Rezept für Stillkugeln

Schnelle, nahrhafte Energielieferanten, die als Seelenfutter funktionieren: Stillkugeln sind bei Müttern beliebt. Viele Rezepte kursieren im Internet und in den verschiedenen Hebammen- und Stillratgebern. Dieses hier ist besonders schnell zubereitet und die Zutaten sind leicht zu beschaffen. 

Stillkugeln - Rezept nach Heike Riefler, meinschneckenhaus.de

Zutaten:

200 g Mandeln (gemahlen)

200 g getrocknete Aprikosen (oder Rosinen, Datteln, Feigen)

Saft von einer Zitrone

Zimt oder Vanillepulver 

Nach Wunsch Kokosflocken zum Wälzen der fertigen Kugeln

Zubereitung:

Alle Zutaten in der Küchenmaschine zerkleinern, so dass eine klebrige feste Teigmasse entsteht.

Kleine Kugeln formen.

Wer Kokosflocken mag, kann die Kugeln darin wälzen – das reduziert die klebrigen Finger beim Essen.

Über Nacht an der Luft trocknen lassen, danach im Kühlschrank aufbewahren.

Kriterien für empfehlenswerte Stillhilfsmittel

Stillhilfsmittel können als empfehlenswert angesehen werden, wenn sie folgende Kriterien erfüllen:

Elektrische Milchpumpen: 

  • Intervallschaltung
  • Zwischenventil
  • Saugstärkeregulierung mit einem Schalter
  • Abpumptrichter in verschiedenen Größen
  • Möglichkeit zum Anschluss eines Doppelpumpsets
  • Einfache Handhabung
  • Einfache Reinigung und Sterilisation des Zubehörs
  • Verständliche Gebrauchsanweisung

 

Hand-Milchpumpen:

  • Zwischenventil
  • Saugstärkeregulierung mit einem Schalter
  • Abpumptrichter in verschiedenen Größen
  • Einfache und leichtgängige Handhabung
  • Einfache Reinigung und Sterilisation des Zubehörs
  • Verständliche Gebrauchsanweisung

 

Muttermilchbeutel:

  • Ökologische Unbedenklichkeit
  • Geeignet zum Einfrieren von Muttermilch (Beutel aus Polypropylen)
  • Keine Geschmachsbeeinträchtigung der Muttermilch
  • Dicher und leicht zu handhabender Verschluss
  • Milliliterangabe
  • Angabe der maximalen Füllhöhe

 

Stillhütchen:

  • Dünnes Material
  • Vorzugsweise Silikon
  • Nach Möglichkeit mindestens an einer Seite ausgeschnitten
  • Verfügbar in verschiedenen Größen

 

Brustwarzenformer bzw. Brustwarzenschoner:

  • Gute Passform
  • Weiches Material, besonders an den Rändern
  • Belüftungslöcher für Luftzirkulation
  • Möglichkeit zum Einlegen von Saugeinlagen

Empfehlungen zur Stilldauer

Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Weltweit gilt die Empfehlung, dass Säuglinge zur Erzielung ihres optimalen Wachstums sowie ihrer optimalen Entwicklung und Gesundheit während der ersten 6 Lebensmonate voll (d.h. ausschließlich) gestillt werden sollten. Anschließend sind sie zur Deckung ihres sich weiterentwickelnden Nährstoffbedarfs mit ernährungsphysiologisch angemessener und sicherer Nahrung zusätzlich zur Muttermilch zu ernähren, und zwar bis zum Alter von 2 Jahren oder darüber hinaus.
nach: WHO and UNICEF: Global Strategy for Infant and Young Child Feeding, 2003

Amerikanische Kinderärztevereinigung (American Academy of Pediatrics)
Das ausschließliche Stillen bietet die ideale Ernährung und ist ausreichend für optimales Wachstum und optimale Entwicklung in etwa den ersten 6 Monaten nach der Geburt. Es wird empfohlen, das Stillen bis zum Ende des ersten Lebensjahres fortzusetzen und danach so lange zu stillen, wie es von beiden Seiten gewünscht wird.
nach: AAP: Recommendations on Breastfeeding for Healthy Term Infants, revidierte Fassung vom Februar 2005

Amerikanische Allgemeinärztevereinigung (American Academy of Family Physicians)
Die AAFP empfiehlt, dass alle Babys, mit ganz wenigen Ausnahmen, während der ersten 6 Monate ausschließlich gestillt und/oder anderweitig mit Muttermilch ernährt werden. Im zweiten Halbjahr des ersten Lebensjahres sollte das Stillen fortgesetzt und durch Beikost ergänzt werden. Das Stillen nach dem ersten Lebensjahr bietet einen beträchtlichen Nutzen für Mutter und Kind und sollte so lange fortgesetzt werden, wie von beiden Seiten gewünscht.
Stillen nach der Säuglingszeit: Idealerweise sollte das Stillen nach der Säuglingszeit fortgesetzt werden, was aber nicht der gängigen kulturellen Norm entspricht und daher laufende Unterstützung und Ermutigung erfordert. Das Stillen während einer nachfolgenden Schwangerschaft ist nicht ungewöhnlich. Wenn die Schwangerschaft normal verläuft und die Mutter gesund ist, liegt es im Ermessen der Mutter, ob sie während der Schwangerschaft weiter stillen möchte. Ist das Kind jünger als zwei Jahre, besteht durch Abstillen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Das Stillen des älteren Stillkindes nach der Geburt des nächsten Kindes (Tandemstillen) kann dazu beitragen, dem älteren Kind die Umstellung zu erleichtern.
nach: AAFP: Policy Statement on Breastfeeding, Stand 2001

Amerikanische Gynäkologenvereinigung (American College of Obstetricians and Gynecologists)
Die ACOG empfiehlt, voll (d.h. ausschließlich) zu stillen, bis der Säugling etwa 6 Monate alt ist. Längeres Stillen ist selbstverständlich von Vorteil. Ziel der Ärzteschaft ist es, so vielen Frauen wie möglich das Stillen zu ermöglichen bzw. sie dazu zu ermuntern, und zwar für einen möglichst langen Zeitraum.
nach: ACOG: Breastfeeding: Maternal and Infant Aspects, Bulletin Nr. 258, 2000, in der bei Dettwyler zitierten Fassung, da dieses Dokument nicht öffentlich zugänglich ist

Nationale Stillkommission der Bundesregierung (NSK)
Die Nationale Stillkommission gibt für Deutschland die folgenden Empfehlungen zur Stilldauer.
Sie hat dabei die Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 2000 eine Expertengruppe zur wissenschaftlichen Ableitung der optimalen Dauer des ausschließlichen Stillens eingesetzt hatte (WHO, 2001), und der 54. Weltgesundheitsversammlung (WHA) (2001) berücksichtigt. Der Ernährungsplan für das erste Lebensjahr des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund (Kersting, 2001) wird nach wie vor ausdrücklich unterstützt.
Dauer des ausschließlichen Stillens:
Muttermilch ist die beste Nahrung für nahezu alle Säuglinge. Ausschließliches Stillen in den ersten sechs Monaten ist für die Mehrzahl der Säuglinge die ausreichende Ernährung. [...]
Abstillen:
Die Stillkommission betont, dass Beikosteinführung nicht mit Abstillen gleichzusetzen ist. Der endgültige Zeitpunkt des Abstillens ist eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen wird. [...] Die Stillkommission gibt keine ausdrückliche Empfehlung, wann endgültig abgestillt werden sollte, weil sich für Deutschland hierzu keine wissenschaftlich begründete Basis finden lässt.
zitiert aus: Empfehlungen zur Stilldauer - Stellungnahme der Nationalen Stillkommission am BfR vom 1. März 2004

 aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2005, S. 16-17

Stillen und die Verwendung von Muttermilch

Unter diesem Titel wurden die neu überarbeiteten Richtlinien der American Academy of Pediatrics, einem der wichtigsten Verbände von Kinderärzten weltweit, veröffentlicht.

Diese Fachgesellschaft hat eine lange Tradition in Sachen Stillen. Bereits 1997 hat sie ganz klare Stillempfehlungen ausgesprochen. Wie bei allen guten Leitlinien werden auch diese Empfehlungen immer wieder überarbeitet und die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung fließen mit hinein. Die wichtigsten Erneuerungen werden hier zusammengefasst:

1. Sehr deutlich wird gesagt, dass die Entscheidung zum Stillen nicht im Bereich „Lifestyle“, also im Bereich des persönlichen Lebensstils anzusiedeln ist, der, wie z. B. Kleidung oder Make-Up, nur von den Vorlieben der Mutter abhängen sollte. Das Stillen hingegen ist eine ganz grundsätzliche und wichtige Gesundheitsentscheidung für das Wohlergehen des Säuglings. Es gibt überzeugende wissenschaftliche Belege, dass Nichtstillen das Risiko für eine Vielzahl an Erkrankungen erhöht, wie z. B. Infektionen, Allergien und Plötzlichen Kindstod. Die Effekte des Nichtstillens sind auch im späteren Alter noch bemerkbar, indem das Risiko für Adipositas, Herzkrankheiten, Zuckerkrankheit und Krebserkrankungen erhöht ist.

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Die versteckten Risiken der Periduralanästhesie

PDAs (Periduralanästhesien) stellen eine häufig eingesetzte Maßnahme zur Schmerzlinderung unter der Geburt dar. Aber um welchen Preis? Eine führende australische Ärztin erörtert, wie dieser invasive Eingriff den Geburtsvorgang behindert und sowohl der Mutter als auch dem Baby schadet.
Der dieser Übersetzung zugrundeliegende Text wurde in überarbeiteter Form aus dem Buch Gentle Birth, Gentle Mothering: The wisdom and science of gentle choices in pregnancy, birth and parenting entnommen. Dr. Sarah J. Buckley ist Ärztin für Allgemeinmedizin / Familienmedizin, international geachtete Autorin zu den Themen Schwangerschaft, Geburt und Erziehung und Mutter von vier Kindern, die alle zuhause geboren wurden. Weitere Texte von ihr sind auf
ihrer Homepage zu finden; dort ist auch ihr neuestes Buch erhältlich.


Der erste Einsatz einer PDA ist für das Jahr 1885 belegt, als der New Yorker Neurologe J. Leonard Coming Kokain in den Rücken eines Patienten injizierte, der unter „Rückenmarksschwäche und Spermainkontinenz“ litt.(1) Über ein Jahrhundert später sind PDAs die beliebteste Methode in der Analgesie (Schmerzstillung) in US-Kreißsälen geworden. Im Jahr 2002 gaben fast zwei Drittel der gebärenden Frauen, darunter 59 % der Frauen, die eine vaginale Geburt hatten, an, dass ihnen eine PDA verabreicht wurde;(2) in Kanada waren es 2001-2002 etwa die Hälfte aller vaginal Gebärenden,(3) und in Großbritannien erhielten 2003-2004 vor oder während der Entbindung 21 % der Frauen eine PDA.(4)

Bei einer PDA wird ein lokal wirksames Schmerzmittel (das vom Kokain abgeleitet ist) in den Periduralraum injiziert, also den Raum um die festen Häute (Dura) herum (peri), die das Rückenmark schützen. Eine konventionelle PDA betäubt oder blockiert sowohl die sensorischen als auch die motorischen Nerven ab ihrem Austritt aus dem Rückenmark. Dadurch kommt es zu einer sehr effektiven Schmerzstillung, aber die Empfängerin der PDA kann den unteren Teil ihres Körpers nicht mehr bewegen. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren sind PDAs entwickelt worden, die geringere Konzentrationen lokal wirksamer anästhetischer Wirkstoffe enthalten, und solche, die Kombinationen aus Lokalanästhetika und Opiatschmerzmitteln (also Wirkstoffen, die dem Morphin und Meperidin ähneln) enthalten, um die motorische Blockade zu verringern. Daraus ergibt sich eine PDA, die das Umhergehen noch erlaubt. Auch die Spinalanästhesie wird während des Geburtsvorgangs immer häufiger eingesetzt, um für eine geringere motorische Blockade zu sorgen. Bei der Spinalanästhesie werden Arzneimittel direkt durch die Dura und in den Spinalraum (Subarachnoidalraum) injiziert. Sie sorgen nur für eine kurzfristige Analgesie. Um die schmerzstillende Wirkung für die Wehendauer zu verlängern, werden PDAs jetzt auch gleichzeitig mit einer Spinalanästhesie verabreicht.

PDAs und Spinalanästhesien bieten der gebärenden Frau die wirksamste Methode zur Schmerzlinderung, die derzeit verfügbar ist, und Frauen, die diese Analgetika verwendet haben, geben an, mit der Schmerzlinderung sehr zufrieden zu sein. Die Zufriedenheit mit der Schmerzlinderung entspricht jedoch nicht der Gesamtzufriedenheit mit der Geburt,(5) und PDAs werden mit wesentlichen Störungen des Geburtsvorgangs in Verbindung gebracht. Diese Störungen können letztlich die Freude und Zufriedenheit einer Frau an und mit dem Geburtsvorgang beeinträchtigen, und sie können ebenso die Sicherheit der Geburt für Mutter und Kind gefährden.


PDAs und die Geburtshormone

PDAs stören manche der wichtigen Hormone des Geburtsvorgangs ganz erheblich, wodurch sich möglicherweise ihre negative Wirkung auf die Wehenprozesse erklären lässt.(6) Wie die Weltgesundheitsorganisation anmerkt: „Die PDA ist eines der verblüffendsten Beispiele für die Medizinisierung einer normalen Geburt, durch die ein physiologischer Vorgang in einen medizinischen Eingriff verwandelt wird.“(7)

So ist beispielsweise das auch als Hormon der Liebe bekannte Oxytocin ein natürliches Uterotonikum – eine Substanz, die dazu führt, dass sich die Gebärmutter im Geburtsvorgang zusammenzieht. Eine PDA verringert die Oxytocinfreisetzung durch die Mutter(8) oder verhindert den normalen Anstieg während der Wehen.(9) Die Auswirkung einer Spinalanästhesie auf die Oxytocinfreisetzung ist sogar noch deutlicher.(10) PDAs verhindern auch den mütterlichen Spitzenausstoß von Oxytocin, der bei der Geburt auftritt,(11) wenn nämlich die Oxytocinkonzentration den höchsten Wert im gesamten Leben der Mutter erreicht. Dieser Höchstwert löst die letzten starken Wehenkontraktionen aus und verhilft Mutter und Baby dazu, sich bei der ersten Begegnung ineinander zu verlieben. Ein weiteres wichtiges uterotonisches Hormon, das Prostaglandin F2-alpha, ist ebenfalls bei Frauen vermindert, die eine PDA erhalten.(12)

Beta-Endorphin ist das Stresshormon, das sich während des natürlichen Geburtsverlaufs anreichert, um der Gebärenden dabei zu helfen, den Schmerz zu überwinden. Beta-Endorphin wird auch mit dem veränderten Bewusstseinszustand in Verbindung gebracht, der während des Geburtsvorgangs normal ist. Das Gefühl, „auf einem anderen Planeten“ zu sein, wie es von manchen beschrieben wird, hilft der werdenden Mutter dabei, instinktiv mit ihrem Körper und ihrem Baby zusammenzuarbeiten und dabei oft Bewegungen und Töne zu nutzen. PDAs verringern die Freisetzung von Beta-Endorphin bei der Gebärenden.(13, 14) Vielleicht spiegelt der weitverbreitete Einsatz von PDAs unsere Schwierigkeiten wider, Frauen in diesem veränderten Zustand zu unterstützen – und auch die Vorliebe unserer Kultur für stille und ergebene Gebärende.

Adrenalin und Noradrenalin (Epinephrin und Norepinephrin, zusammen als Catecholamine oder CA bezeichnet) werden ebenfalls unter Stressbedingungen freigesetzt, und ihre Konzentrationen steigen bei einer nicht medikamentös begleiteten Geburt natürlicherweise an.(15) Am Ende eines ungestörten Geburtsvorgangs verleiht ein natürlicher Anstieg dieser Hormone der Mutter die Energie, das Baby herauszupressen, und macht sie aufgeregt und wach für die erste Begegnung mit ihrem Baby. Dieser Anstieg ist als fetaler Ejektionsreflex bekannt.(16)

Durch sehr hohe CA-Konzentrationen wird die Geburt jedoch gehemmt, was eintreten kann, wenn die Gebärende Hunger oder Angst hat, friert oder sich unsicher fühlt.(17) Evolutionär gesehen ist das sinnvoll: Wenn die Mutter eine Gefahr ahnt, verlangsamen ihre Hormone den Geburtsvorgang oder unterbrechen ihn, so dass sie Zeit hat, einen sichereren Ort aufzusuchen.

