8. Der internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilch-Ersatzprodukten: Vorreiter BFHI

Auf dem Markt der Säuglingsernährung gibt es eine Reihe bekannter Marken mit industrieller Massenproduktion – Alete, Humana, Hipp, Milumil und andere mehr. Und dann gibt es noch das Stillen – in dezentraler Einzelproduktion, ohne Verkaufserlöse und ohne millionenschweren Vermarktungsetat. Es gibt noch eine weitere Besonderheit: Der Umstieg vom Stillen auf künstliche Nahrung ist (von seltenen Ausnahmen abgesehen) eine Einbahnstraße, in der Regel gibt es kein Zurück. Sabotage des Stillens, möglichst gleich am Anfang, bevor es sich eingespielt hat, ist deshalb äußerst wirksam und sehr lukrativ für die Nahrungshersteller.

Sehr gerne bedienen sich die Firmen dabei der Unterstützung durch das Gesundheitspersonal. ÄrztInnen, Hebammen und Schwestern genießen das Vertrauen der Mütter, durch sie vermittelte positive Botschaften zur künstlichen Säuglingsnahrung haben große Wirkung.

Der Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten, verabschiedet 1981 und seither regelmäßig ergänzt und präzisiert, verbietet eine Vermarktung, die das Stillen unterminiert (4). Solange jedoch keine empfindlichen Sanktionen drohen, wird er unterlaufen.

BFHI setzt hier einen Hebel an: Zertifiziert und rezertifiziert werden nur Einrichtungen, die keine Geschenke und Vorteile aller Art von Herstellern und Händlern von Muttermilchersatzprodukten annehmen, die also den Kodex einhalten.

„Informationen“ und Geschenke von der Industrie für ÄrztInnen und andere MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen beeinflussen deren Meinung und Beratung.

Wer Geschenke, auch kleine Geschenke wie z.B. einen Kugelschreiber, annimmt, gerät in eine soziale Falle. Unser Zusammenleben beruht darauf, dass wir Geschenke erwidern; dem kann man sich kaum entziehen („kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“). Damit entsteht für den Beschenkten ein Konflikt zwischen den Interessen der Firmen am Verkauf ihrer Produkte und dem beruflichen Anspruch und Interesse, dem Wohlergehen von Mutter und Kind zu dienen (1).

Dies gilt im übrigen auch für die Forschung. Wenn bei der Forschung Gelder interessierter Firmen im Spiel sind, beeinflusst dies die Ergebnisse (s. z. B. (3)); das ist bei der Babynahrungsindustrie nicht anders als bei der Tabak- oder der Pharmaindustrie. So ganz allmählich sickern diese Erkenntnisse in der breiteren Öffentlichkeit durch.

Mit dem Verbot einer Annahme von Geschenken und Vorteilen von Herstellern und Händlern kodexrelevanter Produkte schützen Babyfreundliche Einrichtungen schon seit 20 Jahren ihre MitarbeiterInnen und die Einrichtung als Ganze vor Beeinflussung und Interessenkonflikten zulasten der Gesundheit. BFHI hat hier eine Vorreiterfunktion, auf die Babyfreundliche Einrichtungen stolz sein können.

IBFAN

Das „International Baby Food Action Network“ (Internationales Aktionsnetzwerk zur Säuglingsernährung) war am Zustandekommen des Kodex und an seiner Weiterentwicklung wesentlich beteiligt. (s. 2, 5)

WABA

Die “World Alliance for Breastfeeding Action”, Weltallianz für Stillaktion, ist die zentrale „Herausgeberin” der Weltstillwoche. Auch für WABA ist die Einhaltung des Kodexes unverzichtbar. Bei ihren WSW-Aktionsvorschlägen steht: „WABA akzeptiert kein Sponsoring irgendwelcher Art von Herstellern von Muttermilchersatzprodukten, entsprechendem Zubehör und von Beikost. WABA ermutigt alle TeilnehmerInnen an der Weltstillwoche, diesen ethischen Grundsatz zu respektieren und zu befolgen.“

Und für diejenigen, die nicht nur bei der WSW sondern bei WABA direkt mitmachen möchten, steht auf der Unterstützungserklärung (6) ergänzend: „Ich nehme zur Kenntnis, dass WABA keine Finanzierung oder Geschenke von Herstellern anderer Produkte, die häufig bei der Säuglingsernährung eingesetzt werden, wie z.B. Milchpumpen, akzeptiert und Teilnehmer ermutigt, das genau so zu handhaben.“ (siehe dazu den Artikel 4. Schritt 5: Entleeren der Brust von Hand).

Quellen

  1. Klemperer D. Interessenkonflikte: Gefahr für das ärztliche Urteilsvermögen. Dtsch Arztebl 2008;105(40):A-2098 / B-1797 / C-1757
  2. Reich-Schottky U.: 30 Jahre IBFAN. Stillzeit Heft 4/2009, S. 29-31
  3. Schott G, Pachl H, Limbach U, Gundert-Remy U, Ludwig W, Lieb K.: Finanzierung von Arzneimittelstudien durch pharmazeutische Unternehmen und die Folgen – Teil 1: Qualitative systematische Literaturübersicht zum Einfluss auf Studienergebnisse, -protokoll und -qualität. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(16): 279–85
  4. Machen Sie Ihre Umgebung stillfreundlich und die dortigen Links
  5. www.ibfan.org
  6. www.waba.org.my/aboutus.htm  unten: WABA Endorsers or Participants

Utta Reich-Schottky
Medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 16

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