Hilfe finden können, entweder durch eigene Maßnahmen oder durch die Unterstützung von außen.

Ressourcenorientiert und umsetzbar bedeutet, dass sich die empfohlenen Maßnahmen flexibel an die Umstände in der Familie anpassen lassen. Ein Ratschlag wie „Sie müssen nur das Baby stundenlang auf dem Pezzi-Ball wippen und dabei den Schnuller in den Mund stecken und festhalten.“ kann nur dann funktionieren, wenn jemand bei jeder Schreiphase Zeit und Nerven dafür hat, was spätestens bei Familien mit Geschwisterkindern schwierig ist.

Stillfreundlich ist wichtig, da wir alle die gutgemeinten Ratschläge kennen, das Kind würde nur schreien, weil die (Mutter-)Milch nicht reicht. Informationen zum Stillen sollten wenn sie vorkommen, richtig sein.

Beratung empfehlen heißt, dass Eltern neben den angebotenen Maßnahmen darüber informiert werden, dass es Beratungsstellen für Schreikinder gibt und sie Stärke zeigen, wenn sie sich diese Hilfe einholen.

Die Bücher für Eltern mit Schreibabys

Barth, Renate (Psychologin): Was mein Schreibaby mir sagen will. HiIfe durch bessere Kommunikation - Schritt für Schritt zum Erfolg
Beltz Verlag, 1. Auflage 2008, ISBN 978-3407858535, 128 S., 14,90 €

Das Buch von Renate Barth hilft Eltern, die Signale von Babys besser zu verstehen. Stillempfehlungen werden nicht gegeben. Das Buch ist sehr gut und verständlich geschrieben. Durch viele Bilder ist es sehr anschaulich. Es gibt zahreiche wertvolle Hinweise, wie Schreien entsteht und wie Eltern reagieren können, damit ein Baby weniger schreit und die Länge der Schreiphase kürzer wird.

Fries, Mauri (Psychologin): Unser Baby schreit Tag und Nacht: Hilfen für erschöpfte Eltern
Reinhard Verlag, 2. Auflage 2006, ISBN 978-3497018499, 125 S., 9,90 €

Mauri Fries hilft Eltern, Verhaltenszustände des Babys zu verstehen und angemessen zu reagieren. Stillempfehlungen werden nicht gegeben. Auch dieses Buch ist sehr gut. Durch die "Gespräche" eines Schreikindes (Tim) mit seiner Mutter können Eltern leicht verstehen, warum Babys weinen oder schreien und was sie als Eltern anders machen können, um die Situation zu verbessern.

Diederichs, Paula (Sozialpädagogin) und Olbricht, Vera (Germanistin): Unser Baby schreit so viel! Was Eltern tun können
Kösel Verlag, 1. Auflage 2002, ISBN 978-3466344567, 144 Seiten, 14,95 €

Hilfreich ist bei dem Buch von Paula Diederichs und Vera Olbricht, dass Eltern darin bestärkt werden, auf ihr eigenes Bauchgefühl mehr zu vertrauen als auf gut-gemeinte Ratschläge. Allerdings ist dieses Buch nur für Eltern geeignet, die energetische Ursachen für das Schreien akzeptieren und durch Atemtechnik, Tönen und Zentrierungsmassage eine Besserung erreichen wollen. Als Ausweg für Eltern, wenn die wenigen beschriebenen Maßnahmen nicht funktionieren, empfehlen die Autorinnen den Kontakt zu einer Schreiambulanz.

Solter, Aletha (Entwicklungspsychologin): Warum Babys weinen: Die Gefühle von Kleinkindern
Kösel Verlag, 1. Auflage 2009 (überarbeitet von 1987), ISBN 978-3466308316, 368 S., 17,95 €

Aletha Solter betont in ihrem etwas lang geratenen Buch, dass Schreien etwas Normales ist und deshalb nicht um jeden Preis "bekämpft" werden muss. Im Gegenteil: Nach Meinung der Autorin ist es schädlich, Schreien oder Weinen zu unterdrücken und Babys sollten dazu ermutigt werden, seine Spannungen über das Weinen abbauen zu können. Leider werden die Aussagen mit zum Teil sehr alten Studien (1920-1970) „bewiesen“, die aus heutiger Sicht veraltet sind. Aletha Solter sieht als Hauptursache für das Schreien eines Babys das Verarbeiten eines Traumas. Dadurch entsteht die Gefahr des Übersehens von Bedürfnissen eines Babys. Sie rät davon ab, Babys zum Trost saugen zu lassen, weil für die Autorin damit das Bedürfnis zu Weinen unterdrückt wird.

Rankl, Christina (Psychologin): So beruhige ich mein Baby: Tipps aus der Schreiambulanz
Patmos Verlag, 5. Auflage 2009, ISBN 978-3491401556, 200 S., 14,90 €

Christina Rankl gibt dieselben Handlungsempfehlungen für die ersten drei Lebensmonate wie Harvey Karp und empfiehlt sein Buch (s. u.) Ein Schnuller ist laut der Autorin notwendig und macht kein Problem beim Stillen. Neben den sehr rigiden Methoden für die erste Zeit enthält das Buch zum Teil gefährliche Empfehlungen wie das Schlafen in Bauchlage mit einem Tuch vor dem Gesicht, damit der Schnuller im Mund bleibt (erhöhtes Risiko für plötzlichen Kindstod) und den Ratschlag, das Kind in einen Gehfrei/Babywalker/Laufsitz zu setzen. Der Gehfrei ist das gefährlichste "Spielzeug" mit 6.000 Unfällen pro Jahr (Bundesarbeitsgemeinschaft Sicherheit für Kinder, Link: Warnhinweis: Hände weg von Lauflernhilfen) und der Gefahr, dass das Kind eine Spitzfuß-Haltung oder einen Zehenspitzengang entwickelt.

