In die Milch-Falle getappt

Am 30. März veröffentlichte die Wochenzeitung DIE ZEIT in ihrem Wissenschaftsteil unter dem Titel Die Milch-Falle einen vernichtenden Artikel für die Stillförderung. Diese habe rein gar nichts gebracht; statt Frauen zum Stillen zu bringen, wurden nur Depressionen und Versagensgefühle geschürt, bei denen, die nicht stillen wollen oder können. Das habe eine britische Studie im letzten Jahr ans Licht gebracht, und die Autorin des Artikels, Kathrin Burger aus München, hat es selbst am eigenen Leibe erfahren müssen, wie furchtbar Stillen sein kann (im Netz ist ihre eigene Stillgeschichte zu finden) und welchem Druck eine junge Mutter da ausgesetzt wird. Das Dogma 'breast is best' würde den Frauen ihre moralische Entscheidungsfreiheit rauben, sich gegen das Stillen und für künstliche Säuglingsnahrung zu entscheiden. Zudem wären all die vielen Vorteile, die das Stillen für Mutter und Kind bringen soll, ohnehin längst noch nicht wissenschaftlich bewiesen.

Macht man sich die Mühe und recherchiert dem Artikel hinterher, lassen sich einige interessante Entdeckungen machen. Die Studie des britischen Soziologen Frank Furedi von der Universität Kent, auf die sich der Artikel hauptsächlich stützt, wurde letztes Jahr veröffentlicht und ist im Internet in vollem Umfang nachzulesen.
Besonders repräsentativ kommt die Studie nicht daher: Gerade mal 1/3 von 500 Müttern fühlen sich laut Furedi als Rabenmütter, weil sie nicht stillen können. Also stolze 167 Frauen repräsentativ für ganz Deutschland, Europa und die Welt. Tja, und wenn eine Studie von einer Initiative finanziert wird, deren Mitglieder die britischen Kunstmilchhersteller sind, dann darf man sich über solche Ergebnisse nicht wundern. Die Initiative heisst Inform und wird am Ende des Textes als Sponsor genannt.
Inform wiederum ist ein ganz raffinierter Club, der britische Mütter (die durch die ganzen nationalen Stillprogramme in ihrer freien Entscheidung am Flaschefüttern gehindert werden) unterstützen möchte. Dank der durch Inform verbreiteten objektiven Darstellung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Kunstmilch sollen die Frauen ihren eigenen, selbstbestimmten Weg heraus aus der persönlichen Milch-Falle finden.

Kathrin Burger sieht das genauso: "Mit jeder neuen Pro-Stillen-Studie bekommt das Dogma ein stärkeres Fundament. Studien dagegen, die Zweifel am gesundheitlichen Wert der Muttermilch aufkommen lassen, werden als Propaganda-Material der Babynahrungsindustrie abgetan."

Fazit: "Still-Nazis" (so die Bezeichnung für Stillbefürworter in einem der inzwischen zahlreichen Leserkommentare auf den Artikel) wie wir sollten stets bedenken, dass Argumente, die die Vorteile des Stillens und der Muttermilch benennen, uns leider viel zu sehr in die Defensive bringen. Lasst uns die Aussagen überdenken und ganz offensiv die Fallensteller und mit ihnen die Nachteile künstlicher Babymilch ins Licht rücken. Nur so werden wir dauerhaft mehr Mütter und ihre Kinder vor den phantasiereichen Fußangeln der Kunstmilchindustrie bewahren können. Es geht hier nicht ums schlechte Gewissen, sondern um die ethische Frage, ob Menschen auf Kosten von anderen Menschen das dicke Geld machen dürfen. Wer hier Zurückhaltung vor den Müttern fordert, die nicht stillen können oder wollen, hat nicht verstanden, worum es geht.


Charlotte von Khreninger

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2006, S. 39

Stillberatung

deutschlandkarte Schatten

Hotline

Bei Fragen und Problemen rund ums Stillen:

0228 / 92 95 9999*

*zum Ortstarif
mobil max. 0,42 € / Minute

Terminkalender