11. Es ist nicht egal, wie ein Kind geboren wird


- und es ist nicht egal, wie Mutter und Kind nach einem Kaiserschnitt betreut werden!

Die Aufgabe einer Entbindungsklinik heute ist nicht nur, Schwangere und Gebärende optimal zu betreuen, damit ein gesundes Kind bei Wohlbefinden der Mutter geboren wird, sondern auch, die Mutter (Eltern) beim Aufbau der Bindung und des Stillens zu unterstützen. Das Geburtsgeschehen, die erste Kontaktaufnahme von Mutter und Kind und das Stillen sind dabei eng miteinander verknüpft.

Bis zur Geburt hat das Kind im Mutterleib eine enge Verbindung zur Mutter, die ihm Schutz, Geborgenheit, Nähe und über die Nabelschnur die notwendige Nahrung gibt. Diese enge Verbindung wir durch die Geburt (erst einmal) aufgehoben. Nach der Geburt ist ein menschliches Neugeborenes auf Fürsorge und Schutz angewiesen, um zu überleben. Damit dies gewährleistet ist, benötigt das Neugeborene Menschen, die zu ihm eine besonders enge, von intensiven positiven Gefühlen geprägte Beziehung aufbauen. Diesen Beziehungsaufbau bezeichnet man als „Bindung“ (im engl. „Bonding“).

Der Aufbau einer solchen Bindung ist daher eine biologische Notwendigkeit, die einerseits dem Kind über das Gefühl der Sicherheit das Vertrauen ermöglicht und gleichzeitig das Überleben und Gedeihen sichert, andererseits aber auch der Mutter ermöglicht (auch in anstrengenden Zeiten), auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. So wird die körperliche Verbindung der „Nabelschnur“ durch ein unsichtbares Band, die „Bindung“, ersetzt.

Unterstützt wird dieser Bindungsaufbau und das damit eng verbundene Stillen auf beiden Seiten (auf Seiten der Mutter und des Kindes) durch Hormone, die auch schon während der Geburt eines Kindes eine wichtige Rolle spielen. Daher kann man das Geburtsgeschehen, den Bindungsaufbau und das Stillen nicht isoliert betrachten.

Hormone

Die Hormone, die sowohl für die Geburt als auch für den Bindungsaufbau und das Stillen eine wichtige Rolle spielen sind:

  • Oxytocin
  • Noradrenalin / Adrenalin
  • Beta-Endorphine
  • Prolaktin

Oxytocin

(siehe auch den Artikel 10. Die Bedeutung des Oxytocins)

Die Rolle des Oxytocins beschränkt sich nicht nur auf die Beschleunigung der Geburt. Es wird auch als das „Liebeshormon“ schlechthin bezeichnet. Es löst Glücks-, und Liebesgefühle aus: Seine Wirkung versetzt den Menschen (nicht nur Frauen!) in einen Zustand der Zuwendung und Aufgeschlossenheit einem Partner gegenüber, ermöglicht Kontaktaufnahme bis hin zum Geschlechtsverkehr und Zeugung, unterstützt dann den Geburtsablauf und nach der Geburt die Bindung zwischen Mutter und Kind und sichert durch das Auslösen des Milchspendereflexes beim Stillen die Nahrungsversorgung des Kindes.

Auch beim Kind kommt es zur Ausschüttung von Oxytocin. Dies wirkt (nach der Geburt) stressmindernd und unterstützt auch auf Seiten des Kindes die Kontaktaufnahme zur Mutter.

Die höchste Oxytocin Ausschüttung überhaupt findet man bei einer Frau direkt nach der Geburt. Nicht nur die Geburtswehen, sondern auch der Körperkontakt zum Kind nach der Geburt und das Suchen und Saugen des Neugeborenen an der Brust führen zu einem extrem hohen Oxytocinspiegel, die Frau „schwimmt“ geradezu in Oxytocin und ist auf Grund dieser Tatsache ihrem Kind gegenüber gefühlsmäßig sehr aufgeschlossen, was den Bindungsprozess enorm fördert.