PDAs verringern die CA-Freisetzung der Gebärenden, was hilfreich sein kann, wenn hohe Konzentrationen den Geburtsvorgang hemmen. Eine Reduktion des letzten CA-Ausstoßes jedoch trägt unter Umständen zu Schwierigkeiten bei, die Frauen, die mit einer PDA gebären, oft beim Herauspressen ihres Babys erleben. Das wiederum bedeutet ein höheres Risiko einer instrumentierten Geburt (mit Zange oder Saugglocke), was mit dem Gebrauch der PDA einhergeht (siehe unten).


Auswirkungen auf den Geburtsvorgang

PDAs verlangsamen die Wehen, möglicherweise durch die oben beschriebenen Auswirkungen auf die Oxytocinfreisetzung der Gebärenden. Es gibt jedoch auch Hinweise aus der Tierforschung, dass die in PDAs eingesetzten Lokalanästhetika möglicherweise durch eine direkte Auswirkung auf den Gebärmuttermuskel die Kontraktionen hemmen.(18) Im Durchschnitt ist die erste Phase der Geburt bei Frauen, die eine PDA nutzen, um 26 Minuten verlängert, und die zweite, die Austreibungsphase, ist 15 Minuten länger.(19) Auch der Wegfall des letzten Oxytocinschubs trägt wahrscheinlich zu dem doppelt so hohen Risiko einer instrumentierten Geburt – mit Saugglocke oder Zange – für Frauen bei, die eine PDA bekommen,(20) obwohl auch andere Mechanismen eine Rolle spielen können.

So betäubt beispielsweise die PDA auch die Beckenbodenmuskeln der Gebärenden, die wichtig sind, um den Kopf des Babys in eine für die Geburt günstige Position zu geleiten. Wenn eine PDA gelegt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Baby in den letzten Stadien der Wehen in Sternguckerlage (mit dem Gesicht nach oben) liegt, erhöht – laut einer Studie ist das bei 13 % der Geburten der Fall, bei Frauen ohne PDA bei 3 %.(21) Die Sternguckerlage verringert die Chance einer spontanen vaginalen Entbindung; in einer Studie erlebten nur 26 % der Erstgebärenden (und 57 % der erfahrenen Mütter) mit einem Baby in Sternguckerlage eine spontane vaginale Geburt, bei den übrigen kamen Instrumente (Zange oder Saugglocke) oder ein Kaiserschnitt zum Einsatz.(22)

Die Anästhesisten hatten gehofft, dass eine niedrig dosierte oder mit einer Rückenmarksbetäubung kombinierte PDA die Wahrscheinlichkeit einer instrumentierten Geburt senken würde, aber die Verbesserung scheint nur mäßig zu sein. In der sogenannten COMET-Studie (Comparative Obstetric Mobile Epidural Trial – Vergleichsstudie von nicht die Bewegung einschränkenden PDAs in der Geburtshilfe) erlebten 37 % der Frauen mit einer herkömmlichen PDA eine instrumentengestützte Geburt, im Vergleich zu 29 % der Frauen mit niedrig dosierter PDA und 28 % der Frauen, die eine PDA kombiniert mit einer Spinalanästhesie hatten.(23)

Eine instrumentell gestützte Geburt kann für das Baby das kurzfristige Risiko von Blutergüssen, Gesichtsverletzungen, Verlagerung der Schädelknochen und eines Kephalhämatoms (Bluterguss unter der Kopfhaut) vergrößern.(24) Das Risiko einer intrakranialen Hämorrhagie (Blutung im Gehirn) war in einer Studie bei durch Zangengeburt entbundenen Babys viermal so hoch wie bei spontan entbundenen Babys,(25) wenngleich zwei Studien keine nachweisbaren Entwicklungsunterschiede bei durch Zangengeburt entbundenen Kindern im Alter von fünf Jahren zeigten.(26, 27) Eine andere Studie ergab, dass bei Zangengeburten nach einer PDA die Kraft, die zur Entbindung von der assistierenden Person aufgewendet werden musste, fast doppelt so hoch war wie bei Zangengeburten ohne PDA.(28)

Durch eine PDA wird auch der Bedarf an Pitocin zur Wehenverstärkung erhöht, wahrscheinlich aufgrund der negativen Auswirkung auf die Oxytocinfreisetzung der Gebärenden selbst. Bei Frauen, die mit einer PDA gebären, wird fast dreimal so häufig Pitocin verabreicht wie bei Frauen ohne PDA.(29) Die Kombination von PDA und Pitocin, die beide zu Anomalien der fetalen Herzfrequenz führen können, die auf Fetaldistress hindeuten, erhöht deutlich das Risiko einer operativen Geburt (Zange, Saugglocke oder Kaiserschnitt). In einer australischen Erhebung erlebte etwa die Hälfte der Erstgebärenden, die sowohl eine PDA als auch Pitocin bekommen hatten, eine operative Entbindung.(30)

Die Auswirkung einer PDA auf das Kaiserschnittrisiko ist umstritten. Jüngere Übersichtsarbeiten kommen entweder zu dem Schluss, dass kein erhöhtes Risiko besteht(31) oder ein um 50 % erhöhtes Risiko.(32) Am bedeutendsten ist dieses Risiko wahrscheinlich für Frauen, die bei ihrem ersten Baby eine PDA erhalten.(33)

Es ist zu beachten, dass es sich bei den meisten der Studien, die zu diesen Schlussfolgerungen gelangen, um randomisierte kontrollierte Studien handelt, in denen den Frauen, die in die Teilnahme einwilligen, zufällig entweder eine PDA als Schmerzmittel oder eine andere schmerzlindernde Maßnahme (also keine PDA) zugewiesen wird. Bei der Schmerzlinderung durch andere Maßnahmen als eine PDA werden üblicherweise Opiate wie Meperidin (auch als Pethidin bekannt) verabreicht. Viele dieser Studien sind durch hohe Wechselraten mangelhaft – d.h. viele Frauen, die zufällig eine PDA zugewiesen bekamen, entschieden sich für andere Schmerzmittel und umgekehrt. Außerdem fehlen in diesen Studien echte Kontrollgruppen – also Frauen, die überhaupt keine Schmerzmittel nehmen –, so dass sie keine Aussagen darüber treffen können, welche Auswirkungen PDAs im Vergleich zu einer Geburt ohne Schmerzmittel haben.


PDA-Techniken und Nebenwirkungen

Die in einer Geburts-PDA eingesetzten Arzneimittel sind stark genug, um die untere Körperhälfte der Mutter zu betäuben und oft auch zu lähmen, so dass es nicht überrascht, dass es zu erheblichen Nebenwirkungen bei Mutter und Baby kommen kann. Diese Nebenwirkungen reichen von geringfügigen bis zu lebensbedrohlichen Auswirkungen und hängen in gewissem Maß von den eingesetzten Arzneimitteln ab.

Viele der unten aufgeführten PDA-Nebenwirkungen sind bei geringer dosierten, das Umhergehen erlaubenden PDAs nicht geringfügiger, da Frauen, die diese Methoden verwenden, dennoch eine erhebliche Gesamtdosis eines Lokalanästhetikums aufnehmen. Das gilt besonders, wenn kontinuierliche Infusionen oder von der Patientin gesteuerte Boli (große Einzeldosen) verwendet werden.(34) Die Zugabe von Opiatwirkstoffen zu PDAs oder mit Spinalanästhesien kombinierten PDAs kann zu weiteren Risiken für die Mutter wie Pruritus (Juckreiz) und Atemdepression führen (siehe unten).


Nebenwirkungen bei der Mutter

Die häufigste PDA-Nebenwirkung ist ein Abfall des Blutdrucks. Diese Wirkung ist fast universell. Ihr wird normalerweise durch die Verabreichung intravenöser Flüssigkeiten vor dem Legen einer PDA vorgebeugt. Selbst wenn dieses „Vorladen“ erfolgt, kann es bei bis zur Hälfte aller mit einer PDA gebärenden Frauen zu einem deutlichen Abfall des Blutdrucks (Hypotonie) kommen,(35, 36) insbesondere in den Minuten nach Verabreichen eines Arzneimittelbolus. Hypotonie kann zu Komplikationen führen, die von Schwächegefühlen bis zum Herzstillstand reichen,(37) und kann auch die Blutversorgung des Babys beeinträchtigen (siehe unten). Hypotonie kann mit noch mehr intravenös verabreichten Flüssigkeiten und in schweren Fällen auch mit Injektionen von Epinephrin (Adrenalin) behandelt werden.

Andere häufige Nebenwirkungen von PDAs sind unter anderem die Unfähigkeit, Wasser zu lassen (wodurch ein Urinkatheter erforderlich wird) bei bis zu zwei Dritteln der Frauen;(38) Hautjucken (Pruritus) bei bis zu zwei Dritteln der Frauen, die ein Opiat per PDA verabreicht bekommen;(39, 40) Schüttelfrost bei bis zu einer von drei Frauen;(41) allgemeine Betäubung bei etwa einer von fünf Frauen;(42) und Übelkeit und Erbrechen bei einer von zwanzig Frauen.(43)

PDAs können auch zu einem Anstieg der Körpertemperatur bei der Gebärenden führen. Ein Fieber von mehr als 38 °C während des Geburtsvorgangs ist insgesamt bei Frauen, die eine PDA bekommen, fünfmal so häufig wie bei Frauen ohne PDA.(44) Dieser Temperaturanstieg ist häufiger bei Erstgebärenden und ist deutlicher, je länger die PDA besteht.(45) So hatten beispielsweise in einer Studie 7 % der Erstgebärenden mit einer PDA nach sechs Stunden Fieber, und dieser Anteil stieg nach 18 Stunden auf 36 % an.(46) Mütterliches Fieber kann erhebliche Auswirkungen auf das Baby haben (siehe unten).

Opiatarzneimittel, insbesondere, wenn sie ins Rückenmark verabreicht werden, können zu unerwarteten Atemproblemen bei der Mutter führen, die Stunden nach der Geburt einsetzen und bis zum Atemstillstand führen können. Ein Autor merkt an, dass „Atemdepression eine der am meisten gefürchteten und am wenigsten vorhersehbaren Komplikationen von… intrathekalen [ins Rückenmark verabreichten] Opioiden bleibt.“(47)

Viele Beobachtungsstudien haben einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von PDAs und Blutungen nach der Geburt (postnatalen Hämorrhagien) ergeben.(48-53) So wurde in einer großen Studie in Großbritannien festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit einer postnatalen Hämorrhagie bei Frauen, die während der Wehentätigkeit eine PDA gehabt hatten, verdoppelt war.(54) Diese Statistik kann in Zusammenhang mit der Zunahme instrumentierter Geburten und perinataler Traumata stehen (was zu Blutungen führt) oder auch einige der oben angeführten hormonellen Störungen widerspiegeln.

Bei 10 bis 15 % aller Frauen ist die Schmerzlinderung durch eine PDA nicht zufriedenstellend,(55) und der PDA-Katheter muss bei etwa 5 % neu gelegt werden.(56) Bei etwa 1 % der Frauen durchsticht die PDA-Kanüle die Dura. Dadurch kommt es in der Regel zu starken Kopfschmerzen, die bis zu sechs Wochen anhalten können, sich aber durch eine Injektion in den Periduralraum behandeln lassen.(57, 58)

Schwerere Nebenwirkungen sind selten. Wenn PDA-Arzneimittel unbeabsichtigt in den Blutkreislauf injiziert werden, können Lokalanästhetika toxische Wirkungen wie verwaschene Sprache, Schläfrigkeit und bei hohen Dosen auch Krampfanfälle haben. Das tritt bei etwa einer von 2.800 gelegten PDAs auf.(59) Insgesamt kommt es bei etwa einer von 4.000 Frauen zu lebensbedrohlichen Reaktionen.(60-63) Todesfälle im Zusammenhang mit Geburtshilfe-PDAs sind sehr selten,(64) können jedoch durch Herz- oder Atemstillstand oder durch einen PDA-Abszess, der sich Tage oder Wochen später entwickeln kann, hervorgerufen werden.

Späte Komplikationen können unter anderem Schwäche und Taubheitsgefühle sein, die bei 4 bis 18 von 10.000 Frauen auftreten. Die meisten dieser Komplikationen gehen innerhalb von drei Monaten von alleine zurück.(65-69) Langfristige oder bleibende Probleme können aus Nervenschädigungen während des Legens der PDA erwachsen, sowie aus Abszessen oder Hämatomen (Blutgerinnseln), die das Rückenmark komprimieren können, und aus toxischen Reaktionen in den Rückenmarkshäuten, die zu Querschnittslähmung führen können.(70)


Nebenwirkungen beim Baby

Einige der bedeutendsten und gut dokumentierten Nebenwirkungen für das ungeborene Baby (den Fetus) und das Neugeborene leiten sich von Auswirkungen auf die Mutter ab. Dazu zählen, wie bereits oben erwähnt, die Auswirkungen auf das hormonelle Zusammenspiel, den Blutdruck und die Temperaturregulation. Außerdem können die Arzneimittelkonzentrationen im Fetus und im Neugeborenen sogar höhere Werte als in der Mutter erreichen,(71) wodurch es zu direkten toxischen Wirkungen kommen kann. So kann eine PDA beispielsweise eine Änderung der fetalen Herzfrequenz (FHF) bewirken, die darauf hindeutet, dass es dem ungeborenen Baby an Blut und Sauerstoff mangelt. Von dieser Auswirkung ist bekannt, dass sie kurz nach Verabreichen einer PDA (üblicherweise innerhalb der ersten 30 Minuten) eintritt, bis zu 20 Minuten andauern kann und besonders wahrscheinlich ist, wenn Opiatwirkstoffe über die PDA oder eine Spinalanästhesie verabreicht werden. Die meisten dieser FHF lassen sich ohne Behandlung durch eine Lageänderung beheben. In selteneren Fällen kann eine medikamentöse Behandlung erforderlich sein.(72) Ausgeprägtere Änderungen und der durch sie angezeigte Fetaldistress können einen Notkaiserschnitt bedingen.

Man beachte auch, dass der Gebrauch von Opiatarzneimitteln für die Wehenanalgesie allgemein zu Anomalitäten der FHF führen kann. Dadurch ist es schwierig, die wahren Auswirkungen einer PDA auf die FHF zu bewerten, da in fast allen randomisierten Studien PDAs mit Meperidin oder anderen Opiatarzneimitteln verglichen werden. Ein Forscher merkt an, dass die Rückenlage möglicherweise erheblich zum Auftreten von Hypotonie und Anomalitäten der FHF beiträgt, wenn eine PDA gelegt wurde.(73) Ein anderer stellte fest, dass die Rückenlage (in Kombination mit einer PDA) mit einem erheblichen Rückgang der Sauerstoffversorgung des Gehirns des Babys (fetale zerebrale Oxygenierung) verbunden war.(74)

Das Baby kann auch von einem durch die PDA ausgelösten Anstieg der Körpertemperatur der Gebärenden betroffen sein. In einer großen Studie bei Erstgebärenden waren Babys von fiebernden Müttern, von denen 97 % eine PDA erhalten hatten, mit größerer Wahrscheinlichkeit in schlechtem Zustand (niedriger Apgar-Wert) als Babys von fieberfreien Müttern; sie hatten außerdem mit größerer Wahrscheinlichkeit einen schlechten Tonus und benötigten eine Wiederbelebung (11,5 % gegenüber 3 %) oder hatten Krampfanfälle in der Neugeborenenzeit.(75) Ein Forscher stellte einen zehnfachen Anstieg des Risikos für eine Neugeborenenenzephalopathie (Anzeichen von Hirnschäden) bei von fiebernden Müttern geborenen Babys fest.(76)

Mütterliches Fieber unter den Wehen kann auch zu direkten Problemen für das Neugeborene führen. Da Fieber ein Anzeichen einer die Gebärmutter betreffenden Infektion sein kann, werden Babys, die von fiebernden Müttern geboren werden, fast immer auf Anzeichen einer Infektion (Sepsis) untersucht. Die Sepsisuntersuchung bedingt eine längere Trennung von der Mutter, Aufnahme auf eine Intensivstation, invasive Tests und höchstwahrscheinlich die Gabe von Antibiotika, bis die Testergebnisse vorliegen. In einer Studie mit Erstgebärenden wurde bei 34 % der PDA-Babys eine Sepsisuntersuchung durchgeführt, im Vergleich zu 9,8 % der Nicht-PDA-Babys.(77)


Arzneimittel und Toxizität

Jedes Arzneimittel, das die Gebärende bekommt, wird durch die Plazenta an ihr Baby weitergegeben, das für toxische Wirkungen empfindlicher ist. Die maximalen Wirkungen sind am wahrscheinlichsten bei der Geburt und in den Stunden unmittelbar danach zu erwarten, wenn die Arzneimittelkonzentration am höchsten ist.

