Vom normalen Neugeborenen und warum Muttermilch mehr ist als Nahrung

Was sollte ein normales, termingerecht entwickeltes Baby tun?

Zu allererst ist es vorgesehen, dass ein menschliches Kind vaginal geboren wird. Natürlich weiß ich, dass das nicht immer funktioniert, aber wir wollen hier jetzt über den Idealzustand, das „Normale“ reden. Wir Menschen sind dafür vorgesehen vaginal zu gebären, da wir gute Bakterien brauchen.

Das Menschenbaby ist bei der Geburt steril, ohne Bakterien. Es ist kein Zufall, dass wir in der Nähe des Anus, der ein dicht mit Bakterien besiedeltes Gebiet darstellt, auf die Welt kommen. Die Mehrzahl dieser Bakterien haben eine positive Wirkungsweise, sie sind für eine gesunde Darmflora notwendig und wichtig für die Entwicklung des Immunsystems. Die dortigen Bakterien sind die der Mutter, und sie hat Antikörper gegen diejenigen Bakterien dort, die schädlich sind.

 

Wenn das Kind geboren wurde, dann erwartet es, sofort zu seiner Mutter zu kommen. Direkt auf ihren Brustkorb. Der Busen, der Platz genau zwischen den Brüsten der Mutter, ist der natürliche Lebensraum eines Neugeborenen. (Amüsantes Fachwissen: Unser Herzzeitvolumen, also wie viel Blut in uns pro Minute umgewälzt wird, wird an die Organe entsprechend ihrer Bedeutung verteilt. Viel geht zu den Nieren, etwa 10 % oder so, und 20 % gehen an unser Gehirn. Bei einer Mutter, kurz nach der Geburt, gehen 23 % zu dem Bereich zwischen den Brüsten, noch mehr als zum Gehirn. Der Körper denkt also, dass dieser Bereich besonders wichtig ist.)

Der Brustbereich spendet Wärme. Seit uralten Zeiten hat das Baby den Körper der Mutter dazu benutzt, seine Temperatur zu regulieren. Warum sollte das jetzt enden? Mit all dieser Blutzirkulation ist es dort sehr warm. Das Neugeborene kann seine Mutter dazu benutzen, sich warm zu halten.

In meiner Assistenzzeit steckten wir ein ausgekühltes Baby „unter den Wärmer“, das war ein Heizstrahler in der Nähe der Mutter. Nun, da ich gereift bin, bedeutet es für mich, wenn ein Kind „unter dem Wärmer“ ist, dass es unter der Mutter liegt. Das würde mir nicht gefallen. Ich bevorzuge es, dass die Kinder auf der Mutter liegen, zusammengekuschelt auf der Brust.

Also haben wir jetzt ein eben geborenes Baby, das Wärme bekommt. Das Kind ist nicht hungrig. Es wäre von der Natur auch schlecht eingerichtet, wenn ein Kind hungrig auf die Welt käme. Mal ehrlich, würden sie hungrig auf die Welt kommen, könnte mir dann bitte ein Mensch erklären, warum mir meine Kinder in den letzten Schwangerschaftswochen fast das Leben ausgesaugt haben? Ich hoffe doch, sie haben sich so ihre Nahrung geholt, sonst wäre es unnötig und schmerzvoll gewesen, für nichts und wieder nichts.

Jede Spezies hat instinktive Handlungsweisen, die es den Kleinen erlauben zu wachsen und groß zu werden und den Fortbestand der Art zu sichern. Unsere Kinder werden schutzlos geboren. Sie müssen vor Krankheiten und Feinden beschützt werden. Feinde? Ja, Feinde!

Unsere Kinder können nicht wissen, dass sie im 21. Jahrhundert geboren wurden, mitten in eine liebende Familie. Soweit sie wissen, ist es das 2. Jahrhundert und sie sind in einer Höhle, umringt von Tigern. Unsere instinktgesteuerten Verhaltensweisen als Babys sorgen dafür, dass wir geschützt sind.

Neugeborene bekommen beides an Mutters Brust, Schutz vor Krankheit und Schutz vor dem wilden Tiger. Man nimmt an, dass das Baby bei seinem Weg durch den Geburtskanal gute Bakterien aufnimmt. Das ist der erste Schritt zum Schutz vor Krankheiten. Der Nächste ist das Kolostrum.

