Voldemort lässt grüßen...

 

Wart Ihr auch im letzten, entscheidenden Film der Harry Potter Serie? Sieben Bücher wurden in acht Kinofilme gefasst – und am Ende siegt das Gute. Harry Potter, die Hauptfigur, überwindet den Bösewicht. Wer ist dieser Bösewicht? Lange Zeit traute man sich nicht, seinen Namen auszusprechen. So reden die Zauberer über „den, dessen Name nicht genannt werden darf“. Als ob das Nennen dieses Namens Unglück bringt, zu deutlich ist. Oder… als ob die Wahrheit einfach nicht gesagt werden darf. Das scheint uns aber irgendwie komisch – wir möchten doch gerne die Wahrheit klar darstellen.

So einfach ist das aber nicht. Auch die Wissenschaft, obwohl sie offiziell „neutral und objektiv ist“, hat oft Schwierigkeiten, die Wahrheit klar auszusprechen. Was soll man von folgenden Titeln wissenschaftlicher Arbeiten halten? „Breastfeeding and the infant sudden death syndrome“ [1] (Stillen und plötzlicher Kindstod) oder „Breastfeeding and the risk of post neonatal death in the United States“ [2] (Stillen und das Risiko, nach der Neugeborenenzeit zu sterben). Wenn ich nur die Titel dieser Arbeiten sehe, scheint es dann nicht, als ob Stillen ein Risikofaktor für plötzlichen Kindstod sei? Oder als ob Stillen das Sterberisiko nach der Geburt steigere? Obwohl wir doch alle wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. Was ist hier passiert?

In wissenschaftlichen Untersuchungen zum Stillen werden oft zwei Gruppen verglichen: Eine Gruppe von Säuglingen, die (überwiegend) gestillt wurden mit einer Gruppe von Säuglingen, die (fast) ausschließlich künstliche Säuglingsnahrung bekommen haben. Oder eine Gruppe von Müttern, die (relativ lange) gestillt haben gegenüber einer Gruppe von Müttern, die ihre Säugline (fast) ausschließlich mit künstlicher Säuglingsnahrung gefüttert haben.

Dabei ist das Stillen als die normale Ernährungsform für Säuglinge der Ausgangspunkt der Betrachtungen. Das Füttern von Säuglingsnahrung ist der (wissenschaftliche???) Eingriff. Jetzt muss festgestellt werden, ob dieser Eingriff gegenüber der normalen Ernährungsform (Stillen) positive Auswirkungen hat, negative Auswirkungen hat, oder ob es zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede gibt. Diese Feststellung sollte sowohl in der Überschrift als auch in der Zusammenfassung der wissenschaftlichen Arbeit zu finden sein.

Aber: o Wunder! Das einzige, was oft in Titeln und Zusammenfassungen der Arbeiten zu finden ist, ist das Stillen. Die künstliche Säuglingsnahrung wird oft gar nicht erwähnt – es ist die Rede von „gestillten“ oder „nicht gestillten“ Säuglingen. Der „Bösewicht“ bleibt außen vor – „der, dessen Name nicht genannt werden darf“.

Australische Wissenschaftler [3] sind der Sache nachgegangen. Sie haben die Grundsatzerklärung der Amerikanischen Pädiater zum Stillen von 2005 genommen [4] und alle Arbeiten, die dort zitiert wurden, unter die Lupe genommen. Es sind bedeutende, grundlegende Arbeiten, sonst wären sie nicht für diese Grundsatzerklärung verwendet worden. Dabei untersuchten sie sowohl die Titel als auch die Zusammenfassungen  der Forschungsarbeiten (um ehrlich zu sein: oft das Einzige, was Ärzte von einer Forschungsarbeit lesen).

Zuerst zu den Überschriften: Hier gab es 3 Kategorien: Irreführend (wie die oben erwähnten Überschriften), neutral oder schweigend, wie z. B. „Stillen und Senkung des Risikos für Übergewicht“ [5], oder deutlich benennend wie „Unterschiede in der Häufigkeit von Erkrankungen  zwischen gestillten und mit künstlicher Nahrung ernährten Säuglingen“ [6].

