Wunder kommen nicht von allein - Das Beispiel Norwegen

Norwegen gilt als das stillfreundliche Musterland schlechthin. Das ist seit langem bekannt. Jetzt war auf einmal überall in der deutschen Presse vom sogenannten norwegischen Still-Wunder zu lesen.

Die Nationale Stillkommission in Deutschland feierte ihr 10-jähriges Bestehen und siehe da, plötzlich soll es ernst werden in Deutschland: „Die Nationale Stillkommission am BfR, die vor 10 Jahren ins Leben gerufen wurde, hat sich norwegische Verhältnisse zum Ziel gesetzt,“ erläutert die Vorsitzende, Professor Hildegard Przyrembel. „Dort werden im Alter von 6 Monaten noch 80% der Kinder voll gestillt,“ heißt es im offiziellen Pressetext der NSK.(1)
Dass es Wunder immer wieder geben kann, hat uns schon Katja Ebstein vorgesungen. Und niemand wird uns ausreden wollen, an Wunder zu glauben. Hat sich aber ein Land zum Ziel gesetzt, wirklich etwas für die Stillförderung tun zu wollen, dann wird es mit Wunderglauben allein nicht weiterkommen. Stillförderung ist eine ernste gesundheitspolitische Aufgabe. Und wer sich einmal näher mit der Erfolgsgeschichte der norwegischen Stillraten befasst, erkennt schnell, dass hier professionelle Gesundheitspolitik betrieben wurde.

Genau wie in allen anderen Industrieländern setzte auch in Norwegen die Trendwende erst einmal in die völlig andere Richtung ein. Wie überall sonst auch, wurde die Geburt zunehmend medikalisiert und technisiert, machte sich ein stillfeindliches Klima in den Entbindungskliniken breit, und die Säuglingsnahrungsindustrie tat wie überall auch ihr übriges. Auch in Norwegen versuchten mehr und mehr Frauen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.
Die norwegische Still-Ikone Dr. Gro Nylander aus Oslo betont, dass in Norwegen jedoch schon viel früher eine Trendwende eingeläutet wurde.(2)
Seit den frühen 70er Jahren gab es in Norwegen die überaus rührige Selbsthilfegruppe Ammehjelpen (3), eine der AFS oder LLL vergleichbare Mutter-zu-Mutter-Selbsthilfegruppe, und es gab „wirkliche Aktivisten“(4) innerhalb der Ärzteschaft. Dank dieser unermüdlichen Aufklärungsarbeit hat sich in Norwegen schon bald ein sehr stillfreundliches Klima herausgebildet. Stillende Mütter gehören in Norwegen ganz selbstverständlich ins Straßenbild, selbstbewusst geben Norwegerinnen ihren Kindern in der Öffentlichkeit die Brust – egal ob im Park, Restaurant oder in der Kirche. Stillen ist in Norwegen nichts besonderes – es ist normal.

Wohl hat sich die norwegische Frauenbewegung der 70er Jahre auch aktiv für ihr Recht zu Stillen eingesetzt: „Ja, wir wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit und die gleichen Chancen wie Männer, aber wir wollen auch das Recht haben, unseren Körper für seine eigentliche biologische Bestimmung zu nutzen. Dazu gehört das Recht, unsere Kinder zu stillen, und zwar ohne einmischende Regeln und Bevormundungen seitens der medizinischen Einrichtungen.“(5) Solche Forderungen hätten deutsche Frauenrechtlerinnen in den 70er Jahren sicherlich erst richtig auf die Barrikaden gebracht. Ich persönlich kann mich eigentlich nur an vehemente Forderungen nach Abtreibungsliberalisierung und strikte Abkehr von der ach so deutschen Mutterideologie erinnern.
Norwegen hatte also wohl immer schon ein sensibleres Gehör für die Forderungen der LaktivistInnen. Vergessen werden darf dabei aber auch nicht, dass die ranghöchsten Politiker als extrem stillfreundlich bezeichnet werden können, allen voran die ehemalige norwegische Premierministerin und promovierte Harvard-Ärztin Gro Harlem Brundtland, selbst Mutter von vier gestillten Kindern, die sich auf höchster politischer Ebene für ein stillfreundliches Klima in ihrem Land einsetzte.(6) Von 1998 bis 2003 war die engagierte und couragierte Politikerin Generaldirektorin der WHO, wo sie unter anderem mit ihrem vehementen Einsatz für ein weltweites Tabak-Werbeverbot Schlagzeilen machte.(7) Aber auch die Stillförderung lag ihr immer am Herzen: „Wie können wir weltweite Aufmerksamkeit erlangen für Muttermilch, die mehr ist als eine gute Ernährung für kurze Zeit? Wie können wir weltweite Aufmerksamkeit erlangen für das Stillen, das zu wichtig für Mütter, Babys und die gesamte Gesellschaft ist, um nur als eine Wahlmöglichkeit unter anderen angesehen zu werden? Wie können wir besser die Wichtigkeit von etwas erfassen, das bis vor kurzem eine Hauptüberlebensstrategie war? Wie können wir sicherstellen, dass Fachkräfte Zugang zu akkurater Information haben und kompetente Unterstützung zur Förderung von optimaler Babyernährung und wenn nötig zur Überwindung von Schwierigkeiten geben können?“ So formulierte Brundtland ihre Grußworte zur Weltstillwoche 2001.(8)