Ein neugeborenes Baby liegt auf der Brust der Mutter, es nimmt den Kopf hoch, leckt an seinen Händchen, es leckt auch mal an der Haut der Mutter, es leckt wieder seine Händchen und macht sich auf den Weg zur Milchquelle. Die Kinder bevorzugen Kontraste zwischen hell und dunkel und Kreise gegenüber anderen Formen. Wenn man nachdenkt, fällt einem da ein dunkler Kreis ein, gar nicht weit weg…

Der mütterliche Schweiß riecht wie Fruchtwasser. Der gleiche Geruch ist an den Händen des Neugeborenen (es gab ja noch kein Bad!), und das Baby nutzt den Geschmack seiner Hände, um dem Geruch seiner Mutter zu folgen. Die Flüssigkeit, die von den Drüsen des Warzenvorhofes abgesondert wird, riecht auch ähnlich und hilft dem Baby, die Brust zu finden und an das Kolostrum zu kommen.

Das Kolostrum nährt die guten Bakterien und beschützt sie vor Infekten. Die Kinder können alleine saugen. Schau selbst (Videolink! s. u.). Und da das Kolostrum nicht das Baby (er)nähren soll, sondern die Bakterien, braucht man auch nicht viel davon. Und genau deshalb ist nicht viel Kolostrum da, denn Neugeborene sind nicht hungrig und Muttermilch ist keine Nahrung!

Wir reden über normale Babys. Stillen ist normal. Stillen ist das, was für Babys vorgesehen ist. Egal ob 2009 oder 209, alle Kinder tun das gleiche, sie versuchen, die Brust zu finden. Muttermilch ist keine besondere Sache und kein Zaubertrank, Stillen bringt keine Vorteile. Es ist nicht „das Beste“. Es ist normal, einfach nur das Normale. Entwickelt für die Bedürfnisse eines anfälligen menschlichen Säuglings. Und nichts, das entwickelt wurde, um sie zu ersetzen, ist normal.

Das Kolostrum im Darm des Babys sorgt auch dafür, dass die Thymusdrüse anfängt zu wachsen. Die Thymusdrüse ist ein Teil des Immunsystems. Dass die Thymusdrüse wächst, ist sehr wichtig. Muttermilch = große Thymusdrüse = gutes Immunsystem. Das Kolostrum enthält auch einen Haufen sogenanntes sekretorisches Immunglobulin A (SIgA). Das SIgA wird in den ersten Lebenstagen produziert und ist ein mütterlicher Schutz vor Infekten.

Zellen im Darm der Mutter passen genau auf, was unterwegs ist, und wenn sie auf eine infektiöse Zelle stoßen, benachrichtigt eine bestimmte Zelle im Darm der Mutter eine Plasmazelle, so dass diese zur Brust wandert und dieser hilft SIgA herzustellen, das in der Milch das Baby schützt. Wenn Mutter und Baby zusammen sind, wenn das Baby sich z. B. eng an die Mutter kuschelt, dann ist das Baby vor allem geschützt, was auf die beiden zukommen könnte. Babys gehören zu ihrer Mutter.

Und was ist mit den Tigern? Es ist egal, was Du als „Tiger“ benennst, denn wenn Du ein Baby ohne Erfahrung in Selbstschutz bist, das bei seiner Mutter ist, dann macht es Sinn, einen Greifreflex und einen Schreckreflex zu haben, die Dir helfen, Dich an Deiner Mutter festzuhalten, besonders wenn diese Fell hat.

Die Babys können zwischen Kinderwagen und Brust der Mutter unterscheiden. Wenn kleine Kinder von ihrer Mutter getrennt werden, reagieren sie mit Verzweiflung und einer Art Totenstarre. Die Verzweiflung ist die erste Reaktion, die aufkommt, wenn sie alleine sind, getrennt. Die Kinder schreien ihren Wunsch, kein Tigerfutter zu werden, hinaus.

Wenn man sie hoch nimmt, hören sie auf zu weinen. Sie sind geschützt, warm und sicher. Wenn dieser Verzweiflungsschrei nicht beantwortet wird, dann verfallen die Kinder in eine Art Starre. Sie kühlen aus, es werden Unmengen von Stresshormonen ausgeschüttet, die Herzfrequenz fällt ab und sie werden still. Das ist kein braves Kind. Das ist ein Kind, das über die Phase der Verzweiflung hinaus ist. Jedes Baby will jederzeit gehalten werden.

