Kinderschlaf - (k)ein Mysterium

Um das Verhalten der Kinder zu verstehen, muss man die Evolutionsumgebung, in der sich dieses Verhalten entwickelt hat, näher betrachten.

Millionen Jahre lang war unsere Umgebung sehr konstant. Kleine Gruppen von Sammlern und Aasfressern lebten und schliefen auf dem Boden und unter freiem Himmel, ohne Kleidung, Waffen, Möbel oder Häuser. Um die Körpertemperatur konstant zu halten, da man Tag und Nacht nackt im Freien war, musste während der ersten Monate ein ständiger Körperkontakt herrschen. Ein ein- oder fünfjähriges Kind wäre alleine und nackt im Urwald nach wenigen Stunden gestorben.
In den ersten Wochen ist die Mutter diejenige, die sich darum kümmert, den Kontakt zu halten. Aufgrund eines Instinktes begleitet und bewacht die Mutter ihr Kind regelmäßig. Es fällt der Mutter eines Neugeborenen schwer, sich in einem anderen Zimmer aufzuhalten. Sie sorgt sich, wenn sie ein Geräusch hört – und auch, wenn sie keins hört. Sie spürt den Drang, öfters nach ihrem Kind zu schauen. Ein paar Monate später lässt diese konstante Überwachung nach. Das Kind wird unabhängiger und immer verantwortlicher für sein Schicksal. Es wacht alle anderthalb oder zwei Stunden auf, um die Anwesenheit der Mutter zu überprüfen. Ist sie da, so beruhigt es sich und schläft sofort wieder ein. Ist sie nicht da, so weint es, bis die Mutter erscheint. Dies macht es nicht, um die Mutter zu ärgern oder zu manipulieren, oder weil es unerzogen ist. Gerade durch die Anpassung ist und sollte das nächtliche Weinen häufig, frühzeitig und intensiv sein. Das bedeutet, dass das Kind oft aufwacht und direkt nach dem Aufwachen anfängt, laut zu weinen. Wird es nicht beachtet, so weint es bis zur Erschöpfung weiter. Die Durchschnittszeit vom Aufwachen bis zum Weinen beträgt 20 Sekunden (1).
Das Schimpansenbaby schläft bis zum 5. Lebensjahr bei seiner Mutter (die Pubertät beginnt bei Schimpansen mit 7 Jahren). Bei Einbruch der Nacht sucht die Mutter einen geeigneten Schlafplatz, den sie aus Blättern herrichtet, und schläft dort mit ihrem Kind. Man nimmt an, dass unsere Vorfahren ähnlich vorgingen. Stellen wir uns nun zwei Mütter vor 100.000 Jahren vor, die mitten in der Nacht aufwachen und ihre Kinder zurücklassen, um einen Spaziergang zu machen. Das eine Kleinkind wacht alle anderthalb Stunden auf, das andere schläft die ganze Nacht durch. Das eine weint lauthals, das andere schluchzt schwach und hört manchmal auf. Das eine fängt, kaum, dass es wach ist, an zu schreien wie am Spieß, das andere wartet ruhig und lächelnd und weint nur dann, wenn die Mutter länger als zwei Stunden wegbleibt. Welches der beiden Kinder hat wohl überlebt? Der Trick zum Überleben besteht darin, zu weinen und die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu lenken, bevor sie so weit weg ist, dass sie das Weinen nicht mehr hört.

Mit ungefähr drei Jahren fängt das Kind an zu begreifen, dass die Mutter nicht für immer fortgeht, sondern sich im Zimmer nebenan befindet, und dass es sich nicht in Gefahr befindet, da es nicht im Urwald lebt, sondern schön zugedeckt und beschützt in einem Bett liegt. Zu dem Zeitpunkt pflegt das Kind mehrere Stunden am Stück zu schlafen.
Bei normaler Erziehung (ständiger Kontakt mit der Mutter, Stillen nach Verlangen, bei der Mutter schlafen) trinkt das Kind nachts häufig von der Brust, weint aber nicht. Es gibt kein „Schlafproblem“.


Gängige Vorurteile über kindliches Schlafverhalten

Je größer Kinder werden, desto mehr Stunden schlafen sie durch; ab dem 6. Monat schlafen sie 11 oder 12 Stunden am Stück.

In Wahrheit variiert die Stundenzahl des durchgehenden Schlafes durch die Art der Ernährung (Stillen/Muttermilch oder künstliche Milch) und die Schlafstelle (alleine oder bei der Mutter). Außerdem würden die Ergebnisse, die sich bei einer Umfrage unter Müttern ergeben würden und die bei einer direkten Beobachtung des Verhaltens des Kindes ermittelt werden würden, sehr unterschiedlich ausfallen.
Anders (2) schildert in einer Studie, bei der allein schlafende Babys beobachtet wurden, indem das Bettchen die ganze Nacht gefilmt wurde, dass nur 44 % der 2 Monate alten Säuglinge durchschliefen, bei den 9 Monate alten waren es 78 % (die Art der Ernährung wurde nicht näher erläutert, man nimmt an, dass sie mit künstlicher Milch ernährt wurden).
Anders benutzt jedoch eine Definition des durchgehenden nächtlichen Schlafens, die in der englischsprachigen Literatur üblich ist: „Das Kind kommt nicht zwischen 0 und 5 Uhr morgens aus dem Bett“. Nach dieser Definition müssten die Kinder, die um 23.45 Uhr oder um 5.15 Uhr aus dem Bettchen geholt werden, oder die, die aufwachen und nicht weinen, oder die, die weinen, ohne von anderen beachtet zu werden, „die ganze Nacht weiterschlafen“. Nach einer strengeren Definition „Das Kind schläft ab dem Zubettbringen bis zum Aufwachen am nächsten Morgen“ (10,5 Stunden Schlaf im Durchschnitt) schliefen nur 6 % der 2 Monate alten und 16 % der 9 Monate alten Säuglinge die ganze Nacht durch. Die Nacht durchschlafen ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Elias et al. (3) untersuchten die Schlafmuster gestillter nordamerikanischer Kinder anhand von den von Müttern ausgefüllten Fragebögen. Alle Kinder saugten bis zum Alter von 4 Monaten an der Brust. Mit 2 Jahren tat dies nur noch die Hälfte. Die Säuglinge, die nicht mehr gestillt wurden, schliefen im Alter von 7 Monaten 9 Stunden am Stück. Bis zum Erreichen des 24. Lebensmonats schliefen sie zwischen 9,5 und 10 Stunden durchgehend. Im Gegensatz dazu schliefen die Kinder, die noch gestillt wurden, mit 2 Monaten 6 Stunden durchgehend, mit 4 Monaten 7 Stunden, aber im Alter von 7, 10, 13 und 16 Monaten nur noch 4 Stunden. Im Alter von 20 Monaten waren es 7 Stunden, mit 24 Monaten verringerte es sich auf 5 Stunden. Ein normales Verhalten der Kinder, die normal ernährt werden, besteht darin, ab dem Alter von 4 Monaten häufiger aufzuwachen. Wir wissen nicht, warum die nicht mehr gestillten Kinder diese exzessive Schläfrigkeit aufwiesen, und ob dieses Phänomen noch heute, 20 Jahre später, gilt, da die Zusammensetzung der künstlichen Milch inzwischen anders ist. Durch die Benutzung des Fragebogens in Elias Studie wird die Dauer des längsten Schlafintervalls möglicherweise überschätzt. Oft wacht die Mutter nicht auf und erinnert sich nicht, ob das Kind gestillt wurde oder nicht.


Kinder brauchen nachts nicht gestillt werden.

Was bedeutet „sie brauchen nicht“? Dass sie nicht verhungern, wenn sie nachts nicht gestillt werden? So könnten wir auch behaupten, dass die Kinder „nicht zur Schule gehen brauchen“.
Ein Kind könnte doch auch nachts viel getrunken haben und müsste dann tagsüber nicht gestillt werden. Die Frage ist daher nicht, ob das nächtliche Stillen „notwendig“ ist, sondern, ob es normal oder krankhaft ist, ob es gut, schädlich oder irrelevant für Kind und Mutter ist.
McKenna et al. (4) beobachteten, dass getrenntes Schlafen das Stillen erschwert, da das Kind weniger saugt. Es habe auch eine bleibende Auswirkung auf das Verhalten des Kindes, weniger von der Brust zu trinken, sogar wenn es bei der Mutter schlafen würde.


Kinder wachen aufgrund einer gelernten Angewohnheit auf.

