Kinderschlaf - (k)ein Mysterium

Um das Verhalten der Kinder zu verstehen, muss man die Evolutionsumgebung, in der sich dieses Verhalten entwickelt hat, näher betrachten.

Millionen Jahre lang war unsere Umgebung sehr konstant. Kleine Gruppen von Sammlern und Aasfressern lebten und schliefen auf dem Boden und unter freiem Himmel, ohne Kleidung, Waffen, Möbel oder Häuser. Um die Körpertemperatur konstant zu halten, da man Tag und Nacht nackt im Freien war, musste während der ersten Monate ein ständiger Körperkontakt herrschen. Ein ein- oder fünfjähriges Kind wäre alleine und nackt im Urwald nach wenigen Stunden gestorben.
In den ersten Wochen ist die Mutter diejenige, die sich darum kümmert, den Kontakt zu halten. Aufgrund eines Instinktes begleitet und bewacht die Mutter ihr Kind regelmäßig. Es fällt der Mutter eines Neugeborenen schwer, sich in einem anderen Zimmer aufzuhalten. Sie sorgt sich, wenn sie ein Geräusch hört – und auch, wenn sie keins hört. Sie spürt den Drang, öfters nach ihrem Kind zu schauen. Ein paar Monate später lässt diese konstante Überwachung nach. Das Kind wird unabhängiger und immer verantwortlicher für sein Schicksal. Es wacht alle anderthalb oder zwei Stunden auf, um die Anwesenheit der Mutter zu überprüfen. Ist sie da, so beruhigt es sich und schläft sofort wieder ein. Ist sie nicht da, so weint es, bis die Mutter erscheint. Dies macht es nicht, um die Mutter zu ärgern oder zu manipulieren, oder weil es unerzogen ist. Gerade durch die Anpassung ist und sollte das nächtliche Weinen häufig, frühzeitig und intensiv sein. Das bedeutet, dass das Kind oft aufwacht und direkt nach dem Aufwachen anfängt, laut zu weinen. Wird es nicht beachtet, so weint es bis zur Erschöpfung weiter. Die Durchschnittszeit vom Aufwachen bis zum Weinen beträgt 20 Sekunden (1).
Das Schimpansenbaby schläft bis zum 5. Lebensjahr bei seiner Mutter (die Pubertät beginnt bei Schimpansen mit 7 Jahren). Bei Einbruch der Nacht sucht die Mutter einen geeigneten Schlafplatz, den sie aus Blättern herrichtet, und schläft dort mit ihrem Kind. Man nimmt an, dass unsere Vorfahren ähnlich vorgingen. Stellen wir uns nun zwei Mütter vor 100.000 Jahren vor, die mitten in der Nacht aufwachen und ihre Kinder zurücklassen, um einen Spaziergang zu machen. Das eine Kleinkind wacht alle anderthalb Stunden auf, das andere schläft die ganze Nacht durch. Das eine weint lauthals, das andere schluchzt schwach und hört manchmal auf. Das eine fängt, kaum, dass es wach ist, an zu schreien wie am Spieß, das andere wartet ruhig und lächelnd und weint nur dann, wenn die Mutter länger als zwei Stunden wegbleibt. Welches der beiden Kinder hat wohl überlebt? Der Trick zum Überleben besteht darin, zu weinen und die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu lenken, bevor sie so weit weg ist, dass sie das Weinen nicht mehr hört.

Mit ungefähr drei Jahren fängt das Kind an zu begreifen, dass die Mutter nicht für immer fortgeht, sondern sich im Zimmer nebenan befindet, und dass es sich nicht in Gefahr befindet, da es nicht im Urwald lebt, sondern schön zugedeckt und beschützt in einem Bett liegt. Zu dem Zeitpunkt pflegt das Kind mehrere Stunden am Stück zu schlafen.
Bei normaler Erziehung (ständiger Kontakt mit der Mutter, Stillen nach Verlangen, bei der Mutter schlafen) trinkt das Kind nachts häufig von der Brust, weint aber nicht. Es gibt kein „Schlafproblem“.


Gängige Vorurteile über kindliches Schlafverhalten

Je größer Kinder werden, desto mehr Stunden schlafen sie durch; ab dem 6. Monat schlafen sie 11 oder 12 Stunden am Stück.