Ein Land, dessen Frauenquote im Parlament seit den 80er Jahren nicht mehr unter die 40% -Marke gerutscht ist, tut anscheinend mehr für seine Mütter und Kinder. So hat Norwegen viele Anstrengungen unternommen, um die Bedingungen für Familien mit kleinen Kindern zu verbessern.(9)

Besondere Gewichtung legt die Politik darauf, Eltern die Kombination von Arbeits- und Familienleben zu ermöglichen. Das System der Leistungsgewährung bei Elternschaft erlaubt den Eltern, während des ersten Lebensjahres ihres Kindes mit ihm zu Hause zu bleiben. Eltern, die ein Kind im Alter von unter 15 Jahren adoptieren, haben im wesentlichen die gleichen Leistungsanrechte wie diejenigen, die bei Geburt eines Kindes die Leistungen beantragen. Der Zeitraum des Elternjahrs bei Geburt eines Kindes ist schrittweise ausgeweitet worden. Bei Elternschaft sind für einen Zeitraum von 52 Wochen Leistungen in Höhe von 80% erhältlich oder für einen Zeitraum von 42 Wochen in vollem Umfang. Der entsprechende Zeitraum bei Adoption beträgt 49 bzw. 39 Wochen.

Die Eltern können über die Aufteilung der Zeit des bezahlten Elternjahres untereinander selbst entscheiden. Jedoch muss die Mutter drei Wochen der Leistungsperiode vor der Geburt des Kindes in Anspruch nehmen. Wenn sie es nicht tut, verliert sie diese drei Wochen. Die ersten sechs Wochen nach der Geburt sind ebenfalls der Mutter vorbehalten. Vier Wochen der gesamten Leistungsperiode sind für den Vater reserviert (Vaterschaftsquote). Was die restliche Verfügungszeit angeht, so können die Eltern selbst darüber entscheiden, ob einer von beiden für die Gesamtdauer zu Hause bleibt oder ob sie die Zeit zwischen sich aufteilen.

Die vierwöchige Vaterschaftsquote wurde 1993 eingeführt. Damit wurde beabsichtigt, die Vater-Kind-Beziehung zu stärken und die notwendige Beteiligung des Vaters an der Kindererziehung zu verdeutlichen. Die für den Vaterschaftsurlaub vorgesehenen Wochen sind nicht übertragbar und verfallen, wenn sie nicht vom Vater genutzt werden.

Die Leistungen bei Elternschaft und Adoption sind auf der Grundlage des Einkommens desjenigen Elternteils kalkuliert, das den Elternurlaub nimmt. Die Leistungen im Jahr 2004 finden Anwendung bei Einkommen bis zu einer Höhe des sechsfachen sozialversicherungspflichtigen Mindesteinkommens, d.h. von NOK 352.668 (ca. EUR 44.086).

