Globale Strategie für die Säuglings- und Kleinkinderernährung

Zusammengefasst von Utta Reich-Schottky

Von 1998 bis 2002 dauerten die Vorarbeiten, bis im Mai 2002 von der Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA, das Parlament der WHO) die Globale Strategie für die Säuglings- und Kleinkinderernährung als Resolution Nr. 55.25 verabschiedet wurde. Diese Strategie soll in allen Ländern der Welt auf höchster politischer Ebene umgesetzt werden und ist ein wichtiges Dokument, um Strukturveränderungen zugunsten des Stillens einzufordern.

Von vornherein war klar, dass die Globale Strategie auf den bisherigen Beschlüssen der WHA zur Stillförderung aufbauen würde: der Initiative Stillfreundliches Krankenhaus (BFHI, Babyfriendly Hospital Initiative), dem Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten und den folgenden diesbezüglichen WHA-Resolutionen (im weiteren Text kurz zusammengefasst: „Internationaler Kodex“) und der Innocenti-Deklaration zu Schutz, Förderung und Unterstützung des Stillens. Die Strategie steht auch im Einklang mit Welterklärung und -aktionsplan zur Ernährung.

Die Rahmenbedingungen

Im Verlauf vieler Gespräche wurden die Rahmenbedingungen für diese Strategie herausgearbeitet, z.B.:

  • Die langfristige ökonomische Entwicklung wird erst gelingen, wenn Wachstum und Entwicklung der Kinder gewährleistet sind, insbesondere durch angemessene Ernährung.
  • Mütter und Babies bilden eine untrennbare biologische und soziale Einheit. Gesundheit und Ernährung beider Gruppen können nicht voneinander getrennt werden.
  • 20 Jahre nach Verabschiedung des Internationalen Kodex und 10 Jahre nach dem Aktionsplan für Ernährung, der Innocenti-Deklaration und der BFHI- Initiative wird es Zeit für Regierungen, die internationale Gemeinschaft und andere, sich erneut der Gesundheit und Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern zuzuwenden.
  • Nicht jede Komponente dieser Strategie ist neu, wohl aber der umfassende Ansatz und die Dringlichkeit der Umsetzung.
  • Der Erfolg hängt ab von politischem Willen auf höchster Ebene, von der Definition passender Ziele, einer realistischen Zeitplanung und messbarer Indikatoren für den Prozess und die Ergebnisse, so dass die durchgeführten Aktionen ausgewertet werden können.


Die Herausforderungen

  • Fehl- und Mangelernährung verursacht direkt oder indirekt 60% der 10,9 Millionen jährlichen Todesfälle bei Kindern unter 5 Jahren. Mehr als 2/3 dieser Todesfälle ereignen sich im ersten Lebensjahr. Weltweit werden nicht mehr als 35% der Säuglinge in den ersten vier Monaten ausschließlich gestillt.
  • Die Globale Strategie gründet sich auf die anerkannten Prinzipien der Menschenrechte. Ernährung ist ein zentraler, allgemein anerkannter Bestandteil des Rechtes des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit, wie in der Kinderrechtskonvention festgehalten. Frauen haben das Recht auf richtige Ernährung, auf die Entscheidung, wie sie ihre Kinder ernähren wollen, und auf vollständige Informationen und angemessene Bedingungen, damit sie ihre Entscheidungen auch durchführen können. Diese Rechte sind vielerorts noch nicht durchgesetzt.
  • Schneller sozialer und ökonomischer Wandel erschwert die Lebensbedingungen vieler Familien. HIV bringt neue Herausforderungen für die Stillförderung. Zur Zeit gibt es weltweit mehr als 40 Millionen Flüchtlinge, davon 5,5 Millionen Kinder unter 5 Jahren.


Das Ziel

Das Ziel dieser Strategie besteht darin, durch optimale Ernährung den Ernährungszustand, das Wachstum und die Entwicklung, die Gesundheit und somit das Überleben von Säuglingen und Kleinkindern zu verbessern.

Angemessene Ernährung fördern

„Stillen ist unübertroffen darin, ideale Nahrung für gesundes Wachstum und Entwicklung von Säuglingen zu liefern. Es ist außerdem wesentlicher Bestandteil des Fortpflanzungsprozesses mit wichtigen Auswirkungen auf die Gesundheit der Mütter. Als weltweite Gesundheitsempfehlung sollten Säuglinge während der ersten 6 Lebensmonate ausschließlich gestillt werden um optimales Wachstum, Entwicklung und Gesundheit zu erlangen. Anschießend sollten Säuglinge angemessene und sichere Beikost erhalten, um ihre wachsenden Nahrungsbedürfnisse zu befriedigen, wobei gleichzeitig das Stillen bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus fortgeführt wird. Ausschließliches Stillen von Geburt an ist möglich, außer bei wenigen Erkrankungen, und uneingeschränktes, ausschließliches Stillen führt zu reichlicher Milchproduktion.“ „Wenn Stillen auch ein natürlicher Vorgang ist, so ist es doch zugleich gelerntes Verhalten. Praktisch alle Mütter können stillen, vorausgesetzt, sie haben korrekte Informationen und Unterstützung innerhalb ihrer Familien und Gemeinden und vom Gesundheitssystem.“ Auf die kulturellen Besonderheiten abgestimmte Ernährungsberatung zur Beikost kann die angemessene Verwendung lokaler Nahrungsmittel sicherstellen.

