Sicher gebunden – und nun?

Wir haben alles strikt nach „Vorschrift“ gemacht: nach einer Hausgeburt über zwei Jahre gestillt, mit unseren Babys im Familienbett geschlafen und sie rund um die Uhr an unserem Körper getragen – und doch erscheinen manche bindungsorientiert aufwachsenden Kinder zuweilen nervös, übersensibel, zornig und sogar offen feindlich. Warum?

„Attachment Parenting“, also bindungsorientierte Elternschaft, ist vermutlich der beste Entwurf für das Leben mit Babys, den unsere Kultur seit Beginn dessen, was wir „Zivilisation“ nennen, hervorgebracht hat. Die neue Empfänglichkeit für die emotionalen Bedürfnisse von Säuglingen ist ein wunderbarer Fortschritt, unterstützt durch das beste an Forschungsarbeit, was Entwicklungspsychologie und Neurobiologie zu bieten haben.
Infolgedessen glaubten wir, wenn wir nur alles richtig machen, also „natürlich“ gebären, mit dem Baby gemeinsam schlafen, es tragen, nach Bedarf langzeitstillen und von Anfang an auf Windeln verzichten, dann gebe es auch keine Probleme. Und warum sind dann trotzdem manche unserer Kinder alles andere als ausgeglichen? Sie hatten Freiheiten und Zuwendung, wie es sie in vorigen Generationen noch nie gab. Müssten sie nicht eigentlich alle zufrieden, selbstbewusst und rücksichtsvoll sein?

Die sichere Bindung gilt zurecht als das Herzstück der emotionalen Gesundheit und ist die Triebfeder jeder liebevollen Beziehung im Erwachsenenleben; aber die Entwicklung des Kindes endet nicht damit. Eine gesunde Bindungsfähigkeit ist wichtig, aber nicht ausreichend. Die nächste Entwicklungsstufe sieht ganz anders aus und verlangt von uns eine fundamentale Neuorientierung in der Beziehung zu unserem Kind.
Das Kleinkind lässt die verträumte Zeit der totalen Symbiose mit seiner Mutter hinter sich und sucht eine völlig neue Grundlage für Beziehungen: Es ist nun bereit, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden, ein Individuum. Dieser neue Entwicklungsschritt, ebenso wesentlich für gesunde Beziehungen und Gefühle, hat mit Abgrenzung zu tun. Während das Baby die Bezugsperson als Erweiterung seiner selbst ansieht, muss das Kleinkind sie als eigenständigen Menschen erleben, damit sein eigenes, unabhängiges Selbst hervortreten kann.
Die innere Kraft eines Kleinkindes, seine Selbständigkeit und sein Selbstvertrauen hängen davon ab, dass die Eltern emotionale Authentizität vorleben können, also „echt“ sind. Das bedeutet, dass das ganze Spektrum unserer Gefühle – Liebe, Zärtlichkeit, Freude, Spaß, Müdigkeit, Traurigkeit, Wut – sich in unseren Worten, Gesten, unserer Tonlage widerspiegeln darf und soll. Die beste „Nahrung“ für unser Kleinkind ist jetzt die Möglichkeit, unser authentisches Selbst zu sehen und kennenzulernen.


Die Kleinkindphase

Wenn das Baby sich allmählich in die Welt des Kleinkindes vorwagt, braucht es eine neue Art der Nahrung, um sich als Person zu stärken – die Symbiose hat nun ausgedient. Zwar bildet die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Bindung die Grundlage für seine emotionale Sicherheit. Doch diese Grundlage des Vertrauens dient nun vor allem als sicherer Hafen, von dem aus das Kleinkind sein eigenes „Anderssein“ entdeckt und erforscht. Wenn die Grundlage einmal gelegt ist, muss das Kind eine gesunde zwischenmenschliche Abgrenzung aufbauen. Von den Eltern verlangt das eine Kursänderung: Bisher haben sie sich bemüht, jedes Bedürfnis des Kindes zu erfüllen. Nun gewinnt das Kind an Stärke, indem es die Eltern allmählich als eigenständige Personen entdeckt, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Gefühlen – und Grenzen!
Solange ein Kleinkind nicht grausam bestraft oder erniedrigt wird, reift seine emotionale Belastbarkeit heran, und es kann nun auch ein gewisses Maß an Widerspruch tolerieren. Das gibt den Eltern mehr Raum, um ihm ein breiteres Spektrum ihrer eigenen Gefühle zu zeigen, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen deutlicher zu machen, und vom Kind – natürlich altersangemessen – auch schon ein wenig rücksichtsvolles Verhalten zu erwarten. Je mehr die Eltern bereit sind, durchschaubar, authentisch und emotional lebendig zu ihrem Kind in Beziehung zu treten, desto größer ist seine Chance, zu seinem eigenen, einzigartigen Selbst zu finden. Wenn es den Eltern gelingt, sich selbst auf einer Ebene auszudrücken, die für das Kind verständlich ist, hilft ihm diese Art des Kontaktes mit anderen Menschen zu reifen.