Frauen, die keinen Anspruch auf Leistungen bei Elternschaft oder Adoption haben, erhalten im Jahr 2004 eine Pauschalleistung in Höhe von NOK 33.584 (ca. EUR 4.198). Somit erhalten alle Frauen eine Form von Sozialversicherungsleistung, wenn sie ein Kind gebären oder adoptieren.
Das zahlt sich auch demografisch aus. Mit 1,8 Geburten pro Frau liegt Norwegen an der Spitze in Europa.(10)
Als weitere Gründe für die hohen Stillraten führt Gro Nylander an, dass die 10 Punkte für erfolgreiches Stillen in sämtlichen norwegischen Krankenhäusern als Standard verankert sind.(11) 64% der norwegischen Entbindungseinrichtungen tragen überdies die WHO/UNICEF-Plakette; 77% der jährlich geborenen 55.000 norwegischen Babys werden in stillfreundlichem Umfeld geboren.(12) Dagegen machen die gerade mal 19 Kliniken in Deutschland lediglich 1,5% der Entbindungseinrichtungen aus.

Die Motivation, die hinter all diesen gesundheitspolitischen Anstrengungen steht, ist die tiefe Überzeugung, dass Muttermilch die einzig wahre Ernährungsform für Säuglinge darstellt, dass sie gleichermaßen unersetzlich ist als Nahrung und als präventive Medizin.(13)

Seit Jahrzehnten hat sich diese Überzeugung in der öffentlichen Meinung in Norwegen fest etabliert. Die Ernährung eines Neugeborenen mit künstlicher Säuglingsnahrung ist in Norwegen schlicht und ergreifend unüblich. Heute ist es in Norwegen an der Tagesordnung, dass das Wissen über die Bedeutung des Stillens auch unter den Medizinern weitergegeben wird.

Die aktuellen Stillzahlen in Norwegen sprechen für sich: 92% der Mütter stillen noch drei Monate nach der Geburt, 80% nach sechs Monaten, 65% nach neun Monaten. 40% der Einjährigen in Norwegen sind noch Stillkinder, und stolze 17% sind es auch noch nach 16 Monaten.(14)

Aber als Wunder ist dieser Erfolg nicht zu bezeichnen. „The breastfeeding-rate at present appears to be higher than in any other Western country. But we must keep on fighting: The importance of breastfeeding must be taught and explained, understanding does not come by itself,“(15) unterstreicht Nylander die Wichtigkeit, die Erfolge in Norwegen nicht als Selbstverständlichkeit zu sehen, sondern als ständige Mahnung, weiter zu kämpfen.

In Deutschland stehen wir dagegen noch nicht einmal am Anfang. Stillförderndes Bewußtsein oder gar Kampfgeist sind in der obersten politische Etage unseres Landes leider noch nicht eingezogen. Während die Kanzlergattin eigene Hundefutter-Kreationen in Drogeriemärkten verramscht, hält die christlich-demokratische Kanzleramtsamtanwärterin Festreden für Ex-Nestlé-Chefs...
Vermutlich müssen wir noch weiter auf ein Wunder hoffen.


(1) http://www.bfr.bund.de./cms5w/sixcms/detail.php/5447
(2) vgl. L’allattamento in Norvegia: „Così fan tutte“? Dr. Gro Nylander, Department of Obstetrics and Gynecology, National Hospital Kvinneklinikken, Rikshopitalet Oslo, Norge http://arnone.de.unifi.it/mami/congresso/fantutte.pdf
(3) http://www.ammehjelpen.no/
(4) http://arnone.de.unifi.it/mami/congresso/fantutte.pdf
(5) ebenda
(6) http://www.un.org/News/dh/hlpanel/brundtland-bio.htm
(7) http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/4/0,1872,2046340,FF.html sowie
     http://www.hsph.harvard.edu/now/apr16/health.html
(8) http://www.who.int/director-general/speeches/2000/english/20000313_infant_feeding.html
(9) die folgenden Angaben sind zitiert nach: http://www.norwegen.no/policy/family/benefits/benefits.htm
(10) http://www.welt-in-zahlen.de/seite_laenderinfo.php?land=Norwegen
(11) Nylander; siehe unter: http://arnone.de.unifi.it/mami/congresso/fantutte.pdf
(12) UNICEF-Statistik
(13) Nylander, a.a.O.
(14) ebenda
(15) ebenda

Charlotte von Khreninger

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 5/2004, S. 42-43

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