Andere Ernährungsformen

"Die überwältigende Mehrheit der Mütter kann und sollte stillen, ebenso wie die überwältigende Mehrheit der Kinder gestillt werden kann und sollte.“ „Bei den wenigen Fällen, in denen ein Säugling aus gesundheitlichen Gründen nicht gestillt werden kann oder sollte, hängt die Wahl der besten Alternative von den individuellen Umständen ab: manuell oder mit Pumpe gewonnene Milch der eigenen Mutter, Milch von einer gesunden Spenderin oder einer Milchbank, oder ein Muttermilchersatzprodukt aus der Tasse, was eine sicherere Methode als Flasche und Sauger ist.“ „Das Füttern eines brauchbaren Muttermilchersatzproduktes sollte nur von Mitgliedern des Gesundheitssystems oder ggf. Gemeindehelfern gezeigt werden, und nur denjenigen Müttern und Familienmitgliedern, die das Produkt benutzen müssen.“ „Säuglinge, die nicht gestillt werden, aus welchen Gründen auch immer, sollten besondere Aufmerksamkeit vom Gesundheitssystem erhalten, denn sie stellen eine Risikogruppe dar.“


Ernährung unter schwierigen Bedingungen

  • Unter ernährungsmäßig schwierigen Bedingung dient Stillen der Vorbeugung, weil Mangelernährung oft aus unzureichendem oder unterbrochenem Stillen entsteht.
  • Für Früh- und Mangelgeborene ist Muttermilch besonders wichtig.
  • Säuglinge und Kinder sind unter den verletzlichsten Opfern von natürlichen oder menschlich verursachten Katastrophen. Unkontrollierte Verteilung von Muttermilchersatzprodukten, zum Beispiel in Flüchtlingslagern, kann zu frühem und unnötigem Abstillen führen.
  • Etwa 1,6 Millionen Kinder pro Jahr werden von HIV- positiven Müttern geboren, überwiegend in Ländern mit geringem Einkommen. Die Infektionsgefahr durch Stillen muss gegen das Risiko des Nichtstillens abgewogen werden.


Ernährungspraktiken verbessern

  • „Eltern und andere Betreuungspersonen sollten Zugang zu objektiver, schlüssiger und vollständiger Information über angemessene Ernährungspraktiken haben, frei von kommerziellem Einfluss.“
  • Mütter sollten Zugang zu sachkundiger Unterstützung im Gesundheitssystem und in der Gemeinde haben. Unterstützung und Begleitung durch den Vater fördert das Stillen.
  • Erwerbstätige Mütter sollten weiter stillen können. Dies kann durch entsprechende Gesetzgebung erreicht werden.


Wege zum Ziel

Im ersten Schritt wird die Dringlichkeit der vier praktischen Ziele der Innocenti-Deklaration nochmals betont:

  • einen Nationalen Koordinators für das Stillen mit entsprechenden Kompetenzen sowie eine Nationalen Stillkommission berufen
  • sicherstellen, dass alle geburtshilflichen Einrichtungen die „10 Schritte zum erfolgreichen Stillen“ vollständig anwenden
  • die Prinzipien und Ziele des Internationalen Kodex umsetzen
  • fantasievolle Gesetze zum Schutz der Rechte stillender Mütter erlassen und durchführen.


Da die Innocenti-Deklaration sich nur auf das Stillen bezieht, werden für ein umfassendes Programm zu Versorgung und Ernährung während der ersten drei Lebensjahre weitere Zielpunkte gebraucht:

  • ein umfassendes Programm zur Säuglings- und Kleinkindernährung entwickeln, umsetzen, überwachen und auswerten
  • sicherstellen, dass der Gesundheitssektor und andere Bereiche ausschließliches Stillen für sechs Monate und weiterstillen bis zu zwei Jahren und darüber hinaus schützen, fördern und unterstützen
  • ausreichende, sichere und angemessene Beikost zur rechten Zeit unter Beibehaltung des Stillens fördern


Die wichtigsten Aktionen durchführen

Unter anderem folgende Aktionen sind entscheidend für ein wirksames Ernährungsprogramm:

