Säuglingsernährung in Krisensituationen

Emergency Nutrition Network (ENN) - Netzwerk für Ernährung in Notfällen

Information für die Medien: Sichere Notfallversorgung für kleine Kinder in Krisensituationen


Der Gesundheitsminister von Sri Lanka nach dem Tsunami im indischen Ozean 2004:
„Obwohl in Sri Lanka der Anteil ausschließlich gestillter Säuglinge sehr hoch ist, kursierte  ein Ammenmärchen: Frauen unter Stress wären angeblich nicht mehr in der Lage, ausreichend Muttermilch zu produzieren. Die Verteilung von künstlicher Säuglingsnahrung und Milchflaschen durch Spender und Nichtregierungsorganisationen (NRO), die keiner aureichenden Kontrolle unterlagen, an stillende Mütter war ein großes Problem.

Die Spender handelten aus emotionalen Impulsen, ohne wissenschaftlichen Hintergrund, und ließen dabei die Gefahren künstlicher Ernährung bei Naturkatastrophen außer Acht. Zudem waren die Massenmedien scharf auf das Thema „Babyernährung“ und riefen die Öffentlichkeit auf, künstliche Nahrung und Flaschen zu spenden. Das Gesundheitsministerium wiederum sah sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, sicher zu stellen, dass stillende Mütter weiterhin stillten und nicht zu der nicht sicher dauerhaft durchführbaren und potentiell gefährlichen künstlichen Säuglingsernährung wechselten.“

Naturkatastrophen und Katastrophen menschlichen Ursprungs – Erdbeben, Hochwasser, Dürren und Kriege – bringen Leben in Gefahr. Und Babys, die dem anschließenden Chaos nicht entrinnen können, sind dem Risiko von Mangelernährung und Tod ausgesetzt. Journalisten spielen eine wichtige Rolle dabei, Kindern in Not zu helfen. Ihre Aufgabe ist es, Aufrufe zum Spenden von künstlicher Säuglingsnahrung nicht zu unterstützen und den Leserkreis daran zu erinnern, dass Muttermilch eine sichere und sterile Nahrung ist, die vor Krankheiten schützt, während das Füttern künstlicher Nahrung zusätzliche Gesundheitsrisiken mit sich bringt.

Warum sind Säuglinge gefährdet?
Babys haben einen besonderen Nahrungsbedarf und werden mit einem unreifen Immunsystem geboren. Bei gestillten Kindern liefert die Muttermilch beides, Nahrung und Unterstützung für das Immunsystem, was die Kinder vor den schlimmsten Auswirkungen von Katastrophensituationen schützt. Hingegen ist die Situation für die Babys, die nicht gestillt werden, eine ganz andere. In einer Notlage bricht die Nahrungsversorgung zusammen, es gibt eventuell kein sauberes Wasser, um die künstliche Säuglingsnahrung zuzubereiten oder die Fütterungsutensilien zu reinigen, und die medizinische Versorgung ist bereits bis zum Zerreißen  gespannt. Das bedeutet, dass Babys, die nicht gestillt werden, leicht Infekte und Durchfall bekommen. Babys mit Durchfall sind schnell unterernährt und ausgetrocknet und schweben in echter Lebensgefahr.
Immer wenn eine Notlage eintritt, ist es extrem wichtig, dass gestillte Babys auch weiterhin gestillt und nicht gestillte Babys (wieder) an die Brust gewöhnt werden und nur, wenn das nicht möglich ist, künstliche Nahrung auf möglichst sichere Art und Weise erhalten.

Was ist mit kleinen Kindern?

Nicht nur Babys sind gefährdet. Kinder unter fünf Jahren und insbesondere unter zwei Jahren haben in Notfällen ein erhöhtes Erkrankungs- und Sterberisiko . Das Stillen schützt auch diese Kinder, und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass Kinder mindestens bis zum Alter von zwei Jahren gestillt werden. Die Kinder brauchen außerdem genug nahrhaftes und sorgfältig zubereitetes Essen – das kann in Notsituationen eine wahre Herausforderung werden.

Worin liegt das Problem?
Die Erfahrung zeigt, dass im Katastrophenfalle für gewöhnlich riesige Mengen künstlicher Säuglingsnahrung und Pulvermilch gespendet werden. Einige Spenden sind das unmittelbare Ergebnis von Spendenaufrufen für künstliche Säuglingsnahrung durch die Medien. Diese Aufrufe können von Hilfsorganisationen, Regierungen oder der Hilfsbereitschaft Einzelner veranlasst werden. Die Medienberichterstattung kann öffentlich Druck auf Regierungen ausüben, künstliche Säuglingsnahrung zu importieren. In dem Durcheinander, das die Katastrophen begleitet, werden diese Produkte oftmals in unkontrollierter Art und Weise verteilt und von Müttern benutzt, die ansonsten ihre Babys gestillt hätten. Das Ergebnis sind unnötige Erkrankungen und der Tod vieler Kinder. Zum Beispiel zeigte eine Untersuchung nach dem Erdbeben von Yogyakarta 2006 durch UNICEF, dass trotz ursprünglich hoher Stillraten 70 % aller Kinder unter sechs Monaten gespendete künstliche Säuglingsnahrung erhalten hatten. Ein weiteres Beispiel: Eine Ermittlung über den Tod von über 500 Kindern nach der Flutkatastrophe in Botswana 2005/2006 ergab, dass fast alle Babys, die gestorben waren, mit künstlicher Milchnahrung ernährt wurden. Das Risiko eines Krankenhausaufenthaltes war in diesem Falle für nicht gestillte Babys um das 50fache höher als für gestillte Kinder. Überaus verbreitet ist es auch, Pulvermilch als Teil gewöhnlicher Nahrungsrationen zu verteilen . Aber auch dies ist problematisch, da die Erfahrung gezeigt hat, dass etwas die Hälfte dieser Milch an Babys verfüttert wird.