Frustration und Enttäuschung

Mit wachsender Kraft und Beweglichkeit trifft das Kleinkind vermehrt auf Grenzen: Es darf nicht frei in jede Richtung davonlaufen, es darf nicht mit allem spielen, wonach es greift, es darf andere Menschen (z.B. ein jüngeres Geschwisterkind) nicht wegschubsen oder schlagen, es darf nicht auf dem Spielplatz bleiben, solange es will, wenn die Eltern nach Hause gehen müssen. Die Entdeckung, dass andere ihre eigenen Bedürfnisse und Einschränkungen haben, kann beim Kind Enttäuschung und sogar Wut hervorrufen.
Wenn die Eltern ihre Grenzen bestimmt, aber nicht beschämend und ohne Bestrafung deutlich machen, wird dies dem Kind helfen, sich sicher zu fühlen. Indem die Eltern Grenzen setzen, lernen Kinder, ihre eigenen Gefühle zu beherrschen, wenn es nötig ist.
Das Kind wird gestärkt, wenn es in sicherem Rahmen seine Wut, seinen Schmerz und seine Traurigkeit ausdrücken kann. Dass die Eltern sein Recht auf Protest anerkennen, zeigt ihm, dass Frustrationen unangenehm sind, es jedoch nicht im Kern verletzen. Auch angesichts von Frustration fühlt sich das Kleinkind „richtig“, und das hilft ihm dabei, sie hinter sich zu lassen. Das Recht, seinen Enttäuschungen Luft zu machen, trägt zu einer gefestigten Eigenliebe bei und hilft ihm, die Vergänglichkeit der Annehmlichkeiten des Lebens zu akzeptieren.
Als Erwachsene erleben wir ständig Situationen, in denen wir uns zurecht entscheiden, unsere gröberen Impulse zu unterdrücken – z.B. den Wunsch, wütend zuzuschlagen, unser sexuelles Verlangen etc. Die Art, wie unsere Eltern uns Grenzen gesetzt haben, ist die Vorlage dafür, wie wir uns im späteren Leben selbst einschränken: Haben unsere Eltern versucht, uns zu beschämen, so halten uns Schamgefühle zurück; haben sie uns bestraft, bestrafen oder sabotieren wir uns selbst. Traten unsere Eltern bestimmt und selbstsicher auf, können wir unsere eigenen Impulse aus freien Stücken beherrschen, ohne dass unser Selbstwertgefühl darunter leidet.


Konflikte

Da Kleinkinder unbeherrscht und überschwenglich sind, entstehen natürlich auch Konflikte mit den Eltern. Solche in dieser Phase völlig normalen Konflikte sind nicht schädlich, sondern bieten eine nötige, wertvolle Lernerfahrung. Wenn die Eltern damit einfühlsam umgehen und ihren Kindern als Vorbilder für respektvollen Umgang mit Gefühlen dienen können, vermitteln sie ihnen eine dauerhafte Grundlage für Selbstvertrauen und natürliche Kommunikationskompetenz. Die Kleinkindzeit ist optimal, um zu lernen, dass Wut Beziehungen voranbringen kann, anstatt sie zu zerstören – vorausgesetzt, sie wird ehrlich und auf konstruktive Weise zum Ausdruck gebracht.
Konflikte mit den Eltern können so das Kind stärken – allerdings nur, wenn die Eltern den schmalen Grat erkennen, der Wut von Gewalt trennt. Wenn das freie Ausdrücken von Wut verantwortlich geschieht – also ohne Beschämen, Schuldzuweisungen und Strafe – ist es ein wichtiger Weg hin zu Liebe und Intimität. Wut zu zeigen bedeutet, dem anderen etwas von sich preiszugeben, sie ist eine Begegnung in Leidenschaft. Wir sollten diesen Aspekt in der Beziehung zu unseren Kindern willkommen heißen, genauso wie in unseren intimen Beziehungen zu anderen Erwachsenen. Ich möchte allerdings betonen, dass es nicht darum geht, unser Kind mit unserer Wut zu schockieren oder zu ängstigen – aufbrausende, zerstörerische Wut müssen wir unbedingt meiden. Wenn unsere Kinder unsere Wut fürchten, haben wir es übertrieben. Sie werden sich uns weniger unterlegen fühlen, wenn sie ebenso Gelegenheit haben, auf uns wütend zu sein, wenn wir ihrer Wut zuhören und sie ernstnehmen. Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um gegenseitigen Kontakt.