Der Begriff „gelernt“ steht „angeboren“ gegenüber. Die Verfechter dieser Theorie sehen es als normal an, dass Kinder alleine und durchgehend schlafen und nachts nichts zu sich nehmen. Dazu seien alle seit der Geburt vorbereitet. Nur durch einen Lernprozess kämen sie dazu, nach der Anwesenheit der Eltern zu verlangen, sie mitten in der Nacht zu rufen oder nach Nahrung zu fordern. Dieses Lernen erfolgt durch operative Konditionierung: Die Anwesenheit der Eltern oder die Nahrung wirkt wie eine positive Verstärkung, was die Zunahme des verstärkten Verhaltens (aufwachen und weinen) bewirkt.

Diese Lerntheorie hat jedoch einige Schwachpunkte:

  • Warum gibt es so wenig Kinder, die „das Normale“ tun, und so viele, die „das Unnormale“ erlernen? In vielen menschlichen Gesellschaften ist das Schlafen bei den Eltern und das nächtliche Stillen normal und universell gültig. Doch sogar in unserer Gesellschaft, in der dieses Phänomen als unnormal angesehen und heftig kritisiert wird, bringen die meisten Eltern ihren Kindern unfreiwillig schlechte Angewohnheiten bei. Nach mehreren Studien aus europäischen Ländern schlafen zwischen einem Drittel und der Hälfte der Kleinkinder für gewöhnlich bei den Eltern. Im Gegensatz dazu gibt es wenige Kinder, die von Geburt an jeden Tag alleine und zufrieden schlafen, ohne aufzuwachen und zu weinen.
  • Warum ist das „Normale“ so leicht zu vergessen und das „Unnormale“ so leicht zu lernen? Um den Kindern „normale“ Schlafgewohnheiten beizubringen, müssen die Ratschläge gewisser Bücher strikt befolgt werden, während die „schlechten Angewohnheiten“ durch Zufall eingeflößt werden: „Es reicht schon aus, wenn ihr das ein einziges Mal macht und dem Kind das gebt, was es verlangt (Wasser, ein Lied, ihm die Hand geben, „einen Moment“, Umarmungen), um das Spiel zu verlieren; all das, was ihr erreicht habt, verpufft...“(10)
  • Das Beispiel für die operative Konditionierung ist die Ratte, die jedes Mal Nahrung erhält, wenn sie einen Hebel betätigt. Nach der oben erwähnten Theorie entspricht die Anwesenheit der Eltern der Nahrung und das Aufwachen und nach ihnen Rufen dem Betätigen des Hebels. Die Ratte will und braucht das Betätigen des Hebels nicht. Sie täte es nicht, wenn es nicht zufällig eine Belohnung gäbe. Die Kinder wiederum zeigen schon von Anfang an eine klare Tendenz dazu, nach ihren Eltern zu rufen. Die Ratte drückt auch nicht auf den Hebel, wenn sie keinen Hunger hat oder als Verstärkung etwas angeboten bekommt, das ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigt, wie einen Stein, eine Münze...


Bei den Eltern zu schlafen, ist schwer abzugewöhnen.

So wäre es tatsächlich, wenn es sich hierbei um eine Angewohnheit oder ein gelerntes Verhalten handeln würde. Je öfters dieses Verhalten verstärkt würde, desto häufiger würde es zurückkehren und desto schwieriger würde es verschwinden. In der Praxis verschwindet dieses Verhalten jedoch in Wahrheit spontan. Im Alter von einem Jahr schlafen viele Kinder bei ihren Eltern, im Alter von 3 Jahren werden es weniger, und mit 8 Jahren ist es kaum eines. Im Alter von 15 Jahren würde sich die Mehrheit der Kinder weigern, bei den Eltern zu schlafen, auch wenn diese darum bitten würden.


Kinder müssen das Schlafen lernen.

Schlafen ist wie Essen und Atmen kein erlerntes Verhalten. Schon die Föten schlafen im Uterus. Neugeborene schlafen meist um die 16 Stunden am Tag. Das Schlafen wird insofern gelernt, dass es in bestimmter Weise kulturell akzeptiert wird (Schlafanzug anziehen, ins Bett gehen). Kinder akzeptieren diese sozialen Normen mit großer Leichtigkeit, solange diese ihren Bedürfnissen nicht im Weg stehen. So weigern sie sich häufig, alleine zu schlafen, und schreien nach der Mutter. Es kommt jedoch selten vor, dass sie sich weigern, den Schlafanzug anzuziehen, oder dass sie versuchen, ihn mitten in der Nacht auszuziehen.


Eltern sollten das Kind im Bettchen zurücklassen, wenn es noch wach ist.

Es wird behauptet, dass sich ein Kind nach dem Aufwachen beim Anblick des zuletzt gesehenen Gegenstands beruhigt und wieder einschläft. Bei veränderter Umgebung erschrickt es und weint. War die Mutter das letzte, was das Baby sah, so ruft es sie dann in der Nacht.

Wenn dies allerdings wahr wäre, wäre die Lösung offensichtlich: Das Kind müsste die ganze Nacht über an der Seite seiner Mutter bleiben. Das Kind sucht aber nicht „das“ letzte, was es beim Einschlafen gesehen hat. Es sucht nicht nach einem Gegenstand, sondern nach einer Person. Ist die Mutter anwesend, dann macht es dem Kind nichts aus, wenn das Kuscheltier verschwunden ist. Es sucht auch nicht nach irgendeiner Person, sondern konkret nach seiner Mutter. Wenn das Kind in den Armen einer Fremden einschlafen würde, nach wem würde es beim Aufwachen eher schreien? Nach der Fremden oder nach seiner Mutter? Nur die Kinder, die ein Übergangsobjekt besitzen, verlangen schreiend nach ihm und weinen, wenn sie von ihm getrennt werden. Interessanterweise sieht niemand den Besitz dieses Übergangsobjektes als Laster oder abzugewöhnendes Verhalten an. Es wird zugelassen, dass das Kind nachts Trost bei seinem Daumen, dem Schnuller, dem Kuscheltier oder einer alten Decke sucht, also eher bei irgendeinem Gegenstand als bei einem anderen Menschen.
Zwei schlecht modellierte Studien haben versucht, diese Theorie zu überprüfen (5, 6). Auch wenn man die Ergebnisse akzeptiert, wird die Anzahl des nächtlichen Aufwachens nur sehr gering davon beeinflusst, ob das Kind allein oder bei den Eltern schläft.


Bei den Eltern zu schlafen, schadet dem Gesundheitszustand des Kindes.

Es wurde häufig behauptet, dass bei den Kindern zu schlafen auf Dauer Schlaflosigkeit bei diesen bewirke und sogar deren Geisteszustand schaden könne.
In Beobachtungsstudien fand man eine Verbindung zwischen dem Schlafen bei den Eltern und verschiedenen Schlafproblemen. Die vernünftigste Erklärung dafür ist die gegenteilige Ursache: Eltern, die in einer Gesellschaft leben, in der das Schlafen bei den Eltern kritisiert wird, greifen auf diese Methode nur dann zurück, wenn alle anderen Methoden, das Kind zum Schlafen zu bringen, gescheitert sind, wenn das Kind zum Aufwachen und Weinen neigt oder lange zum Einschlafen braucht.

Transkulturelle Studien werfen Licht auf diese Tatsache. In den USA wird das Phänomen des gemeinsamen Schlafens gewöhnlich von der weißen Bevölkerung missachtet, während es eine gewöhnliche und akzeptierte Handlung unter der schwarzen Bevölkerung darstellt. Lozoff et al. (7) beobachteten vier Gruppen von Nordamerikanern: weiße Amerikaner aus der unteren sozialen Schicht, weiße Bürger aus der oberen sozialen Schicht, schwarze Bürger der unteren sozialen Schicht und schwarze Amerikaner aus der oberen sozialen Schicht. Statistisch wurde festgestellt, dass nur die ärmeren weißen Eltern das Schlafen des Kindes im Elternbett mit einem Schlafproblem ihres Kindes verbanden. Bei den anderen Gruppen war der Unterschied zwischen getrenntem und gemeinsamem Schlafen nicht signifikant. In der ärmeren schwarzen Gruppe hatte das Phänomen einen positiven Effekt (Kinder, die alleine schliefen, hatten mehr Probleme).

