Vorsicht Stillgruppe!!!

Der lange Weg von "Vorsicht Stillgruppe" bis "Stillfreundliches Krankenhaus in Aalen"

Ich kenne das Ostalb-Klinikum, damals Kreiskrankenhaus Aalen, seit 1982, als dort mein erstes Kind zur Welt kam. Damals war ich fast 14 Tage – nach einer normalen Geburt – im Krankenhaus. Wieder zu Hause hatte ich viele Fragen rund ums Stillen, die mir niemand – auch kein Buch – beantworten konnte. Durch eine glückliche Fügung stieß ich auf eine AFS-Stillgruppe ca. 30 km von Aalen entfernt, wo ich die benötigte Unterstützung fand.

Es dauerte nicht lange und ich fand gleichgesinnte Frauen in Aalen (Sylke Gamisch und Anne Pfeiffer sind heute noch dabei), mit denen ich zusammen eine Stillgruppe gründete. 1983 wurden dann meine Zwillinge vier Wochen zu früh geboren. Ich war gut vorbereitet und dann auch die erste Mutter, die durchsetze, dass sie ihre Muttermilch nicht mühselig auf der Frühgeborenen-Station mittels Handpumpe, sondern auf der Wochenstation mit der elektrischen Pumpe abpumpte und sie dann zu meinen Zwillingen mitnehmen durfte.

Die Jahre darauf machten wir Frauen von der Stillgruppe Aalen 1 x pro Woche auf der Wochenstation Stillberatung – und die Tipps, die wir den Wöchnerinnen dort gaben (Stillen nach Bedarf – kein Schnuller – Babys Tag und Nacht bei sich behalten – Babys mit ins Bett nehmen) standen damals in krassem Gegensatz zu dem, was den Wöchnerinnen auf der Wochenstation vermittelt wurde. Auf der Karteikarte der Mutter stand dann hin und wieder der Hinweis „Stillgruppe!!!“, „Will nicht zufüttern!!!“, „Kein Schnuller!!“ Nach ca. 10 Jahren gaben wir schließlich entnervt auf.

Es gab aber immer Kinderkrankenschwestern, die am Thema Stillen sehr interessiert waren und auch mit zum Stillkongress nach Köln gefahren sind, Frau Racsits gehört dazu. Das Thema „Still- bzw. Babyfreundliches Krankenhaus“ wurde immer wieder diskutiert, aber wieder verworfen, da der Rückhalt beim Personal nicht da war bzw. eine mangelnde Akzeptanz bei den jungen Müttern befürchtet wurde.

Mit dem Chefarzt-Wechsel sah Frau Racsits, die zwischenzeitlich die Stationsleitung der Wochenstation hatte, die Chance, das Projekt „Babyfreundliches Krankenhaus“ aufzugreifen und ziemlich genau zur selben Zeit meldete sich eine der Kinderkrankenschwestern, die schon lange auf der Wochenstation arbeitet, Frau Susanne Hoffmann, für die Ausbildung zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC an. Den Weg dorthin beschreibt Frau Racsits in ihrem Bericht.

Ich habe mich sehr gefreut, als ich hörte, dass die Wochenstation des Ostalb-Klinikums, wo ich seit 2004 als Sekretärin des Chefarztes der Frauenklinik arbeite, sich auf die Zertifizierung als „Babyfreundliches Krankenhaus“ vorbereitet. An den Personalschulungen habe ich mitgewirkt. Besonders bemerkenswert finde ich, dass das Projekt von den Pflegekräften, die schon lange auf der Wochenstation und den jungen Mitarbeiterinnen, die erst kurz dabei sind, gleichermaßen begeistert getragen wird – und das kommt auch so bei den Wöchnerinnen an: „Alle sagen dasselbe und meinen es auch so!“

Erika Fischer
AFS-Stillberaterin

Aalen ist babyfreundlich…nun auch mit Zertifikat der WHO & UNICEF

Es gibt viele gute Krankenhäuser…aber auch einige ausgezeichnete.

Dazu gehört seit März 2009 auch das Ostalbklinikum. Es ist die 41. Klinik in Deutschland und die 11. Klinik in Baden Württemberg.
Die Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ ist ein weltweites Programm von WHO & UNICEF. Die ausgezeichneten Kliniken weisen mit der Plakette einen international anerkannten Qualitätsstandard nach.

Warum haben wir uns dazu entschlossen babyfreundliches Krankenhaus zu werden?