Auch bei den Zusammenfassungen gab es klare Kategorien: In Kategorie 1 wurde künstliche Säuglingsnahrung in der Zusammenfassung gar nicht erwähnt. In Kategorie 2 wurde Stillen als bessere Alternative vorgestellt (obwohl es Ausgangspunkt ist), und in Kategorie 3 wurde eine deutliche Aussage zu den Risiken der künstlichen Säuglingsnahrung gemacht.

Die Ergebnisse waren klar und deutlich. Nur ganz wenige wissenschaftliche Artikel nannten künstliche Säuglingsernährung beim Namen. Die meisten begnügten sich damit, eine neutrale Aussage im Titel zu erwähnen oder nannten die schützende Wirkung des Stillens. Dabei verstärkten sie das Bild von „Stillen als ideale Ernährung“ statt als die normale Säuglingsernährung. Und etwa ein Drittel der Artikelüberschriften war regelrecht irreführend, da sie (wie oben erwähnt) Stillen in einem Satz mit negativen Folgen nannten und somit eine irreführende Assoziation darstellten.

Ein ähnliches Ergebnis wurde bei den Zusammenfassungen der Arbeiten gefunden. Nur etwa 10% der Zusammenfassungen machten klar, dass künstliche Säuglingsnahrung in mancherlei Hinsicht mit Risiken verbunden ist. Ein Beispiel: „die Resultate der Analyse zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Flaschennahrung und plötzlichem Kindstod gibt“ [7]. Ca. 20% der Zusammenfassungen vergleichen zwar Stillen mit künstlicher Säuglingsnahrung, beschreiben aber dabei die „Vorteile“ des Stillens (siehe dazu auch unser AFS-Faltblatt „Stillen hat keine „Vorteile““) statt auf die Risiken der künstliche Säuglingsnahrung einzugehen. Und fast Dreiviertel der Zusammenfassungen nennen künstliche Säuglingsnahrung nicht einmal.

Es ist also klar: Dass Stillen Ausgangspunkt und normale, natürliche Säuglingsnahrung ist, und dass künstliche Nahrung Risiken mit sich bringt, ist eine Tatsache, die zwar in wissenschaftlichen Studien belegt wird, aber diese Tatsache wird leider immer noch nicht kommuniziert. Die Risiken der künstlichen Nahrung werden noch immer nicht erwähnt. Sprache bestimmt unser Denken [8]. Solange die wissenschaftliche Sprache nicht klar ist, wie können wir dann erwarten, dass die Ärzte eine korrekte Sprache verwenden? Und wenn Ärzte keine klare Sprache verwenden, wie soll dann die Umgangssprache klarer wird? Der Wahrheit muss man ins Gesicht sehen. Und solange wir das nicht machen, ist die Normalität des Stillens noch weit weg. Voldemort lässt grüßen…

 

Literatur

  1. Chen A, Rogan WJ. Breastfeeding and the risk of postneonatal death in the United States. Pediatrics 2004; 113:e435-9.2.
  2. Ford RP, Taylor BJ, et al. Breastfeeding and the risk of sudden infant death syndrome. Int J Epidemiol 1993; 22:885-90.
  3. Smith JP, Dunstone MD, Elliott-Rudder ME. „Voldemort“ and health professional knowledge of breastfeeding – do journal titles and abstracts accurately convey findings on differential health outcomes for formula fed infants? ACERH Working Paper Number 4, December 2008
  4. Breastfeeding and the Use of Human Milk Section on Breastfeeding Pediatrics 2005; 115: 496-506.
  5. Armstrong J, Reilly JJ. Breastfeeding and lowering the risk of childhood obesity. Lancet 2002;359:2003-4.
  6. Dewey KG, Heinig MJ, et al. Differences in morbidity between breast-fed and formula-fed infants. J Pediatr 1995; 126:696-702.
  7. McVea KL, Turner PD, et al. The role of breastfeeding in sudden infant death syndrome. J HumLact 2000; 16:13-20.
  8. Wiessinger D. Watch your language. Journal of Human Lactation 1996; 12:1-4.

 

Elien Rouw
Medizinischer Beirat AFS

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2011, S. 22-23

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