Als meine Tochter und ich einmal wütend aufeinander waren – sie war damals etwa sechs Jahre alt –, hatten wir uns verhakt in der Diskussion über unser Streitthema, mit vielen Einbahnstraßen wie „Aber Du hast gesagt…!“ (Klingt vertraut, oder?) Ich beschloss, diesen ganzen Morast zu umgehen, indem ich das Thema vorerst ruhen ließ. Ich schlug ihr vor, uns erst einmal gegenseitig zu zeigen, wie wütend wir waren. Sie willigte ein. Ich half ihr, ein paar Stufen auf unserer Treppe hinaufzusteigen, so dass wir mit dem Gesicht auf gleicher Ebene waren, und weit genug entfernt, so dass sie sich nicht durch meine Größe eingeschüchtert fühlte. Ich half ihr dann, ihre Hände vor ihrem Körper zu Fäusten zu ballen, und forderte sie auf zu schreien, einfach ohne Worte zu schreien. Es war ein erschütternder, ohrenbetäubender Schrei; die Augen in ihrem gerötetem Gesicht auf mich gerichtet, konnte ich die Wut durch ihren ganzen Körper beben sehen. Und ich brüllte zurück. Erst leise, um sicherzugehen, dass sie keine Angst hatte. Wie wundervoll, gemeinsam brüllen zu können, ohne Angst haben zu müssen! Wir hatten eine ursprüngliche, echte Beziehung zueinander gefunden, ohne Sieger – einfach zwei Riesen, einander ebenbürtig, die sich lieben.
Meine Tochter ist inzwischen acht und hat keine Hemmungen, mir zu sagen, ich solle still sein oder sie in Ruhe lassen, wenn sie sich danach fühlt. Und auch ich habe keine Bedenken, ihr zu zeigen, dass ich stinksauer bin, oder müde, oder verletzt. Manchmal helfe ich ihr, mit den Füßen gegen meine Schulter oder meinen Rücken zu drücken, oder mir mit einem Kissen auf die Schulter zu schlagen, wenn sie böse auf mich ist oder frustriert. Das führt jedes Mal zu Lachanfällen und Umarmungen. Meine Tochter kann mit mir zusammen ihre Stärke fühlen, und ich vertraue ihr viele meiner Gefühle an.


Erwartungen der Eltern

Ab dem Kleinkindalter müssen wir damit beginnen, bestimmte Verhaltensweisen von unseren Kindern zu erwarten und einzufordern. Auf diese Weise wird ihnen schrittweise klar, dass andere Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Empfindungen haben, und sie beginnen ihre Reise hin zu dem Bewusstsein des „Anderen“, zu Respekt und Einfühlungsvermögen. Selbstbewusste Eltern, die um Respekt bitten, zeigen ihrem Kind, wie es selbst auf angemessene Weise selbstbewusst werden kann.


Das Wort „nein“

Im Laufe der Elternschaft müssen wir Millionen Mal „nein“ zu unseren Kindern sagen. Das ist nicht nur die harte Wirklichkeit; es ist ein Geschenk. Und zwar deshalb: Nicht das „nein“ an sich ist verletzend; das wird es erst durch die Emotionen und Absichten, mit denen wir es sagen. Eltern, die sich als Kind selbst unterlegen fühlten, empfinden vielleicht Ablehnung, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind „seinen Willen bekommt“. Ihr „nein“ klingt darum manchmal bitter und kalt. Der strafende Tonfall, nicht das Wort an sich tut weh. Ansonsten gehört „nein“ einfach zu dem großen Spektrum unserer Befindlichkeiten, die das Kind kennenlernt, wenn es seine Eltern als vollständige Personen erfahren darf.
Sagen wir „ja“, wenn wir eigentlich „nein“ meinen, verwirren und frustrieren wir das Kind. Wir gaukeln Toleranz vor, ohne wirklich dahinterzustehen. Angenommen, Sie sind erschöpft von einem langen Arbeitstag, und Ihr Kind will mit Ihnen spielen. Als „gute“ Eltern könnten Sie die (Über-)Anstrengung unternehmen, sich auf den Boden zu setzen und zu spielen. Vermutlich wären Sie aber gar nicht wirklich bei der Sache, während Sie sich insgeheim nur wünschen, Ihre Ruhe zu haben. In diesem Fall hätten Sie Ihrem Kind wahrscheinlich mehr zu geben, wenn Sie ehrlich zu ihm sind und ihm sagen: „Mir ist im Moment nicht wirklich nach Spielen, ich möchte mich ausruhen (oder allein sein, oder schlafen…).“


