10. Die Bedeutung des Oxytocins

Oxytocin ist eins der ältesten Hormone überhaupt, schon die Regenwürmer haben es. 1906 wurde es von dem Engländer Sir Henry Dale entdeckt. Er nannte es wegen seiner wehenauslösenden und die Geburt beschleunigenden Wirkung „Oxytocin“, nach den griechischen Wörtern für „schnelle Geburt“. Sir Henry Dale erkannte später auch die Rolle des Oxytocins bei der Auslösung des Milchspendereflexes beim Stillen. Inzwischen weiß man, in wesentlichen Teilen dank der Forschungen von Kerstin Uvnäs-Moberg (2), dass das Oxytocin darüber hinaus vielfältige Bedeutung hat, und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen – es ist ein Hormon für alle Lebenslagen.

Synthese und Verteilung

Oxytocin wird im Gehirn im Hypothalamus von zwei Zellsorten produziert. Von den größeren Zellen wird es an die Neurohypophyse (Hinterlappen der Hirnanhangdrüse) weitergeleitet, dort gespeichert und dann in kurzen Pulsen in die Blutbahn freigesetzt. Mit dem Blut gelangt es zu den peripheren Organen und bewirkt dort Muskelkontraktionen und damit in der Brust den Milchspendereflex sowie in der Gebärmutter unter und nach der Geburt die Wehen.

Das von den kleineren Zellen produzierte Oxytocin bleibt im Zentralnervensystem und wirkt in verschiedenen Gehirnregionen als Botenstoff der Nervenzellen (Neurotransmitter). Dadurch beeinflusst es die verschiedensten physiologischen Vorgänge wie Blutdruck, Wachheit und Stimmung. Von diesen Zellen wird das Oxytocin kontinuierlich freigesetzt.

Balance des Lebens

Oxytocin wirkt über das parasympathische Nervensystem. Es fördert Wachstum, Heilung und Entspannung und die Verwertung der Nahrung und damit Erholungs- und Wachstumsprozesse. Dabei wirkt es mit vielen anderen Hormonen zusammen, z. B. bewirkt es eine erhöhte Prolaktinausschüttung. Oxytocin fördert auch die Gemeinsamkeit im sozialen Miteinander und das Vertrauen.

Gegenspieler des Oxytocins ist das chemisch fast identische Vasopressin, das zusammen mit Adrenalin, Noradrenalin und anderen Hormonen über das sympathische Nervensystem Stressreaktionen, Kampf, Flucht und Aktivitäten fördert.

Für die Balance des Lebens brauchen wir beides, Herausforderung und Ruhe, Vasopressin und Oxytocin, in ausgewogenen Anteilen.

Geburt

(siehe auch den Artikel 11. Es ist nicht egal, wie ein Kind geboren wird - und es ist nicht egal, wie Mutter und Kind nach einem Kaiserschnitt betreut werden!)

Oxytocin löst an der geburtsbereiten Gebärmutter Wehen aus. Wenn die Gebärende unter einem anhaltenden Stress steht, wird kontinuierlich Adrenalin ausgeschüttet, was die Oxytocin-Abgabe und auch den Transport des Oxytocins vermindert. Damit erschlaffen die Myoepihtelzellen und die Wehen werden schwächer oder hören auf.

Die heutigen Geburtspraktiken in Kliniken bringen für die Frau oft zu viel Stress und zu wenig Geborgenheit mit sich, sodass die Wehen oft zu schwach sind oder aussetzen. Damit steigt die Gefahr von Kaiserschnittentbindungen.

Professor Kloosterman aus den Niederlanden plädierte schon sehr früh für beruhigende Geburtsbedingungen: „Der spontane Geburtsvorgang bei einer gesunden Frau ist durch eine Reihe von Prozessen gekennzeichnet, die so kompliziert und perfekt aufeinander abgestimmt sind, dass jedes Eingreifen sie weniger optimal werden lässt. Das einzige, was von den Anwesenden erforderlich ist, ist Respekt für diesen Ehrfurcht gebietenden Prozess, der sich darin zeigt, dass sie das oberste Gebot der Medizin befolgen: Nil nocere (keinen Schaden zufügen).“

Bei den Wehen werden die Gehirne von Mutter und Kind mit Oxytocin überflutet und damit für Liebe und Bindung „geprägt“. Die hohen Oxytocin-Ausschüttungen unter der Geburt bewirken noch zwei Tage post partum eine Zunahme der mütterlichen psychischen Anpassung und eine Erhöhung des Prolaktinspiegels. Kurze Phasen hoher Oxytocinspiegel wie unter der Geburt zeigten in Untersuchungen an Ratten langanhaltende Wirkungen: Puls und Blutdruck, Angst und Aggression nahmen ab, Neugierverhalten, soziale Interaktionen und die Bindung an den Partner und die Nachkommen nahmen zu.