  • sicherstellen, dass die Vermarktung verarbeiteter Beikost für ein angemessenes Alter erfolgt, und dass sie sicher, kulturell passend, bezahlbar und ernährungsmäßig angemessen ist, in Übereinstimmung mit entsprechenden Standards des Codex Alimentarius
  • bereits laufende Maßnahmen bezüglich des Internationalen Kodex überprüfen und ggf. verstärken oder neue Maßnahmen ergreifen
  • sicherstellen, dass Krankenhausroutinen erfolgreiches Stillen unterstützen; die BFHI-Initiative auf Gesundheitszentren und Kinderkrankenhäuser ausdehnen
  • Müttern ermöglichen, bei ihren Kindern im Krankenhaus zu bleiben und umgekehrt, soweit durchführbar, gestillten Kindern erlauben, bei ihren Müttern im Krankenhaus zu bleiben
  • Gesundheitspersonal in Beratung und praktischer Unterstützung für Stillen und Beikost schulen und, wenn denn erforderlich, für das Füttern eines Muttermilchersatzproduktes, sowie zu ihren Verpflichtungen aus dem Internationalen Kodex
  • die Entstehung von Netzwerken in der Gemeinde und von Mutter-zu-Mutter-Unterstützungsgruppen fördern und diese Netzwerke in die Planung und Bereitstellung von Gesundheitsdiensten einbeziehen


Pflicht und Verantwortung

Regierungen, internationale Organisationen und andere Gruppierungen teilen die Verantwortung dafür, dass das Recht der Kinder auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit und das Recht der Frauen auf vollständige und unvoreingenommene Information sowie angemessene Gesundheitsversorgung und Ernährung eingehalten wird. Alle Partner sollten zusammenarbeiten, im Einklang mit anerkannnten Grundsätzen zur Vermeidung von Interessenskonflikten.

  • Die Regierungen müssen ein umfassendes Nationales Programm zur Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern erstellen, umsetzen, überwachen und auswerten, begleitet von einem detaillierten Aktionsplan einschließlich definierter und überprüfbarer Ziele und eines Zeitplans. Angemessene Ressourcen müssen bereitgestellt werden.
  • Berufsverbände, medizinische Fakultäten und andere Ausbildungsstätten müssen in der Grundausbildung ausreichende Information und Training zu Säuglings- und Kleinkindernährung bereitstellen, die BFHI-Initiative unterstützen, ihren Verpflichtungen aus dem Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten und den diesbezüglichen WHA-Resolutionen vollständig nachkommen, die Bildung von Unterstützungsgruppen in der Gemeinde ermutigen und Mütter an diese Gruppen verweisen.
  • Nichtregierungsorganisationen, einschließlich z. B. religiöse Organisationen und Verbraucherschutzverbände, haben viele Gelegenheiten, zur Umsetzung der Strategie beizutragen, z. B.: ihre Mitglieder informieren, zur Schaffung familienfreundlicher Arbeitsplätze beitragen, sich für die Umsetzung des Internationalen Kodex einsetzen.
  • Hersteller und Händler von verarbeiteten Lebensmitteln für Säuglinge und Kleinkinder, die in den Bereich des Internationalen Kodex fallen, sollten sicherstellen, dass sie in ihrem gesamten Verhalten sowohl den Internationalen Kodex als auch nationale Maßnahmen einhalten.
  • Arbeitgeber und Gewerkschaften sollten dafür sorgen, dass die Mutterschutzregelungen einschließlich der Stillzeiten eingehalten werden.
  • Die Informationen der Medien und die Art der Darstellung von Elternschaft, Versorgung der Kinder und von Produkten sollten korrekt sein, dem heutigen Stand des Wissens entsprechen, objektiv sein und im Einklang mit den Prinzipien und Zielen des Internationalen Kodex stehen.
  • Internationale Organisationen sollten passende Normen und Standards entwickeln; die BFHI-Initiative über geburtshilfliche Einrichtungen hinaus ausdehnen; zur Bereitstellung ausreichender Ressourcen dafür beitragen, insbesondere in hochverschuldeten Ländern; für die Ratifizierung der ILO-Konvention 183 zum Mutterschutz plädieren (ILO= International Labor Organisation); auf die Umsetzung des Internationalen Kodex drängen und auf seine Respektierung bei Handelsvereinbarungen.


Schlussfolgerung

Diese Strategie beschreibt wesentliche Maßnamen um angemessene Säuglings- und Kleinkindernährung zu schützen, zu fördern und zu unterstützen. Die Strategie muss jetzt in Handlung übersetzt werden.

Siehe WHO: "Global Strategy for Infant and Young Child Feeding" unter:
http://www.who.int/nutrition/publications/gs_infant_feeding_text_eng.pdf

Diese Zusammenfassung erschien in: Stillzeit Heft 4/2003, Seite 6 - 10 Bezug über die AFS-Geschäftsstelle
© 2003 Utta Reich- Schottky und AFS

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