Baby-Led Weaning – feste Nahrung ab Beikostreife
von Alexandra Waldschmidt

Baby-Led Weaning (BLW) ist ein alternativer Weg der Beikosteinführung, der Beikost nicht als „Ersatzkost“ verststeht sondern ohne (Zeit-)Druck und Zwang dem Säugling Raum für die eigenständige Erkundung der Nahrung sowie selbstständiges Essenlernen gibt. Wörtlich übersetzt steht es für „(vom) Säugling geführtes Abstillen“ oder „Entwöhnen“. Es ist eine alte Methode, die in einen neuen Trend kommt. Gill Rapley hat für den englischen Sprachraum ein umfassendes Werk veröffentlicht, das von BLW-Eltern als „BLW-Buch“ bezeichnet wird[1]. Sie hat darin einige Grundsätze („Regeln“) ausgearbeitet, die den Einstieg ins und den Umgang mit BLW erleichtern. Gleichzeitig informiert sie über beachtenswerte (Sicherheit-)Maßnahmen und bestärkt die Eltern darin diesen Weg auszuprobieren um sich selbst zu entlasten und ihr Kind seine Kompetenzen voll entfalten zu lassen.

Nach Bedarf gestillte Kinder* bestimmen eigenständig über ihre Mahlzeiten: die Häufigkeit, die Trinkgeschwindigkeit, die Menge. Mit der klassischen Einführung von Beikost wird plötzlich fremdbestimmt was und wie viel gegessen werden soll. Baby-Led Weaning (BLW) setzt an der Selbstbestimmung des Säuglings an: Zeigt der Säugling alle Anzeichen der Beikostreife sowie Interesse an den Mahlzeiten der Eltern, ist er kompetent genug um direkt am Familientisch mitzuessen. Für die Eltern bedeutet das v.a. den Verzicht auf Gläschenkäufe bzw. selbstgekochte Breimahlzeiten und das Füttern ihres Kindes. Stattdessen werden die zubereiteten Speisen ohne Umwege gemeinsam am Familientisch eingenommen. Hierbei entscheidet genauso wie beim Stillen der Säugling was, wie viel und mit welcher Geschwindigkeit er von dem geschaffenen Angebot essen will.


Anfangs steht oft das spielerische Erkunden der Nahrung im Vordergrund: anfassen, in den Mund stecken und wieder hervor holen, zerdrücken, anknabbern (...) - wenn überhaupt, dann werden nur sehr kleine Mengen tatsächlich verzehrt. Dabei lernt das Kind jedoch die vielen verschiedenen Texturen und Geschmäcker der einzelnen Nahrungsmittel intensiv kennen: ein Stück Kartoffel verhält sich ganz anders als eine Scheibe Gurke, Brot, Melone oder Apfel. Das Kind kann und sollte bei jeder Mahlzeit auf diese Weise einbezogen werden, denn nur so kann es die zum Essen nötigen Kau- und Schluckbewegungen erlernen und verfeinern. Dabei imitiert es zunächst das (Ess-)Verhalten der Eltern, während es aus eigenen Erfahrungen stetig dazu lernt. Deswegen ist es wichtig jedem Kind die nötige Zeit zu lassen. Das Eingreifen der Eltern ist auf ein Minimum reduziert. Gill Rapley empfiehlt in ihrem Buch, das Kind weder ununterbrochen zu beobachten noch dessen Versuche zu kommentieren oder gar zu loben bzw. zu schimpfen. Sie betrachtet das (gemeinsame) Essen sowohl als normalen Bestandteil des Familienalltags als auch als gewöhnliche Tätigkeit eines Menschen – etwas, das -wie auch Gonzáles[2] schreibt- ohne Zwang oder Druck ablaufen sollte.

Es gibt nur wenige beachtenswerte Regeln, die v.a. als Sicherheitsmaßnahmen gewertet werden können. Diese beziehen sich z.B. auf die Verschluckungsgefahr oder den Umgang mit Salz, Zucker und Lebensmittelzusätzen.

