Stillen: Wohlstand ohne Wirtschaftswachstum

Die Erde ist rund. Und damit ist sie begrenzt. Sie ist kein gerades Band, das endlos in den Weltraum hinausgeht. Wenn wir einer solchen geraden Linie folgen, landen wir nach ungefähr 12 km in Regionen, in denen Leben nicht mehr möglich ist.

Dieses Wissen ist nicht neu. 1972 erschien der Bericht des Club of Rome, „Grenzen des Wachstums“. Am gesellschaftlichen Horizont erschienen in der Folge Begriffe und Modelle z.B. für „Nachhaltigkeit“ oder „Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch“.

Aber bis heute ist „Wachstum“ das einzige durchgängig benutzte Denkmodell für unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur, für Wohlergehen, Arbeitsplätze und Zukunftssicherung. Dass die Erde rund und begrenzt ist, bleibt ausgeblendet.

 

Hier setzt Tim Jackson an, ein Londoner Ökonom, Leiter der Wirtschaftlichen Führungsgruppe der Kommission für Nachhaltige Entwicklung der britischen Regierung. 2009 hat er das Buch „Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt“ veröffentlicht (s.u.)

Jackson macht deutlich, dass wir neue Denkansätze brauchen, um unser Wirtschaftssystem so zu organisieren, dass es langfristig funktionieren kann. Er räumt mit der Illusion auf, dass wir Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch vollständig entkoppeln können: Auch wenn pro Produktionseinheit, also z.B. für die Herstellung eines Autos, weniger Energie und Rohstoffe als bisher verbraucht werden (was nötig und sinnvoll ist), werden für jedes zusätzlich hergestellte Auto zusätzliche Rohstoffe benötigt.

Das heißt, wir brauchen neue Modelle für die Volkswirtschaft, Modelle, die nicht mehr nur auf wachsende Produktion und auf wachsende Arbeitsproduktivität setzen. Solche Modelle müssen fürsorgliche und das Wohlbefinden fördernde Tätigkeiten ganz anders bewerten und berücksichtigen als bisher. Viele dieser Tätigkeiten werden heute weitgehend zu Hause, ehrenamtlich oder an schlecht bezahlten Arbeitsplätzen (Erzieherinnen, Hebammen, ...) geleistet.

Auch „Wohlstand“ muss neu definiert werden. Die Definition als reines Warenwirtschaftsparadies hat ausgedient, sowohl wegen der Wachstumsgrenzen als auch inhaltlich: In Befragungen zur Lebenszufriedenheit steigt diese tendenziell bis zu einem Bruttoinlandsprodukt von ungefährt 15.000 USD pro Person an, darüber hinaus kaum noch.

Jackson stellt als ein mögliches anderes Modell ein Konzept von Amarya Sen vor, das Wohlstand als „Befähigung zum Gedeihen“ definiert. Dazu gehören u.a. gute Ernährung, keine unnötigen Krankheiten und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auch hier gibt es keine unbegrenzten Möglichkeiten, und es bedarf des umfassenden gesellschaftlichen Dialogs dazu, was wir wie erreichen können und wollen.

Für diese notwendigen Änderungen in unseren Modellen und in unserer Gesellschaft gibt es bereits verschiedene Ansätze. Und auch wir haben bereits einen zwar kleinen, aber meines Erachtens unverzichtbaren Baustein: die Stillförderung.

  • Künstliche Säuglingsernährung führt zu Wirtschaftswachstum – und zu Ressourcenverbrauch, Klima- und Umweltbelastung.
  • Die künstliche Säuglingsnahrung muss produziert werden, dazu braucht man Fabriken und Maschinen.
  • Auch die Verpackungen müssen hergestellt werden.
  • Für den Verkauf werden Verkaufsräume und Regale benötigt.
  • Flaschen, Sauger, Flaschenwärmer und Spülbürsten sind für Zubereitung und Füttern erforderlich.
  • Die LKWs für die Transporte müssen gebaut werden, der erforderliche Sprit muss herangeschafft werden.
  • Zur Behandlung der infolge der künstlichen Säuglingsernährung zusätzlich auftretenden Erkrankungen müssen im Gesundheitssystem Infrastruktur, Einmalmaterial und Medikamente bereitgestellt werden.

Stillen unterstützt einen anderen Wohlstand – ohne Wirtschaftswachstum.

  • Der enge Kontakt beim Stillen erhöht das Wohlbefinden von Mutter und Kind, vertieft ihre Beziehung und unterstützt die soziale Entwicklung des Kindes.
  • An Ressourcen werden nur zusätzliche Nahrungsmittel für die Mutter benötigt. Dieser Aufwand ist gering, weil der Stoffwechsel der Mutter auf höchste Effizienz umschaltet. Und es sind durchweg erneuerbare Ressourcen (wenn die Lebensmittel aus regionaler, möglichst auch ökologischer Landwirtschaft stammen, ohne Pestizideinsatz, ohne Verwendung von Sojafutter etc.)
  • Zusätzliche Infektionen und chronische Erkrankungen und damit verbundene Sorgen und Leid bleiben Eltern und Kindern erspart. (Anmerkung: Auch gestillte Kinder erkranken. Das ist das normale Lebensrisiko. Nicht- oder kurz gestillte Kinder erkranken häufiger und schwerer. Diese zusätzlichen Erkrankungen können abgewendet werden.)
  • Im Mutterschutzgesetz ist bereits der Ansatz enthalten, für das Stillen Zeit bereitzustellen, Zeit, die bei der rein produktorientierten Tätigkeit abgezogen wird. Dies ist eine modellhafte Möglichkeit, Wohlstand und Wohlergehen auch durch Fürsorge statt nur durch Produktion zu schaffen.

Stillen beginnt im Kopf. Gesellschaftlicher und ökologischer Wandel beginnt im Kopf. Wer mehr dazu wissen will, dem empfehle ich wärmstens das Buch von Tim Jackson.

Literatur

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und wirtschaften in einer endlichen Welt. oekom verlag, München 2011

 

Utta Reich-Schottky
ehemalige Vorsitzende AFS, medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2012, S. 23

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