Adrenalin

Adrenalin ist ein im Nebennierenmark gebildetes Hormon. Es gilt als das „Stresshormon“. Es sichert in Gefahrensituationen das Überleben (Kampf / Flucht) und sorgt bei den dabei notwendigen starken körperlichen Anforderungen (z. B. Geburt) für eine schnelle Bereitstellung von Energiereserven. Das Wirkungsspektrum des Adrenalins ist dem des Oxytocins entgegengesetzt.

Unter der Geburt kommt es zu einer schubweisen Adrenalinausschüttung bei Mutter und  Kind. Die kurzfristigen hohen Adrenalinspitzen vor allem in der Austreibungsphase fördern die weitere Oxytocin- und Endorphinausschüttung (s. u.)

Das Adrenalin stellt für die Mutter die für die Geburt notwendige Energie bereit und macht sie gleichzeitig aufmerksam für ihr Kind. Die Adrenalinausschüttung beim Kind ermöglicht und unterstützt dessen eigenständige Organfunktionen nach der Geburt, bereitet auf das Leben nach der Geburt vor und macht das Kind aufmerksam für die Mutter (weit offene Augen).

Der „Geburtsstress“ ist also für beide notwendig!

Beta-Endorphine

Beta-Endorphine sind körpereigenes Morphine, die bei Schmerzreizen von der Hypophyse ausgeschüttet werden. So kommt es bei einer vaginalen Geburt zu einer starken Endorphinausschüttung. Sie bewirken bei der Mutter eine natürliche Schmerzstillung, wirken gleichzeitig euphorisierend, bindungsfördernd und sind mit angenehmen Emotionen verbunden (Geburtsverarbeitung).

Sie gehen postpartal auch in die Muttermilch über und bewirken beim Kind eine Milderung des Geburtsstresses, wirken bindundungsförderd und lösen auch beim Kind angenehme Emotionen aus.

Prolaktin

Prolaktin als milchbildendes Hormon (Name!) steigert die Milchmenge, erhöht die Stresstoleranz (über Senkung des Cortisolspiegels), wirkt entspannund und angstlösend und fördert das mütterliche Verhalten.


Kaiserschnitt

Die genannten Hormone wirken dabei nicht nur einfach nebeneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Die physiologische Wirkungsweise der Hormone und ihr reibungsloses Miteinander kann allerdings nur dann erfolgen, wenn das Kind auf normalem Wege geboren wird. Wird das normale Geburtsgeschehen (=vaginale Geburt) unterbunden, so hat das auch Auswirkungen auf die Ausschüttung der einzelnen Hormone und dementsprechend auch auf ihr Zusammenwirken.

Der Hauptstörfaktor ist dabei die Geburt eines Kindes durch einen primären Kaiserschnitt, d. h. durch einen Kaiserschnitt, der vor Einsetzen der Geburtswehen erfolgt. Zu einer deutlich geringeren negativen Beeinflussung kommt es bei einem sekundären Kaiserschnitt, d. h. einem Kaiserschnitt nach Einsetzen der Geburtswehen.

Im Einzelnen sehen die hormonellen Auswirkungen einer Kaiserschnittgeburt folgendermaßen aus:

Oxytocin wird in viel geringerer Menge und in weniger pulsatilem Muster ausgeschüttet. Das hat Einfluss auf das Bindungsverhalten. Außerdem haben Untersuchungen gezeigt, dass die Trinkmenge das Neugeborenen in den ersten Tagen bei weniger pulsatiler Ausschüttung geringer ist.

Der Anstieg des Prolaktins beim Stillen ist geringer, der Prolaktinspiegel insgesamt ist signifikant niedriger. Auch das hat Einfluss sowohl auf Bindungsverhalten als auch auf die Milchmenge.

Der Endorphingehalt in Serum und Kolostrum ist nach einer Spontangeburt sogar noch am 4. Tag signifikant höher als nach einem primären Kaiserschnitt. Der Endorphinmangel nach einem Kaiserschnitt bedingt, dass der Geburtsstress für das Kind größer bzw. schlechter zu verarbeiten, die Kontaktaufnahme zur Mutter erschwert und die Prolaktinausschüttung bei der Mutter vermindert ist.

