Stillen ist der Standard: Alpenlandschaft oder Vaalserberg?

Vortrag bei der Auftaktveranstaltung des Dortmunder Forums für Prävention und Ernährung am 10.11.2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zu dieser Auftaktveranstaltung des Dortmunder Forums für Prävention und Ernährung.

Wie stellen Sie sich eine Alpenlandschaft vor? Schauen wir uns mal in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen um oder auch in Südtirol. Hier finden wir ein Alpenpanorama, wie man sich das so vorstellt. Wir erwarten nicht weniger, es ist die „Standard-Alpenkulisse“. Und dabei geht es nicht nur um die Höhe der Berge, nein: Es ist das Zusammenspiel von vielen Elementen: Gestein, Flora und Fauna, und die Kulturelemente wie Bauernhöfe und Almen in dieser Landschaft.

Wir werden uns an diesem Tag mit Prävention und gesunder Kinderernährung befassen. Deshalb ist es nur logisch, dass wir uns zuerst mit Muttermilch beschäftigen, der ersten Nahrung eines Babys. Und, Sie sehen schon den Vergleich: Hier haben wir den Ausgangspunkt für die „Alpenlandschaft“ in Sachen Ernährung. Dabei geht es hier nicht nur um Ernährung. Das deutsche Wort „Stillen“ deutet schon darauf hin.

Stillen ist nicht gleich Muttermilchernährung. Es ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren: Nahrung, Schutzimpfung, Bindungselement zwischen Mutter und Kind und somit Anpassung an die Bedürfnisse des Säuglings in den ersten Lebensjahren. Es ist der nahtlose Übergang für unsere Säuglinge von der intrauterinen Umgebung, mit konstanter Nähe und konstanter Ernährung, in unsere Welt, mit viel Hautkontakt und gleichzeitig häufiger Ernährung. Es ist der normale Adaptionsprozess eines Säuglings und zugleich der normale Adaptionsprozess der Mutter.

Muttermilch ist also die beste Ernährung? Nein: Muttermilch ist die normale Nahrung, sie ist der Standard. Und Stillen ist die damit automatisch verbundene, normale Ernährungsform. So lange ein Säugling ein Säugling ist, eben im ersten Lebensjahr, ist dies die Haupternährungsform. Und auch danach, im zweiten Lebensjahr und darüber hinaus, sollte es ein wichtiger Bestandteil der Ernährung bleiben, nicht mehr in der Quantität, sondern vor allem in der Qualität.

Dabei lassen sich die einzelnen Inhaltstoffe dieser Nahrung gar nicht voneinander trennen. Schon der Infektschutz des Stillens ist ein filigranes Zusammenspiel von vielen Inhaltsstoffen der Muttermilch, wobei wir zum Teil die Rolle der einzelnen Substanzen noch gar nicht entschlüsselt haben, wie uns die Arbeiten von Prof. Lars Hanson aus Schweden zeigen, und darüber hinaus ist diese Schutzfunktion eine einzigartige Interaktion zwischen Mutter und Kind.

Wir in den Niederlanden möchten auch gerne eine Alpenlandschaft haben. Und der Anfang ist schon da. Der Vaalserberg, am Dreiländereck Niederlande-Deutschland-Belgien kommt hier in Betracht. Allerdings ist er noch nicht ganz, was er sein sollte. Also könnte die niederländische Regierung mal anordnen, dass er um 100 % erhöht wird. Das wäre doch schon mal einen Schritt in die richtige Richtung?

Allerdings ist dieser Vaalserberg 327 Meter hoch (mit Aussichtsturm 360 Meter), und auch wenn wir ihn um 100% erhöhen würden, käme er noch lange nicht an die Maße der Alpenlandschaft heran. Weiter erhöhen? Man muss ganz ehrlich sein, hier fehlt die Grundlage: Wesentliche Elemente der Alpenlandschaft fehlen. Nur mit dem Erhöhen des Hügels ist es nicht getan.

Flora und Fauna werden nie die Einzigartigkeit einer Alpenlandschaft erreichen. Als Ersatz reichen sie für einige aus. Manche Hoteliers tun sogar so, als ob hier die Alpen anfangen – Hotel „Alpenblick“ in Vaals zeugt davon. Das ist natürlich aber Augenwischerei. Der Vaalserberg ist nicht mit einer Alpenlandschaft zu vergleichen, auch wenn wir Niederländer das noch so gerne möchten. Er hat Naherholungswert, er ist wichtig für viele Menschen in der Region, aber es wäre vermessen zu sagen, dass er wie die Alpen ist.