In Wahrheit variiert die Stundenzahl des durchgehenden Schlafes durch die Art der Ernährung (Stillen/Muttermilch oder künstliche Milch) und die Schlafstelle (alleine oder bei der Mutter). Außerdem würden die Ergebnisse, die sich bei einer Umfrage unter Müttern ergeben würden und die bei einer direkten Beobachtung des Verhaltens des Kindes ermittelt werden würden, sehr unterschiedlich ausfallen.
Anders (2) schildert in einer Studie, bei der allein schlafende Babys beobachtet wurden, indem das Bettchen die ganze Nacht gefilmt wurde, dass nur 44 % der 2 Monate alten Säuglinge durchschliefen, bei den 9 Monate alten waren es 78 % (die Art der Ernährung wurde nicht näher erläutert, man nimmt an, dass sie mit künstlicher Milch ernährt wurden).
Anders benutzt jedoch eine Definition des durchgehenden nächtlichen Schlafens, die in der englischsprachigen Literatur üblich ist: „Das Kind kommt nicht zwischen 0 und 5 Uhr morgens aus dem Bett“. Nach dieser Definition müssten die Kinder, die um 23.45 Uhr oder um 5.15 Uhr aus dem Bettchen geholt werden, oder die, die aufwachen und nicht weinen, oder die, die weinen, ohne von anderen beachtet zu werden, „die ganze Nacht weiterschlafen“. Nach einer strengeren Definition „Das Kind schläft ab dem Zubettbringen bis zum Aufwachen am nächsten Morgen“ (10,5 Stunden Schlaf im Durchschnitt) schliefen nur 6 % der 2 Monate alten und 16 % der 9 Monate alten Säuglinge die ganze Nacht durch. Die Nacht durchschlafen ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Elias et al. (3) untersuchten die Schlafmuster gestillter nordamerikanischer Kinder anhand von den von Müttern ausgefüllten Fragebögen. Alle Kinder saugten bis zum Alter von 4 Monaten an der Brust. Mit 2 Jahren tat dies nur noch die Hälfte. Die Säuglinge, die nicht mehr gestillt wurden, schliefen im Alter von 7 Monaten 9 Stunden am Stück. Bis zum Erreichen des 24. Lebensmonats schliefen sie zwischen 9,5 und 10 Stunden durchgehend. Im Gegensatz dazu schliefen die Kinder, die noch gestillt wurden, mit 2 Monaten 6 Stunden durchgehend, mit 4 Monaten 7 Stunden, aber im Alter von 7, 10, 13 und 16 Monaten nur noch 4 Stunden. Im Alter von 20 Monaten waren es 7 Stunden, mit 24 Monaten verringerte es sich auf 5 Stunden. Ein normales Verhalten der Kinder, die normal ernährt werden, besteht darin, ab dem Alter von 4 Monaten häufiger aufzuwachen. Wir wissen nicht, warum die nicht mehr gestillten Kinder diese exzessive Schläfrigkeit aufwiesen, und ob dieses Phänomen noch heute, 20 Jahre später, gilt, da die Zusammensetzung der künstlichen Milch inzwischen anders ist. Durch die Benutzung des Fragebogens in Elias Studie wird die Dauer des längsten Schlafintervalls möglicherweise überschätzt. Oft wacht die Mutter nicht auf und erinnert sich nicht, ob das Kind gestillt wurde oder nicht.


Kinder brauchen nachts nicht gestillt werden.

Was bedeutet „sie brauchen nicht“? Dass sie nicht verhungern, wenn sie nachts nicht gestillt werden? So könnten wir auch behaupten, dass die Kinder „nicht zur Schule gehen brauchen“.
Ein Kind könnte doch auch nachts viel getrunken haben und müsste dann tagsüber nicht gestillt werden. Die Frage ist daher nicht, ob das nächtliche Stillen „notwendig“ ist, sondern, ob es normal oder krankhaft ist, ob es gut, schädlich oder irrelevant für Kind und Mutter ist.
McKenna et al. (4) beobachteten, dass getrenntes Schlafen das Stillen erschwert, da das Kind weniger saugt. Es habe auch eine bleibende Auswirkung auf das Verhalten des Kindes, weniger von der Brust zu trinken, sogar wenn es bei der Mutter schlafen würde.