Es gibt wenige Studien zum Zustand von PDA-Babys bei der Geburt, und fast alle davon vergleichen Babys, die nach einer PDA geboren wurden, mit Babys, die unter der Geburt Opiatwirkstoffen ausgesetzt waren, von denen bekannt ist, dass sie schläfrig machen und Atemprobleme verursachen. Diese Studien ergeben kaum einen Unterschied zwischen PDA- und Nicht-PDA- (üblicherweise mit Opiatkontakt) Babys hinsichtlich Apgar-Wert und pH-Wert der Nabelschnur, die beide ein Maß für den Zustand des Babys bei der Geburt sind.(78) Es liegt jedoch eine Erhebung in einer großen Population aus Schweden vor, die ergab, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen einer PDA und einem niedrigen Apgar-Wert bei der Geburt besteht.(79)

Es gibt auch Berichte über eine Arzneimitteltoxizität bei Neugeborenen durch PDA-Wirkstoffe, insbesondere bei über eine PDA verabreichten Opiaten.(80) Die Neugeborenen-Opiattoxizität scheint bei höheren Dosierungsschemata wahrscheinlich zu sein, insbesondere bei solchen, bei denen die Mutter sich selbst zusätzliche Dosen verabreichen kann. Jedoch gibt es sehr große Unterschiede in der Empfindlichkeit der einzelnen Neugeborenen.(81)

Man muss bedenken, dass die Fähigkeit, Arzneimittel zu verarbeiten und auszuscheiden, bei Neugeborenen weit weniger ausgeprägt ist als bei Erwachsenen. So beträgt beispielsweise die Halbwertszeit (die Zeit, die es dauert, bis die Arzneimittelkonzentration im Blut halbiert ist) für das Lokalanästhetikum Bupivacain (Marcain) beim Neugeborenen 8,1 Stunden im Vergleich zu 2,7 Stunden bei der Mutter.(82) Außerdem spiegeln die Arzneimittelkonzentrationen im Blut möglicherweise die toxische Belastung des Babys nicht korrekt wieder, da Arzneimittel aus dem Blut in die Gewebe, z.B. in Gehirn und Leber, des Neugeborenen aufgenommen werden können,(83) aus denen sie langsamer wieder freigesetzt werden.(84)

In einer jüngeren Übersichtsarbeit wurden bei einer PDA ausgesetzten Babys auch höhere Gelbsuchtraten festgestellt. Dieses Ergebnis kann auf die vermehrten instrumentengestützten Entbindungen oder den häufigeren Gebrauch von Pitocin zurückzuführen sein.(85)


Auswirkungen auf das neurologische Verhalten

Die Auswirkungen von PDA-Arzneimitteln auf das neurologische Verhalten (Verhalten, das den Zustand des Gehirns widerspiegelt) sind umstritten. Ältere Studien, in denen Babys, die einer PDA ausgesetzt waren, mit Babys verglichen wurden, deren Mütter keine Arzneimittel erhalten hatten, zeigten signifikante Auswirkungen auf das neurologische Verhalten. Neuere Ergebnisse aus randomisierten kontrollierten Studien (die, wie bereits angemerkt, Neugeborene nach PDA- und nach Opiatkontakt miteinander verglichen) zeigten dagegen keine Unterschiede. Die älteren Studien verwendeten jedoch den umfassenderen (und schwieriger durchzuführenden) Test nach Brazelton (Brazelton Neonatal Behavioral Assessment Score, NBAS, von Kinderärzten entwickelt), wogegen jüngere Tests weniger komplexe Untersuchungen umfassen, insbesondere den von Anästhesisten entwickelten NACS (Neurologic and Adaptive Capacity Score), der alle Daten in einer einzigen Zahl zusammenfasst und als unempfindlich und unzuverlässig kritisiert worden ist.(86-88)

So stellen beispielsweise alle drei Studien, die einer PDA ausgesetzte Babys mit nicht mit Arzneimitteln in Kontakt gekommenen Babys verglichen und den NBAS verwendeten, signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen fest:(89)

Ann Murray et al. verglichen 15 nicht mit Arzneimitteln in Kontakt gekommene mit 40 einer PDA ausgesetzten Babys und stellten fest, dass die PDA-Babys auch nach fünf Tagen noch einen deutlich niedrigeren NBAS-Wert hatten, verbunden insbesondere mit Problemen, ihren Zustand zu regulieren. Zwanzig Babys, deren Mütter zusätzlich zu der PDA auch Oxytocin erhalten hatten, zeigten sogar noch niedrigere NBAS-Werte, die möglicherweise durch die in dieser Gruppe höhere Gelbsuchtsrate zu erklären sind. Nach einem Monat bewerteten PDA-Mütter ihre Babys als „weniger anpassungsfähig, angespannter und anstrengender in ihrem Verhalten.“ Diese Unterschiede ließen sich nicht durch die schwierigeren Entbindungen und anschließenden Trennungen von Mutter und Kind erklären, die mit PDAs einhergingen.(90)

Carol Sepkoski et al. verglichen 20 PDA-Babys mit 20 nicht mit Arzneimitteln in Kontakt gekommenen Babys und stellten im ersten Lebensmonat weniger Wachheit und ein geringeres Orientierungsvermögen fest. Die PDA-Mütter verbrachten im Krankenhaus weniger Zeit mit ihren Babys, und zwar in direkter Relation zur verabreichten Gesamtdosis Bupivacain.(91)

Deborah Rosenblatt et al. untersuchten PDA-Babys sechs Wochen lang mit dem NBAS-Test und stellten die stärkste Absenkung des Wertes am ersten Tag fest. Obwohl es zu einer gewissen Erholung kam, weinten die PDA-Babys nach drei Tagen immer noch leichter und öfter, und Aspekte dieses Problems („Regulierung des Zustands“) blieben die ganzen sechs Wochen über bestehen.(92)

Obwohl diese älteren Studien mit herkömmlichen PDAs durchgeführt wurden, war die den Müttern verabreichte Gesamtdosis Bupivacain (in diesen Studien betrugen die Mittelwerte 61,6 mg, 112,7 mg bzw. 119,8 mg) in etwa vergleichbar mit denen aus jüngeren Niederdosisstudien (z.B. 67,5 mg, 91,1 mg und 101,1 mg).(93-98)

Diese Studien zum neurologischen Verhalten betonen die mögliche Auswirkung von PDAs auf Neugeborene und auf die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mutter und Säugling. In ihren Schlussfolgerungen zeigen sich die Forscherinnen besorgt über „die Bedeutung der ersten Begegnung mit einem desorganisierten Baby für die Ausbildung mütterlicher Erwartungen und interaktiver Stile.“(99)


Tierstudien

Tierstudien deuten darauf hin, dass die oben beschriebene Störung der mütterlichen Hormone durch PDAs auch zu Schwierigkeiten zwischen Mutter und Säugling beitragen können. Forscher, die gebärenden Schafen eine PDA verabreichten, stellten fest, dass die so behandelten Mutterschafe Schwierigkeiten hatten, eine Bindung zu ihren neugeborenen Lämmern aufzubauen, und zwar insbesondere Mutterschafe, die zum ersten Mal lammten und die PDA im frühen Wehenstadium bekommen hatten.(100)

Es gibt keine Langzeitstudien zu den Auswirkungen der PDA auf den betroffenen menschlichen Nachwuchs. Studien, die an einigen unserer nächsten tierischen Verwandten durchgeführt wurden, geben jedoch Anlass zur Besorgnis. M. S. Gloub et al. verabreichten schwangeren Rhesusaffen am Ende der Schwangerschaft Bupivacain durch eine PDA und beobachteten die Entwicklung der betroffenen Nachkommen bis zum Alter von 12 Monaten (was etwa vier Jahren in der menschlichen Entwicklung entspricht). Sie stellte fest, dass das Erreichen von Entwicklungsmeilensteinen bei diesen Affen nicht normal verlief: Im Alter von sechs bis acht Wochen fingen sie nur langsam an, feinmotorische Fertigkeiten zu entwickeln, und im Alter von 10 Monaten war das normalerweise auftretende „motorisch gestörte Verhalten“ verlängert.(101) Die Autorin schließt daraus, dass „diese Wirkungen ein Ergebnis der Auswirkungen auf störbare Prozesse im Gehirn während einer empfindlichen Phase sein könnten, oder der Störung der Programmierung der Gehirnentwicklung durch exogene (äußere) Wirkstoffe, oder der Veränderung des frühen Erlebens.“(102)


Stillen

Wie beim neurologischen Verhalten sind auch die Auswirkungen auf das Stillen nur schlecht untersucht. Außerdem geben jüngere randomisierte kontrollierte Studien, in denen der Kontakt mit einer PDA mit dem mit Opiatarzneimitteln verglichen wird, einen besonders irreführenden Eindruck, da Opiate einen anerkannt negativen Effekt auf das frühe Stillverhalten und den Stillerfolg haben.(103-107)

PDAs können sich über verschiedene Mechanismen auf Stillerfahrung und -erfolg auswirken. Erstens kann das der PDA ausgesetzte Baby Anomalien des neurologischen Verhaltens aufweisen, die durch den Kontakt mit dem Arzneimittel bedingt und in den Stunden nach der Geburt am stärksten ausgeprägt sind, also in der Zeit, die sehr wichtig für den Beginn des Stillens ist. Jüngere Forschungsarbeiten haben gezeigt (was eigentlich offensichtlich ist), dass das Stillen umso besser bewertet wird, je höher der Wert für das neurologische Verhalten des Säuglings ist.(108)

In einer weiteren Studie waren die Stillfähigkeiten des Babys, die mit dem Infant Breastfeeding Assessment Tool (IBFAT) gemessen wurden, bei arzneimittelfrei geborenen Babys am größten, geringer bei Babys, die einer PDA oder intravenösen Opiaten ausgesetzt waren, und am geringsten bei Babys, die mit beidem Kontakt hatten. Säuglinge, die hier niedrigere Werte hatten, wurden früher abgestillt, obwohl in allen Gruppen ähnlich viele Kinder nach sechs Wochen noch gestillt wurden.(109) Andere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass Babys, die einer PDA oder einer Spinalanästhesie ausgesetzt waren, im Krankenhaus eher an Gewicht verloren, was auf eine schlechte Stilleffizienz hindeuten kann.(110) Eine weitere Untersuchung hat Hinweise darauf ergeben, dass das Stillverhalten und die NACS-Werte von Neugeborenen bei ultraniedrig dosierter PDA normal sein können, doch selbst in dieser Studie wiesen Babys mit einer höheren Arzneimittelkonzentration nach zwei Stunden geringere NACS-Werte auf.(111)

Zweitens kann die PDA die frisch entbundene Mutter beeinträchtigen und so das Stillen erschweren. Diese Situation ist wahrscheinlich, wenn sie einen langen Geburtsverlauf, eine instrumentengestützte Entbindung oder eine Trennung von ihrem Baby erlebt – Ereignisse, die nach einer PDA wahrscheinlicher sind. Auch Störungen im Hormonhaushalt können dazu beitragen, da Oxytocin ein wichtiges Hormon für das Stillen ist.

In einer Studie wurde festgestellt, dass nach einer PDA geborene Babys mit geringerer Wahrscheinlichkeit noch bei der Krankenhausentlassung gestillt wurden; dieses Risiko bestand insbesondere für PDA-Mütter, deren Babys nicht innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt gestillt wurden.(112) Eine finnische Erhebung stellte fest, dass 67 % der Frauen, die unter den Wehen eine PDA erhalten hatten, angaben, in den ersten 12 Wochen teilweise oder ganz künstliche Säuglingsnahrung gefüttert zu haben; bei den Nicht-PDA-Müttern waren es 29 %. Die Mütter mit einer PDA gaben auch mit größerer Wahrscheinlichkeit an, „nicht genug Milch“ zu haben.(113)

Zwei schwedische Forschungsgruppen haben sich mit dem subtilen, aber komplexen Still- und Vorstillverhalten von nicht mit Arzneimitteln in Kontakt gekommenen Neugeborenen befasst. Eine Gruppe hat dokumentiert, dass ein Neugeborenes, das Haut an Haut auf den Bauch der Mutter gelegt wird, hochkrabbeln, die Brustwarze finden und sich selbst anlegen kann.(114) Neugeborene, die während der Wehen mit Opiaten in Kontakt kommen oder nach der Geburt kurzfristig von der Mutter getrennt werden, verlieren diese Fähigkeit weitgehend. Die andere schwedische Gruppe stellte fest, dass Neugeborene, die während der Wehen einer Form der Analgesie ausgesetzt waren (in den meisten Fällen Opiate, aber auch einige PDAs), ebenfalls in ihrem Vorstillverhalten – Kneten und Lecken der Brustwarze, Saugen an der Hand – im Vergleich zu nicht mit Arzneimitteln in Kontakt gekommenen Neugeborenen desorganisiert waren.(115)


Zufriedenheit mit der Geburt

Geburtshelfer sind lange davon ausgegangen, dass das Hauptanliegen der Gebärenden die Schmerzstillung ist, und dass eine effektive Schmerzstillung ein positives Geburtserlebnis garantiert. Es gibt aber Hinweise darauf, dass gerade das Gegenteil zutreffend ist. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Frauen, die keine Schmerzmittel während der Wehen verwenden, am zufriedensten mit der Geburt zum Zeitpunkt der Geburt,(116) sechs Wochen danach(117) und ein Jahr danach(118) sind. Bei einer Erhebung in Großbritannien mit 1.000 Frauen nannten diejenigen, die eine PDA bekommen hatten, die besten Ergebnisse für die Schmerzstillung, aber gaben die geringste Zufriedenheit mit der Geburt an, was wahrscheinlich auf die höheren Raten der Eingriffe zurückzuführen ist.

Abschließend ist anzumerken, dass es in großem Maße die entsprechende Vorliebe der betreuenden Personen ist, die über den Gebrauch von PDAs und anderen medizinischen Verfahren bei Gebärenden entscheidet. Eine Studie stellte fest, dass Frauen, die vom Hausarzt betreut wurden und durchschnittlich weniger PDAs erhielten als andere Frauen, auch weniger wahrscheinlich an einen Wehenschreiber angeschlossen wurden, Pitocin erhielten, per Kaiserschnitt entbunden wurden und dass ihre Babys mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf die Neugeborenenintensivstation mussten.(119)


Schlussfolgerung

PDAs haben einen möglichen Nutzen, aber auch erhebliche Risiken für die Gebärende und ihr Baby. Diese Risiken sind in der medizinischen Fachliteratur gut belegt, werden der Gebärenden aber unter Umständen nicht mitgeteilt. Frauen, die keine PDA nutzen möchten, ist zu raten, sich Betreuer und Betreuungsmodelle zu suchen, die die Prinzipien und Praxis einer natürlichen und ungestörten Geburt fördern, unterstützen und verstehen.