Die Führung übernehmen

Viele Eltern aus unserer Generation haben so sehr versucht, Zwang und autoritäre Methoden hinter sich zu lassen, dass wir ins andere Extrem gefallen sind und uns selbst geschwächt haben. Wir brauchen Rollenvorbilder, die uns zeigen, wie wir die Führung übernehmen, wenn es angebracht ist, aber auf eine Weise, die in Wahrheit unsere Kinder stärkt. Das heißt nicht, dass wir unsere Kinder mit Hilfe von Zwang beherrschen sollen oder darauf bestehen, immer und überall das Sagen zu haben – Kinder können kein Selbstvertrauen entwickeln, wenn wir sie ständig kontrollieren. Aber es gibt häufig Situationen, in denen unsere Kinder sich verloren, unsicher und verlassen fühlen werden, wenn wir uns weigern, das Kommando zu übernehmen.
Wir werden niemals das perfekte Gleichgewicht erreichen zwischen Sich-Zurücknehmen, Verhandeln und starken Einforderungen an unsere Kinder. Kein Buch kann uns mit Sicherheit sagen, wie wir ein Problem lösen, das in Wahrheit nur bewältigt werden kann, wenn wir bereitwillig zuhören, uns irren, auf Feedback achten, Fehler eingestehen und uns bei gegebenem Anlass auch entschuldigen. Wirklich nicht verhandelbare elterliche Autorität müssen wir jedoch immer dann ausüben, wenn die Gesundheit unseres Kindes in Gefahr ist oder wenn sein Verhalten andere verletzt oder missachtet.


Kontakt statt Kontrolle

Ein neues Modell für Eltern-Kind-Beziehungen legt Wert auf Kontakt statt auf Kontrolle. Echter und effektiver Kontakt mit unseren Kindern setzt voraus, dass wir uns auf authentische und verantwortliche Weise selbst ausdrücken können. Die Idee authentischen Kontakts existiert außerhalb eines Schemas von Kontrolle, das die Eltern dazu zwingt, sich zwischen einem autoritären und einem freizügigen Erziehungsstil zu entscheiden. Tatsächlich wird dieser Gegensatz völlig vermieden. Das selbstbewusste Festlegen von Grenzen durch authentischen Kontakt wird vor allem durch Ich-Botschaften an das Kind vermittelt. Auf diese Weise ist es in Ordnung, gelegentlich auch wütend auf unsere Kinder zu sein, denn Ich-Botschaften vermitteln Wut auf verantwortliche, nicht-ablehnende Art. Eine bestimmt geäußerte Ich-Botschaft macht das Kind aufmerksam und zwingt es, einen Augenblick lang über den eigenen Horizont hinauszusehen (kleine Kinder sind natürlicherweise Egozentriker!) und Sie, zumindest für den Moment, als Person wahrzunehmen.
Indem Sie sich Ihren Kindern zeigen und emotional transparent für sie sind, lernen sie allmählich, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Kinder profitieren davon, wenn Emotionen offen ausgelebt werden, wenn sie sehen können, dass ihre Eltern nicht nur glücklich und liebevoll sind, sondern auch wütend und verletzlich. Es ist von großem Nutzen für Ihre Kinder, wenn sie sehen, dass Sie verärgert, enttäuscht oder sogar verletzt sind wegen etwas, das sie getan haben. Kinder lernen am besten, wenn sie mitbekommen, welchen Einfluss ihr Verhalten auf die Gefühle anderer Menschen hat. Eine Studie des Barnard College in New York bestätigte, dass die Kinder von Müttern, die ihre Wut offen – aber angemessen – zeigten, emotional stabiler sind.
Das bedeutet, dass wir nicht nur sanft und freundlich sein sollen, wenn wir mit unserem Kind in Beziehung treten. Wenn Sie wütend sind, dann zeigen Sie es! Sind Sie traurig und verletzt, verstecken Sie Ihre Gefühle nicht! Sagen Sie Ihrem Kind, warum Sie so fühlen. Das hat nichts mit Schuldzuweisung zu tun, sondern mit Verbindung. Sie ermöglichen Ihrem Kind damit, Sie so zu erleben, wie Sie wirklich sind.
Wie sollen Kinder Einfühlungsvermögen entwickeln, wenn ihre Eltern nicht durchschaubar und authentisch sind? Wenn Sie die Autoritätsperson herauskehren, sind Sie nicht „echt“, sondern unnahbar und „falsch“. Ein „echter“ Mensch ist manchmal traurig, manchmal verletzlich, manchmal verärgert, frustriert, froh, liebevoll, wütend, zärtlich, verwirrt, ängstlich, unsicher. Mit anderen Worten: niemand, der stets alles unter Kontrolle hat. Und es ist dieser wesentliche Aspekt des Menschseins in Ihnen, den Ihre Kinder kennenlernen wollen und müssen. Ihre Menschlichkeit wird den Kindern erlebbar, wenn Sie offen mit Ihren Emotionen umgehen. In diesem Boden kann ihre verborgene Gabe für Einfühlsamkeit und Fürsorge zu einem starken Baum heranwachsen. Wenn Kinder einfühlsam behandelt werden und ihre Eltern als echte Personen erleben können – mit ihren eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Schwächen –, können sie emotional reifen. Letztlich wird es ihnen dabei helfen, wie selbstverständlich zu rücksichtsvollen, verantwortlichen und einfühlsamen Individuen zu werden, mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl und einem geschärften sozialen Bewusstsein.
Gegenseitige Authentizität erzeugt Intimität und ist der Eckstein für liebevolle Beziehungen. Wenn Sie Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern verantwortlich hindurchmanövrieren, hilft das Ihrem Kind heranzureifen, und es wird Sie enger zusammenbringen.