Kinder wachen aufgrund einer gelernten Angewohnheit auf.

Der Begriff „gelernt“ steht „angeboren“ gegenüber. Die Verfechter dieser Theorie sehen es als normal an, dass Kinder alleine und durchgehend schlafen und nachts nichts zu sich nehmen. Dazu seien alle seit der Geburt vorbereitet. Nur durch einen Lernprozess kämen sie dazu, nach der Anwesenheit der Eltern zu verlangen, sie mitten in der Nacht zu rufen oder nach Nahrung zu fordern. Dieses Lernen erfolgt durch operative Konditionierung: Die Anwesenheit der Eltern oder die Nahrung wirkt wie eine positive Verstärkung, was die Zunahme des verstärkten Verhaltens (aufwachen und weinen) bewirkt.

Diese Lerntheorie hat jedoch einige Schwachpunkte:

  • Warum gibt es so wenig Kinder, die „das Normale“ tun, und so viele, die „das Unnormale“ erlernen? In vielen menschlichen Gesellschaften ist das Schlafen bei den Eltern und das nächtliche Stillen normal und universell gültig. Doch sogar in unserer Gesellschaft, in der dieses Phänomen als unnormal angesehen und heftig kritisiert wird, bringen die meisten Eltern ihren Kindern unfreiwillig schlechte Angewohnheiten bei. Nach mehreren Studien aus europäischen Ländern schlafen zwischen einem Drittel und der Hälfte der Kleinkinder für gewöhnlich bei den Eltern. Im Gegensatz dazu gibt es wenige Kinder, die von Geburt an jeden Tag alleine und zufrieden schlafen, ohne aufzuwachen und zu weinen.
  • Warum ist das „Normale“ so leicht zu vergessen und das „Unnormale“ so leicht zu lernen? Um den Kindern „normale“ Schlafgewohnheiten beizubringen, müssen die Ratschläge gewisser Bücher strikt befolgt werden, während die „schlechten Angewohnheiten“ durch Zufall eingeflößt werden: „Es reicht schon aus, wenn ihr das ein einziges Mal macht und dem Kind das gebt, was es verlangt (Wasser, ein Lied, ihm die Hand geben, „einen Moment“, Umarmungen), um das Spiel zu verlieren; all das, was ihr erreicht habt, verpufft...“(10)
  • Das Beispiel für die operative Konditionierung ist die Ratte, die jedes Mal Nahrung erhält, wenn sie einen Hebel betätigt. Nach der oben erwähnten Theorie entspricht die Anwesenheit der Eltern der Nahrung und das Aufwachen und nach ihnen Rufen dem Betätigen des Hebels. Die Ratte will und braucht das Betätigen des Hebels nicht. Sie täte es nicht, wenn es nicht zufällig eine Belohnung gäbe. Die Kinder wiederum zeigen schon von Anfang an eine klare Tendenz dazu, nach ihren Eltern zu rufen. Die Ratte drückt auch nicht auf den Hebel, wenn sie keinen Hunger hat oder als Verstärkung etwas angeboten bekommt, das ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigt, wie einen Stein, eine Münze...


Bei den Eltern zu schlafen, ist schwer abzugewöhnen.

So wäre es tatsächlich, wenn es sich hierbei um eine Angewohnheit oder ein gelerntes Verhalten handeln würde. Je öfters dieses Verhalten verstärkt würde, desto häufiger würde es zurückkehren und desto schwieriger würde es verschwinden. In der Praxis verschwindet dieses Verhalten jedoch in Wahrheit spontan. Im Alter von einem Jahr schlafen viele Kinder bei ihren Eltern, im Alter von 3 Jahren werden es weniger, und mit 8 Jahren ist es kaum eines. Im Alter von 15 Jahren würde sich die Mehrheit der Kinder weigern, bei den Eltern zu schlafen, auch wenn diese darum bitten würden.


Kinder müssen das Schlafen lernen.