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Glossar

Apgar-Wert - Zahl zur Kennzeichnung des Zustandes eines Neugeborenen während der ersten Lebensstunden. Bewertet werden Hautfarbe, Atembewegungen, Herzfrequenz, Muskeltonus, Antwort auf bestimmte Reize.
Atemdepression - Verminderung der Atemfrequenz
Dura - harte Rückenmarkshaut
et al. - et alia, Latein für „und andere“, übliche Abkürzung für mehrere Autoren von wissenschaftlichen Arbeiten
Fetaldistress - zusammenfassende Bez. für die Gefährdungen, die dem Fetus bzw. Neugeborenen vor, während und nach der Geburt drohen, insbesondere ein Sauerstoffmangel unter der Geburt
invasiv - in den Körper eindringend, eingreifend
Lokalanästhetikum - Mittel zur örtlichen Betäubung
motorische Blockade - Betäubung der motorischen Nerven, die dazu führt, dass Muskeln nicht mehr bewegt werden können
motorische Nerven - Nerven, die für die Weiterleitung von „Befehlen“ an die Muskeln zuständig sind
perinatales Trauma - Verletzung, die um die Geburt herum auftritt
pH-Wert - gibt den Säuregrad einer Substanz an
Pitocin - künstliches Oxytocin
randomisierte kontrollierte Studie - Studie, in der ein Arzneimittel oder medizinisches Verfahren untersucht wird, indem zwei Gruppen von Probanden das Mittel/Verfahren zufällig verabreicht oder nicht verabreicht wird. Die Gruppe, die das Arzneimittel/Verfahren nicht erhält, ist die Kontrollgruppe.
sensorische Nerven - Nerven, die für die Weiterleitung wahrgenommener Reize, z.B. das Fühlen zuständig sind
signifikant - „bedeutend, wesentlich“ - in diesem Text im Sinne von statistisch signifikant gebraucht, d.h., dass die als signifikant bezeichnete Tatsache statistisch abgesichert ist
Subarachnoidalraum - der zwischen weicher Rückenmarkshaut und Spinngewebshaut liegende, mit Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit gefüllte Raum
Tonus - Spannungszustand (z.B. der Muskulatur)
Urinkatheter - Schlauch zum Abführen von Urin aus der Blase

Sarah J. Buckley
The Hidden Risks of Epidurals
Mothering, Nr. 133, November/Dezember 2005

Übersetzung und Glossar: Dr. Ulrike Walter-Lipow

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2006, S. 23-30

Gemeinsam schlafen – Chance oder Risiko?

Vor der Geburt ist für viele Eltern noch alles klar. Das Baby soll natürlich in seinem Bettchen schlafen. Und dann ist es auf der Welt, wird gestillt, und die junge Mutter sieht sich mit ungeahnten Problemen konfrontiert. Das an der Brust friedlich eingeschlafene Kind lässt sich nicht wieder ins Babybett legen, ohne schreiend aufzuwachen. Die Mutter fühlt sich durch das häufige Aufstehen wie gerädert, bekommt zuwenig erholsamen Schlaf und verliert die Lust, nachts überhaupt zu stillen. Oder sie findet es zunehmend praktischer, das Baby gleich oder zumindest ab dem ersten Nachtstillen bei sich im Bett zu behalten. Vielleicht schläft sie beim Stillen gleich selbst mit ein. Eigentlich sehr gemütlich. Wären da nicht die Sorgen wegen der Expertenmeinungen…


Verunsicherte Eltern

In den letzten Jahren stieg mit der Stillhäufigkeit auch die Anzahl der Eltern bzw. Mütter, die mit ihren Kindern gemeinsam schlafen. Viele Familien und soziale Gruppierungen schätzen das Familienbett – als traditionelle Praxis, als positive elterliche Entscheidung, als entspannten Weg im Umgang mit den nächtlichen Bedürfnissen des Kindes.
In der einschlägigen Literatur, in Broschüren der BZgA und von Landesbehörden gibt es reichlich Empfehlungen für werdende und junge Eltern zum Thema „sicherer Babyschlaf“; die allermeisten raten zum Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern und sind strikt gegen gemeinsames Schlafen von Eltern und Kindern in einem Bett. Diese offiziellen Empfehlungen stellen werdende oder junge Eltern vor die Wahl – sie können den Empfehlungen folgen (was z.B. das Stillen erschwert), oder sie entscheiden sich dagegen, dann tragen sie das volle Risiko und haben zudem oft ein schlechtes Gewissen. Die polemische Ausdrucksweise in den Broschüren erzeugt großen Druck und teilweise extreme Angst bei Eltern. Auch Familien, die sich bewusst und gern für eine gemeinsame Schlafstelle entscheiden, stehen immer wieder unter Rechtfertigungsdruck.
ABM (Academy of Breastfeeding Medicine) und ILCA (International Lactation Consultant Association) äußern sich besorgt zu diesem Trend. Stillhemmende Empfehlungen müssten sehr sorgfältig gegen die Vorteile des Stillens abgewogen werden. Nancy Wight, die Präsidentin der ABM, erklärte sogar, „die AAP-Empfehlungen zeigten einen wirklich erstaunlichen Triumph ethnozentrischer Annahmen über gesunden Menschenverstand und medizinische Forschung“.


Wissenschaftliche Grundlage von Empfehlungen –
SIDS als Ausschlussdiagnose

Die Amerikanische Kinderärztevereinigung AAP (American Academy of Pediatrics) und nationale Ministerien und Organisationen in Nordamerika und Europa gleichermaßen empfehlen zur Vorbeugung von Unfällen und Plötzlichem Kindstod (SIDS, Sudden Infant Death Syndrome) ein festes Schlafarrangement mit dem Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern. Auf den ersten Blick ein löblicher Ansatz. Doch was ist die wissenschaftliche Grundlage dafür?
Der Plötzliche Kindstod ist zwar selten, aber dennoch die häufigste Todesursache bei Kindern unter einem Jahr und für betroffene Familien eine große Tragödie. Zuvor normal und gesund erscheinende Säuglinge sterben plötzlich und ohne erkennbare Ursache im Schlaf, meist nachts und überwiegend im dritten und vierten Lebensmonat. In Deutschland beträgt die Häufigkeit etwa 0,5 auf 1.000 lebend geborene Kinder.
Die Diagnose SIDS ist eine reine Ausschlussdiagnose, die so nur nach einer Obduktion gestellt werden kann. In einer englischen Studie zeigten sich jedoch viele Ähnlichkeiten von SIDS-Todesfällen und plötzlichen unerwarteten, aber erklärbaren Todesfällen im Säuglingsalter (SUDI, Sudden and Unexpected Death in Infancy). Hauptunterschied war die Altersverteilung der betroffenen Kinder, ansonsten gab es erstaunlich viele epidemiologische Übereinstimmungen. Möglicherweise stehen hinter SIDS ebenfalls medizinisch erklärbare Ursachen, die heute nur noch nicht bekannt oder pathologisch nachweisbar sind?


Schwierige Ursachenforschung

Forschung zum Thema SIDS besteht überwiegend aus epidemiologischen Studien, d.h. es werden Daten bekannter SIDS-Fälle zusammengestellt und ausgewertet. Epidemiologen werden auch als „Forscher, die besonders gut zählen können“ bezeichnet. Im Ergebnis kann man auf besondere Begleitumstände schließen, die gehäuft in Verbindung mit SIDS-Fällen auftreten, aber echte Ursachenforschung ist dies nicht, und der Grund, warum manche Kinder scheinbar grundlos im Schlaf sterben, ist immer noch nicht sicher bekannt.
Epidemiologische Forschung kann nur bereits erhobene Daten verwerten. Aber schon die Datenerhebung spiegelt den kulturellen Hintergrund der beteiligten Personen und beeinflusst den wissenschaftlichen Fokus. Die Beurteilung der Auffindesituation in SIDS-Fällen durch Gutachter wird von den sozialen Umständen der Familie geprägt: In sozial schwachen Familien wird so ein Todesfall oft als Überliegen eingestuft, in Mittelklassefamilien eher als SIDS oder Lungenentzündung. Oft wird auch nicht sensibel zwischen verschiedenen Formen des Co-Sleepings unterschieden; wenn z.B. ein krankes Kind ausnahmsweise im Elternbett schläft und stirbt, ist möglicherweise eher die Krankheit Ursache für den Tod als das gemeinsame Schlafen.

Als wahrscheinliche Ursachen für SIDS werden Atemstillstand, Aufwachdefizite oder eine Kombination aus beidem diskutiert. Atemstillstände können beispielsweise aufgrund einer Unreife des Atemzentrums oder Obstruktion (Behinderung der Atmung aufgrund von Schnupfen, Krankheit), durch Überwärmung (aufgrund von Infekten oder in Bauchlage können Säuglinge oft ihre Körpertemperatur nicht optimal regulieren) oder Rauchen (Obstruktion, Entzündung der Atemwege) auftreten. Aufwachdefizite bei Hypoxie (Sauerstoffmangel) bzw. Anstieg des CO2-Gehalts im Blut stehen oft in Verbindung mit allgemein schwerer Erweckbarkeit aus dem Schlaf, Rauchen in der Schwangerschaft und/oder Ernährung des Kindes mit künstlicher Säuglingsnahrung. Normalerweise führt Sauerstoffmangel oder zu hoher CO2-Gehalt (z.B. aufgrund von Rückatmung der eigenen Ausatemluft) zu spontanen Bewegungen und Erwachen bzw. Übertritt in ein anderes, leichter erweckbares Schlafstadium; von Aufwachdefiziten betroffene Kinder schlafen jedoch einfach weiter und ersticken allmählich im Schlaf.


Risikofaktoren für SIDS

Viele Risikofaktoren für SIDS sind bekannt, aber nicht für alle ist der Odd-Factor (Zunahme des Risikos) wirklich sicher bestimmbar, weil Risikofaktoren oft gebündelt auftreten und in der Auswertung nicht immer voneinander abgegrenzt werden können. Hier greift auch wieder die Problematik der Datenerhebung – was nicht erhoben wird, kann nicht in die Berechnung einfließen.

SIDS-Risikofaktoren 
(nach Linderkamp et al.) 

Zunahme des Risikos
(Odd-Factor)

Bauchlage vs. Rückenlage

      13

Seitenlage vs. Rückenlage

        1,3

Rauchen ohne Bed-Sharing

        5

Rauchen und Bed-Sharing

      15

Junge vs. Mädchen 

        1,5

Mehrlinge vs. Einling

        2,4

Geburtsgewicht < 2.500g

        4

Mutter < 18 J. vs. > 30 J.

        7

Mutter 21-25 J. vs. > 30 J.

        3

2. Kind vs. 1. Kind 

        2

3. Kind vs. 1. Kind

        3

4. Kind vs. 1. Kind 

        4

Partner arbeitslos

        2

zusammenlebend vs. verheiratet

        1,5

alleinerziehend 

        1,6

Die Bauchlage ist schon früh als einer der Haupt-Risikofaktoren erkannt worden. Anfang der 90er Jahre gab es weltweit großangelegte Kampagnen, die auf dieses Risiko hinwiesen und Rücken- bzw. Seitenlage propagierten.
In England wurden die Veränderungen der epidemiologischen Charakteristik seit der „Back to Sleep“-Kampagne im Jahr 1991 untersucht. Viele Risikofaktoren sind gleichgeblieben – z.B. Altersverteilung, Jungen, niedriges Geburtsgewicht, kurze Schwangerschaftsdauer, Probleme des Kindes nach der Geburt, ungünstige Demographie, Mehrlinge, vorhergehende Totgeburt bzw. Kindstod. Es gibt keine Häufung der Fälle an bestimmten Wochentagen, und der Winterpeak ist deutlich reduziert – früher gab es in den Wintermonaten wesentlich mehr SIDS-Fälle als jeweils in den anderen drei Quartalen, nun sind es 27 % und damit nur noch knapp über ein Viertel der gesamten Fälle. Rauchen und Zugehörigkeit zu sozialen Randgruppen sind zu den wichtigsten Risikofaktoren geworden.

In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Co-Sleeping einer der Risikofaktoren für SIDS sein könnte. Dennoch ist es problematisch, aus diesen Hinweisen schon auf eine generelle Gefährdung im gemeinsamen Bett zu schließen. Wenn gemeinsames Schlafen in bezug auf erhöhtes SIDS-Risiko untersucht wird, müssen auch immer alle beteiligten Personen und Umstände einbezogen werden. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die meisten Studien nicht zwischen verschiedenen Formen des Co-Sleepings differenzieren, oder ob die mit dem Baby schlafenden Erwachsenen in irgendeiner Form beeinträchtigt waren (Alkohol, Drogen, Medikamente) oder rauchten. Auch die verwendete Schlafunterlage wurde in die Auswertung selten einbezogen. Bei genauerer Betrachtung aller Begleitumstände sieht die Lage dann nämlich etwas anders aus! Kontrollierte Studien, die Tabak und Alkohol erfassten, zeigten wenig oder keine unabhängige Beziehung zwischen Bed-Sharing und SIDS. Dennoch gibt es weitere Faktoren, die gemeinsames Schlafen beeinflussen – alle müssten bei der Auswertung einbezogen werden!
Bisher schloss keine epidemiologische Studie eine ausreichende Zahl vollstillender, nichtrauchender und in einem sicheren Bett gemeinsam mit ihrem Kind schlafender Mütter ein, um auch für diesen Fall Aussagen zu den potentiellen Risiken treffen zu können.


Evolution und Kultur

Das menschliche Schlafverhalten ist facettenreich, was die Bettmaterialien, Schlafpartner und Schlafzeiten betrifft. Sehr ursprünglich lebende Gruppen schlafen oft in der Nähe eines Feuers, was eine mehrfach unterbrochene Nachtruhe mit sich bringt, weil immer wieder jemand aufsteht und Holz nachlegt. Während der menschlichen Evolution war diese Schlafform wahrscheinlich vorherrschend – acht Stunden ungestörter Schlaf und feste Schlafenszeiten als anzustrebendes Ziel sind eher eine Entwicklung der jüngeren Vergangenheit, die erst durch die relative Sicherheit abgeschlossener Häuser und die damit verbundene Verdunkelung und Abschottung von Geräuschen möglich war. Völker ohne strikten Tagesablauf schlafen oft in mehreren Portionen nachts und auch tagsüber. In vielen ursprünglichen Gesellschaften schlafen die Menschen in größerer Gemeinschaft und oft mit Körperkontakt zu anderen. Manchmal schlafen Mütter und kleine Kinder gemeinsam, manchmal Kernfamilien, aber auch Sippen getrennt in geschlechterspezifische Gruppen oder ganze Sippen gemeinsam, das Baby auf der gleichen Schlafunterlage oder in direkter Reichweite der Mutter auf einer eigenen Unterlage. Für getrennte Schlafräume von Mutter und Kind gibt es außerhalb der westlichen Industrieländer keine ethnographischen Beispiele.

In den meisten menschlichen Kulturen schlafen also Mütter/Eltern und Kinder ganz selbstverständlich zusammen, und in vielen davon ist das Phänomen SIDS völlig unbekannt oder sehr viel seltener als in der westlichen Welt. Das legt den Schluss nahe, dass es andere Gründe außer dem gemeinsamen Schlafen geben muss, die in Industrieländern höhere SIDS-Raten verursachen.
Auch in der westlichen Welt ist Co-Sleeping nicht so selten, wie oft angenommen wird. Manchmal muss der Forscher nur die richtige Frage stellen – in einer englischen Studie wäre ein Großteil der regelmäßig gemeinsam schlafenden Familien nicht erfasst worden, hätte die Fragestellung nicht differenziert, ob die Kinder zu irgendeinem Zeitpunkt in der Nacht ihren Schlafplatz wechseln. In den USA gaben 19 % der Weißen, 59 % der Schwarzen und 26 % der Lateinamerikaner an, mehr oder weniger regelmäßig mit ihren Kindern gemeinsam in einem Bett zu schlafen.