Studien zeigen, dass sich nach Kaiserschnitt, aber auch nach Epiduralanästhesie weniger Oxytocin im Blut befindet. Das wirkt sich auf das Stillen und auf die Mutter-Kind-Beziehung aus. Unter diesem Aspekt hat es Vorteile, einen Kaiserschnitt erst nach Wehenbeginn durchzuführen, wenn dies medizinisch möglich ist.

Der hohe Oytocin-Spiegel erzeugt bei der Mutter nach der Geburt ein Gefühl von Entspannung und leichter Benommenheit. In diesem Zustand ist sie wenig empfänglich für Sachinformationen, die sie zumeist sofort wieder vergisst. Statt dessen ist sie sehr empfänglich für Emotionen und Atmosphäre, eine gute Voraussetzung für die nachgeburtliche Bindung an das Kind und damit für seine „Bemutterung“.

Stillen

Bei jedem Stillen wird der Milchspendereflex mehrmals ausgelöst, wobei in den ersten zehn Minuten die höchste Oxytocin-Ausschüttung stattfindet.

Mütter, die Milch abpumpen oder von Hand gewinnen müssen, wissen, wie schwierig es unter diesen Umständen sein kann, den Milchspendereflex auszulösen. Eine Arbeitsgruppe von Kerstin Uvnäs Moberg hat die hormonellen Reaktionen bei Kühen gemessen: Saugte das Kalb bei der Mutter, hatte diese eine etwa drei mal so hohe Oxytocinausschüttung wie beim mechanischen Melken. Das Kalb selbst hatte beim direkten Säugen eine etwa doppelt so hohe Oxytocinausschüttung wie bei der Eimerfütterung.

Oxytocin fördert auch die Ausschüttung von Cholecystokinin (CCK), einem Hormon des Magen-Darm-Traktes, das die Verdauung verstärkt und „Sättigung“ meldet. Deshalb kann ein Kind sich nur durch Saugen zunächst „satt“ fühlen, auch wenn es kaum Milch bekommt – aber ohne Kalorien hält das natürlich nicht lange vor.

Hautkontakt

Die Haut hat eine Oberfläche von rund 1,7 qm beim Erwachsenen und ist damit das größte Organ. Körperhaut und Nervensystem hängen eng zusammen; beide werden in der Embryonalentwicklung vom äußeren Keimblatt, dem Ektoderm, gebildet.

Direkter Hautkontakt verstärkt die Oxytocinausschüttung, und zwar nicht die pulsatile in die Blutbahn, sondern die kontinuierliche, direkt im Gehirn wirkende Freisetzung. Dies geschieht bei Frauen und Männern gleichermaßen, und genauso bei den Babys. Vor allem diese Hormonausschüttung bewirkt, dass direkter Hautkontakt beruhigt, den Blutdruck senkt und Gefühle der Verbundenheit verstärkt.

Sind Kinder in den ersten 90 Minuten nach der Geburt im direkten Hautkontakt, weinen sie durchschnittlich 10 Sekunden lang, bei Trennung von der Mutter mehr als 10 Minuten. Auch später kann Hautkontakt entscheidend zum Beziehungsaufbau beitragen, beim Stillen und – bei Müttern und Vätern! – beim Kuscheln, Tragen oder einer Massage. Auch beim Flaschefüttern sollte soviel Hautkontakt wie möglich hergestellt werden.

Die Haut im Brustbereich der Mutter reagiert beim direkten Hautkontakt auf die Körpertemperatur des Kindes: Wenn das Kind kühl ist, wird sie bis zu einem Grad wärmer, wenn das Kind heiß ist, kühlt sie ab. Damit trägt die Mutter zur Thermoregulation des Kindes bei. Außerdem führt die Entspanntheit des Babys im Hautkontakt zu einer besseren Durchblutung und damit zu wärmeren Händen und Füßen.

Gesellschaftliche Konsequenzen

Wenn wir eine Gesellschaft mit tragfähigen sozialen Beziehungen und erholungsfähigen Menschen wollen, müssen wir Bedingungen schaffen und zulassen, die die Oxytocinausschüttung fördern, also in unserem Zusammenhang eine mütterfreundliche Geburt und ausgiebigen Hautkontakt in der Babyzeit.

Literatur

  1. Lawrence RA, Lawrence RM. Breastfeeding: A guide for the medical profession. 6th Ed., C.V. Mosby Company, USA, 2005
  2. Uvnäs-Moberg, K. The Oxytocin Factor. Da Capo Press 2003

nach einem Vortrag von Elien Rouw
Medizinscher Beirat AFS
Vortrag im Fachforum Köln 2010 (22. AFS-Stillkongress), zusammengestellt von Antje Kräuter und Utta Reich-Schottky

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 20-21

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