Schlafen ist wie Essen und Atmen kein erlerntes Verhalten. Schon die Föten schlafen im Uterus. Neugeborene schlafen meist um die 16 Stunden am Tag. Das Schlafen wird insofern gelernt, dass es in bestimmter Weise kulturell akzeptiert wird (Schlafanzug anziehen, ins Bett gehen). Kinder akzeptieren diese sozialen Normen mit großer Leichtigkeit, solange diese ihren Bedürfnissen nicht im Weg stehen. So weigern sie sich häufig, alleine zu schlafen, und schreien nach der Mutter. Es kommt jedoch selten vor, dass sie sich weigern, den Schlafanzug anzuziehen, oder dass sie versuchen, ihn mitten in der Nacht auszuziehen.


Eltern sollten das Kind im Bettchen zurücklassen, wenn es noch wach ist.

Es wird behauptet, dass sich ein Kind nach dem Aufwachen beim Anblick des zuletzt gesehenen Gegenstands beruhigt und wieder einschläft. Bei veränderter Umgebung erschrickt es und weint. War die Mutter das letzte, was das Baby sah, so ruft es sie dann in der Nacht.

Wenn dies allerdings wahr wäre, wäre die Lösung offensichtlich: Das Kind müsste die ganze Nacht über an der Seite seiner Mutter bleiben. Das Kind sucht aber nicht „das“ letzte, was es beim Einschlafen gesehen hat. Es sucht nicht nach einem Gegenstand, sondern nach einer Person. Ist die Mutter anwesend, dann macht es dem Kind nichts aus, wenn das Kuscheltier verschwunden ist. Es sucht auch nicht nach irgendeiner Person, sondern konkret nach seiner Mutter. Wenn das Kind in den Armen einer Fremden einschlafen würde, nach wem würde es beim Aufwachen eher schreien? Nach der Fremden oder nach seiner Mutter? Nur die Kinder, die ein Übergangsobjekt besitzen, verlangen schreiend nach ihm und weinen, wenn sie von ihm getrennt werden. Interessanterweise sieht niemand den Besitz dieses Übergangsobjektes als Laster oder abzugewöhnendes Verhalten an. Es wird zugelassen, dass das Kind nachts Trost bei seinem Daumen, dem Schnuller, dem Kuscheltier oder einer alten Decke sucht, also eher bei irgendeinem Gegenstand als bei einem anderen Menschen.
Zwei schlecht modellierte Studien haben versucht, diese Theorie zu überprüfen (5, 6). Auch wenn man die Ergebnisse akzeptiert, wird die Anzahl des nächtlichen Aufwachens nur sehr gering davon beeinflusst, ob das Kind allein oder bei den Eltern schläft.


Bei den Eltern zu schlafen, schadet dem Gesundheitszustand des Kindes.

Es wurde häufig behauptet, dass bei den Kindern zu schlafen auf Dauer Schlaflosigkeit bei diesen bewirke und sogar deren Geisteszustand schaden könne.
In Beobachtungsstudien fand man eine Verbindung zwischen dem Schlafen bei den Eltern und verschiedenen Schlafproblemen. Die vernünftigste Erklärung dafür ist die gegenteilige Ursache: Eltern, die in einer Gesellschaft leben, in der das Schlafen bei den Eltern kritisiert wird, greifen auf diese Methode nur dann zurück, wenn alle anderen Methoden, das Kind zum Schlafen zu bringen, gescheitert sind, wenn das Kind zum Aufwachen und Weinen neigt oder lange zum Einschlafen braucht.

Transkulturelle Studien werfen Licht auf diese Tatsache. In den USA wird das Phänomen des gemeinsamen Schlafens gewöhnlich von der weißen Bevölkerung missachtet, während es eine gewöhnliche und akzeptierte Handlung unter der schwarzen Bevölkerung darstellt. Lozoff et al. (7) beobachteten vier Gruppen von Nordamerikanern: weiße Amerikaner aus der unteren sozialen Schicht, weiße Bürger aus der oberen sozialen Schicht, schwarze Bürger der unteren sozialen Schicht und schwarze Amerikaner aus der oberen sozialen Schicht. Statistisch wurde festgestellt, dass nur die ärmeren weißen Eltern das Schlafen des Kindes im Elternbett mit einem Schlafproblem ihres Kindes verbanden. Bei den anderen Gruppen war der Unterschied zwischen getrenntem und gemeinsamem Schlafen nicht signifikant. In der ärmeren schwarzen Gruppe hatte das Phänomen einen positiven Effekt (Kinder, die alleine schliefen, hatten mehr Probleme).