Wann jagen eigentlich Tiger? Nachts. Es macht für all unsere Kinder keinen Sinn nachts zu schlafen. Sie könnten gefressen werden. Tatsächlich ist ein durchschlafendes Baby nicht so großartig. Babys sollten aufwachen und ihren Bodyguard vorfinden. Tagsüber gibt es nicht so viele Bedrohungen. Sie schlafen tagsüber besser. (Denk an unsere Reaktion auf unsere Tiger – Schlafprobleme spielen bei Stress, Depressionen und Angst eine riesengroße Rolle).

Ich reite immer wieder auf dem Thema Schlaf herum, vielleicht übertreibe ich es ein bisschen. Aber jeder schläft zusammen mit seinen Kindern – egal, ob er sich das so ausgesucht hat oder nicht und egal, ob er es gut findet. Es ist Blödsinn als Gesundheitsfürsorger zu sagen „Schlaf nicht mit Deinem Kind zusammen“, da wir es alle tun. Manchmal unbeabsichtigt. Manchmal vorsätzlich.

Babys sind anschmiegsam, es fühlt sich richtig an und Du bist müde. Normale Babys stillen, schlafen an der Brust ein, möchten gehalten werden und schlafen besser, wenn sie gemeinsam mit ihren Eltern schlafen können. Das hört sich für mich normal an. Doch es gibt einen Unterschied zwischen einem normalen Baby und einem, das nicht normal ist.

Sicheres Schlafen bedeutet, dass wir nüchtern sind und in einem Bett schlafen, nicht auf einer Couch oder im Fernsehsessel, dass wir stillen, nicht rauchen … eben normal sind. Wenn die Lebensumstände nicht normal sind, dann ist das gemeinsame Schlafen mit seinem Baby auch nicht sicher.

Der enge Hautkontakt, Brust an Brust, hat auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns. Unsere Kinder hatten ihre größte Zahl an Gehirnzellen in der 28. Schwangerschaftswoche. Es ist ein Dschungel von Zellen, die darauf warten, miteinander verknüpft zu werden. Was wir Menschen tun, ist zu viel zu entwickeln, und dann das wieder los zu werden, was wir nicht brauchen.

Im Bauch haben wir acht Nippel, einen Schwanz und Schwimmhäute an den Händen. Wenn alles gut geht, haben wir das bei der Geburt nicht mehr. Erstelle zu viel und werde das wieder los, was Du nicht brauchst. Wenn Du mit Deinem Kind kuschelst, dann vernetzen sich die guten Gehirnzellen und die „bäh“-Zellen sterben, hoffentlich, ab. Das Stillen und das Kuscheln fördern die Gehirnentwicklung. Nicht die Nahrung.

Warum beharre ich auf diesen Argumenten? Weil sich immer mehr Mütter für das Stillen entscheiden. Aber die Mehrzahl der Mütter glaubt nicht daran, dass der Körper, der dieses wunderschöne Baby erschaffen hat, dazu imstande ist, dasselbe Kind zu ernähren, und wir füttern immer mehr mit künstlicher Milch zu, die entwickelt wurde, um Nahrung zu sein. Warum vertrauen wir unserem Körper nach der Geburt nicht mehr? Ich weiß es nicht.

Aber immer wieder habe ich den Satz gehört, dass die Babyersatznahrung gegeben wird, da „ich ihn einfach nicht mehr zufriedenstellen konnte“. Doch, das kannst Du. Babys müssen nicht immer „essen“ – sie müssen immer bei Dir sein – das ist die höchste Befriedigung.

Gestillte Babys entfalten ihr Immunsystem, aktivieren ihre Thymusdrüse, bleiben warm, fühlen sich vor Raubtieren sicher, haben normale Schlafzyklen und vernetzen ihr Gehirn und bekommen (so ganz nebenbei) dabei auch etwas Nahrung. Sie sind nicht hungrig, sie folgen ihrem Instinkt. Dem Instinkt, der uns erlaubt zu überleben und Nachkommen zu zeugen.

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jenny Thomas, USA. Text des englischen Originals unter The Normal Newborn and Why Breastmilk is not just Food


Videobeispiel
Lennart Righard, Delivery Self Attachment, Geburt und Selbst-Anlegen, DVD 1995/2008. im AFS-Shop.

Dr. Jenny Thomas (übersetzt von Denise Jäger)
Kinderärztin und IBCLC aus Wisconsin, USA

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2012, S. 20-21

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