Japan ist eine hochindustrialisierte Gesellschaft, in der das Phänomen des gemeinsamen Schlafens als normal und wünschenswert angesehen wird. Latz et al. (8) fanden bei einer Beobachtung von japanischen Mittelklassefamilien heraus, dass 59 % der 9 bis 48 Monate alten Kleinkinder bei ihrer Mutter oder beiden Elternteilen schliefen – die ganze Nacht über und jede Nacht seit der Geburt.
Im Gegensatz dazu lagen nur 15 % der weißen amerikanischen Kinder im Bett der Eltern, und das auch nicht die ganze Nacht. Die amerikanischen Kinder hatten zusammen fünfmal mehr Schlafprobleme als die japanischen. Laut Latz et al. ist „der Widerstand gegen den intensiven Wunsch des Kindes, seinem Beschützer nahe zu sein, ausschlaggebend für die in den USA auftretenden Proteste beim Schlafengehen und für das nächtliche Aufwachen. Andere Faktoren können dies bei den Kindern verstärken: das Schlafen des Kindes in Intervallen oder nur teilweise bei den Eltern, das Zurückgreifen der Eltern auf das Schlafen in ihrem Bett als Reaktion auf die Schlafveränderungen, die Empfehlungen von Spezialisten gegen diese Praktik, die widersprüchliche Meinung und Handlung der Eltern in Bezug auf das Phänomen.“

Einer spanischen Studie (9) zufolge wacht die Hälfte der 13 Monate bis 3 Jahre alten Kinder (40% bis zum 7. Lebensjahr) nachts auf. 38 % wachten mehr als zweimal in der Nacht auf. Nur die Hälfte der Eltern, deren Kinder nachts aufwachten, empfand, dass das Kind „schlecht schlafe“; nur eine von fünf Familien suchte deswegen den Arzt auf. Diese Toleranz und Unbesorgtheit der Mehrheit der Eltern steht im Kontrast zur Panikmache einiger Experten. Estivill (10) bestätigt, „die Schlaflosigkeit des Kindes durch falsche Angewohnheiten“ erklärend, dass diese zur Zerstörung der ehelichen Harmonie beitrage, „das Frustrationsgefühl nimmt zu... Selbstbeschuldigungen als Reaktion sind eher selten.“

In anderen Kulturen ist das Schlafen bei den Eltern universell gültig – daher sind Schlafprobleme dort praktisch unbekannt. Morelli et al. (11) beobachteten das Verhalten und die Meinungen einer Gruppe von 14 guatemaltekischen Müttern mit Maya-Herkunft im Vergleich zu 18 amerikanischen weißen Müttern aus der Mittelklasse.
Alle Mayakinder (zwischen 2 und 22 Monate alt) schliefen im Bett der Mutter, acht davon auch beim Vater. Drei andere Väter schliefen in einem anderen Bett im gleichen Zimmer (zwei von ihnen mit dem anderen Geschwister des Kindes). In drei Fällen lebte man ohne Vater. In 10 Fällen schliefen andere Geschwister mit im Zimmer, vier davon im selben Bett. Vier andere beobachtete Säuglinge waren Einzelkinder.
Die Mayakinder blieben im Bett der Mutter und tranken nach Verlangen an der Brust bis zum 2. oder 3. Lebensjahr, kurz bevor ein weiteres Geschwister zur Welt kam. Die Mütter bemerkten normalerweise nicht, ob das Kind nachts gesaugt hatte, da sie nicht aufwachten. Sie schenkten dem keine große Aufmerksamkeit. Im Gegensatz dazu mussten 17 der 18 amerikanischen Mütter nachts aufstehen, um ihr Kind (im Durchschnitt um die 6 Monate alt) zu stillen, und empfanden dies als lästig.
Unter den Mayas gab es keine Rituale, um die Kinder zum Schlafen zu bringen. Sieben schliefen zur selben Zeit ein wie ihre Eltern, der Rest in den Armen einer anderen Person. Die zehn Brustkinder schliefen an der Brust ein. Es wurden keine Geschichten erzählt. Die Kinder wurden vorm Schlafengehen nicht gebadet. Nur ein Kind schlief mit einer Puppe ein. Es war das einzige, das seit seiner Geburt nicht jede Nacht bei seiner Mutter geschlafen hatte, sondern einige Monate lang in einer Wiege im selbem Zimmer gelegen hatte, bis es wieder ins Bett der Mutter durfte.
Die Mayamütter kannten kein anderes Schlafverhalten. Sie reagierten überrascht, skeptisch und voller Mitleid über die Tatsache, dass amerikanische Kinder in einem anderen Zimmer schliefen. Eine fragte: „Es bleibt doch jemand bei ihnen, nicht?“ Das Schlafen bei den Eltern erfolgt nicht aus Armut oder dem Fehlen eines anderen Zimmers. Es wird als grundlegend für die richtige Erziehung des Kindes angesehen. Die Mütter erklärten, dass man einem 13 Monate alten Kind nur einmal sagen müsse, dass es gewisse Gegenstände nicht anfassen solle, damit es gehorche: „Fass es nicht an, das ist nicht gut, du tust dir weh.“ Eine Mayamutter sah den Grund für das Verhalten der amerikanischen Kinder, Verbote nicht zu verstehen und entgegengesetzt zu handeln, darin, dass diese getrennt von den Eltern schliefen. In den Vereinigten Staaten wird das Schlafen bei den Eltern in der Statistik mit schlechterer Erziehung der Eltern, der Geburt eines Geschwisters, Krankheit oder Unfall eines Kindes oder eines Familienmitglieds, Wohnungswechsel, Familienveränderungen, finanziellen Problemen und Spannungen in der Ehe assoziiert (12). Trotz all dem bewies die einzige Fallstudie (13), die speziell darauf abgestimmt war, herauszufinden, ob das Phänomen ein psychologisches Problem bewirken könne, genau den gegenteiligen Effekt. Bei den Eltern zu schlafen, ist ein schützender Faktor und kommt häufiger bei 2-13jährigen Patienten der Pädiatrie als bei Kindern in der Psychiatrie vor.


Literatur
(1) Keener MA, Zeanah CH, Anders TF. Infant temperament, sleep organization, and nighttime parental interventions. Pediatrics 1988; 81:762-771
(2) Anders TF. Night-waking in infants during the first year of life. Pediatrics 1979; 63:860-864
(3) Elias MF, Nicolson NA, Bora C, Johnston J. Sleep/wake patterns of breast-fed infants in the first 2 years of life. Pediatrics 1986; 77:322-329
(4) McKenna JJ, Mosko SS, Richard CA. Bedsharing promotes breastfeeding. Pediatrics 1997; 100:214-219
(5) Adair R, Bauchner H, Philipp B, Levenson S, Zuckerman B. Night waking during infancy: role of parental presence ad bedtime. Pediatrics 1991; 87:500-504
(6) Adair R, Zuckerman B, Bauchner H, Philipp B, Levenson S. Reducing night waking in infancy: a primary care intervention. Pediatrics 1992; 89:585-588
(7) Lozoff B, Askew GL, Wolf AW. Cosleeping and early childhood sleep problems: Effects of ethnicity and socioeconomic status. J Dev Behav Pediatr 1996; 17:9-15
(8) Latz S, Wolf AW, Lozoff B. Cosleeping in context. Sleep practices and problems in young children in Japan and the United States. Arch Pediatr Adolesc Med 1999; 153:339-346
(9) Garcia A, Malo J, Isern R, Juncosa S, Pérez JM, Rierola M, Juventeny D. Es desperten els nens a la nit? But Soc Cat Pediatr 1995; 55:59
(10) Estivill Sancho E. Insomnio infantil. Act Ped Esp 1994; 52:398-401
(11) Morelli GA, Rogoff B, Oppenheim D, Goldsmith D. Cultural variation in infants sleping arrangements: questions of independence. Dev Psychol 1992; 28:604-613
(12) Lozoff B, Wolf AW, Davis NS. Cosleeping in urban families with young children in the United States. Pediatrics 1984; 74:171-182
(13) Forbes JF, Weiss DS, Folen RA. The cosleeping habits of military children. Mil Med 1992; 157:196-200

Dr. Carlos González Rodríguez
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Übersetzung: Natalie Hachmeyer

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 3/2005, S. 28-32

Sicher gebunden – und nun?

Wir haben alles strikt nach „Vorschrift“ gemacht: nach einer Hausgeburt über zwei Jahre gestillt, mit unseren Babys im Familienbett geschlafen und sie rund um die Uhr an unserem Körper getragen – und doch erscheinen manche bindungsorientiert aufwachsenden Kinder zuweilen nervös, übersensibel, zornig und sogar offen feindlich. Warum?