 

Um die Verschluckungsgefahr so gering wie möglich zu halten, sollte der Säugling immer aufrecht sitzen und dabei leicht vorgebeugt sein. Ihn zurückgelehnt oder gar in sich zusammen gesunken sitzen zu lassen erhöht das Verschluckungsrisiko, da die Nahrung sehr viel leichter in den Rachen rutscht. Da sowohl Kauen als auch (willentliches) Schlucken noch gelernt werden muss, wird ein Hust- oder Würgereiz ausgelöst, der die Nahrung wieder nach vorne oder aus dem Mund befördern soll. Dies klappt umso besser, wenn der Körper leicht vorgebeugt ist und ist ein gesundes Zeichen für die funktionierenden Schutzreflexe der Kleinen. Sollte ein Kind sich weder durch husten, keuchen oder würgen selbst helfen können ist eine bewährte Methode sich das Kind bäuchlings über die Oberschenkel zu legen und leicht auf den Rücken zu klopfen. Die von Eltern manchmal empfundene „Angst vor dem Verschlucken“ ist i.d.R. eine Angst vor dem Ersticken des Kindes. Denn verschlucken kann sich jeder und viele Eltern kennen es bei ihrem Kind bereits vom Stillen, wenn das Kind in einer Trinkpause heftig hustet, um ein Zuviel an Muttermilch zu kompensieren. Die Erstickungsgefahr ist grundsätzlich nicht höher als beim Trinken vom Muttermilch, Wasser, Tee oder beim Essen von Brei.

Ein großes Problem der heutigen Ernährung ist die ständige Verfügbarkeit von Salz, Zucker und künstlichen Zusätzen in unseren Nahrungsmitteln. Dies macht nicht nur den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu schaffen, sondern auch vielen Erwachsenen. Gill Rapley hat daher einfache Regeln zur Verwendung von Salz und Zucker aufgestellt: Säuglinge unter einem Jahr sollten höchstens 1g Salz pro Tag zu sich nehmen. Das bedeutet so salzarm wie möglich zu kochen und zu essen, denn Salz ist in vielen Lebensmitteln (z.B. in Brot, Wurst, Schinken, Speck und einigen Käsesorten (Parmesan, Feta)) und in Fertigessen als Geschmacksverstärker oder Konservierungsmittel bereits enthalten. Zucker kommt mit vielen verschiedenen Labeln daher (u.a. Sucrose/Saccharose (Kristallzucker), Dextrose (Traubenzucker), Fructose (Fruchtzucker), Glucose (Einfachzucker), Glucose-Fructose-Sirup (z.B. aus Maisstärke) uvm.) und birgt nur leere Kalorien anstatt Nährstoffe. Er ist als süßer Geschmacksträger oftmals der handelsüblichen Babykost (z.B. Breie, Tees) zugesetzt. Da Süße ein natürliches Anzeichen für essbare, reife Kost ist, sind v.a. junge Menschen von Natur aus darauf abgestimmt Süßes zu bevorzugen. Ein Überangebot an Zuckern wie es in unserer heutigen Lebenswelt besteht birgt auf Dauer jedoch Gefahren. Auch sind (zugesetzte) Fructose oder Dextrose nicht gesünder als Saccharose o.ä., denn sowohl Menge als auch Darreichungsform sind entscheidend. Daher ist ein wesentlicher BLW-Grundsatz: Keinen Zucker für Säuglinge. Durch eine ausgewogene Ernährung mit Obst und Kohlenhydraten wird das Kind auf natürliche Weise mit dem zum Wachstum nötigen Zucker versorgt.

Ebenso sind künstliche Lebensmittelzusätze (Konservierungsmittel, Süß- und Farbstoffe, Aromen, Verdickungsmittel, Geschmacksverstärker, Säureregulatoren u.ä.) im Idealfall zu vermeiden. Hier gilt: je kürzer die Zutatenliste auf einem Produkt, desto besser!