Japan ist eine hochindustrialisierte Gesellschaft, in der das Phänomen des gemeinsamen Schlafens als normal und wünschenswert angesehen wird. Latz et al. (8) fanden bei einer Beobachtung von japanischen Mittelklassefamilien heraus, dass 59 % der 9 bis 48 Monate alten Kleinkinder bei ihrer Mutter oder beiden Elternteilen schliefen – die ganze Nacht über und jede Nacht seit der Geburt.
Im Gegensatz dazu lagen nur 15 % der weißen amerikanischen Kinder im Bett der Eltern, und das auch nicht die ganze Nacht. Die amerikanischen Kinder hatten zusammen fünfmal mehr Schlafprobleme als die japanischen. Laut Latz et al. ist „der Widerstand gegen den intensiven Wunsch des Kindes, seinem Beschützer nahe zu sein, ausschlaggebend für die in den USA auftretenden Proteste beim Schlafengehen und für das nächtliche Aufwachen. Andere Faktoren können dies bei den Kindern verstärken: das Schlafen des Kindes in Intervallen oder nur teilweise bei den Eltern, das Zurückgreifen der Eltern auf das Schlafen in ihrem Bett als Reaktion auf die Schlafveränderungen, die Empfehlungen von Spezialisten gegen diese Praktik, die widersprüchliche Meinung und Handlung der Eltern in Bezug auf das Phänomen.“

Einer spanischen Studie (9) zufolge wacht die Hälfte der 13 Monate bis 3 Jahre alten Kinder (40% bis zum 7. Lebensjahr) nachts auf. 38 % wachten mehr als zweimal in der Nacht auf. Nur die Hälfte der Eltern, deren Kinder nachts aufwachten, empfand, dass das Kind „schlecht schlafe“; nur eine von fünf Familien suchte deswegen den Arzt auf. Diese Toleranz und Unbesorgtheit der Mehrheit der Eltern steht im Kontrast zur Panikmache einiger Experten. Estivill (10) bestätigt, „die Schlaflosigkeit des Kindes durch falsche Angewohnheiten“ erklärend, dass diese zur Zerstörung der ehelichen Harmonie beitrage, „das Frustrationsgefühl nimmt zu... Selbstbeschuldigungen als Reaktion sind eher selten.“