„Attachment Parenting“, also bindungsorientierte Elternschaft, ist vermutlich der beste Entwurf für das Leben mit Babys, den unsere Kultur seit Beginn dessen, was wir „Zivilisation“ nennen, hervorgebracht hat. Die neue Empfänglichkeit für die emotionalen Bedürfnisse von Säuglingen ist ein wunderbarer Fortschritt, unterstützt durch das beste an Forschungsarbeit, was Entwicklungspsychologie und Neurobiologie zu bieten haben.
Infolgedessen glaubten wir, wenn wir nur alles richtig machen, also „natürlich“ gebären, mit dem Baby gemeinsam schlafen, es tragen, nach Bedarf langzeitstillen und von Anfang an auf Windeln verzichten, dann gebe es auch keine Probleme. Und warum sind dann trotzdem manche unserer Kinder alles andere als ausgeglichen? Sie hatten Freiheiten und Zuwendung, wie es sie in vorigen Generationen noch nie gab. Müssten sie nicht eigentlich alle zufrieden, selbstbewusst und rücksichtsvoll sein?

Die sichere Bindung gilt zurecht als das Herzstück der emotionalen Gesundheit und ist die Triebfeder jeder liebevollen Beziehung im Erwachsenenleben; aber die Entwicklung des Kindes endet nicht damit. Eine gesunde Bindungsfähigkeit ist wichtig, aber nicht ausreichend. Die nächste Entwicklungsstufe sieht ganz anders aus und verlangt von uns eine fundamentale Neuorientierung in der Beziehung zu unserem Kind.
Das Kleinkind lässt die verträumte Zeit der totalen Symbiose mit seiner Mutter hinter sich und sucht eine völlig neue Grundlage für Beziehungen: Es ist nun bereit, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden, ein Individuum. Dieser neue Entwicklungsschritt, ebenso wesentlich für gesunde Beziehungen und Gefühle, hat mit Abgrenzung zu tun. Während das Baby die Bezugsperson als Erweiterung seiner selbst ansieht, muss das Kleinkind sie als eigenständigen Menschen erleben, damit sein eigenes, unabhängiges Selbst hervortreten kann.
Die innere Kraft eines Kleinkindes, seine Selbständigkeit und sein Selbstvertrauen hängen davon ab, dass die Eltern emotionale Authentizität vorleben können, also „echt“ sind. Das bedeutet, dass das ganze Spektrum unserer Gefühle – Liebe, Zärtlichkeit, Freude, Spaß, Müdigkeit, Traurigkeit, Wut – sich in unseren Worten, Gesten, unserer Tonlage widerspiegeln darf und soll. Die beste „Nahrung“ für unser Kleinkind ist jetzt die Möglichkeit, unser authentisches Selbst zu sehen und kennenzulernen.


Die Kleinkindphase

Wenn das Baby sich allmählich in die Welt des Kleinkindes vorwagt, braucht es eine neue Art der Nahrung, um sich als Person zu stärken – die Symbiose hat nun ausgedient. Zwar bildet die Erfüllung seines Bedürfnisses nach Bindung die Grundlage für seine emotionale Sicherheit. Doch diese Grundlage des Vertrauens dient nun vor allem als sicherer Hafen, von dem aus das Kleinkind sein eigenes „Anderssein“ entdeckt und erforscht. Wenn die Grundlage einmal gelegt ist, muss das Kind eine gesunde zwischenmenschliche Abgrenzung aufbauen. Von den Eltern verlangt das eine Kursänderung: Bisher haben sie sich bemüht, jedes Bedürfnis des Kindes zu erfüllen. Nun gewinnt das Kind an Stärke, indem es die Eltern allmählich als eigenständige Personen entdeckt, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Gefühlen – und Grenzen!
Solange ein Kleinkind nicht grausam bestraft oder erniedrigt wird, reift seine emotionale Belastbarkeit heran, und es kann nun auch ein gewisses Maß an Widerspruch tolerieren. Das gibt den Eltern mehr Raum, um ihm ein breiteres Spektrum ihrer eigenen Gefühle zu zeigen, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen deutlicher zu machen, und vom Kind – natürlich altersangemessen – auch schon ein wenig rücksichtsvolles Verhalten zu erwarten. Je mehr die Eltern bereit sind, durchschaubar, authentisch und emotional lebendig zu ihrem Kind in Beziehung zu treten, desto größer ist seine Chance, zu seinem eigenen, einzigartigen Selbst zu finden. Wenn es den Eltern gelingt, sich selbst auf einer Ebene auszudrücken, die für das Kind verständlich ist, hilft ihm diese Art des Kontaktes mit anderen Menschen zu reifen.


Frustration und Enttäuschung

Mit wachsender Kraft und Beweglichkeit trifft das Kleinkind vermehrt auf Grenzen: Es darf nicht frei in jede Richtung davonlaufen, es darf nicht mit allem spielen, wonach es greift, es darf andere Menschen (z.B. ein jüngeres Geschwisterkind) nicht wegschubsen oder schlagen, es darf nicht auf dem Spielplatz bleiben, solange es will, wenn die Eltern nach Hause gehen müssen. Die Entdeckung, dass andere ihre eigenen Bedürfnisse und Einschränkungen haben, kann beim Kind Enttäuschung und sogar Wut hervorrufen.
Wenn die Eltern ihre Grenzen bestimmt, aber nicht beschämend und ohne Bestrafung deutlich machen, wird dies dem Kind helfen, sich sicher zu fühlen. Indem die Eltern Grenzen setzen, lernen Kinder, ihre eigenen Gefühle zu beherrschen, wenn es nötig ist.
Das Kind wird gestärkt, wenn es in sicherem Rahmen seine Wut, seinen Schmerz und seine Traurigkeit ausdrücken kann. Dass die Eltern sein Recht auf Protest anerkennen, zeigt ihm, dass Frustrationen unangenehm sind, es jedoch nicht im Kern verletzen. Auch angesichts von Frustration fühlt sich das Kleinkind „richtig“, und das hilft ihm dabei, sie hinter sich zu lassen. Das Recht, seinen Enttäuschungen Luft zu machen, trägt zu einer gefestigten Eigenliebe bei und hilft ihm, die Vergänglichkeit der Annehmlichkeiten des Lebens zu akzeptieren.
Als Erwachsene erleben wir ständig Situationen, in denen wir uns zurecht entscheiden, unsere gröberen Impulse zu unterdrücken – z.B. den Wunsch, wütend zuzuschlagen, unser sexuelles Verlangen etc. Die Art, wie unsere Eltern uns Grenzen gesetzt haben, ist die Vorlage dafür, wie wir uns im späteren Leben selbst einschränken: Haben unsere Eltern versucht, uns zu beschämen, so halten uns Schamgefühle zurück; haben sie uns bestraft, bestrafen oder sabotieren wir uns selbst. Traten unsere Eltern bestimmt und selbstsicher auf, können wir unsere eigenen Impulse aus freien Stücken beherrschen, ohne dass unser Selbstwertgefühl darunter leidet.


Konflikte

Da Kleinkinder unbeherrscht und überschwenglich sind, entstehen natürlich auch Konflikte mit den Eltern. Solche in dieser Phase völlig normalen Konflikte sind nicht schädlich, sondern bieten eine nötige, wertvolle Lernerfahrung. Wenn die Eltern damit einfühlsam umgehen und ihren Kindern als Vorbilder für respektvollen Umgang mit Gefühlen dienen können, vermitteln sie ihnen eine dauerhafte Grundlage für Selbstvertrauen und natürliche Kommunikationskompetenz. Die Kleinkindzeit ist optimal, um zu lernen, dass Wut Beziehungen voranbringen kann, anstatt sie zu zerstören – vorausgesetzt, sie wird ehrlich und auf konstruktive Weise zum Ausdruck gebracht.
Konflikte mit den Eltern können so das Kind stärken – allerdings nur, wenn die Eltern den schmalen Grat erkennen, der Wut von Gewalt trennt. Wenn das freie Ausdrücken von Wut verantwortlich geschieht – also ohne Beschämen, Schuldzuweisungen und Strafe – ist es ein wichtiger Weg hin zu Liebe und Intimität. Wut zu zeigen bedeutet, dem anderen etwas von sich preiszugeben, sie ist eine Begegnung in Leidenschaft. Wir sollten diesen Aspekt in der Beziehung zu unseren Kindern willkommen heißen, genauso wie in unseren intimen Beziehungen zu anderen Erwachsenen. Ich möchte allerdings betonen, dass es nicht darum geht, unser Kind mit unserer Wut zu schockieren oder zu ängstigen – aufbrausende, zerstörerische Wut müssen wir unbedingt meiden. Wenn unsere Kinder unsere Wut fürchten, haben wir es übertrieben. Sie werden sich uns weniger unterlegen fühlen, wenn sie ebenso Gelegenheit haben, auf uns wütend zu sein, wenn wir ihrer Wut zuhören und sie ernstnehmen. Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern um gegenseitigen Kontakt.