Die SIDS-Raten in Alaska sanken seit 1993 um 50-70 % und die Säuglingssterblichkeit um 33 % – im gleichen Zeitraum stieg jedoch die Anzahl der gemeinsam schlafenden Mütter von 16 % auf 40%. Die Gesundheitsbehörde in Alaska untersuchte 130 SIDS-Todesfälle aus den Jahren 1992 bis 1997. Von 40 Kindern war bekannt, dass sie zum Todeszeitpunkt mit jemandem das Bett geteilt hatten. Von diesen 40 Kindern schlief jedoch nur ein einziges in Rückenlage und mit einem nicht beeinträchtigten Erwachsenen auf einer geeigneten Matratze! Von 115 Kindern war die Schlafposition bekannt, 113 davon starben in Bauchlage und 2 in Rückenlage allein in ihrem Kinderbett. Fast alle SIDS-Fälle in Alaska traten in Verbindung mit Bauchlage (98 %), Bed-Sharing/Familienbett bzw. Schlaf außerhalb eines Kinderbetts auf, wobei Bed-Sharing fast immer in Kombination mit anderen Risikofaktoren stand.
Daten aus Kanada (Saskatchewan) zeigen reduzierte SIDS-Raten für Co-Sleeping in Kombination mit Stillen, und in Südafrika haben Babys im Familienbett höhere Überlebenschancen als einzeln schlafende. In Japan (und auch anderen asiatischen Ländern) ist das SIDS-Risiko sehr gering, und dort ist Co-Sleeping die Norm – in Rückenlage, auf dünnen Matten und mit dünnen Decken, Stillen ist normal, Alkohol und Rauchen sind für Mütter tabu.


Physiologie des Schlafs

Die Forschungen der letzten Jahre haben viele neue Erkenntnisse zur Schlafphysiologie von gemeinsam und einzeln schlafenden Babys hervorgebracht. Babyschlaf wurde in Schlaflaboren und auch in heimischer Umgebung studiert. Ergebnisse aus dem Schlaflabor bieten höhere Vergleichbarkeit auf wissenschaftlicher Ebene, aber die fremde Umgebung und die Messgeräte beeinflussen das Schlafverhalten.
Kinder im Elternbett (immer ohne bekannte Risikofaktoren und mit unbeeinträchtigten Müttern!) erfahren deutlich mehr Berührungen, Blicke, schnellere und häufigere mütterliche Reaktionen, werden häufiger und länger gestillt.
Gemeinsam schlafende Kinder verbringen den größten Teil der Zeit in Seitenlage. Säuglinge im Kinderbett schlafen gewöhnlich auf dem Rücken, seltener auf der Seite oder dem Bauch. Kinder im Familienbett schlafen aber noch seltener auf dem Bauch. Die Seitenlage wurde als riskant eingestuft, weil Säuglinge aus der Seitenlage leichter in die Bauchlage rollen können. Bei einzeln schlafenden Kindern wurde das auch beobachtet, nicht aber bei gemeinsam schlafenden. Es existieren keine Daten, die eine Übertragung dieser Annahme auf die Situation im Familienbett rechtfertigen.


Schlafposition zu zweit

Die charakteristische Schlafposition beim Co-Sleeping von stillender Mutter und ihrem Kind scheint das Rollen in Bauchlage zu verhindern: Beide liegen in Seitenlage einander zugewandt, die Mutter hat die Beine angewinkelt und den unten liegenden Arm ausgestreckt, das Kind liegt zwischen Beinen und ausgestrecktem Arm der Mutter. Der Arm der Mutter schützt das Kind davor, zu dicht an Kissen zu geraten. In dieser Haltung ist es auch wenig wahrscheinlich, dass Mutter oder Vater versehentlich auf das Kind rollen könnten. In keiner Situation nahm die Mutter eine Position ein, die die Atemwege ihres Kindes hätte abdrücken können.
In Rücken- oder Seitenlage kann das Kind sich aktiver selbst von Decken befreien, wenn diese zu weit nach oben rutschen. Beim gemeinsamen Schlaf werden Babys öfter mit der Bettdecke überdeckt, jedoch meist ohne Zeichen von Unbehagen. Das Risiko von signifikantem Rückatmen der eigenen Ausatemluft hängt sehr von Typ und Dicke der Decke ab. Die Sauerstoffsättigung beim Kind sank nie unter 90 %, die rektale Temperatur stieg nicht kritisch an, obwohl die axillare Temperatur bei gemeinsam schlafenden Kindern höher war. Es gab auch Beobachtungen, dass Mütter im Schlaf aktiv die Temperatur ihrer Kinder überprüfen und durch Ordnen der Bettdecke modifizieren.
Beim Co-Sleeping wurden erhöhte Herzfrequenz, mehr zentrale und weniger obstruktive Atempausen festgestellt, außerdem mehr und längere Phasen periodischer Atmung, was für einen signifikanten Einfluss der Mutter auf die Respirationskontrolle spricht. Allerdings sind die Ergebnisse zu diesem Punkt teilweise widersprüchlich, und auch der Zusammenhang zwischen kurzen Atempausen und SIDS ist unklar – weitere Forschungen werden benötigt, um mehr Einblick zu bekommen.

Gemeinsamer Schlaf bringt auch andere Bewegungsmuster hervor – die Kinder zeigten die gleiche Anzahl Haltungsänderungen, aber sie verbrachten deutlich weniger Gesamtzeit in Bewegung. Die Präsenz der Mutter bringt offenbar rasche Rückversicherung für das Kind, mit kürzeren Bewegungsepisoden im Schlaf und möglicherweise weniger Stresserfahrung für das Kind.
Bettteilende Eltern wachen nicht immer ganz auf, wenn sie Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen; kleine tätschelnde Bewegungen im Halbschlaf waren üblich. Die Kinder zeigten weniger kleine Handbewegungen, aber mehr und längere Reaktionen auf die Mutter. Kinder im gemeinsamen Bett wurden 3,7mal so häufig gestillt, was vielleicht mit dem relativ einfachen Zugang zur Brust (v.a. in Rücken- oder Seitenlage) zusammenhängt. Viele Mütter berichten, dass ihre Kinder im Familienbett schon sehr jung völlig selbständig stillen können, wenn die Brust frei zugänglich ist.


Schlafphasen beim Co-Sleeping

Eindeutige Effekte hat das gemeinsame Schlafen auf die Schlafphasen – der Anteil der leichter erweckbaren Stadien 1 und 2 ist im gemeinsamen Bett bei Mutter und Kind erhöht, die Stadien 3 und 4 treten kürzer und seltener auf. Mutter und Kind schlafen weniger tief, wachen leichter und häufiger auf. Die Aufwachepisoden finden im gemeinsamen Bett doppelt so häufig gleichzeitig bei Mutter und Kind statt, die Schlafphasen von Mutter und Kind sind also stärker synchronisiert als bei getrennten Betten. Die gesamte Schlafdauer ist bei Müttern im Familienbett gleich oder sogar höher als bei getrennten Betten, Wachphasen sind kürzer.
Schlaffragmentierung hat in Studien negative Effekte gezeigt, allerdings wurde keine solche Studie an stillenden Müttern durchgeführt, und daher gibt es keine Erkenntnisse, ob die vielen kurzen Halbwachphasen beim gemeinsamen Schlaf mehr oder weniger Auswirkungen auf die Mutter haben als die wenigen Vollwachphasen beim Kinderbett. Mütter berichten aber übereinstimmend von mehr bzw. erholsamerem Schlaf im Familienbett, zugleich mit ruhigeren Kindern. Wahrscheinlich haben experimentell veranlasste Schlafunterbrechungen andere physiologische Auswirkungen als vom Kind initiierte, gerade in Verbindung mit synchronisierten Schlafphasen und dem veränderten Hormonhaushalt beim Stillen. Übrigens wachen auch nicht stillende Erwachsene im Durchschnitt 28mal pro Nacht auf (um REM-Phasen herum), erinnern sich daran jedoch erst, wenn Wachphasen mehrere Minuten andauern. Kurze Wachepisoden beeinträchtigen den Erholungswert des Schlafes normalerweise nicht.

Obwohl das Kinderbettchen in den meisten Versuchsanordnungen direkt neben dem Elternbett stand, ergab die Anwesenheit des Kindes im Elternbett im Vergleich dazu deutlich unterschiedliches Verhalten und veränderte physiologische Vorgänge. Erkenntnisse über im Einzelbett schlafende Kinder dürfen also nicht einfach auf Co-Sleeper übertragen werden!
Normen für die Schlafphysiologie im Säuglingsalter wurden bisher zumeist anhand einzeln schlafender Babys erstellt, doch sie müssen bei ihrer Ermittlung immer auf den Kontext der Schlafumgebung bezogen interpretiert werden. Auch Risikofaktoren bei Kindern im Einzelbett (wie z.B. Seitenlage) können nicht direkt auf die Situation im Familienbett übertragen werden, hierzu sind weitere epidemiologische Studien mit korrekter Unterscheidung von verschiedenen Schlafarrangements erforderlich.

Die meisten SIDS-Fälle ereignen sich bei Kindern zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat, das entspricht einer Entwicklungsstufe, in der sich Schlafmuster beim Alleinschlafen verfestigen, der Anteil ruhigen Schlafs ansteigt und ruhige Schlafphasen häufiger werden – möglicherweise sind genau dies zusätzliche Risikofaktoren für SIDS. Der gemeinsame Schlaf könnte einen wichtigen Trainingseffekt zur Integration oder Koordination neuraler Aufwachmechanismen sichern. Dieses „Training“ hat nachweislich Einfluss auf die Erweckbarkeit, Co-Sleeping-Babys zeigen andere Schlafmuster, auch wenn sie allein schlafen!


Biologische Notwendigkeiten

Alleinsein und besonders Alleinschlafen bedeutete während Hunderttausenden von Jahren der Evolution für Primaten- und Menschenbabys Todesgefahr – der Babyschlaf entwickelte sich in der Evolution mit höchster Wahrscheinlichkeit im Co-Sleeping-Kontext. Die Kinder aller höheren heutigen Primaten sind Traglinge (wie auch menschliche Babys) und schlafen dicht am Körper ihrer Mütter. Die Zusammensetzung der Muttermilch erfordert kurze Stillintervalle, das macht Co-Sleeping nicht nur wahrscheinlich und sinnvoll, sondern biologisch notwendig.
Das moderne Co-Sleeping-Baby befindet sich aus evolutionärer Perspektive also in einer „erwarteten Umgebung“. Atembewegungen und Herzschlag der Eltern stimulieren die noch unreifen Regulationssysteme der Neugeborenen. Die typische Schlafhaltung (Seitenlage face to face) scheint weltweit das üblichste Schlafarrangement für Mutter und Kind zu sein und ist vermutlich in Verbindung mit Stillen auch das sicherste.

Die Schutzwirkung des Stillens hängt u.a. mit der Hirnreifung zusammen, auch die Schlaf-Architektur ist bei Stillkindern physiologischer. McKenna schreibt: „Wenn Säuglinge allein schlafen, könnten ihr Schlaf, Atmung, Wärmeregulation und Aufwachmechanismen in Umgebungen funktionieren, für die sie im Lauf der Evolution nicht entwickelt wurden. In der Konsequenz haben möglicherweise manche Säuglinge, besonders wenn sie mit Defiziten geboren wurden, ein erhöhtes Risiko, an SIDS zu sterben, wenn der mütterliche Körper im Schlaf nicht präsent ist, um das zu bieten, was manche „physiologische“ (sensorische) Regulationsstimuli nennen.“
Co-Sleeping und Stillen fördern die leichtere Erweckbarkeit der Kinder. Unter sonst sicheren Bedingungen können die veränderten Schlafstadien 3 und 4 vorteilhaft für Kinder sein, die wegen eines vermuteten Aufwachdefizits stärker SIDS-gefährdet sind. Hier spielt auch die Reaktionsfähigkeit der Mutter eine wichtige Rolle; bei ihr sind die Tiefschlafstadien ebenfalls vermindert, und diese erhöhte Sensitivität erhöht die Chancen, in bedrohlichen Situationen einzugreifen.

Schlaf im gleichen Raum mit den Eltern senkt das SIDS-Risiko um 50% im Vergleich mit getrennten Schlafräumen, dies könnte mit der Stimulation durch die mütterliche Anwesenheit zusammenhängen (Vergleich Odd-Factor für Bauchschläfer im gleichen Raum 3,28 zu 16,99 Bauchschläfer allein). Das Risiko sinkt jedoch nicht, wenn Babys mit Geschwistern oder anderen Personen einen Schlafraum teilen, was eine aktive Rolle der Eltern nahelegt. Motivation und Absicht der Erwachsenen beim gemeinsamen Schlaf scheinen wichtig zu sein!
Auch wenn es immer wieder einige Todesfälle im Familienbett gibt, darf nicht vergessen werden, dass die allermeisten Kinder allein im Kinderbett an SIDS sterben! Und die meisten Fälle von Überliegen ereignen sich nicht in bewusst gewählten Still-Co-Sleeping-Beziehungen, sondern in urbaner Armut, wo oft multiple unabhängige Risikofaktoren zusammenkommen (z.B. Mutter raucht, dicke Kissen und Decken, andere Kinder oder andere Erwachsene mit im Bett, Schlafen auf ungeeigneten Unterlagen, Mutter erschöpft, Alkohol, Drogen etc.), wie mehrere Studien zeigen.
Selbst wenn ein Risiko beim Co-Sleeping unter sicheren Bedingungen existiert, schätzen es die Co-Sleeping-bejahenden Forschergruppen als gering ein, mit einem maximalen Risiko unter nichtrauchenden Müttern von <1 von 10.000 Kindern. Unter Eltern, die nicht rauchen, trinken oder Drogen nehmen, ist Co-Sleeping eine vernünftige und möglicherweise förderliche Option. Forscher und Organisationen wie die ABM appellieren an die AAP zur Überarbeitung ihrer Empfehlungen dahingehend, dass gemeinsames Schlafen nur bei beeinträchtigten Eltern oder ungeeigneter Unterlage ein Risiko darstellt. Vielleicht ist nicht gemeinsames Schlafen an sich gefährlich, sondern eher besondere Umstände, die dabei vorkommen. Einige davon könnten veränderbar sein, mit wichtigen Auswirkungen auf Sozialpolitik und Gesundheitserziehung.


Fragwürdige Empfehlungen

Die Empfehlungen der SIDS-Aktionsgruppe der AAP stehen in krassem Gegensatz zu Empfehlungen der eigenen Stillabteilung der AAP. Wie kommt es zu so gegensätzlichen Empfehlungen, wer steht dahinter?
An den Kampagnen in den USA ist die CPSC (Consumer Product Safety Commission, Verbraucherzentrale) stark beteiligt. Einer der Hauptsponsoren ist aber die Herstellerverband für Kinderprodukte (JPMA, Juvenile Product Manufacturer´s Association) – kurz gesagt, die Hersteller von Kinderbetten finanzieren eine großangelegte Kampagne, die vordergründig auf Risikominimierung für den Plötzlichen Kindstod abzielt, im Fokus aber die Anschaffung von Kinderbetten für alle Säuglinge hat. Für die Kinderbetthersteller wird diese Kampagne mit Sicherheit ein Gewinn sein…
Die AAP empfiehlt auch Schnuller zum Schlafen, deren Schutzwirkung auf einer verminderten Aufwachschwelle durch das Saugen beruht. Stillkinder haben seit Jahrtausenden den gleichen Schutz, wenn sie bei der Mutter schlafen und häufig stillen. Schnuller können anderweitige Probleme nach sich ziehen (häufigere Ohrinfektionen, Zahnprobleme, Stillhemmnis), ihr Einsatz ist nur dann sinnvoll, wenn die natürliche Saugmöglichkeit an der Brust fehlt.

In Deutschland ist im Zusammenhang mit Schlafforschung und SIDS Prof. Paditz von der TU Dresden als wichtiger Meinungsbildner zu nennen. Er gibt die gleichen Empfehlungen – Säuglinge sollten im eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen. Als Argumente führt er (u.a. in Vorträgen vor der Nationalen Stillkommission und Hebammenverbänden) an, dass Wiegen und Babybetten schon seit Jahrhunderten aus verschiedenen Kulturen bekannt seien und Co-Sleeping früher ein Zeichen von Armut gewesen wäre und keine kulturelle Tradition. Nun, das mag für einige Kulturen gelten, aber nicht für alle. Bei den Slawenstämmen im heutigen Brandenburg gab es z.B. keine Wiegen, das jeweils jüngste Kind schlief bei den Eltern im Bett, die älteren auf Fellen am Boden.