Wie können Journalisten helfen?
Die Medien spielen eine wichtige Rolle dabei, Babys in Krisensituationen zu schützen, indem sie Informationen verbreiten, die das Stillen schützen und die angemessene Verwendung von künstlicher Säuglingsnahrung und Pulvermilch unterstützen. Medienvertreter können dadurch helfen, dass sie folgende Botschaften in ihre Berichterstattung aufnehmen:
Mütter dabei zu unterstützen, weiter zu stillen, ist der sicherste Weg, Kinder in Krisensituationen zu schützen.
Das Stillen ist nicht störanfällig. Auch Frauen, die physisch und emotional unter Stress stehen. sind in der Lage, genügend Milch für ihre Babys zu produzieren.
Der wahllose Einsatz künstlicher Säuglingsnahrung in Krisensituationen ist für Babys gefährlich und verursacht Krankheiten und Tod.
Notfallhelfer benötigen im Katastrophenfalle keine größere Menge an Babynahrung und das, was sie brauchen, kann vor Ort beschafft werden. Es gibt keinen Bedarf dafür, künstliche Säuglingsnahrung, Pulvermilch und Milchflaschen zu spenden und an den Katastrophenort zu schicken.
Personen, die Geld an Hilfsorganisationen spenden, sollen angeregt werden, die Spendenorganisatoren zu fragen, ob und wie sie künstliche Säuglingsnahrung oder Pulvermilch verteilen und sie dazu auffordern, sachgemäß vorzugehen.
Bürger, die mitbekommen, dass Hilfsorganisationen Babynahrung oder Pulvermilch unangemessen verteilen, sollen das den zuständigen Stellen melden (siehe Kontaktliste).

Hin und wieder ersuchen Repräsentanten der Hilfsorganisationen oder staatliche Einrichtungen die Medien um die Veröffentlichung eines Aufrufs zum Spenden von künstlicher Säuglingsnahrung. Dies ist niemals angemessen. Diese Repräsentanten sollten an UNICEF verwiesen werden, damit geklärt werden kann, wie Babynahrung angemessen beschafft und verteilt werden kann.

Wie können Babys und jüngere Kinder in Katastrophenfällen geschützt werden?

Für die Handhabung der Ernährung von Kindern in Notfällen gibt es anerkannte Richtlinien:

  1. Stillende Mütter müssen Unterstützung und praktische Hilfe erhalten, so dass sie weiter stillen können; sie sollen niemals wahllos Babynahrung oder Pulvermilch angeboten bekommen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Unterstützung durch andere Mütter den Müttern hilft, sich um ihre Babys zu kümmern und das Stillen beizubehalten.
  2. Mütter, die abgestillt haben, sollten dazu ermutigt werden, das Stillen wieder aufzunehmen („relaktieren“). Für Babys, die ihre Mütter verloren haben, sollte die Möglichkeit geprüft werden, ob sie von einer Amme gestillt werden können.
  3. Wenn es Kinder gibt, die nicht gestillt werden können, sollten diese unter sorgfältiger Aufsicht mit künstlicher Säuglingsnahrung und dem für die Zubereitung erforderlichen Zubehör versorgt werden. Die Pflegekräfte sollten Training und Hilfe anbieten und den Gesundheitszustand des Babys überwachen. Es sollten keinesfalls Babyflaschen benutzt werden, denn wegen der Schwierigkeiten, die Flaschen effektiv zu reinigen, besteht das Risiko bakterieller Verunreinigung – auch kleine Säuglinge können mit einem Becher oder Löffel gefüttert werden.
  4. Wenn Pulvermilch bereitgestellt wird, sollte sie mit den üblichen lokalen Getreideerzeugnissen vermengt werden, so dass sie nicht mehr als Muttermilchersatznahrung verwendet werden kann.
  5. Die Anstrengungen, das Stillen zu schützen und zu unterstützen und die künstliche Ernährung sicher zu machen, sollten auf alle jungen Kinder ausgedehnt werden.
  6. Katastrophen können von den Säuglingsnahrungsherstellern dazu benutzt werden, neue Märkte zu erschließen und den Absatz zu steigern. Unmoralische Werbung für künstliche Säuglingsnahrung ist ein Problem, das die ganze Welt betrifft, und ein internationaler Kodex wurde entwickelt, um Mütter und Babys vor solch unethischer Vermarktung zu schützen.


FAZIT
Die Botschaften der Medien über die Bedürfnisse von Kindern in Krisensituationen haben eine direkte Auswirkung auf die Babys, die unglücklicherweise von der Katastrophe betroffen sind. Dadurch, dass die Bürger, die NROs und die Spendenorganisationen, die den Babys helfen wollen, zuverlässige Informationen über die Ernährung von Säuglingen und Kindern in Krisensituationen bekommen, verhindert man gefährliche Praktiken und hilft, die Verletzlichsten vor Mangelernährung und Tod zu schützen.


Übersetzung: Denise Jäger, AFS

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