Karp, Harvey (Kinderarzt): Das glücklichste Baby der Welt: So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind - so schläft es besser
Goldmann Verlag, 1. Auflage 2003, ISBN 978-3442165629, 384 Seiten, 9,50 €

Die von Harvey Karp empfohlene Kuscheltherapie für die ersten drei Lebensmonate besteht aus Einwickeln, Seiten-/Bauchlage, Sch-Laute, Schaukeln und Saugen. Alle fünf Maßnahmen zusammen und gleichzeitig durchgeführt garantieren einen 100%igen Erfolg, wenn man es richtig macht. Neben der Schnuller-muss-sein-Theorie finden sich bei Harvey Karp zahlreiche Ratschläge, die die Stillbeziehung gefährden oder gefährlich sind.

Zum Beispiel müssen Eltern das Baby spätestens in der 2. Lebenswoche an den Flaschensauger gewöhnen und bei Verstopfung sollte dem Baby Pflaumensaft gegeben werden. Zusätzlich kann einem Baby Pfefferminztee verabreicht werden. Das darin enthaltene Menthol kann bei Kindern unter 3 Jahren zu einem Stimmritzenkrampf und Ersticken führen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Link: Beschwerden lindern - Hausmittel für Kinder, Bahnhof-Apotheke in Kempten, Link: Stellungnahme zum Thema: Ätherische Öle und Einreibemittel daraus zur Anwendung bei Kindern) und das hätte der Autor als Kinderarzt wissen müssen.

Das von Harvey Karp vorgegebene Ziel, ein Baby solle in den ersten drei Lebensmonaten mindestens 6, besser 9 Stunden durchschlafen, widerspricht dem heutigen Wissen, dass Säuglinge häufig aufwachen und sich eine längere Schlafphase von 5-6 Stunden erst nach einigen Wochen ausbildet. Zudem fehlt bei Harvey Karp die Empfehlung eine Beratungsstelle aufzusuchen, wenn das Schreien für die Eltern (oder die Umsetzung seiner RatSCHLÄGE) zu belastend sind. Es gibt ja seine 100% Erfolgsgarantie.

Blom, Ria (Krankenschwester): Wenn Babys häufig schreien: Wirksame Hilfe durch Rhythmus und Pucken
Verlag Freies Geistesleben/Aethaera, 1. Auflage 2005, ISBN 978-3772550201, 175 S., 14,90 €

Die von Ria Blom empfohlenen Maßnahmen wie Ruhe, Rhythmus, Respekt und klares Handeln klingen zunächst nachvollziehbar, auch wenn die Autorin als Hauptursache für das Schreien Übermüdung ansieht und behauptet, es gäbe (fast) keine Schreikinder.

Die von ihre empfohlenen Maßnahmen sind allerdings derart menschenverachtend, dass ich dieses Buch am liebsten direkt in den Reißwolf getan hätte: Ein Baby muss ab dem 3. Lebenstag nach Zeitplan gestillt werden. Dabei darf eine Stillmahlzeit darf höchstens 30 Minuten dauern. Babys müssen durch längere Pausen merken wie sich Hunger anfühlt (mindestens 2 Stunden Pause) und überfütterte Kinder sind meistens Stillkinder.

Noch schlimmer wird es bei den Maßnahmen gegen das Schreien: Das Baby soll eingepackt (gepuckt) alleine im Bett liegen. Die Eltern dürfen sich auf keinen Fall dem Kind zeigen und sollen sich einen Wecker auf 30 Minuten stellen, in denen das Kind allein im Bett liegt, egal ob es weint oder schreit. Anschließend soll der Wecker noch einmal auf 30 Minuten gestellt werden, in denen die Eltern nicht zum Kind gehen, ganz egal wie stark es weint. Das Baby will nämlich nur seinen Willen durchsetzen und die Eltern müssen so früh wie möglich dem Baby zeigen, wer die Macht hat. (Das steht genau so im Buch und ich verzichte hier darauf, so einen Unsinn zu widerlegen.) Da Eltern auf jeden Fall Erfolg haben, wenn sie diese Maßnahmen umsetzen, verzichtet die Autorin auf die Empfehlung, eine Beratungsstelle aufzusuchen.

Tabellarische Übersicht Schreibaby-Bücher

Autor/in Barth Fries Diederichs Solter Rankl Karp Blom
Alter Kind 0-4 Monate 0-6 Monate 0-3 Monate 0-30 Monate 0-12 Monate 0-3 Monate 0-18 Monate
Stillempfehlungen keine keine keine vorhanden,
teilweise falsch
vorhanden,
teilweise falsch

vorhanden,
teilweise falsch

vorhanden,
falsch
Bewertung Methode ++ ++ ++ - - -- --
Beratungsempfehlung ja ja ja ja ja nein nein

Gesamt-Note
(1: sehr gut bis
6: ungenügend)

1 1 3 4 5 6 6

Die beiden aus meiner Sicht besten Bücher sind von Renate Barth und Mauri Fries. So gut diese beiden Bücher auch sind, wir sollten immer daran denken, dass eine Familie mit Schreikind unter einem enormen Druck steht und das Schreien die häufigste Ursache für Kindesmisshandlungen ist. Jedes Buch hat deshalb seine Grenzen.

Barbara Bredner
Redaktion Stillzeit

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 2/2010

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