1. Stillen: Nur 10 Schritte - der Babyfreundliche Weg

Stillen ist die normale Säuglingsernährung und war über Millionen Jahre unerlässlich zum Überleben. Auch heute ist das Nichtstillen oder Kurzstillen mit einem erhöhten gesundheitlichem und seelischem Risiko für Mutter und Kind behaftet, das umso höher ist, je schlechter die allgemeinen Lebensbedingungen sind.
Bei der Verdrängung des Stillens spielen zwei Faktoren (neben anderen Faktoren) eine große und unrühmliche Rolle: aggressive Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten und stillhinderliche Praktiken rund um die Geburt. Durch Einflussnahme der Babynahrungsindustrie auf das Gesundheitswesen werden diese beiden Faktoren verquickt und verstärken sich gegenseitig.

Nach mehrjährigen Verhandlungen wurde 1981 von der Weltgesundheitsversammlung WHA (World Health Assembly), dem Parlament der WHO (World Health Organization, Weltgesundheitsorganisation) der Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten verabschiedet (im Folgenden kurz „Kodex“). Er wird seither regelmäßig durch weitere WHA-Resolutionen ergänzt, präzisiert und bekräftigt. Dieser Kodex fordert die Beachtung ethischer Grundsätze bei der Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten und eine saubere Trennung der Vermarktung dieser Produkte vom Gesundheitswesen.

Im nächsten Schritt wurden die stillhinderlichen Praktiken rund um die Geburt ins Visier genommen. Von Wissenschaftlern und Praktikern aus aller Welt wurde sorgfältig erarbeitet und empirisch überprüft, welchen Punkten eine Schlüsselstellung dabei zukommt, eine gute Eltern-Kind-Beziehung und erfolgreiches Stillen zu ermöglichen. Daraus entstanden die „Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen“. Diese Zehn Schritte können nur wirksam werden, wenn sie nicht durch Vermarktung für Muttermilchersatzprodukte blockiert werden.

1990 wurde die „Babyfriendly Hospital Initiative“ (BFHI, Initiative Babyfreundliches Krankenhaus) von WHO und UNICEF ins Leben gerufen. Geburtseinrichtungen, die nachgewiesenermaßen die Zehn Schritte umsetzen und den Kodex einhalten, werden mit einer Plakette ausgezeichnet. In Deutschland wird diese Initiative seit 2000 vom „Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF-Initiative Babyfreundliches Krankenhaus (BFHI) e.V.“ getragen. Die AFS hat aktiv zur Gründung des Vereins beigetragen und ist bis heute im Verein aktiv.

In den letzten Jahren hat BFHI begonnen, weitere Kreise zu ziehen. Die Mütter sind nur wenige Tage in der Geburtsklinik. Was in diesen Tagen erreicht werden kann, hängt auch davon ab, mit welchen Vorinformationen und Erwartungen die Mütter in die Klinik kommen. Und im weiteren Verlauf ist entscheidend, wie Eltern und Kinder in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und vom ambulanten Gesundheitssystem unterstützt werden. Deshalb gibt es inzwischen Ansätze und Module, BFHI auf andere Einrichtungen auszuweiten. Auch die Geburt selbst spielt eine Rolle; dafür wurde ein Modul „mutterfreundliche Geburt“ entwickelt, das in Deutschland noch nicht umgesetzt worden ist.

Die Zehn Schritte im Einzelnen

Eine Geburtseinrichtung, die als „Babyfreundlich“ zertifiziert werden will, muss:

  1. Schriftliche Stillrichtlinien haben, die mit allen MitarbeiterInnen regelmäßig besprochen werden.
    Die Einrichtung muss nach einheitlichen Standards arbeiten, die die Eltern-Kind-Bindung und das Stillen unterstützen und nicht behindern. Auch die Einhaltung des Kodex muss in diesen Richtlinien festgeschrieben sein.
  2. Alle MitarbeiterInnen so schulen, dass sie über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten für die Umsetzung der Stillrichtlinien verfügen.
    Jeder der Zehn Schritte und der Kodex sind Bestandteil der Schulungen.
    Gutes Still-Fachwissen bei allen MitarbeiterInnen trägt dazu bei, dass Mütter nicht durch widersprüchliche Informationen verunsichert werden.
  3.  Alle schwangeren Frauen über die Bedeutung und die Praxis des Stillens informieren.
    Damit Eltern eine informierte Entscheidung treffen können, brauchen sie umfassende Informationen, die nicht durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst sind. Nur so ist eine neutrale und evidenzbasierte Aufklärung zu gewährleisten.
  4. Den Müttern ermöglichen, unmittelbar ab Geburt ununterbrochenen Hautkontakt mit ihrem Baby zu haben, mindestens eine Stunde lang oder bis das Baby das erste Mal gestillt wurde.
    Erst danach wird das Baby gemessen und gewogen. Dieser Schritt gilt gleichermaßen für spontane Geburten wie für Kaiserschnittgeburten, wenn der Zustand von Mutter und Kind es zulässt.
  5. Den Müttern korrektes Anlegen zeigen und ihnen erklären, wie sie ihre Milchproduktion aufrechterhalten können, auch im Falle einer Trennung von ihrem Kind.
    Durch korrektes Anlegen können die meisten Stillprobleme vermieden werden.
    Allen Müttern muss das Entleeren der Brust von Hand gezeigt werden.
  6. Neugeborenen weder Flüssigkeiten noch sonstige Nahrung zusätzlich zur Muttermilch geben, außer bei medizinischer Indikation.
    Die WHO hat für diese Indikationen eine Liste erstellt. Dieser Schritt funktioniert für die Mehrzahl der Mutter-Kind-Paare nur in Verbindung mit den anderen Schritten, also wenn die Kinder von Anfang an bei der Mutter bleiben, korrekt angelegt und nach Bedarf gestillt werden, ohne Schnuller.
  7. 24-Stunden-Rooming-in praktizieren – Mutter und Kind bleiben Tag und Nacht zusammen.
    Das ununterbrochene Zusammensein ermöglicht Mutter und Kind, sich kennen zu lernen und auf einander einzustellen. Neben der Beziehung wird auch das Stillen nach Bedarf und damit die Milchbildung gefördert.
  8. Zum Stillen nach Bedarf ermuntern.
    Stillen nach Bedarf ist die beste Voraussetzung dafür, dass der Bedarf des Kindes „gestillt“ wird.
  9. Gestillten Kindern keine künstlichen Sauger geben.
    Die Mütter werden von der Klinik über die Nachteile und Risiken künstlicher Sauger informiert. Es ist jedoch ihre eigene Entscheidung, ob sie ihrem Kind eine Flasche oder einen von ihnen selbst besorgten Schnuller geben.
  10. Die Mütter auf Stillgruppen hinweisen und die Entstehung von Stillgruppen fördern.
    Dieser Schritt verzahnt die Klinik mit ihrem Umfeld und unterstützt erfolgreiches Stillen über die ersten Tage hinaus.

Utta Reich-Schottky
ehemalige 2. Vorsitzende AFS, medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

weiter zu 2. Schritt 1: Stillempfehlungen aus Hamburg und Bremen

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 7

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