Als meine Tochter und ich einmal wütend aufeinander waren – sie war damals etwa sechs Jahre alt –, hatten wir uns verhakt in der Diskussion über unser Streitthema, mit vielen Einbahnstraßen wie „Aber Du hast gesagt…!“ (Klingt vertraut, oder?) Ich beschloss, diesen ganzen Morast zu umgehen, indem ich das Thema vorerst ruhen ließ. Ich schlug ihr vor, uns erst einmal gegenseitig zu zeigen, wie wütend wir waren. Sie willigte ein. Ich half ihr, ein paar Stufen auf unserer Treppe hinaufzusteigen, so dass wir mit dem Gesicht auf gleicher Ebene waren, und weit genug entfernt, so dass sie sich nicht durch meine Größe eingeschüchtert fühlte. Ich half ihr dann, ihre Hände vor ihrem Körper zu Fäusten zu ballen, und forderte sie auf zu schreien, einfach ohne Worte zu schreien. Es war ein erschütternder, ohrenbetäubender Schrei; die Augen in ihrem gerötetem Gesicht auf mich gerichtet, konnte ich die Wut durch ihren ganzen Körper beben sehen. Und ich brüllte zurück. Erst leise, um sicherzugehen, dass sie keine Angst hatte. Wie wundervoll, gemeinsam brüllen zu können, ohne Angst haben zu müssen! Wir hatten eine ursprüngliche, echte Beziehung zueinander gefunden, ohne Sieger – einfach zwei Riesen, einander ebenbürtig, die sich lieben.
Meine Tochter ist inzwischen acht und hat keine Hemmungen, mir zu sagen, ich solle still sein oder sie in Ruhe lassen, wenn sie sich danach fühlt. Und auch ich habe keine Bedenken, ihr zu zeigen, dass ich stinksauer bin, oder müde, oder verletzt. Manchmal helfe ich ihr, mit den Füßen gegen meine Schulter oder meinen Rücken zu drücken, oder mir mit einem Kissen auf die Schulter zu schlagen, wenn sie böse auf mich ist oder frustriert. Das führt jedes Mal zu Lachanfällen und Umarmungen. Meine Tochter kann mit mir zusammen ihre Stärke fühlen, und ich vertraue ihr viele meiner Gefühle an.


Erwartungen der Eltern

Ab dem Kleinkindalter müssen wir damit beginnen, bestimmte Verhaltensweisen von unseren Kindern zu erwarten und einzufordern. Auf diese Weise wird ihnen schrittweise klar, dass andere Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Empfindungen haben, und sie beginnen ihre Reise hin zu dem Bewusstsein des „Anderen“, zu Respekt und Einfühlungsvermögen. Selbstbewusste Eltern, die um Respekt bitten, zeigen ihrem Kind, wie es selbst auf angemessene Weise selbstbewusst werden kann.


Das Wort „nein“

Im Laufe der Elternschaft müssen wir Millionen Mal „nein“ zu unseren Kindern sagen. Das ist nicht nur die harte Wirklichkeit; es ist ein Geschenk. Und zwar deshalb: Nicht das „nein“ an sich ist verletzend; das wird es erst durch die Emotionen und Absichten, mit denen wir es sagen. Eltern, die sich als Kind selbst unterlegen fühlten, empfinden vielleicht Ablehnung, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind „seinen Willen bekommt“. Ihr „nein“ klingt darum manchmal bitter und kalt. Der strafende Tonfall, nicht das Wort an sich tut weh. Ansonsten gehört „nein“ einfach zu dem großen Spektrum unserer Befindlichkeiten, die das Kind kennenlernt, wenn es seine Eltern als vollständige Personen erfahren darf.
Sagen wir „ja“, wenn wir eigentlich „nein“ meinen, verwirren und frustrieren wir das Kind. Wir gaukeln Toleranz vor, ohne wirklich dahinterzustehen. Angenommen, Sie sind erschöpft von einem langen Arbeitstag, und Ihr Kind will mit Ihnen spielen. Als „gute“ Eltern könnten Sie die (Über-)Anstrengung unternehmen, sich auf den Boden zu setzen und zu spielen. Vermutlich wären Sie aber gar nicht wirklich bei der Sache, während Sie sich insgeheim nur wünschen, Ihre Ruhe zu haben. In diesem Fall hätten Sie Ihrem Kind wahrscheinlich mehr zu geben, wenn Sie ehrlich zu ihm sind und ihm sagen: „Mir ist im Moment nicht wirklich nach Spielen, ich möchte mich ausruhen (oder allein sein, oder schlafen…).“


Die Führung übernehmen

Viele Eltern aus unserer Generation haben so sehr versucht, Zwang und autoritäre Methoden hinter sich zu lassen, dass wir ins andere Extrem gefallen sind und uns selbst geschwächt haben. Wir brauchen Rollenvorbilder, die uns zeigen, wie wir die Führung übernehmen, wenn es angebracht ist, aber auf eine Weise, die in Wahrheit unsere Kinder stärkt. Das heißt nicht, dass wir unsere Kinder mit Hilfe von Zwang beherrschen sollen oder darauf bestehen, immer und überall das Sagen zu haben – Kinder können kein Selbstvertrauen entwickeln, wenn wir sie ständig kontrollieren. Aber es gibt häufig Situationen, in denen unsere Kinder sich verloren, unsicher und verlassen fühlen werden, wenn wir uns weigern, das Kommando zu übernehmen.
Wir werden niemals das perfekte Gleichgewicht erreichen zwischen Sich-Zurücknehmen, Verhandeln und starken Einforderungen an unsere Kinder. Kein Buch kann uns mit Sicherheit sagen, wie wir ein Problem lösen, das in Wahrheit nur bewältigt werden kann, wenn wir bereitwillig zuhören, uns irren, auf Feedback achten, Fehler eingestehen und uns bei gegebenem Anlass auch entschuldigen. Wirklich nicht verhandelbare elterliche Autorität müssen wir jedoch immer dann ausüben, wenn die Gesundheit unseres Kindes in Gefahr ist oder wenn sein Verhalten andere verletzt oder missachtet.


Kontakt statt Kontrolle

Ein neues Modell für Eltern-Kind-Beziehungen legt Wert auf Kontakt statt auf Kontrolle. Echter und effektiver Kontakt mit unseren Kindern setzt voraus, dass wir uns auf authentische und verantwortliche Weise selbst ausdrücken können. Die Idee authentischen Kontakts existiert außerhalb eines Schemas von Kontrolle, das die Eltern dazu zwingt, sich zwischen einem autoritären und einem freizügigen Erziehungsstil zu entscheiden. Tatsächlich wird dieser Gegensatz völlig vermieden. Das selbstbewusste Festlegen von Grenzen durch authentischen Kontakt wird vor allem durch Ich-Botschaften an das Kind vermittelt. Auf diese Weise ist es in Ordnung, gelegentlich auch wütend auf unsere Kinder zu sein, denn Ich-Botschaften vermitteln Wut auf verantwortliche, nicht-ablehnende Art. Eine bestimmt geäußerte Ich-Botschaft macht das Kind aufmerksam und zwingt es, einen Augenblick lang über den eigenen Horizont hinauszusehen (kleine Kinder sind natürlicherweise Egozentriker!) und Sie, zumindest für den Moment, als Person wahrzunehmen.
Indem Sie sich Ihren Kindern zeigen und emotional transparent für sie sind, lernen sie allmählich, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Kinder profitieren davon, wenn Emotionen offen ausgelebt werden, wenn sie sehen können, dass ihre Eltern nicht nur glücklich und liebevoll sind, sondern auch wütend und verletzlich. Es ist von großem Nutzen für Ihre Kinder, wenn sie sehen, dass Sie verärgert, enttäuscht oder sogar verletzt sind wegen etwas, das sie getan haben. Kinder lernen am besten, wenn sie mitbekommen, welchen Einfluss ihr Verhalten auf die Gefühle anderer Menschen hat. Eine Studie des Barnard College in New York bestätigte, dass die Kinder von Müttern, die ihre Wut offen – aber angemessen – zeigten, emotional stabiler sind.
Das bedeutet, dass wir nicht nur sanft und freundlich sein sollen, wenn wir mit unserem Kind in Beziehung treten. Wenn Sie wütend sind, dann zeigen Sie es! Sind Sie traurig und verletzt, verstecken Sie Ihre Gefühle nicht! Sagen Sie Ihrem Kind, warum Sie so fühlen. Das hat nichts mit Schuldzuweisung zu tun, sondern mit Verbindung. Sie ermöglichen Ihrem Kind damit, Sie so zu erleben, wie Sie wirklich sind.
Wie sollen Kinder Einfühlungsvermögen entwickeln, wenn ihre Eltern nicht durchschaubar und authentisch sind? Wenn Sie die Autoritätsperson herauskehren, sind Sie nicht „echt“, sondern unnahbar und „falsch“. Ein „echter“ Mensch ist manchmal traurig, manchmal verletzlich, manchmal verärgert, frustriert, froh, liebevoll, wütend, zärtlich, verwirrt, ängstlich, unsicher. Mit anderen Worten: niemand, der stets alles unter Kontrolle hat. Und es ist dieser wesentliche Aspekt des Menschseins in Ihnen, den Ihre Kinder kennenlernen wollen und müssen. Ihre Menschlichkeit wird den Kindern erlebbar, wenn Sie offen mit Ihren Emotionen umgehen. In diesem Boden kann ihre verborgene Gabe für Einfühlsamkeit und Fürsorge zu einem starken Baum heranwachsen. Wenn Kinder einfühlsam behandelt werden und ihre Eltern als echte Personen erleben können – mit ihren eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Schwächen –, können sie emotional reifen. Letztlich wird es ihnen dabei helfen, wie selbstverständlich zu rücksichtsvollen, verantwortlichen und einfühlsamen Individuen zu werden, mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl und einem geschärften sozialen Bewusstsein.
Gegenseitige Authentizität erzeugt Intimität und ist der Eckstein für liebevolle Beziehungen. Wenn Sie Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern verantwortlich hindurchmanövrieren, hilft das Ihrem Kind heranzureifen, und es wird Sie enger zusammenbringen.