Kulturelle Entwicklungen als Argument fürs Alleinschlafen

Kulturgegenstände wie Kinderbetten, Wiegen, Matratzen haben sich nicht in der Evolution entwickelt, um Säuglinge in der Nacht zu schützen, wärmen und füttern, schützendes mütterliches Verhalten einschließlich Körperkontakt beim Co-Sleeping aber höchstwahrscheinlich schon!
Lohnammen erdrückten früher viele Kinder – aber ist denn eine Lohnamme des 15. oder 18. Jahrhunderts wirklich mit einer heutigen Mutter gleichzusetzen? Im Mittelalter gab es mehrere Erlasse mit eindringlichen Warnungen, dass Kinder unter zwei Jahren nicht mit ins Elternbett genommen werden dürften – auch dies ein Argument bei Paditz. Andersherum gefragt – wozu waren solche Erlasse nötig, wenn doch Säuglinge angeblich ohnehin nicht bei ihren Eltern schliefen?
Der Konvent von Mainz im Jahr 852 befand, dass Säuglinge durch das Gewicht der Kleidung der Erwachsenen erstickt seien. Hier haben wir einen wichtigen Punkt – kaum jemand wird heute das Nachthemd der Mutter als grundsätzlichen Risikofaktor ansehen. Die Schlafumgebung im Mittelalter und auch in folgenden Jahrhunderten unterschied sich krass von der heutigen! Die meisten Menschen schliefen (oft zu mehreren Personen) in relativ kleinen Betten mit Strohsäcken oder Fellen, dicken Decken und Kissen, zum Teil in dicht verschlossenen Alkoven (Gefahr des Sauerstoffmangels). Spezielle Nachtkleidung war unbekannt, man schlief im Unterkleid, das meist bodenlang und voluminös war, je nach Mode auch mit sehr weiten langen Ärmeln. Offenes Feuer mit entsprechender Rauchentwicklung war üblich, alkoholische Getränke alltäglich auf dem Tisch und oft zusätzlich mit berauschenden Substanzen versetzt (was beim Bier schließlich das berühmte Reinheitsgebot hervorbrachte). Mit Rauch, Alkohol und dicken Kissen, Decken, Kleidern sind schon mehrere wichtige Risikofaktoren gegeben – nicht umsonst warnte Soranus von Ephesus im 2. Jahrhundert ausdrücklich vor betrunkenen Ammen, die auf den Säugling fallen. Ein Polizeiarzt in Dundee untersuchte in den Jahren 1882-91 Todesfälle und beschrieb bereits Zusammenhänge zwischen Kindstod durch „Überliegen“ und weiteren Faktoren wie Alkohol und problematischen Wohn- und Schlafverhältnissen in der Unterschicht.

Mütterliche Körper werden von Gegnern des Co-Sleepings teilweise als tödliche Waffen dargestellt, als seien sie rollende Holzstämme, über die weder Mutter noch Kind im Schlaf Kontrolle haben. Paditz beschreibt den Schlaf von Müttern so: „Sie schläft tief und fest, während ein Baby auf ihr hockt und ihr wieder und wieder an die Nase tippt.“ Ich weiß nicht, wie viele Mütter er für diese Aussage befragt hat, meine Erfahrungen und die Berichte vieler Mütter vom gemeinsamen Schlaf sind anders. Die allermeisten sind sich ihres Kindes neben sich sehr bewusst und wachen bereits bei sehr viel geringeren Aktivitäten ihres Kindes auf. Schlafen wie ein Stein – das kommt unter Stillmüttern nur bei großer Erschöpfung vor.


„Unabhängigkeit“ – um welchen Preis?

Schlafratgeber wie das in Deutschland weitverbreitete Buch Jedes Kind kann schlafen lernen setzen immer wieder die Unabhängigkeit der Kinder von elterlicher Nähe oder anderen Einschlafhilfen zum erstrebenswerten Ziel. Die Fähigkeit, allein ein- und durchzuschlafen, sei direkt mit der späteren Fähigkeit verknüpft, sich von den Eltern zu lösen. Befragungen von erwachsenen ehemaligen Co-Sleeping-Kindern zeigen jedoch ein anderes Bild; viele von ihnen haben ein höheres Selbstwertgefühl und spüren mehr Zufriedenheit mit dem eigenen Leben als andere, die von Anfang an allein schliefen. Die vielgepriesene Unabhängigkeit besteht bei allein schlafenden Kindern eher umgekehrt – die Eltern machen sich frei (unabhängig) vom Kind.

SIDS scheint eng verbunden mit „ruhigerem“ Schlaf, die Eltern verstorbener Kinder berichteten überwiegend von weniger Bewegungen im Schlaf, die Kinder waren nachts seltener wach und schwer zu wecken. Und „ruhigerer Schlaf“ ist neben der Unabhängigkeit das Ziel der meisten Schlafprogramme. Würden Eltern diese Programme auch anwenden, wenn Kampagnen von offiziellen Meinungsbildnern deutlich herausstellten, dass ruhiger Schlaf kein allgemein gültiges Erziehungsziel, sondern SIDS-Risikofaktor ist?
Gerade Menschen, die viel mit jungen Eltern zu tun haben, sollten ihre Vorstellungen dringend überdenken! Ruhiger Schlaf mag zwar für die Eltern bequem sein, aber für die Kinder ist er möglicherweise gefährlicher als Co-Sleeping.
Mehr sensorischer Kontakt und Nähe induzieren vorteilhafte physiologische und Verhaltensänderungen beim Kind, Mütter berichten von weniger Schreien, mehr Schlaf, mehr Milch und allgemeinen emotionalen Vorteilen wie verbesserter Bindung. Manche dieser Vorteile sind vielleicht direkt mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für Kindesmisshandlungen verbunden.


Aufklärung ist wichtig

Keine wissenschaftlichen Belege rechtfertigen einheitliche Empfehlungen gegen Co-Sleeping. Befürworter propagieren genauso wenig pauschal für alle Eltern ein gemeinsames Bett mit ihren Babys. Vielmehr fordern sie weniger Bevormundung und mehr sachliche Information für Eltern und Multiplikatoren (Gesundheitspersonal und Sozialarbeiter mit Kontakt zu jungen Familien) zu echten Risikofaktoren und sicherer Schlafumgebung, sei es nun im Familienbett oder Kinderbett. Nur die wenigsten Kinder schlafen während des ersten Lebensjahres ausschließlich in einer einzigen Schlafumgebung, Sicherheitsinformationen für alle Schlafarrangements sind also wichtig.
Bei allen Empfehlungen ist zu beachten, dass Stillen vor SIDS schützt und Co-Sleeping das Stillen fördert. Nicht für alle Familien ist das Familienbett eine gute Option, aber diejenigen, die sich dafür entscheiden, sollten nicht in die Defensive gedrängt werden. Der Verdacht der Kindstötung kann bei SIDS nie 100% ausgeschlossen werden, er darf jetzt aber nicht als unterschwellige Drohung auf die vermeintlich „fahrlässige“ Praxis des Co-Sleepings übertragen werden.
Der Wechsel von Bauchlage zu Rückenlage als empfohlene Schlafposition für Säuglinge war sehr erfolgreich zur Senkung der SIDS-Raten. Bei anderen modifizierbaren Faktoren war der Erfolg jedoch sehr begrenzt; es wäre also realistischer und für familienbettschätzende Familien hilfreicher, Wege zu zeigen, wie das Familienbett sicherer wird, als einer üblichen und in vielen Kulturen geschätzten Kinderbetreuungsmethode Schuld zuzuschieben. Dann hätten Eltern die Möglichkeit zu mündigen Entscheidungen, und auch Gesundheitspersonal/Sozialarbeiter könnten Eltern sehr viel differenzierter beraten bzw. in Problemfällen eingreifen.

Sachliche Information ist leider nicht immer leicht zu finden. In einer Broschüre des Landes Nordrhein-Westfalen für Multiplikatoren werden in der Argumentation gegen das Familienbett sogar Fakten aus dem Zusammenhang gerissen und falsch dargestellt. Es wird pauschal ein bis zu 18fach erhöhtes SIDS-Risiko beim Co-Sleeping genannt und verschwiegen, dass dieses erhöhte Risiko nur für Raucher gilt. Das grenzt an Panikmache und gezielte Fehlinformation für Menschen, die junge Eltern beraten! Dass es auch etwas differenzierter geht, zeigt der Internetauftritt des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Dort wird aufgezeigt, dass gemeinsames Schlafen das Risiko für sehr junge Kinder, bei Rauchern und auf ungeeigneten Schlafplätzen wie z.B. Sofas erhöht. Kinder sollten nach dem Stillen nach Möglichkeit ins eigene Bett zurückgelegt werden. Auch Professor Paditz schränkt seine unbedingte Empfehlung für ein eigenes Kinderbett inzwischen auf Kinder unter drei Monaten, in Raucherfamilien und bei ungeeigneten Elternbetten ein.

Die ABM (American Academy of Breastfeeding) definiert Co-Sleeping als Schlaf dicht genug nebeneinander, um Sinnesreize des anderen zu spüren und darauf zu reagieren. Co-Sleeping schließt Bed-Sharing (gemeinsames Bett teilen/Familienbett) ein, aber auch Room-Sharing, wenn Mutter und Kind in Reichweite auf verschiedenen Unterlagen schlafen (Babybalkon). Der Anthropologe und Schlafforscher James McKenna nennt Co-Sleeping ein „Schlafarrangement mit mindestens einem erwachsenen Betreuer, der nah genug ist, um mindestens zwei sensorische Modalitäten gleichzeitig zur Überwachung des Kindes einzusetzen“.
Die Vorteile des Familienbetts beruhen zumindest teilweise auf der Fähigkeit der Mutter zum Erwachen und Reagieren, sie gelten daher nicht für beeinträchtigte Mütter, deren Schlafmuster beispielsweise durch Alkohol, Übermüdung, Drogen, Medikamente (z.B. Antihistaminika) verändert sind. Auch andere Risiken können in Verbindung mit Bed-Sharing zunehmen – Überwärmung, Atemwegsobstruktionen, die Gefahr durch Tabakrauchexposition, chaotische Schlafumgebung. Eine irische Studie fand eine Verstärkung des ohnehin höheren Risikos bei Rauchern, dickem Bettzeug und niedrigem Geburtsgewicht durch Co-Sleeping.


Kriterien für sicheres Co-Sleeping

Die Hauptfrage ist aber nicht, ob Co-Sleeping überhaupt stattfinden darf, sondern bei wem und wie es in sicherer Form möglich ist!
Uneingeschränkt empfohlen werden kann das Schlafen im gleichen Raum und nah bei den Eltern, aber nicht notwendigerweise im gleichen Bett, bei soviel Stillen wie möglich. Das SIDS-Risiko sinkt signifikant, wenn Kinder vier Monate voll gestillt werden.
Potentiell gefährlich sind Wasserbetten, Sofas, weiches Bettmaterial, Kissen, Ritzen oder Lücken (in die das Kind rutschen kann), Bänder am Bettzeug, Bauchlage, andere Kinder im Familienbett, rauchende oder in ihrem Schlafmuster beeinträchtigte Erwachsene (durch Alkohol, Medikamente, Drogen), Alleinschlafen im Elternbett.

Schlussfolgernd möchte ich für eine sichere Schlafumgebung einige wichtige Empfehlungen zusammenfassen:

  • Rückenlage
  • feste Unterlage/Matratze (kein Sofa, Wasserbett o.ä. weiche und leicht eindrückbare Unterlage)
  • keine bauschigen Kissen, Nestchen, Felle etc.
  • nur sichere, erwachsene Schlafpartner (siehe unten)
  • Schlafsäcke sind für Säuglinge günstiger als Decken

Co-Sleeping kann außerdem mit verschiedenen Hilfsmitteln sicherer gestaltet werden. Hierzu gehören z.B. der Babybalkon und das Bettgitter, die früher Einfallsreichtum und/oder handwerkliches Geschick der Eltern verlangten, inzwischen aber in verschiedenen Formen und Größen im Handel erhältlich sind.

Folgende Gründe sprechen in manchen Familien grundsätzlich gegen das Familienbett:

  • Mutter (Eltern) hat ein beeinträchtigtes Schlafmuster aufgrund von Alkohol, Medikamenten (z.b. Antihistaminika), Drogen, Erschöpfung, Krankheit etc.
  • Eltern rauchen
  • Mutter (Eltern) stark übergewichtig
  • Jemand anders als die Eltern schläft neben dem Baby (z.B. andere Kinder, Babysitter)

(Wenn Eltern in Klammern steht, kann Co-Sleeping trotzdem eine gute Option sein, sofern das Kind nur neben dem nicht beeinträchtigten Elternteil schläft.)

Wenn die Mutter ein Aufwachdefizit hat, kann in manchen Fällen auch der Vater den schützenden Part übernehmen. Eine schwerhörige Mutter, die nachts ohne Hörgeräte ihr Kind nicht hören konnte, berichtete entsprechendes von ihrem Mann. Solange er „zuständig“ war, reagierte er auf leiseste Geräusche aus dem Kinderbett, verschlief aber ungerührt nächtliches Geschrei, wenn er wusste, dass die Mutter gerade beim Kind war.


Gesellschaftliche Unterschiede

Problematisch ist natürlich, dass Co-Sleeping in vielen Bevölkerungsschichten mit weiteren Risiken verbunden ist. Ein Familienbett kann völlig verschieden aussehen, und bei Familien der städtischen Unterschicht, die sich einfach kein Bett leisten können, künstliche Babynahrung füttern und rauchen, ist die Gefahr für das Kind größer als bei einer Mutter, die das Familienbett bewusst zur besseren nächtlichen Betreuung des Kindes – einschließlich Stillen – gewählt hat.
Vor allem die hohe Gefährdung durch rauchende Eltern im Familienbett ist bisher offenbar nicht ausreichend kommuniziert worden, wie mehrere US-amerikanische Studien zeigen. Rauchende Mütter hatten die gleiche Wahrscheinlichkeit, mit ihrem Kind ein Bett zu teilen, wie Nichtraucherinnen. Co-Sleeping trat häufig in Kombination mit demographischen oder Lifestyle-Risikofaktoren auf (Mutter schwarz, jung, mehrgebärend, Raucher, künstliche Säuglingsnahrung, Bauchlage, ungünstige Bettumgebung). Solche Risikoprofile sind wichtige Hilfen für das Gesundheitspersonal und Sozialarbeiter bei der Identifikation von Familien, die besonders auf Beratung angewiesen sind.

Noch einige Gedanken zum Umgang mit gegensätzlichen Empfehlungen von offizieller Seite in der Stillberatung: Gesundheitspersonal ist für Patienten verantwortlich und muss sich in der Beratung auf die üblichen Standards stützen. Für manchen sind sogar die aktuellen Empfehlungen schon etwas neues und ein wichtiger Schritt weg von alten Vorstellungen (z.B. dass Bauchlage vor Ersticken schützt). Stillberaterinnen müssen dies beachten und Mütter entsprechend begleiten und unterstützen, durch sachliche Informationen und Aufzeigen von Zusammenhängen. Im Fokus der Bemühungen sieht die ILCA weiterhin vor allem das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Monaten, Verminderung des Rauchens ab der Schwangerschaft und die Vermittlung der Gefahr durch ungünstige Schlafpositionen (Bauch- oder Seitenlage).

Abschließend möchte ich noch einmal James McKenna zitieren:
„Es bleibt das Recht der Eltern, informierte Entscheidungen zu treffen, was den Zugang zu sachlichen Informationen erfordert! Mit seinem Kind gemeinsam zu schlafen ist nicht schlecht, unverantwortlich oder kriminell, sondern meist normal und erwartbar, es kann für Eltern eine gute Wahl basierend auf Schutzinstinkten und kindorientiertem elterlichem Verhalten sein.“
In diesem Sinne wünsche ich allen Eltern und Kindern, dass sie das für ihre Familie am besten geeignete Schlafarrangement finden!