Auch der niedrigere Adrenalinspiegel bei Mutter und Kind hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit füreinander vermindert und daher die Kontaktaufnahme erschwert ist. Beim Kind verursacht die geringere Adrenalinausschüttung nach der Geburt einen niedrigeren Glukosespiegel und häufigere Anpassungsstörungen. Diese machen eventuell eine Verlegung des Neugeborenen in die Kinderklinik notwendig und führen zu einer Trennung von Mutter und Kind.

Zusammengefasst kann man nach einer Kaiserschnittgeburt Folgendes feststellen:

  • Müdigkeit der Babys
  • eingeschränkte Beweglichkeit der Mutter
  • Schmerzen der Mutter
  • Eventuelle Verlegung des Kindes à Trennung von Mutter und Kind
  • Mutter und Kind kommen schlechter zueinander
  • Der Stillstart ist verzögert

Schaut man sich aktuelle Perinatalstatistiken an, so sieht man, dass fast ein Drittel aller Kinder durch einen Kaiserschnitt geboren werden und somit bei einer hohen Anzahl von Kindern die Gefahr einer negativen Beeinflussung von Bindung und Stillen besteht.

Wichtig zu wissen ist: Die möglichen Auswirkungen eines (primären) Kaiserschnittes auf die Mutter-Kind-Bindung und auf das Stillen betreffen die ersten Tage und lassen sich durch entsprechende Maßnahmen ausgleichen.

In einer nach dem Konzept des „Babyfreundlichen Krankenhauses“ arbeitenden Klinik wird versucht, die Defizite, die ein Kaiserschnitt im Hinblick auf die Bindung und das Stillen haben kann, durch entsprechende Maßnahmen auszugleichen und somit die Bindung und das Stillen zu fördern.

Der Haut-zu-Haut Kontakt von Mutter und Kind erfolgt möglichst schon im OP und wird bis nach dem ersten Stillen beibehalten. Dies wirkt auf Mutter und Kind beruhigend. Außerdem wird dadurch ein wichtiger Beitrag geleistet zur Stabilisierung von Körpertemperatur und Blutzuckerspiegel des Neugeborenen und zur Besiedelung des kindlichen Darmes mit mütterlicher Bakterienflora (Förderung der Bifidusflora).

Die weitere Unterstützung auf der Wochenstation sieht folgendermaßen aus:

  • Keine unnötige Trennung von Mutter und Kind (24 Stunden Rooming-in)
  • Viel Haut-zu-Haut Kontakt
  • Bedding-in ermöglichen
  • Günstige Stillpositionen und Hilfsmittel
  • Möglichst wenig Störungen. Der Versuch, die „Besucherströme“ auf der Wochenstation einzudämmen, gelingt allerdings nicht immer.

Ist ein Kaiserschnitt aus medizinischer Indikation oder persönlichem Wunsch unumgänglich, so müssen Mutter und Kind die notwendige Hilfe und Unterstützung erhalten, um ihnen den Start ins gemeinsame Leben zu erleichtern und ihre Bindung und das Stillen zu fördern. Geschieht dies, kann man feststellen, dass es im Hinblick auf den Stillerfolg in einem Babyfreundlichen Krankenhaus keinen Unterschied gibt zwischen Kindern, die auf natürlichem Weg geboren werden, und Kindern, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kommen.


Mit bestem Dank an Emina Majdankic für die Übersetzung ins Bosnische:

Nije svejedno kako će se dijete roditi


Literatur

  1. Nissen E, Uvnäs-Moberg K, Svensson K, Stock S, Widström AM, Winberg J. Different patterns of oxytocin, prolactin but not cortisol release during breastfeeding in women deliverd by cesarean section or by the vaginal route. Early Hum Dev 1996;45:103-18
  2. Lang C. Bonding – Bindung fördern in der Geburtshilfe. Urban&Fischer, 1. Auflage 2009
  3. Silbernagel D. Taschenatlas Physiologie. Thieme, 7. Auflage 2007
  4. Zanardo V, et al. Beta endorphin concentration in human milk. J pediatr Gastroenterol Nutr 2001;33(2):160-164

Carla Ehlers
Ärztin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, medizinischer Beirat AFS

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 22-23

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