Fazit

Häufig, wenn Eltern nicht mehr weiterwissen, fragen sie sich: „Was soll ich tun?“ – obwohl es meistens nicht darum geht, „was man tun“, sondern „wie man sein“ soll. Viele Sackgassen in der Beziehung zu unseren Kindern scheinen sich aufzulösen, wenn wir ihnen unsere Gefühle auf eine Art zeigen, die sie verstehen können und die sie mit uns verbindet. Viele schwierige oder herausfordernde Verhaltensweisen unserer Kinder sollen in Wahrheit eben diese „echte“ Verbindung mit uns etablieren – durch unsere Reaktionen wollen sie unser echtes Selbst spüren.
Es gibt keine „guten“ Eltern – das ist ein ebenso trügerischer Mythos wie die Vorstellung von „schlechten“ Eltern. Elternschaft ist kein fertiges Produkt. Als bewusste Eltern befinden wir uns ständig in einem Prozess, einer Reise der Heilung, die uns zugänglicher macht für Beziehung. Und das ganze Leben hindurch ist es das, was alle Wunden heilt: emotional aufrichtige Verbindung. Das Ziel von Elternschaft ist letztlich nicht das Hervorbringen eines Resultats, etwa ein „glückliches“ Kind, ein „selbstbewusstes“ Kind, ein „erfolgreiches“ Kind. Vielmehr geht es darum zu lernen, wie wir auf jedem Schritt des Weges am besten in Beziehung zu unserem Kind treten können. Verbindung wird spürbar, wenn wir unsere Rüstung fallen lassen, sie erwächst aus unserer emotionalen Verletzlichkeit und aus unserem echten Interesse, unserem Kind zuzuhören und von ihm zu lernen, und ihm den Respekt und die Freiheit zu geben, die es braucht, um es selbst zu sein. Echte Beziehung heilt und lässt uns beide, Eltern und Kinder, wachsen.

Der australische Psychologe und Psychotherapeut Robin Grille betreibt eine Praxis für Psychotherapie und Paarberatung in Sydney und ist Autor des Buches „Parenting for a Peaceful World“.
Sein Artikel
„Ausgegrenzt! Vom Alltag des Attachment Parenting“ ist erschienen in Stillzeit 3/06, S. 4-7.

Robin Grille
After Attachment… What Then?
byronchild/Kindred, Heft 18, Juni-August 2006

Übersetzung: Kirsten Caspers

Aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2007, S. 7-10

3. Schritt 4: Hautkontakt

Nach spontaner Geburt

Beim Vorgehen nach den BFHI-Kriterien wird das Baby nach einer spontanen Geburt sofort der Mutter auf die Brust gelegt; manchmal nimmt die Mutter es auch selber auf. Das Neugeborene bleibt dann ungestört und ununterbrochen auf dem Bauch der Mutter, mindestens eine Stunde lang oder bis es das erste Mal an der Brust getrunken hat. Oft sucht es dabei selber die Brust und dockt selber an (4).

Mutter und Kind sollten in dieser Zeit auch verbal möglichst wenig gestört und Hilfe nur bei Bedarf angeboten werden.

In vielen Kliniken bleiben die Kinder inzwischen auch deutlich länger bei der Mutter, oft werden sie auch im Hautkontakt auf die Wochenstation verlegt.

Dieser frühe intensive Hautkontakt ist auch und gerade dann wichtig, wenn die Mutter sich schon vor der Geburt gegen das Stillen entschieden hat. Manche Kliniken bieten diesen Müttern an, dem Kind Kolostrum zu geben, als erste „Impfung“ und Mitgift, und viele Mütter nehmen das gerne an.

Nach Kaiserschnitt

Die BFHI-Kriterien fordern auch nach einer Kaiserschnittgeburt mindestens eine Stunde ununterbrochenen Hautkontakt, sobald der Zustand von Mutter und Kind dies zulässt. Da heute die meisten Kaiserschnitte mit Spinalanästhesie durchgeführt werden, ist dies grundsätzlich schon im OP möglich. Das Neugeborene kann kurz abgetrocknet und dann der Mutter nackt auf die nackte Brust gelegt werden. Manche Kliniken benutzen einen CTG-Schlauch zum Halten des Kindes. Vorgewärmte Tücher halten Mutter und Kind warm. Die Zugänge werden so gelegt, dass die Mutter die Arme frei hat, um das Kind anzufassen. Möglicherweise kann die OP-Beleuchtung teilweise gedämpft werden.

Auch beim Ausschleusen kann das Baby bei der Mutter bleiben und mit ihr zusammen, im Hautkontakt, in den Kreißsaal verlegt werden (1).

Die Umstellung auf diese Vorgehensweise stößt zunächst oft auf erhebliche Widerstände, bis erkennbar wird, dass es möglich ist und dass der Zustand sowohl der Mutter als auch des Babys sich im Hautkontakt in der Regel deutlich besser stabilisiert und beide deutlich zufriedener sind.

In den ersten Tagen und Wochen

Dass wiederholter Hautkontakt auch nach den ersten Stunden wichtig bleibt, wissen wir vom Känguruen bei den Frühgeborenen. Doch auch reif geborene Babys und ihre Eltern profitieren davon.

Eine amerikanische Arbeitsgruppe hat Müttern mit gleich am ersten Tag auftretenden Stillproblemen dabei geholfen, mehrere Male im direkten Hautkontakt anzulegen, mit einem nur mit einer Windel bekleideten Baby auf der nackten Haut der Mutter. Damit konnte der Stillerfolg nach einer und nach vier Wochen deutlich verbessert werden (3).

Babys im Hautkontakt auf der Brust der Mutter beginnen, selbst nach der Brust zu suchen und selbst anzudocken. Dieses Verhalten zeigen sie noch Wochen bis Monate nach der Geburt (5).

Eine kanadische Arbeitsgruppe hat Eltern reif geborener Kinder in zwei Gruppen eingeteilt und die einen aufgefordert, ihr Baby im ganzen ersten Lebensmonat immer wieder in Hautkontakt zu nehmen, während die Eltern in der Kontrollgruppe keine spezifischen Anweisungen bekamen. Die Kinder wurden nur mit Windel bekleidet aufrecht zwischen dir Brüste der Mutter gelegt, Bauch an Bauch. Ein darüber festgebundenes Tuch erlaubt der Mutter, mit dem Baby herumzulaufen. Die Eltern in der Versuchsgruppe hatten ihr Baby in der ersten Woche durchschnittlich gut 5 Stunden pro Woche im Hautkontakt und in den darauf folgenden drei Wochen rund 3 Stunden pro Woche; die Eltern in der Kontrollgruppe hatten ihr Baby kaum im Hautkontakt.

Die Ergebnisse waren deutlich sichtbar: Die Mütter in der Hautkontaktgruppe hatten nach der ersten Woche bessere Werte bei den Fragen zu postpartaler Depression; sie reagierten beim Füttern sensibler auf ihre Kinder und sie stillten erfolgreicher und und länger. Die Kinder in der Hautkontaktgruppe weinten weniger; sie waren häufiger im „ruhigen Wachzustand“ und konnten diesen auch länger aufrechterhalten; sie zeigten früher deutliche Reaktionen auf das mütterliche Verhalten. Auch manche Väter nahmen den Hautkontakt wahr und genossen diesen engen Kontakt zu ihren Kindern. In die ganze Wochenbettzeit kam mehr Ruhe und Gelassenheit (2).