Erste Speisen können als Fingerfood gereicht werden. Dabei kann alles genutzt werden, dass sich in Streifen oder Scheiben schneiden und servieren lässt oder von sich aus schon eine einfache handhabe zulässt. Dies gilt z.B. für Brokkoli, Gurke, Möhrchen, Nudeln, Kartoffeln, Brot(-rinde), Ei (nur durchgekocht), Mango, Melone, Birne, Banane, Apfel (gedünstet), Avocado oder auch Filet (Schwein, Kalb) und Geflügel. Aber auch ganze Gerichte können gereicht werden. Gill Rapley schreibt dazu: „Auch wenn gerne mit gegartem Gemüse oder frischen Früchten begonnen wird, spricht nichts dagegen auch einen Auflauf, ein Nudelgericht, einen Salat oder ein Pfannengericht anzubieten.“

Einzig harte und kleine Nahrungsmittel (z.B. Schoten, Reis, Erbsen, Heidelbeeren u.ä.) sollten, so Rapleys Empfehlung, anfangs vermieden werden um das Erstickungsrisiko gering zu halten. Erst wenn sowohl Kauen als auch Schlucken sicher beherrscht wird und der Pinzettengriff sich entwickelt hat, können diese „kleinteiligen“ Speisen angeboten werden.

Desweiteren folgt BLW den üblichen Beikostempfehlungen in der Hinsicht, dass Honig, Nüsse, Kleieprodukte und bestimmte Fischsorten für Säuglinge und junge Kleinkinder Tabu bleiben. Als begleitendes Getränk wird Wasser und ggf. ungesüßter Tee empfohlen.

Das vielfache Gleichsetzen von BLW mit einer breifreien Beikostzeit ist nicht richtig. Auch wenn Rapley selbst von breifrei spricht, meint sie die Spezialkäufe oder -zubereitung von Babybreien. Die beiden wesentlichen BLW-Grundsätze besagen, dass der Säugling a) nicht gefüttert wird sondern sich selbst bedient und b) sein Essen weder extra gekauft (Babyprodukte) noch extra gekocht und püriert wird – sondern er einfach geeignetes vom Familientisch mitisst. Da in vielen Familien Breie (Milchreis, Gries- oder Haferbrei, Kartoffelbrei und verschiedene Eintöpfe) zum normalen Angebot gehören, können und sollen sie auch dem Säugling serviert werden. Es geht nicht um ein Breiverbot sondern darum eine Vielfalt an verschiedenen Speisen, Konsistenzen und Geschmäckern anzubieten ohne zusätzlichen Aufwand speziell für das jüngste Familienmitglied zu fahren. Dies ermöglicht dem Säugling vom ersten Tag an die aktive Teilnahme an einem weiteren Aspekt des Familienlebens, die Erkundung verschiedenster Nahrungsformen mit allen Sinnen, Selbstbestimmtheit und Kontrolle über die Menge und Geschwindigkeit seines Essens und das respektieren des eigenen Sättigungsgefühls[3].

BLW setzt das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes -und auch sich selbst als Eltern- voraus und bestärkt es gleichzeitig, da sich nahezu täglich die Fortschritte im geschickten Umgang mit der angebotenen Nahrung beobachten lassen. Muttermilch bleibt v.a. in der ersten Zeit die Hauptnahrungsquelle und kann vor, während, nach oder auch anstatt des angebotenen Essens vom Säugling zu sich genommen werden. Es ist eine säuglingszentrierte Herangehensweise und keinefalls als dogmatisch zu betrachten. Ob und inwiefern es umsetzbar für jede Familie ist, liegt im eigenen Ermessen der Familienmitglieder.

 

*Unter Umständen ist es möglich auch flaschengefütterte Säuglinge selbstbestimmt ans Essen heranzuführen. Es erfordert laut Rapley jedoch bereits eine sehr sensible Flaschenfütterungsweise und Eltern, die vom ersten Tag an auf die Sättigungsanzeichen ihres Säuglings achten und bedingungslos eingehen.



[1]   Gill Rapley und Tracey Murkett, Baby-Led Weaning, New York (2010). Kurzinfos unter: http://www.rapleyweaning.com/

[2]   Dr. Carlos González, Mein Kind will nicht essen, 5. Aufl. (2010). Hrsg. von La Leche Liga Deutschland e.V.

[3]   Studien (z.B. Townsend/Pitchford, Baby knows best? The impact of weaning style on food preferences and mody mass index in early childhood in a case-controlled sample. BMJ Open 2012;2:e000298.) weisen mittlereile darauf hin, dass der BLW-Ansatz Kinder im späteren Leben vor Übergewichtigkeit bewahrt.

Erschienen in der Stillzeit 2/2013

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