Und auch hier haben wir unsere Parallele: Muttermilchersatznahrung ist Nahrung von akzeptabler Qualität, und diese Qualität lässt sich im Prinzip auch noch steigern. Nur: Sie kommt an das Original nicht heran. Sie bringt Risiken und Nachteile mit sich, sowohl für den Säugling und für die Mutter als auch für die Gesellschaft. Einige dieser Risiken und Nachteile sind Ihnen wahrscheinlich bekannt, andere sind vielleicht neu für Sie.

Dazu verweise ich auf zwei bedeutende Übersichtsarbeiten, die 2010 erschienen sind:

  1. AM Stuebe, EB Schwarz: The risks and benefits of infant feeding practices for women and their children. Journal of Perinatology 2010;30:155-162
  2. ME McNiel, MH Labbok, SW Abrahams: What are the Risks Associated with Formula feeding? A Re-Analysis and Review. Birth 2010;37: 50-58

Es gibt dazu noch sehr viel mehr zu sagen. Eine Tabelle mit entsprechenden Literaturhinweisen zu den Risiken der Flaschennahrung finden Sie in dem Buch „Stillen und Stillprobleme“ Kap. 4. Einige dieser Risiken möchte ich jedoch noch kurz erwähnen:

  • Die Kinder haben ein erhöhtes Risiko für akute Mittelohrentzündung, schwere Erkrankungen der unteren Atemwege, atopische Dermatitis, Übergewicht, Diabetes mellitus Typ 1 und 2, SIDS, nekrotisierende Enterocolitis.
  • Die Mütter haben ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Ovarialkrebs, Diabetes mellitus Typ 2, postpartale Depression.

Was bedeutet das für das Dortmunder Forum für Prävention und Ernährung? Ich zitiere jetzt aus der Einladung zu dieser Tagung: „Eine gesunde Ernährung von Anfang an ist ein wichtiger Bestandteil der primären Prävention und effektiven Gesundheitsförderung“. Wenn wir „von Anfang an“ beim Wort nehmen, dann kann das nichts anderes als Stillförderung bedeuten, in allen ihren Facetten.

Ziel ist es nicht, Mütter zum Stillen zu „verdonnern“, sondern vielmehr, Eltern sachlich über die Normalität des Stillens aufzuklären, die Risiken der Flaschenernährung zu erwähnen, und anschließend den Müttern zu helfen, ihre eigenen Ziele zum Stillen auch zu erreichen. Dazu bedarf es einer deutlich größeren Anstrengung von Politik, Wissenschaft und Beratung als das bisher der Fall war.

In Geburtsvorbereitungskursen muss gezielt auf den Wert des Stillens hingewiesen werden, dazu müssen die werdenden Eltern mit den Vorgängen des Stillens vertraut gemacht werden.

  • In den Krankenhäusern sollte ein optimaler Stillstart gefördert werden. Initiativen wie die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ helfen hier, die Vorgänge zu optimieren.
  • In der Nachbetreuung durch die Hebammen sollte das Stillen weiter unterstützt werden.
  • Mütterberatungsstellen und Kinderärzte sollten befähigt werden, die Eltern fachkundig zu beraten, auch und gerade wenn Stillschwierigkeiten auftreten.
  • In der Öffentlichkeit sollte das Stillen als die normale Ernährungsform des Säuglings dargestellt werden und nicht, wie so oft, mit Problemen verbunden dargestellt werden.
  • Die bestehenden Gesetze, wie das Mutterschutzgesetz und die Werbevorschriften in der Diätverordnung aus dem früheren Säuglingsnahrungswerbegesetz, sollten deutlich konsequenter als bisher angewandt werden.
  • Das Stillen sollte nicht als Spielball wirtschaftlicher Interessen gehandhabt werden.

Wie das gehen kann? Ein kleines Beispiel: Gerade gestern landete bei mir in der E-Mailbox das Poster der Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde. Unterstützt von Michelle Obama befasst sich diese Akademie mit der Prävention der Adipositas, wie sie auch hierzulande dringend gebraucht wird. Die Nationale Stillkommission und viele ehrenamtliche Organisationen und professionelle Verbände arbeiten bereits daran, allerdings mit kleinem Budget und wenig Unterstützung aus der Politik und den Gesundheitsverbänden. Dies ist aber einer der Schlüssel zum Erfolg, wenn wir über primäre Prävention und effektive Gesundheitsförderung reden.

Stillen ist normal. Es ist die normale Säuglingsernährung. Wenn wir eine Alpenlandschaft des Stillens haben wollen, reicht uns der Vaalserberg nicht aus.

Elien Rouw
Medizinischer Beirat AFS

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2011, S. 15-16

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