Quellen

  1. Bernhardt A.: "Bonding beim Kaiserschnitt, praktische Aspekte." Kongressbericht 6. Dt. Still u. Laktationkongress, CD, Ausbildungszentrum f. Laktation u. Stillen 2007

  2. Bigelow A.: "Enhancing Baby’s First Relationship: Results from a Study on Mother-Infant Skin-to-Skin Contact." Canada 2010. Videos und Text siehe  http://www.mystfx.ca/InfantSkinToSkinContact/

  3. Chiu S, Cranston Anderson G, Burkhammer M.: "Skin-to-Skin Contact for Culturally Diverse Women Having Breastfeeding Difficulties During Early Postpartum." Breastfeeding Medicine 2008;3(4):231-237

  4. Righard L, Alade M.: "Effect of delivery room routines on success of first breast-feed." Lancet 1990;336:1105-1107, und DVD Geddes Production (2005) Bezug über AFS-Geschäftsstelle

  5. Smillie C.: "Baby-Led Breastfeeding." DVD, Geddes Production 2007/2010, Bezug über die AFS-Geschäftsstelle

Utta Reich-Schottky
Medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 9

Funny Milk - Geschmack und Farbe von Muttermilch

Auf der Website von Lactation Education Resources werden unter dem Titel "Funny Milk" verschiedene ungewöhnliche Geschmacksrichtungen und Färbungen von Muttermilch aufgeführt, über die stillende Mütter immer wieder berichten.

Bekannt ist vor allem die Knoblauchmilch – sie wird von Müttern produziert, die viel Knoblauch essen. Sie wirkt offensichtlich appetitanregend oder schmeckt einfach gut, denn einer Studie von J. A. Mannella und G. K. Beauchamp aus dem Jahre 1991 zufolge wurde sie von Säuglingen eifriger verzehrt als die normale Muttermilch ohne "Geschmackszusatz".

Nicht so lecker dagegen ist die Milch kurz nachdem die Mutter Sport getrieben hat. Die durch vermehrte Muskelaktivität produzierte Milchsäure gelangt auch in die Muttermilch und sorgt für weniger Trinkgenuss beim Nachwuchs.

Ebenfalls abschreckend wirkt Alkohol, der nach Konsum durch die Mutter in die Muttermilch gelangt. Dass stillende Mütter möglichst keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen sollten, da sie den Alkohol an ihre Stillkinder weitergeben können, ist aber auch ohne diesen geschmacksverderbenden Einfluss leicht einzusehen.

Nicht nur der Geschmack, auch die Farbe der Muttermilch lässt sich offensichtlich durch die mütterliche Ernährung beeinflussen. Große Mengen an Spinat und ähnlichem "Grünzeug" können die Milch grünlich färben, Rote Beete können sie leicht pink werden lassen, und Karotten können einen Gelbstich verursachen.

Eine andere Verfärbung ist unter dem Name "Rostige-Leitungen-Syndrom" ("rusty-pipe-syndrome") bekannt. Zu Beginn der Laktation kann das aus geplatzten Kapillargefäßen in der Brust austretende Blut der Milch einen rostbraunen Anschein verleihen.

In abgepumpter Milch lassen sich gelegentlich Klümpchen beobachten. Dabei handelt es sich um Fettansammlungen, die sich durch leichtes Schütteln wieder auflösen.

Manche Mütter stellen fest, dass abgepumpte Milch schon nach kurzer Lagerungsdauer "verdorben" riecht. Die genauen Ursachen hierfür sind nicht bekannt; als vorbeugende Maßnahme wird die Lagerung der Milch in geeigneten Behältern für wenige Tage und so kalt wie möglich empfohlen.


Quelle:
http://www.leron-line.com/updates/funny_milk.htm

Referenzen:
Lawrence, R. (1998). Breastfeeding a Guide for the Medical Profession. Third Edition. St Louis: Mosby.
Little, R., Anderson, K., Ervin, D., Worthington-Roberts, B., Sterling, C. Maternal alcohol use during breastfeeding and infant mental and motor development at one year. The New England Journal of Medicine, 321(7), 425-430.
Manella, J. A., Beauchamp, G. K. (1991). The transfer of alcohol to human milk. Effects on flavor and the infant’s behavior. The New England Journal of Medicine, 325(14), 981- 985.
Mannella, J. A. Beauchamp, G. K. (1991). Maternal diet alters the sensory qualities of human milk and the nursling’s behavior. Pediatrics, 88(4), 737-744.
Riorden, J., Auerbach, K. (1998). Breastfeeding and Human Lactation. Second Edition. Boston: Jones and Bartlett.

 

Dr. Ulrike Walter

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 3/2003, S. 25

Gesundheitsförderung durch frühen Stillbeginn

Vom internationalen Verband der Still- und LaktationsberaterInnen wurden 1999 Leitlinien für das Stillmanagement während der ersten 14 Lebenstage veröffentlicht. Sie gelten für gesunde, termingeborene Säuglinge und enthalten 24 Standards für Geburtskliniken. Der erste lautet: „So bald als möglich nach der Geburt Bedingungen zum Stillen schaffen, idealerweise während der ersten zwei Stunden“. In der Ergänzung heißt es: „Ununterbrochenen Hautkontakt von Mutter und Kind mindestens während der ersten zwei Stunden nach der Geburt oder bis nach dem ersten Stillen ermöglichen“ und „Alle nicht unbedingt erforderlichen Maßnahmen bis mindestens zwei Stunden nach der Geburt oder nach dem ersten Stillen verschieben“.

Als Kinderkrankenschwester in Geburtskliniken und als Stillberaterin im häuslichen Bereich habe ich die Erfahrung gemacht, dass jede Mutter-Kind-Beziehung und der Stillerfolg im Wesentlichen von dem Erleben der Geburt und der ersten Zeit danach geprägt sind.

Warum sind diese frühen Erfahrungen so bedeutungsvoll?

Weil eine Spontangeburt mit einer Hormonsituation verbunden ist, die bei einer Frau und ihrem Kind einen einzigartigen Wahrnehmungszustand auslöst; und weil dieser in der sensibelsten Phase der Gehirnentwicklung erlebt wird. Was heißt das? Die Entwicklung des Gehirns ist von Informationen abhängig, die es durch Sinnesreize erhält. Der jeweils erste Reiz einer Sinneszelle gilt als prägend, wenn er als Impuls im Gehirn gespeichert wird und eine Funktion auslöst. Empfangene sensorische Impulse während der Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit sind fundamentale Informationen und Impulse für die Steuerung von Körperfunktionen, eines individuellen Körpergefühls und körperlicher Fähigkeiten. Einmal gespeicherte Impulse werden vom Gehirn kontinuierlich angefordert, das heißt, sie prägen Bedürfnisse. Im Normalfall speichert das Gehirn in vorgegebenen Zeitabschnitten jeweils die Reize nur eines Sinnesorgans. Eine Spontangeburt ist jedoch für Mutter und Kind mit außergewöhnlichen Stimulationen aller Sensorzellen verbunden. Insbesondere die in der Haut des Kindes und in der Uterusschleimhaut der Mutter lösen extreme Hormonausschüttungen aus. Für beide entsteht dadurch eine Hormonsituation, die es möglich macht, dass neue Reize aller Sinnesorgane in unmittelbarer Folge im Gehirn gespeichert werden können. In dieser einmaligen Situation werden neurale Verbindungen hergestellt, die den Ablauf zukünftiger Gehirnfunktionen dauerhaft prägen. Für diese „Bindungs- oder Bondingphase“ wird in der Literatur die Dauer von bis zu zwanzig Stunden nach der Geburt angegeben.

Wenn Mutter und Kind in dieser Zeit das erste Stillen und den ersten Blickkontakt in ungestörter Zweisamkeit erleben, finden sie alle Wahrnehmungen für dauerhaftes Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit. Gleichzeitig wird die begonnene Gehirnentwicklung eines Neugeborenen durch die Verbindung vertrauter und neuer Sinnesreize am Körper der Mutter fortgesetzt. Dadurch ist die Entwicklung von Gesundheit möglich.