Literatur

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Christine Tirkot 

Christine Tirkot lebt mit Mann und 2 Kindern (4 und 8 Jahre) in Brandenburg/Havel.
Die diplomierte Biologin und Diplom-Umweltwissenschaftlerin hat ihre Ausbildung zur AFS-Stillberaterin abgeschlossen und arbeitet als freiberufliche Referentin im Gesundheitswesen.

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 4/2006, S. 14-19

Rauchen und Stillen

Einführung

Es ist ein Dilemma, das regelmäßig in der Stillberatung auftaucht, das vielleicht auch uns persönlich betrifft: Die Kombination Rauchen der Mutter und Stillen. Die klassische Frage ist dann immer: Ab wie viel Zigaretten sollte eine Mutter lieber auf das Stillen verzichten? Wann schaden das Rauchen und das Stillen dem Kind mehr als das Rauchen der Mutter alleine? Dahinter steckt folgender Gedanke: Durch das Rauchen der Mutter wird das Baby nicht nur den schädlichen Stoffen in der Luft ausgesetzt, sondern auch den schädlichen Stoffen, die in die Muttermilch übergehen.

In Zigarettenrauch sind sehr viele  Substanzen enthalten, und viele davon sind schädlich. Nikotin und sein Abbauprodukt Cotinin zählen dazu, aber auch viele andere Substanzen, deren kombinierte Wirkung wir nicht einmal richtig einschätzen können. Und das Baby sollte möglichst vor diesen Substanzen geschützt werden. Deshalb ist diese Frage vollkommen verständlich. Die Ansichten über die Antwort haben sich allerdings im Laufe der Zeit deutlich geändert.

Risiken für den Säugling durch Rauchen der Mutter...

Betrachten wir zuerst die Risiken durch das Rauchen. Wenn eine Mutter raucht, kommt ihr Baby im Durchschnitt mit einem niedrigeren Geburtsgewicht zur Welt. Es ist überdurchschnittlich unruhig und hat eine etwas unregelmäßige Atmung. Wenn die Mutter (übrigens auch der Vater) weiter raucht, kommt das Baby jetzt über die Luft mit Rauch und den darin enthaltenen schädlichen Substanzen in Kontakt. Jetzt sind die Atemwege direkt betroffen.

Forschungen weisen darauf hin, dass Babys in einem Haushalt, wo geraucht wird, überdurchschnittlich an Atemwegserkrankungen erkranken. Es häufen sich Mittelohrentzündungen und Bronchitiden. Auch Harnwegserkrankungen treten häufiger auf. Das Lungenvolumen des Kindes wird auf Dauer beschränkt und das Risiko für Allergien steigt. Kinder von Eltern, die rauchen, leiden öfter an Asthma. Auch sind diese Babys überdurchschnittlich häufig vom plötzlichen Kindstod betroffen. Es gibt Indizien, dass Kinder von rauchenden Eltern etwas häufiger an Krebs erkranken.

Was dabei die Rolle der mit Schadstoffen belasteten Muttermilch ist, ist unklar. Früher hat man dazu dann gesagt: lieber das Kind so wenig wie möglich belasten. Wenn es schon über die Luft belastet wird, dann nicht auch noch über die Muttermilch. Muttermilch ist belastet, künstliche Säuglingsnahrung nicht. Und deshalb wurde den Müttern geraten, relativ rasch abzustillen. Dabei wurde aber nie ein vermehrtes Risiko durch Muttermilch gegenüber nur einer Belastung durch die eingeatmete Luft wissenschaftlich nachgewiesen.

Risiken durch Nicht-stillen...

Und bei dieser Fragestellung wurde eine entscheidende Tatsache vergessen: auch das Nicht-Stillen birgt erhebliche Risiken, die teilweise die gleichen sind wie bei rauchenden Eltern. Auch künstliche Nahrung birgt Gefahren. Auch ein Baby, das nicht gestillt wird, erkrankt überdurchschnittlich an Atemwegserkrankungen. Auch hier häufen sich die Mittelohrentzündungen. Das Risiko für Allergien und Asthma nimmt zu. Auch nichtgestillte Säuglinge sind überdurchschnittlich häufig vom plötzlichen Kindstod betroffen. Auch hier gibt es Indizien, dass Babys, die nicht gestillt wurden, etwas häufiger an Krebs erkranken. Und natürlich gibt es auch ansonsten eine Reihe von Erkrankungen und Probleme, die häufiger auftreten, wenn Säuglinge nicht gestillt werden (siehe dazu auch unser Infoblatt: Gefahren der künstlichen Säuglingsernährung).

Und die Bilanz

Wenn jetzt das komplette Bild betrachtet wird, dann ergibt sich, dass Säuglinge von Müttern, die rauchen und nicht stillen, ein doppeltes Risiko für sehr viele Erkrankungen haben. Es gab dazu schon in 1990 eine große Studie in Australien, wo das deutlich belegt wurde. Säuglinge von rauchenden Müttern wurden zwei Gruppen zugeordnet. In der einen Gruppe wurden die Säuglinge gestillt, in der anderen Gruppe nicht gestillt. Sorgfältig wurde registriert, wie oft die Säuglinge an Atemwegsinfekten erkrankten. Das Ergebnis war, dass Säuglinge die gestillt wurden, deutlich weniger erkrankten als Säuglinge die nicht gestillt wurden, obwohl die Mütter in beiden Gruppen in etwa gleich viel geraucht haben.

Auch andere Untersuchungen bestätigten dieses Ergebnis. In einer Untersuchung in 1999 (Becker) wurde gefunden, dass das Risiko für Atemwegserkrankungen 7x so hoch war bei Säuglingen, die künstliche Nahrung bekamen gegenüber Säuglingn die gestillt wurden, wenn die Mütter rauchten. Das hat dazu geführt, dass die American Academy of Pediatrics in 2001 Rauchen als Kontraindikation zum Stillen gestrichen hat, unabhängig von der Zahl der Zigaretten, die die Mutter raucht.

Probleme beim Stillen

Wie sollte dann mit dem Problem „Rauchen und Stillen“ umgegangen werden? Wichtig ist, dass die Mütter adäquate Informationen bekommen. Das heißt: Schon in der Schwangerschaft sollte darauf hingewiesen werden, dass jede gerauchte Zigarette eine zu viel ist und dem Kind schadet. Es sollte allerdings auch darauf hingewiesen werden, dass Rauchen keine Kontraindikation zum Stillen ist. Im Gegenteil: wenn geraucht wird, ist es umso wichtiger, dass die Mutter stillt.

Allerdings sollte die Mutter beim Stillen unterstützt werden, da ein frühzeitiges Abstillen gerade bei rauchenden Müttern häufiger gesehen wird. Was dafür der Grund ist, ist nicht ganz klar. Sowohl hormonelle als psychologische Faktoren könnten dabei eine Rolle spielen.

  • Werdende Mütter, die rauchen, beabsichtigen weniger, zu stillen. Wenn nicht beabsichtigt wird, zu stillen, ist die Chance, dass erfolgreich gestillt wird, deutlich geringer.
  • Wenn Mütter rauchen kommen ihre Säuglinge mit geringerem Geburtsgewicht zur Welt. Gerade Säuglinge mit einem Geburtsgewicht unter 3000 Gram haben überdurchschnittlich Probleme beim Stillen. Gedeihstörungen treten häufiger auf.
  • Ebenfalls sind Neugeborene von Müttern, die in der Schwangerschaft geraucht haben, etwas unruhiger. Auch hier kann der Stillanfang erschwert sein.
  • Die Angst, dem Kind durch das Stillen zu schaden, wenn geraucht wird und die Schuldgefühle der Mutter können das Stillen hemmen.
  • Viel Rauchen geht überdurchschnittlich einher mit anderen Risikofaktoren für ein verfrühtes Abstillen: Medikamenteneinnahme, Drogeneinnahme, schwierige soziale Verhältnisse.
  • Wenn geraucht wird, leidet der Säugling häufiger unter Schlaflosigkeit und Koliken. Auch dies sind Faktoren, die zu einem verfrühtem Abstillen führen können.
  • Es wird behauptet, dass sowohl Milchspendereflex als auch Milchbildungsreflex bei Müttern, die rauchen, schlechter funktionieren. Belegt wurde dies allerdings noch nicht. Amir c.s. hat eine Literaturstudie dazu gemacht, und kommt zum Ergebnis, dass die niedrigere Stillrate bei rauchenden Müttern eher auf psychologische Ursachen zurückzuführen sei.

Handhabung in der Praxis:

Einige Hinweise sollten der Mutter helfen, die Belastung durch das Rauchen für den Säugling so gering wie möglich zu halten:

  1. Es sollte so wenig wie möglich geraucht werden. Jede Zigarette weniger ist Gewinn. Gerade hier kann das Stillen einen positiven Beitrag zur Reduzierung des Rauchens liefern: Wenn gestillt wird, ist die Motivation der Mutter, weniger zu rauchen, oft etwas größer. Und es gilt zu bedenken, dass die Belastung des Säuglings vor allem durch die Inhalation der Luft stattfindet.
  2. Nicht rauchen während des Stillens. Übrigens: generell sollte in der Nähe eines Säuglings nicht geraucht werden. Das gilt auch, wenn die Flasche gefüttert wird. Das gilt auch für den Vater oder andere Personen. Am Besten sollte, wenn geraucht wird, nur draußen geraucht werden (auch das beschränkt übrigens die Zahl der Zigaretten). In einem abgeschlossenem Raum, wo das Baby sich befindet, sollte nicht geraucht werden (stark belastend ist hier das Rauchen in einem Auto!)
  3. Wenn eine Mutter raucht sollte auf gemeinsames Schlafen in einem Bett verzichtet werden, obwohl dadurch das Stillen erschwert wird. Das Risiko für plötzlichen Kindstod nimmt stark zu, wenn eine rauchende Mutter/ein rauchender Vater mit ihrem Kind das Bett teilt (siehe auch AFS-Faltblatt: Stillen und Schlafen sowie medizinische Information der AFS: Sicheres Schlafen und Stillen).
  4. Die Betreuung der Mutter sollte intensiviert werden. Auf mögliche Schwierigkeiten sollte rechtzeitig hingewiesen werden. Eine engmaschige Kontrolle ist hier notwendig. Dabei sollten regelmäßige Gewichtskontrollen erfolgen.

Fazit

Die Risiken für einen Säugling sind größer, wenn eine Mutter raucht und nicht stillt, als wenn sie raucht und stillt. Deshalb sollte auch und gerade eine rauchende Mutter ermuntert werden, zu stillen. Die Zahl der Zigaretten ist dabei unerheblich. Die Mutter braucht dazu aber eine gute Betreuung, damit Stillhindernisse überwunden werden können. Das Rauchen sollte auf das Minimum reduziert werden, die Mutter aber kein schlechtes Gewissen gemacht werden, dass sie raucht und stillt. Lieber rauchen und stillen als rauchen und nicht-stillen! Am Besten ist jedoch selbstverständlich Nicht-Rauchen und Stillen.

Literatur

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Elien Rouw
Medizinischer Beirat der AFS

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2008, S. 9-10

Stillen hat keine „Vorteile“ - Wozu ein Faltblatt mit diesem Titel?

Unser Bezugsrahmen für die Säuglingsernährung

Wir haben einen gesellschaftlich festgelegten Bezugsrahmen für das, was „normal“ ist und was wir „normalerweise“ erwarten.

Der Siegeszug der künstlichen Säuglingsnahrung nach dem zweiten Weltkrieg hat dazu geführt, dass die künstliche Säuglingsernährung unser Bezugsrahmen für Säuglingsernährung überhaupt geworden ist. In diesem Rahmen ist Stillen ganz nett, „wenn es klappt“, aber es ist verzichtbar, denn es gibt ja die „normale“ künstliche Säuglingsernährung, die zu „normaler“ Gesundheit führt. Jahrelang haben wir in diesem Bezugsrahmen die „Vorteile“ des Stillens verteidigt und das Stillen als das „Beste“ gepriesen, besser als die „normale“ künstliche Säuglingsernährung.

Stillen ist in diesem Rahmen nicht „normal“. Es muss viel Bohai darum gemacht werden, frau muss sich richtig anstrengen, um erfolgreich zu stillen, während das Flaschefüttern als völlig einfach und selbstverständlich gilt.

Der Bezugsrahmen in der Wissenschaft

Wissenschaftler bewerten in ihren Studien neue Eingriffe und Verfahren im Vergleich zum Standard, einen Eingriff in natürliche Abläufe im Vergleich zum ungestörten Ablauf, um daraus empirisch abzuleiten, ob das Bisherige beibehalten oder durch das Neue ersetzt werden sollte. Die Beweislast liegt in der „evidenzbasierten Medizin“ immer beim neuen Verfahren. Das Nichtstillen ist in der wissenschaftlichen Forschung zum Standard geworden. Die Ergebnisse werden formuliert als: „Im Vergleich zur künstlichen Ernährung [dem Standard] hat das Stillen [das neue Verfahren???] Vorteile, die Kinder sind seltener krank, die Krankenkassen sparen Kosten.“

Damit bekommt das Stillen den Status eines neuen Verfahrens. Das wiederum hat zur Folge, dass dem Stillen die Beweislast aufgebürdet wird. Das Stillen muss zeigen, immer wieder zeigen, dass es besser ist als künstliche Ernährung - statt dass die künstliche Säuglingsernährung beweisen müsste, dass sie die bessere Wahl sei.

Wie oft kommen Mütter zu uns mit dem Anliegen, „mein Arzt hat gesagt, ich muss abstillen. Wie kann ich ihm beweisen, dass es besser ist (oder zumindest nicht schlechter), wenn ich weiter stille?“

Wir brauchen einen Wechsel des Bezugsrahmens

Die normale Säuglingsernährung ist das Stillen. Seit 300 Millionen Jahren sturmerprobt. In Körper und Seele von Mutter und Kind verankert. Das ist unser Bezugsrahmen. In diesem Rahmen hat das Stillen keine „Vorteile“. Es braucht nicht in höchsten Tönen gelobt zu werden. Es ist einfach die normale Säuglingsernährung. Vergleichen wir künstliche Säuglingsernährung in diesem Rahmen mit dem Stillen, wird sofort sichtbar, dass künstliche Ernährung mit Risiken und Nachteilen verbunden ist. Nicht gestillte Kinder werden häufiger krank. Nicht wir müssen beweisen, dass Weiterstillen besser ist - wenn ein Arzt, Ernährungsberater oder sonstige Experte Abstillen empfiehlt, muss er beweisen, dass das gegenüber dem Weiterstillen die bessere Wahl ist. 

Psychologisch macht es einen Unterschied

In einer Befragung in den USA sagten weit über die Hälfte der Befragten, dass gestillte Kinder gesünder seien als nicht gestillte Kinder. Gleichzeitig stimmten nur sehr wenige derselben Leute dem Satz zu, dass nicht gestillte Kinder ein größeres Risiko hätten, krank zu werden. Die „Vorteile“ des Stillens werden im Bezugsrahmen der künstlichen Säuglingsernährung als Sahnehäubchen erlebt, als zusätzliche Vitamintablette, nett zu haben, aber ohne ernstzunehmende Konsequenzen.

Erst die Änderung des Bezugsrahmens macht sichtbar, dass das Nichtstillen gegenüber dem Stillen mit Risiken und Nachteilen für Mutter und Kind verbunden ist.

Menschen sind oft eher bereit, auf Vorteile zu verzichten, als Nachteile hinzunehmen. Wenn Mütter stillen wollen und auf schlechte Bedingungen stoßen, die ihnen das Stillen erschweren oder unmöglich machen, dann geht im Bezugsrahmen der künstlichen Säuglingsernährung die Tendenz dahin, auf die „Vorteile“ des Stillens zu verzichten. Der Bezugsrahmen des Stillens unterstützt die Mütter darin, die Benachteiligung des Nichtstillens zurückzuweisen.

Gestillt - und trotzdem krank?

