Stillen als Konsumverweigerung

Familienzuwachs ist schön – wirft aber auch die Kostenfrage auf. Wie viel ein Elternpaar oder Elternteil in die Erstausstattung investieren möchte, hängt von vielen Faktoren ab. Für Babys im ersten Lebensjahr, so lässt Tante Google mich wissen, ist mit Ausgaben zwischen 600 und über 3000 Euro zu rechnen. Das Milchpulver der Formulaernährung ist dort noch nicht einbezogen.

Neben den eigenen finanziellen Mitteln spielt die grundsätzliche Haltung zum Konsum eine Rolle. Nicht jede Familie wünscht sich die neueste Markenausstattung. Das Benötigte gebraucht zu kaufen, spart Geld. Insbesondere im Hinblick auf Kinderzimmerausstattung, Kinderwagen, Tragetuch, Pflegeprodukte sowie die Art der Ernährung bewegen Eltern sich in einem großen und vielfältigen Markt. Bewusst Entscheidungen für und gegen Babyartikel zu treffen, ist dabei nahezu unumgänglich.

Was konsumieren wir?


Unter „Konsum“ verstehen wir im Allgemeinen den Verbrauch und Verzehr von Gütern, oder, wie es das Gabler Wirtschaftslexikon sagt:

Verbrauch und / oder Nutzung materieller und immaterieller Güter durch Letztverwender.


Somit konsumieren wir von Dingen des täglichen Bedarfs bis zu Luxusgütern alles, was der Markt zu bieten hat – wenn wir uns dafür interessieren oder eine Notwendigkeit sehen. Das Statistische Bundesamt (Destatis) erhebt und veröffentlicht Daten darüber und bringt alle fünf Jahre Berichte heraus. Ein solcher Bericht aus dem Jahr 2014 widmet sich den „Konsumausgaben von Familien für Kinder“, dessen „Berechnungen auf der Grundlage der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008“ erfolgen. Darin werden die Einkommensentwicklung von Paaren und Alleinerziehenden beschrieben, die Berechnungsgrundlagen erklärt und die Konsumausgaben nach unterschiedlichen Merkmalen aufgeschlüsselt.

Die durchschnittlichen Konsumausgaben beliefen sich 2008 auf monatlich um die 500 Euro je Kind. Darin sind alle Ausgaben enthalten, die ein Kind mit sich bringt. Das Alter des Kindes ist hierbei nicht relevant. Lediglich der Familienstand der Eltern wird berücksichtigt.

Stillen und Konsum Destatis Abb.2 Durchschnittliche Konsumausgaben je Kind 2008 in D in EUR wab

Detaillierter stellt ein Kreisdiagramm die Konsumausgaben von Paaren mit einem Kind unter sechs Jahren dar. Die insgesamt 519 Euro im Monat sind im Kreisdiagramm folgendermaßen aufgeschlüsselt:

Stillen und Konsum Destatis Abb.4 Konsumausgaben von Paaren mit einem Kind u6 in EUR wab

Formula ist ein Teil der Konsumausgaben für Nahrung. Auch hierüber erhebt Destatis Statistiken, die jeder online einsehen kann:

Stillen und Konsum Destatis Online Absatz Babynahrung wab

Die Statistik trennt Milch (Formula), Beikost und Baby-/ Kinderpflege und zeigt die Absatzentwicklung von 2009 bis 2011 in Deutschland in Millionen Euro auf. Von März 2010 bis Februar 2011 wurden 139,4 Millionen Liter Formula verkauft. Im Jahr 2011 meldet das Statistische Bundesamt eine Zahl von 80,33 Millionen Einwohnern in Deutschland. Das macht 1,74 Liter verkaufte Formula pro Einwohner – nicht pro Kind oder pro Familie, sondern pro jedem in Deutschland amtlich gemeldeten Menschen.

Was kostet Flaschennahrung?

Unterschiedliche Hersteller haben unterschiedliche Preise, die je Packungsgröße und teilweise nach Region sowie Supermarkt schwanken. Wie viel Formula ein Baby braucht, hängt von Alter und Gewicht ab. Ein Neugeborenes trinkt in der ersten Woche etwa zwischen 30 und 60 ml, nach wenigen Wochen schon zwischen 80 und 120 ml und mit zwei bis sechs Monaten sind es bereits zwischen 120 und 200 ml pro Mahlzeit. Die Steigerung geschieht allmählich und stetig, nicht von jetzt auf gleich ab einem bestimmten Stichtag. Eltern, die sechs bis acht Mahlzeiten pro Tag füttern,können mit einem Formulabedarf zwischen 180 ml bis zu 1,6 Liter am Tag rechnen. Die Preisspanne bei PRE-Milch reicht zwischen 0,10 Euro/100 ml zu 1,08 Euro/100 ml[1].

Auf 100 ml Wasser kommen ca. 15 g Milchpulver. Eine 600 g Packung reicht für 4 Liter Formula. Die Eltern eines Neugeborenen kommen damit zwischen acht Tagen und drei Wochen hin. Für ein vier bis acht Wochen altes Baby reicht eine Packung zwischen vier und acht Tagen. Babys im Alter von zwei bis sechs Monate verbrauchen eine Packung binnen zwei bis fünf Tagen. Kosten tut das die Familien durchschnittlich zwischen 0,52 Euro und 4,64 Euro pro Tag.

Binnen 182 Tagen, also einem halben Jahr, ergeben sich Ausgaben von durchschnittlich 418,60 Euro allein für PRE-Nahrung. Hinzu kommen Ausgaben für Flaschen, Sauger, Wasser, Strom, Reinigungsmittel, Sterilisator.

Die Entscheidung ausschließlich zu Stillen beinhaltet die Entscheidung auf den Kauf von Formula zu verzichten. Die Familie spart dadurch privat Geld, durchschnittlich circa 750 Euro im Jahr, bei einer Vollstillzeit von sechs Monaten und stillbegleitender Beikosteinführung. Ihre Entscheidung wirkt sich außerdem auf einen großen Markt aus, denn der Absatz schrumpft, wenn ein Produkt nicht konsumiert, das heißt gekauft und verbraucht, wird.

Stillen beinhaltet also eine gewisse Konsumverweigerung. Wie vielen Frauen diese wichtig ist und ihre Entscheidung für das Stillen maßgeblich beeinflusst, ist unbekannt.

Alexandra Waldschmidt-Battenberg, AFS-Stillberaterin

erschienen Stillzeit 2/2016

 


[1]   Berechnung nach Angebot im dm-Onlineshop (April 2016)

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