Mit dem ersten Schrei fordert jedes Neugeborene die Mutter auf, ihm wieder existentielle Sicherheit, Geborgenheit, Wärme und Halt zu geben. Nach einer Spontangeburt ohne Medikamenteneinfluss greift eine Frau reflektorisch nach ihrem Kind und nimmt es an den Körper. Dadurch macht ein Neugeborenes die Erfahrung, dass seine Signale verstanden werden und es dafür sorgen kann, dass seine Bedürfnisse gestillt werden. Nur am Körper der Mutter findet es die dafür erforderlichen Sinnesreize. Sie steuern alle notwendigen Organfunktionen und lösen bei Mutter und Kind ein wohliges Körpergefühl und Entspannung aus. Durch die Achtung von Intimität und Zweisamkeit sind beide in dieser Entspannungsphase durch ihre Hormonsituation in einem ausschließlich emotionalen Wahrnehmungszustand. Sie genießen mit geschlossenen Augen nur ihr eigenes Körpergefühl. In dieser Situation wird ein Kind durch die Fülle vertrauter Sinnesreize so vitalisiert, dass es beginnt, seine Nahrungsquelle zu suchen. Es ist voller Vertrauen und offen für neue Wahrnehmungen, wenn es aus eigener Kraft mit weit geöffnetem Mund die Brustwarze umschließt und zu saugen beginnt. Dieses Erfolgserlebnis gibt einem Kind „Ur-Vertrauen“, das heißt, es fühlt unbewusst und dauerhaft das Vertrauen für die Fähigkeit, aus eigener Kraft für existentielle Sicherheit und Wohlfühlen sorgen zu können. Diese Wahrnehmung wird als eine beglückende Erfahrung gespeichert.

Bei diesem Stillbeginn kommt es durch die Stimulation der Brustwarze bei der Mutter und die Stimulation des kindlichen Gaumens im vertrauten Körperkontakt zu einer erneuten Ausschüttung von Glücks- und Liebeshormonen. Dadurch entsteht eine Hormonsituation, die nicht nur Glück, sondern auch körperliche Lust auslöst; und sie löst die „Sehnsucht“ nach Blickkontakt aus. Während ein Kind vor der Geburt nur speichert, „dass“ es wahrnimmt, beginnt mit der Geburt die Möglichkeit, im Gegenüber zu erkennen, „was“ es wahrnimmt. Ein Neugeborenes ist in der Lage, im Abstand von 25-30 cm ein Gesicht wie mit einem Kamerablick zu sehen und zu speichern. Wenn ein Neugeborenes im Gefühl des Glücks in das glückliche Gesicht der Mutter sieht, erkennt es sich darin selbst. Das heißt, es sieht sich mit den Augen der Mutter und findet darin Anerkennung für den Genuss des eigenen Körpers. Mutter und Kind erkennen gemeinsam, dass es für sie selbst und ihr Gegenüber gut ist, im vertrauten Körperkontakt eigenes Glück zu zeigen. Mit dieser Erkenntnis findet ein Kind durch die Mutter das Gefühl von Liebe. Es scheinen Funken zu sprühen, wenn eine Frau in die strahlenden Augen und das lächelnde Gesicht ihres Kindes sieht. Liebe fließt durch den Körper wie ein glitzernder Strom. In Ruhephasen findet ein Körper neue Kraft für die Suche nach seinen Energiequellen. Darum sinken Mutter und Kind nach dem Stillen gemeinsam in einen sanften Schlaf.

Durch die Verbindung von Körper- und Blickkontakt in der Bondingphase ist eine Mutter-Kind-Beziehung von tiefem Vertrauen in eigene emotionale Bedürfnisse und in die des anderen geprägt. Sie ist frei von dem Gefühl gegenseitiger Abhängigkeit. Durch gemeinsames Wohlfühlen erkennt eine Frau sehr schnell die Signale ihres Kindes und wird eigene und die Bedürfnisse ihres Kindes in Einklang bringen. Durch die Anerkennung individueller Bedürfnisse und durch liebevolle Kommunikation im Zusammensein mit den Eltern beginnt in dieser frühen Phase die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstachtung. Diese zunächst unbewusste Erfahrung ist die fundamentale Voraussetzung für gegenseitige Achtung. Die Geburts- und Stillkultur prägen wesentlich die Kultur einer Gesellschaft.

Jedes Neugeborene, das sich wohlfühlt, sucht instinktiv sein Gegenüber, um Anerkennung für das eigene Körpergefühl zu finden. Es ist nur mit der Fähigkeit der „Ich-Wahrnehmung“ ausgestattet, um sich durch Sinnesreize selbst kennen zu lernen. Da die Körperwahrnehmung im Körper der Mutter begonnen hat, lösen alle Sinnesreize in der Bindungsphase, die ein Kind ohne Körperkontakt zur Mutter und in einem anderen Gegenüber findet, Störungen der emotionalen „Ich-Wahrnehmung“ aus. Es sind Irritationen der „Körper-Ich“ Wahrnehmung, die durch sensorische Integrationsstörungen ausgelöst werden. Diese beeinträchtigen Steuerfunktionen des Gehirns und Nervensystems und damit die Entwicklung von Gesundheit.

Stillförderung ist Gesundheitsförderung, wenn beim Stillbeginn die Voraussetzungen dafür geschaffen werden:
Durch die Achtung der symbiotischen Verbindung von Mutter und Kind bei der Geburt.
Durch die Achtung der Ur-Sehnsucht im Menschen, mit der Geburt das Gefühl von Liebe zu finden; für Vertrauen in individuelles Fühlen und Empfinden, für Vertrauen in individuelle Bedürfnisse, für Vertrauen in die Fähigkeit, aus eigener Kraft für Gesundheit und Entfaltung der Persönlichkeit sorgen zu können. Wir fördern diese Entwicklungen durch respektvolles Verhalten bei einer Geburt und in den ersten Lebensstunden eines Kindes.

 

Renate Fegter
Kinderkrankenschwester mit Zusatzqualifikation
IBCLC Stillberaterin
Stexwig
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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2003, S. 25-26

Haarausfall nach der Geburt

Ungefähr zwei bis vier Monate nach der Geburt verlieren manche Frauen plötzlich ungewöhnlich viele Haare. Stillende Mütter fragen dann: „Liegt das am Stillen?” Die genauso betroffenen nichtstillenden Mütter stellen diese Frage nicht, sondern suchen gleich nach den tatsächlichen Ursachen.

Jedes Haar hat eine Wachstumsphase, die durchschnittlich 3 Jahre dauert, aber auch deutlich kürzer oder länger sein kann. Anschließend kommt eine Ruhephase, in der das Haar nicht mehr wächst, aber noch einige Monate stehen bleibt, bis es entweder von einem neuen Haar aus der Haarwurzel herausgeschoben oder auch aktiv abgeworfen wird.

Normalerweise sind 5 – 15% der Haare in der Ruhephase. Durch bestimmte Ereignisse können plötzlich ganz viele Haare auf einmal das Wachstum einstellen und in die Ruhephase übergehen. Ungefähr 1 bis 6 Monate (durchschnittlich 3 Monate) später fallen sie dann aus. Dieser akute Haarverlust ist relativ gleichmäßig über den ganzen Kopf verteilt, so dass das Haar insgesamt dünner erscheint, aber keine umschriebenen kahlen Stellen entstehen. Gleichzeitig setzt neuer Haarwuchs ein.

Solche auslösenden Ereignisse können sein:

  • akute schwere Erkrankungen, hohes Fieber, Operationen oder Verletzungen
  • chronische Erkrankungen, z.B. Lebererkrankungen
  • Schilddrüsenstörungen
  • Ernährungsstörungen wie einseitige Diäten mit zu wenig Eiweiß, Anorexie, chronischer Eisenmangel
  • manche Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva, Gerinnungshemmstoffe, überdosiertes Vitamin A
  • Schwangerschaft und Geburt

Die Geburt ist übrigens auch für das Kind eine physiologische Herausforderung, auf die nicht wenige Kinder mit einige Monate später eintretendem Haarausfall reagieren.

Also: Als Reaktion auf den physiologischen Stress der Geburt kommt es bei manchen Frauen zu einem mehr oder weniger starken Haarausfall. Dieser Haarausfall kann sich über einige Monate hinziehen, hört dann aber von alleine wieder auf. Schon während dieser Zeit beginnt das Haar neu zu wachsen. Da auch die Art der Ernährung den Haarausfall zu beeinflussen scheint, ist hier – wie überhaupt – eine möglichst abwechslungsreiche, qualitativ gute Kost empfehlenswert.

Wenn der Haarverlust so stark oder so anhaltend ist, dass „Schwangerschaft und Geburt” als Erklärung nicht ausreichen, dann muss weitere Diagnostik durchgeführt werden – wobei es völlig gleichgültig ist, ob die Mutter stillt oder nicht. Denn das Stillen hat mit dem Haarausfall nichts zu tun.

Quellen:
http://www.emedicine.com/derm/topic416.htm
http://www.aocd.org/skin/dermatologic_diseases/telogen_effluvium.html
http://www.dermatology.org/hairinfo/03.html

 

Utta Reich-Schottky

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2003, S. 28

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