Auch das kommt vor. Im Bezugsrahmen der künstlichen Säuglingsnahrung hören wir dann: „Das Stillen schützt ja gar nicht gegen Krankheiten, es hat ja gar keinen Vorteil gegenüber der Flasche, mein Kind ist trotzdem krank.“ Im Bezugsrahmen des Stillens sehen wir: Stillen ist die normale Ernährung, verbunden mit den normalen Lebensrisiken und Krankheiten. Es hat keine „Vorteile“ gegenüber der Norm, es ist die Norm. Damit können Erkrankungen beim gestillten Kind gelassener akzeptiert werden, in dem Wissen, dass Muttermilchersatznahrung nur ein Ersatz ist, von brauchbarer Qualität, aber gegenüber dem Stillen mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet.

Deshalb: Stillen hat keine „Vorteile“

Und für wen ist das Faltblatt?

Dieses Faltblatt ist für jede und jeden, weil unser gesellschaftlicher Bezugsrahmen von uns allen geprägt wird.

Als erstes würde ich das Faltblatt dort einsetzen, wo die Gespräche darüber gleich geführt werden können:

    * in der Stillgruppe
    * bei Fortbildungen von Stillberaterinnen oder medizinischem Personal
    * in der politischen Diskussion mit Krankenkassen, Frauenbeauftragten, bei Runden Tischen.

Eine junge Mutter im Wochenbett andererseits hat andere Anliegen und braucht andere Faltblätter. Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort.

   

Utta Reich-Schottky
Biologin und AFS-Stillberaterin, Autorin von "Stillen und Stillprobleme" 


 aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2009, S. 26-27

Reflux bei Stillkindern

Einer der Begriffe, die immer wieder in der Stillberatung auftauchen, vor allem wenn ein Baby viel weint oder spuckt, ist der Begriff “Reflux”. Was bedeutet dieser Begriff, ist jedes Spucken ein Reflux? Was sind die Ursachen und welche Probleme bringt Reflux mit sich? Welche Möglichkeiten zur Abhilfe gibt es?


Worum handelt es sich beim Reflux?

Reflux ist ein Wort, das aus dem Lateinischen stammt und „zurückfließen“ bedeutet. Es tritt auf, wenn der Mageninhalt zurück in die Speiseröhre fließt. Da der Mageninhalt ziemlich sauer ist (durch die Magensäure, die zur Verdauung gebraucht wird), wird dadurch die Schleimhaut der Speiseröhre angegriffen. Wenn die Milch noch weiter hoch kommt, spuckt das Baby oder kann richtig erbrechen.

Es handelt sich dabei keinesfalls nur um gestillte Kinder. Im Gegenteil: Reflux kommt bei Kindern, die mit künstlicher Säuglingsnahrung und Flasche gefüttert werden, häufiger vor. Künstliche Nahrung ist schwerer verdaulich, bleibt länger im Magen des Kindes und es werden meist größere Mengen pro Mahlzeit gefüttert. Das sind alles Faktoren, die einen Reflux begünstigen.

In der englischen/amerikanischen Literatur findet man auch das Akronym „GERD“ (gastroesophogeal reflux disease). Hier wird das Wort „Speiseröhre“ (Oesophagus) schon im Begriff genannt. Anatomisch gesehen findet man als Übergang zwischen Speiseröhre und Magen ein kleines Muskelfaserband an der Stelle, wo die Speiseröhre durch das Zwerchfell geht. Hier ist auch der Übergang vom Brustkorb zur Bauchhöhle. Da der Druck im Brustkorb (und in der Speiseröhre) relativ hoch ist, verhindert dieses Band normalerweise den Rückfluss des Mageninhalts. Für ein Rückfließen der Nahrung vom Magen in die Speiseröhre gibt es verschiedene Gründe.

Die verschiedenen Arten des Reflux

1. Funktioneller Reflux:

  • Gerade bei Säuglingen entspannt sich das abschließende Muskelband rund um die Speiseröhre immer wieder einmal, bei Frühgeborenen noch häufiger als bei reifen Neugeborenen.
  • Abhängig von der Anatomie ist bei sehr vielen Kindern der Winkel zwischen Magen und Speiseröhre noch nicht sehr groß. Schon allein dadurch fließt die Milch relativ leicht zurück. Je älter ein Säugling ist, umso größer ist der Winkel und desto weniger spuckt das Baby. Es gibt wohl auch eine familiäre Veranlagung für dieses Problem.

2. Pathologischer Reflux:

Hier ist der funktionelle Reflux so verstärkt, dass es zu deutlichen weiteren Symptomen beim Kind kommt.

Schnelle Füllung und Überfüllung des Magens erweitern diesen und erhöhen den Druck im Bauchraum. Dadurch kommt die Nahrung relativ schnell hoch. Je schneller und hastiger getrunken wird, umso größer ist die Gefahr für einen Reflux. Deshalb wird ein Reflux bei einem sehr starken Milchspendereflex, aber auch bei zu viel Milch öfter wahrgenommen.

Bei Kindern, die mit der Flasche ernährt werden, verstärkt sich das Problem, wenn der Flaschensauger ein zu großes Loch hat und wenn dem Baby zu große Portionen angeboten werden („Flasche leer trinken“).

3. Sekundärer Reflux:

Hier wird der Reflux durch unterliegende Erkrankungen bestimmt.

  • Bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen tritt Reflux häufiger auf.
  • Es gibt Lungenerkrankungen (z. B. Infektionen, Mukoviszidose, aber auch Tracheomalacie, wobei die Luftröhre immer wieder zusammenfällt), bei denen das Baby forciert ausatmet. Hier wird der Druck im Brustkorb niedriger, und auch dann kann die Milch zurückfließen.
  • Zwerchfellbruch: Manchmal ist der Durchgang für die Speiseröhre durch das Zwerchfell etwas erweitert. Teile des Magens befinden sich dann ebenfalls im Brustkorb, und die natürliche Barriere zwischen Magen und Speiseröhre ist somit aufgehoben.


Symptome

Diese stehen im engen Zusammenhang mit den Ursachen:

  • Regelmäßiges Spucken
    (mehr als 3x/Tag). Selten tritt ein richtiges Erbrechen auf. Wenn die Speiseröhre stark verletzt ist, kann sogar ein bisschen Blut gespuckt werden.
  • Schmerzen (Sodbrennen)
    verbunden mit Spucken. Typisch ist, dass die Kinder sich nach hinten beugen (Sandifer Syndrom). So verlängert sich die Speiseröhre, wodurch das Hochkommen der Nahrung etwas verhindert wird und die Schmerzen nachlassen.
  • Weinen nach den Mahlzeiten
    wenn die saure Milch in die Speiseröhre gelangt - oft mehr als 3 Stunden am Tag. Daher wird dann auch oft an „Koliken“ gedacht, wobei in Wirklichkeit der Reflux die Ursache für das Schreien ist.
  • Häufige Stillmahlzeiten
    Durch das Sodbrennen kurz nach der Mahlzeit fängt das Baby an, unruhig zu werden und zu weinen, auch nachts. Die erneute Nahrungsgabe lindert die Schmerzen, kann dann aber auch wieder zur Überfütterung und somit zur Verschlimmerung des Problems beitragen.
  • Nächtliches Aufwachen
    Vor allem, wenn der Säugling hingelegt wird, verschlimmert sich das Problem, da in aufrechter Haltung (Schwerkraft!) die Milch weniger zurückfließt.
  • Gedeihstörungen
    Das Kind erbricht den Großteil der Nahrung. Hier muss natürlich auch ein Magenpförtnerkrampf ausgeschlossen werden. Auch durch Nahrungsverweigerung (weil die Nahrungsaufnahme schmerzt) kann es zu einer Gedeihstörung kommen.
  • Schlechter Atem
  • Heiserkeit, chronische Entzündung des Nasenrachenraums
  • Verschlucken oder sogar Lungenentzündung
    Bei starkem Reflux, wenn die Nahrung durch das Verschlucken auch in die Luftröhre oder in die Lunge gelangt.

Viele dieser Symptome sind recht harmlos. Wenn ein Baby zwar regelmäßig spuckt, sich aber ansonsten wohl fühlt, wenig weint und gut zunimmt, ist dieser Reflux „nur“ ein Wäscheproblem.

Anders wird es, wenn die Kinder sich deutlich unwohl fühlen, wenn sie Nahrung verweigern, weil sie wissen, dass die Nahrungsaufnahme (Stillen oder Flaschennahrung) schmerzt oder wenn eine richtige Gedeihstörung auftritt. Dann sollte ein Arzt die Beschwerden abklären, eine richtige Diagnose stellen und dementsprechend behandeln. Hier liegen natürlich klar die Grenzen der Stillberatung.

Die Diagnose wird generell anhand der Symptome gestellt. Eine 24-stündige kontinuierliche Messung des pH-Wertes in Magen und Speiseröhre dient der Bestimmung des Säuregehalts und damit der Aggressivität des Reflux’. Manchmal kann auch eine Gastroskopie (Spiegelung der Speiseröhre, des Magens und des Zwölffingerdarms) nötig werden, um zu schauen, ob hier die Schleimhäute angegriffen sind. Diese beiden Untersuchungen sind für den Säugling allerdings (sehr) unangenehm; die Gastroskopie geschieht auch deshalb in Vollnarkose.

Stillberatung

In sehr vielen Fällen wird die Situation im Laufe der Zeit immer besser. Es gibt einige unterstützende Maßnahmen:

  • Gute Stillhandhabung von Anfang an, damit weder zu wenig noch zu viel Milch gebildet wird.
  • Bei einem sehr starken Milchspendereflex kann dieser vorher schon ausgelöst werden. Dann muss das Baby nicht so hastig trinken und verschluckt sich deutlich weniger.
  • Häufige kleine Mahlzeiten können helfen, wenn das Baby sonst sehr viel Milch trinkt.
  • Viel Hautkontakt, damit das Baby ruhiger trinkt.
  • Stillen in aufrechter Position, oder in halbschräger Position. Die waagerechte Position zum Stillen sollte komplett vermieden werden. Übrigens: Viele Kinder nehmen von sich aus schon diese etwas halbschräge Anlegeposition ein, wenn sie die Chance haben.
  • Gute Anlegeposition, damit das Baby so wenig Luft wie möglich schluckt.
  • Die zweite Brust erst anbieten, wenn das Baby die erste Brust von alleine loslässt und lange genug getrunken hat. Es kann bei sehr viel Milch sogar hilfreich sein, mehrmals hintereinander die gleiche Brust anzubieten, bevor zur nächsten Seite gewechselt wird.
  • Auch zum Saugen an der (relativ) leeren Brust sollte ermutigt werden. Durch das Saugen wird der Magen schneller entleert und die Verdauung wird besser angeregt. Außerdem wird dabei Speichel produziert, der die Magensäure neutralisiert. Auch ein Schnuller kann hier eventuell gute Dienste leisten.
  • Tagsüber das Baby so viel wie möglich tragen. Unsere Babys sind „Traglinge“, und außer zur Vorbeugung von Reflux gibt es zahlreiche gute Gründe, unsere Babys so viel wie möglich zu tragen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass das Kind gut getragen wird und nicht in stark gebeugter Haltung. Das Baby sollte durch die Tragehilfe in der richtigen Position gehalten werden.
  • Babysafes oder Babywippen bieten oft eine sehr schlechte Haltung für das Kind. Sie sollten möglichst vermieden werden, da hier der Druck auf die Magengegend des Kindes erhöht ist.
  • Entspannung des Babys: Je entspannter das Baby ist, umso weniger Probleme gibt es mit Reflux. Manchmal wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt: Der Reflux schmerzt, dadurch weint das Baby, was wiederum den Druck in der Bauchhöhle erhöht. Dadurch verstärkt sich der Reflux und das Baby weint noch mehr.
  • Nicht rauchen in der Nähe des Kindes! Rauchen erhöht das Refluxrisiko ganz deutlich.
  • Auch Allergien sollten abgeklärt werden. Es scheint einen Zusammenhang zwischen Kuhmilcheiweißallergie und Reflux zu geben (Salvatore 2002). Eventuell kann die Mutter zwei Wochen lang Milch und Milchprodukte aus ihrer Nahrung weglassen (dabei auf versteckte Milchprodukte in Fertiggerichten achten!) und schauen, ob sich die Symptome bessern.
  • Einengende Kleidung, Windeln und Hosenbänder sollten gelöst werden, damit der Druck im Bauchraum so gering wie möglich bleibt.
  • Koffein in der Muttermilch entspannt den Speiseröhrenmuskel und kann zu einem Reflux beitragen. Erst mal weglassen (Alaswad 1996).
  • Bei starken Symptomen ist eine medikamentöse Behandlung manchmal notwendig. Natürlich sind auch hier wieder die Grenzen der Stillberatung erreicht. Es gibt  verschiedene Medikamententypen:
    • Medikamente, die die Magensäure neutralisieren
    • Medikamente, die die Abgabe von Magensäure hemmen
    • Medikamente, die die Verdauung und die Entleerung des Magens stimulieren
    • Medikamente, die die Spannung des Speiseröhrenmuskels erhöhen
  • Eindicken der Nahrung. Diese Empfehlung wird sehr häufig ausgesprochen. Es gibt aber starke Hinweise (Bailey et al 1987), dass diese Methode oft nicht wirkt. Sie erschwert das Stillen und erhöht dadurch das Risiko für Nahrungsallergien. Weil eingedickte Nahrung länger im Magen des Kindes bleibt, kann dadurch der Reflux sogar zunehmen.
    Für das Eindicken wird manchmal Reismehl empfohlen. Jedoch lässt sich Muttermilch durch Reismehl nicht eindicken. Eine Alternative dazu wäre Johannisbrotmehl.
  • Abstillen ist die schlechteste Alternative für Kinder mit Reflux, da künstliche Nahrung einen Reflux sogar noch begünstigt. Wenn das Baby eine Gedeihstörung entwickelt, sollte die dafür verantwortliche Erkrankung (in diesem Fall der Reflux) behandelt und nicht abgestillt werden.

Literatur

  1. Alaswad, B. et al. Environmental tobacco smoke exposure and gastroesophageal reflux in infants with apparent life-threatening events. J Okla State Med Assoc 1996; 7(89):233-7.
  2. Bailey, D.J. et al. Lack of efficacy of thickened feeding as a treatment for gastroesophageal reflux. Journal of Pediatrics 1987; 110:187-89.
  3. Boekel S: Gastro-Esophageal Reflux Disease and the breastfed baby. ILCA, 2000.
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  5. Heacock, H.J. Influence of breast vs. formula milk in physiologic gastroesophageal reflux in health newborn infants. J Pediatr Gastroenterol Nutr 1992; 14(1):41-6.
  6. Iacono, G. et al. Gastroesophageal reflux and cow’s milk allergy in infants: a prospective study. J Allergy Clin Immunol 1996; 97(3):822-7.
  7. Jozwiak, M. Overactive let-down: consequences and treatments. LEAVEN Sept-Oct 1995; 31(5):71-72.
  8. Knorr S. GERD and the Breastfed Baby. Leaven 2003; 39:12-13
  9. Orenstein, S.R. et al. Thickened feedings as a cause of increased coughing when used as therapy for gastroesophageal reflux in infants. Journal of Pediatrics 1992; 121:913-915.
  10. Orenstein, S.R. Gastroesophageal reflux. Current Problems in Pediatrics May-June 1991; 193-242.
  11. Orenstein, S.R. and Orenstein, D.M. Gastroesophageal reflux and respiratory disease in children. Journal of Pediatrics 1998; 12:847-858.
  12. Orenstein, S.R. et al. Reflux symptoms in 100 normal infants: diagnostic validity of the infant gastroesophageal reflux questionnaire. Clinical Pediatrics 1996; 35:607-614.
  13. Orenstein, S.R. and Whitington, P.F. Positioning for the prevention of infant gastroesophageal reflux. Journal of Pediatrics 1983; 103:534-37.
  14. Salvatore S, Vandenplas Y. Gastroesophageal reflux and cow milk allergy: is there a link? Pediatrics. 2002 Nov;110(5):972-84.
  15. Sicherer SH. Clinical aspects of gastrointestinal food allergy in childhood. Pediatrics. 2003 Jun;111(6 Pt 3):1609-16.
  16. Wolf, L. and Glass, R. Feeding and Swallowing Disorders in Infancy: Assessment and Management. Therapy Skill Builders, 1992

Elien Rouw
niederländische Ärztin, medizinischer Beirat AFS

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 2/2009, S. 13-15

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