Das Stillen hatte für das Ostalb-Klinikum schon immer einen hohen Stellenwert. Die WHO und UNICEF haben vor Jahren dieses Konzept ins Leben gerufen. Es wurde ein 10 Schritte umfassendes Konzept erarbeitet, dass eine ausgewiesene, hochwertige und transparente Qualität gewährleisten sollte.

Wir starteten zunächst mit einer 20 Std.-Schulung des Pflegepersonals, der Hebammen, der Gynäkologinnen/Gynäkologen und der Kinderärztinnen/Kinderärzte.

Das Bonding

Dies beginnt im Kreißsaal wo die Mutter und dem Neugeborenem ununterbrochener Hautkontakt von mindestens einer Sunde oder zum ersten Anlegen ermöglicht wird. Anschließend wird das Bonding bei uns weitergeführt, bekannt als 24-Std-Rooming–In. Wir unterstützen und lehren die Mütter, ihre Babys und deren Bedürfnisse schneller kennen zu lernen und Sicherheit im Handling zu bekommen. Daraus resultiert eine intensive Mutter-Kind Beziehung.

Das Stillen wird von Anfang an mit Mutter und Kind trainiert. Frau Susanne Hoffmann , die Still- und Laktationsberaterin IBCLC des Ostalb-Klinikums, betont immer sehr nett an den Infoabenden der Elternschule: „Sie kommen zu uns ins Trainingslager. Wir trainieren Sie und Sie gehen als Profi nach Hause.“ Sie besucht alle Schwangeren und  Wöchnerinnen zusätzlich zur Stationsroutine zweimal wöchentlich, berät sie und steht ihnen bei Fragen zur Seite.

Wir unterstützen Frauen, die gerne stillen möchten, aber wir zwingen niemanden dazu.

Wenn eine Frau nicht stillen möchte, ist sie in unserer Klinik in guten Händen und ebenso willkommen. Sie bekommt Nahrung für ihr Kind und füttert es mit der Flasche.

Widerstände und Unverständnis erfuhren wir in der Anfangsphase durch die Öffentlichkeit über den Einsatz bzw. Nichteinsatz von Schnullern und Flaschen.  Der Schnuller ist in der Anfangsphase des Stillens fast gleichzusetzen mit Abstillen.  Kinder werden heute nicht mehr angelegt, wenn sie schreien, sondern so genannte Stillzeichen äußern, d. h. Saugbewegungen zeigen. Die Mutter und das Kind haben somit mehr Zeit zum Anlegen ohne nervös zu werden. Reicht die Mutter nun einen Schnuller, so wird das Kind vertröstet. Daraus resultiert einen größere Gewichtsabnahme und die Milchproduktion wird nicht durch das Anlegen nach Bedarf gesteigert bzw. angeregt.
Kein Neugeborenes muss hungern, d. h. sollte ein Grund zum Zufüttern vorliegen, so wird dies  mit einem Löffel getan, egal ob Muttermilch oder künstliche Nahrung.

Unsere Stillquote hat sich in den letzten zwei Jahren von 65% auf  95 % gesteigert. Vor Wochen hatten wir eine Mutter bei uns, die ihr zweites Kind geboren hatte. Sie war begeistert und erzählte: „2004 war ich hier mit meinem ersten Kind und wollte, dass es keine Glucose und keinen Schnuller erhält. Ich hatte damals das Gefühl, ich wurde belächelt oder als Rabenmutter hingestellt. Heute wird das hier gelebt und das macht mich glücklich, damals schon das Richtige getan zu haben.“ Das spricht doch für sich.

Während der Zertifizierungsphase über drei Tage wurden die Eltern und Schwangeren befragt, mit dem Hintergrund, dass wichtige Eckpfeiler zur Umsetzung eines babyfreundlichen Krankenhauses auch umgesetzt wurden. Ermöglicht wurde diese Leistung nur durch das  enorme Engagement, die Motivation und die fachliche Kompetenz junger und langjährig erfahrener Mitarbeiterinnen. Dies war unbeschreiblich.

Wir konnten stolz am 04.04.2009 die Plakette aus der Hand von Frau Johanna Volkenborn-Gerds, der Ehrenvorsitzenden der WHO-/UNICEF-Initiative, entgegennehmen. Schön, diese Leistung jetzt auch zertifiziert in unserem Klinikum anbieten zu können. Wir freuen uns dazu beitragen zu können, Frauen wieder zur Natürlichkeit zurückzuführen.

Petra Racsits
Kinderkrankenschwester, Stationsleitung Wöchnerinnenstation Ostalb-Klinikum Aalen

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 2/2009, S. 7-8

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