Fazit

Häufig, wenn Eltern nicht mehr weiterwissen, fragen sie sich: „Was soll ich tun?“ – obwohl es meistens nicht darum geht, „was man tun“, sondern „wie man sein“ soll. Viele Sackgassen in der Beziehung zu unseren Kindern scheinen sich aufzulösen, wenn wir ihnen unsere Gefühle auf eine Art zeigen, die sie verstehen können und die sie mit uns verbindet. Viele schwierige oder herausfordernde Verhaltensweisen unserer Kinder sollen in Wahrheit eben diese „echte“ Verbindung mit uns etablieren – durch unsere Reaktionen wollen sie unser echtes Selbst spüren.
Es gibt keine „guten“ Eltern – das ist ein ebenso trügerischer Mythos wie die Vorstellung von „schlechten“ Eltern. Elternschaft ist kein fertiges Produkt. Als bewusste Eltern befinden wir uns ständig in einem Prozess, einer Reise der Heilung, die uns zugänglicher macht für Beziehung. Und das ganze Leben hindurch ist es das, was alle Wunden heilt: emotional aufrichtige Verbindung. Das Ziel von Elternschaft ist letztlich nicht das Hervorbringen eines Resultats, etwa ein „glückliches“ Kind, ein „selbstbewusstes“ Kind, ein „erfolgreiches“ Kind. Vielmehr geht es darum zu lernen, wie wir auf jedem Schritt des Weges am besten in Beziehung zu unserem Kind treten können. Verbindung wird spürbar, wenn wir unsere Rüstung fallen lassen, sie erwächst aus unserer emotionalen Verletzlichkeit und aus unserem echten Interesse, unserem Kind zuzuhören und von ihm zu lernen, und ihm den Respekt und die Freiheit zu geben, die es braucht, um es selbst zu sein. Echte Beziehung heilt und lässt uns beide, Eltern und Kinder, wachsen.

Der australische Psychologe und Psychotherapeut Robin Grille betreibt eine Praxis für Psychotherapie und Paarberatung in Sydney und ist Autor des Buches „Parenting for a Peaceful World“.
Sein Artikel
„Ausgegrenzt! Vom Alltag des Attachment Parenting“ ist erschienen in Stillzeit 3/06, S. 4-7.

Robin Grille
After Attachment… What Then?
byronchild/Kindred, Heft 18, Juni-August 2006

Übersetzung: Kirsten Caspers

Aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2007, S. 7-10

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