In anderen Kulturen ist das Schlafen bei den Eltern universell gültig – daher sind Schlafprobleme dort praktisch unbekannt. Morelli et al. (11) beobachteten das Verhalten und die Meinungen einer Gruppe von 14 guatemaltekischen Müttern mit Maya-Herkunft im Vergleich zu 18 amerikanischen weißen Müttern aus der Mittelklasse.
Alle Mayakinder (zwischen 2 und 22 Monate alt) schliefen im Bett der Mutter, acht davon auch beim Vater. Drei andere Väter schliefen in einem anderen Bett im gleichen Zimmer (zwei von ihnen mit dem anderen Geschwister des Kindes). In drei Fällen lebte man ohne Vater. In 10 Fällen schliefen andere Geschwister mit im Zimmer, vier davon im selben Bett. Vier andere beobachtete Säuglinge waren Einzelkinder.
Die Mayakinder blieben im Bett der Mutter und tranken nach Verlangen an der Brust bis zum 2. oder 3. Lebensjahr, kurz bevor ein weiteres Geschwister zur Welt kam. Die Mütter bemerkten normalerweise nicht, ob das Kind nachts gesaugt hatte, da sie nicht aufwachten. Sie schenkten dem keine große Aufmerksamkeit. Im Gegensatz dazu mussten 17 der 18 amerikanischen Mütter nachts aufstehen, um ihr Kind (im Durchschnitt um die 6 Monate alt) zu stillen, und empfanden dies als lästig.
Unter den Mayas gab es keine Rituale, um die Kinder zum Schlafen zu bringen. Sieben schliefen zur selben Zeit ein wie ihre Eltern, der Rest in den Armen einer anderen Person. Die zehn Brustkinder schliefen an der Brust ein. Es wurden keine Geschichten erzählt. Die Kinder wurden vorm Schlafengehen nicht gebadet. Nur ein Kind schlief mit einer Puppe ein. Es war das einzige, das seit seiner Geburt nicht jede Nacht bei seiner Mutter geschlafen hatte, sondern einige Monate lang in einer Wiege im selbem Zimmer gelegen hatte, bis es wieder ins Bett der Mutter durfte.
Die Mayamütter kannten kein anderes Schlafverhalten. Sie reagierten überrascht, skeptisch und voller Mitleid über die Tatsache, dass amerikanische Kinder in einem anderen Zimmer schliefen. Eine fragte: „Es bleibt doch jemand bei ihnen, nicht?“ Das Schlafen bei den Eltern erfolgt nicht aus Armut oder dem Fehlen eines anderen Zimmers. Es wird als grundlegend für die richtige Erziehung des Kindes angesehen. Die Mütter erklärten, dass man einem 13 Monate alten Kind nur einmal sagen müsse, dass es gewisse Gegenstände nicht anfassen solle, damit es gehorche: „Fass es nicht an, das ist nicht gut, du tust dir weh.“ Eine Mayamutter sah den Grund für das Verhalten der amerikanischen Kinder, Verbote nicht zu verstehen und entgegengesetzt zu handeln, darin, dass diese getrennt von den Eltern schliefen. In den Vereinigten Staaten wird das Schlafen bei den Eltern in der Statistik mit schlechterer Erziehung der Eltern, der Geburt eines Geschwisters, Krankheit oder Unfall eines Kindes oder eines Familienmitglieds, Wohnungswechsel, Familienveränderungen, finanziellen Problemen und Spannungen in der Ehe assoziiert (12). Trotz all dem bewies die einzige Fallstudie (13), die speziell darauf abgestimmt war, herauszufinden, ob das Phänomen ein psychologisches Problem bewirken könne, genau den gegenteiligen Effekt. Bei den Eltern zu schlafen, ist ein schützender Faktor und kommt häufiger bei 2-13jährigen Patienten der Pädiatrie als bei Kindern in der Psychiatrie vor.


Literatur
(1) Keener MA, Zeanah CH, Anders TF. Infant temperament, sleep organization, and nighttime parental interventions. Pediatrics 1988; 81:762-771
(2) Anders TF. Night-waking in infants during the first year of life. Pediatrics 1979; 63:860-864
(3) Elias MF, Nicolson NA, Bora C, Johnston J. Sleep/wake patterns of breast-fed infants in the first 2 years of life. Pediatrics 1986; 77:322-329
(4) McKenna JJ, Mosko SS, Richard CA. Bedsharing promotes breastfeeding. Pediatrics 1997; 100:214-219
(5) Adair R, Bauchner H, Philipp B, Levenson S, Zuckerman B. Night waking during infancy: role of parental presence ad bedtime. Pediatrics 1991; 87:500-504
(6) Adair R, Zuckerman B, Bauchner H, Philipp B, Levenson S. Reducing night waking in infancy: a primary care intervention. Pediatrics 1992; 89:585-588
(7) Lozoff B, Askew GL, Wolf AW. Cosleeping and early childhood sleep problems: Effects of ethnicity and socioeconomic status. J Dev Behav Pediatr 1996; 17:9-15
(8) Latz S, Wolf AW, Lozoff B. Cosleeping in context. Sleep practices and problems in young children in Japan and the United States. Arch Pediatr Adolesc Med 1999; 153:339-346
(9) Garcia A, Malo J, Isern R, Juncosa S, Pérez JM, Rierola M, Juventeny D. Es desperten els nens a la nit? But Soc Cat Pediatr 1995; 55:59
(10) Estivill Sancho E. Insomnio infantil. Act Ped Esp 1994; 52:398-401
(11) Morelli GA, Rogoff B, Oppenheim D, Goldsmith D. Cultural variation in infants sleping arrangements: questions of independence. Dev Psychol 1992; 28:604-613
(12) Lozoff B, Wolf AW, Davis NS. Cosleeping in urban families with young children in the United States. Pediatrics 1984; 74:171-182
(13) Forbes JF, Weiss DS, Folen RA. The cosleeping habits of military children. Mil Med 1992; 157:196-200

Dr. Carlos González Rodríguez
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Übersetzung: Natalie Hachmeyer

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 3/2005, S. 28-32

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