Frühgeborene brauchen Muttermilch

Als Frühgeborene bezeichnet man Kinder, die vor der 37. SSW und mit einem Gewicht unter 2.500g geboren werden. In Deutschland werden ca. 8% der Kinder zu früh geboren, und diese Rate ist in den letzten Jahren trotz aller medizinischen Fortschritte relativ konstant geblieben. Zu früh geboren, zu früh für das Kind, zu früh für die Mutter, die Eltern. Abhängig von der Schwangerschaftswoche und der dadurch bedingten Unreife der Organe (Lunge, Nieren, Magen, Darm, Haut, Gehirn usw.) können viele Probleme auftreten: Temperaturinstabilität, Atemprobleme, Neigung zu Infektionen und Probleme mit der Ernährung (um nur einige zu nennen). Stillen – bzw. Ernährung mit Muttermilch – wird leider häufig nicht in Betracht gezogen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, Angst und Unwissenheit spielen oft eine große Rolle. Doch auch Frühgeborene – und gerade sie – brauchen Muttermilch!


Bedeutung der Muttermilch und des Stillens für frühgeborene Kinder

Muttermilch für frühgeborene Kinder, auch Preterm-Milch genannt, unterscheidet sich von der Muttermilch für reifgeborene Kinder. Der Eiweißgehalt ist deutlich erhöht, ebenso der Gehalt von sIgA, Laktoferrin und Lysozym, der Zellgehalt ist doppelt so hoch wie in reifer Muttermilch – Frühgeborene erfahren daher einen höheren Immunschutz. Deutlich erhöht sind auch Natrium sowie die Enzyme, die die Verdauung günstig beeinflussen, leicht höher ist der Fettgehalt, leicht niedriger der Laktosegehalt.
Muttermilch schützt die Frühgeborenen vor Infektionen, es kommt seltener zu einer Nekrotisierenden Enterocolitis (NEC), eine gefährliche Darmerkrankung für Frühgeborene. Fette und Wachstumsfaktoren fördern Entwicklung und Reifung (vor allen auch von Augen und Gehirn), die Muttermilch wird besser vertragen und verdaut als künstliche Säuglingsnahrung. Außerdem sind die Vitalzeichen (Herzfrequenz, Atmung, Sauerstoffgehalt) beim Stillen stabiler, als wenn die Kinder aus der Flasche trinken. Und – Muttermilchernährung hat auch bei Frühgeborenen Langzeitauswirkungen und kann viele Erkrankungen verhindern oder positiv beeinflussen. Innerhalb eines Monats wandelt sich die Preterm-Milch zur reifen Muttermilch.


Anreicherung der Muttermilch

Für Frühgeborene ist Muttermilch alleine nicht immer ausreichend. Früher wurde empfohlen, die Muttermilch bei Frühgeborenen, die vor der 30. SSW geboren wurden, anzureichern. Inzwischen gibt es Studien dazu, dass grundsätzlich alle Frühgeborenen besser gedeihen, wenn ihre Muttermilch angereichert wird. An einigen Kliniken bekommen daher alle Frühgeborenen Frauenmilchsupplement (FMS) als Pulver in die Muttermilch, bestehend u.a. aus Eiweiß, Maltodextrin, Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen. Eine Möglichkeit, den Fettgehalt der Muttermilch zu erhöhen, ist das sogenannte „Lactoengineering“ nach Paula Meier, Chicago. Basierend darauf, dass die Muttermilch nach Einsetzen des Milchspendereflexes einen höheren Fettgehalt hat, kann die Mutter durch ihr Pumpmanagement den Fettgehalt ihrer Milch erhöhen. Auch eine sanfte Brustmassage vor dem Pumpen oder Stillen erhöht den Fettgehalt der Muttermilch.


Bedeutung des Stillens für die Mutter eines frühgeborenen Kindes

Die Mutter kann sich durch Stillen und/oder Abpumpen von Muttermilch aktiv am Genesungs- und Entwicklungsprozess beteiligen. Die Beziehung zu ihrem Kind, gestört durch Frühgeburt und Krankenhausaufenthalt, ist belastbarer, die Trennung kann besser verarbeitet werden. Stillen erhöht die Bindungsfähigkeit, die Mutter kann ihr Kind in seiner besonderen Situation und mit seiner Erkrankung besser annehmen. Die Stillhormone beruhigen und entspannen die Mutter. Stillen ist ein Beitrag zur Normalität in dieser Ausnahmesituation, Stillen ist Therapie für alle Beteiligten!


Erstes Gespräch

Es ist sehr bedeutsam, wenn die Geburt des Kindes plötzlich und unerwartet gekommen ist, bald mit der Mutter über die Bedeutung der Muttermilch für ihr frühgeborenes Kind zu sprechen. Ebenso braucht die Mutter Informationen zum Abpumpen und die zu erwartende Milchmenge. Auch die Bedeutung des Känguruhns kann in diesem ersten Gespräch Thema sein. Känguruhn fördert auf einzigartige Weise die Mutter-Kind-Beziehung, sorgt für mehr Stabilität der Kinder in allen Bereichen und wirkt sich bei der Mutter förderlich auf die Milchmenge aus. In der Praxis ist es häufig zu erleben, dass Mütter, die eigentlich nicht stillen wollten, sich in dieser besonderen Situation umentscheiden, um ihrem Kind einen guten Start zu geben. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Mutter sich in diesem Gespräch gegen Stillen und Muttermilchgabe entscheidet. Auch diese Entscheidung muss akzeptiert werden, in diesem Fall braucht die Mutter Informationen zum Abstillen.


Anregung der Milchbildung

Ganz wichtig bei Müttern von Frühgeborenen ist es, so früh wie möglich die Milchbildung gut in Gang zu bringen, das heißt abzupumpen. Die Mutter sollte so bald wie möglich anfangen abzupumpen, nach der Geburt nach Möglichkeit direkt, spätestens aber nach 6 Stunden (immer abhängig vom Allgemeinzustand der Mutter).
Es empfiehlt sich eine Pumphäufigkeit alle 3-4 Stunden, möglichst auch 1x nachts. Mit einem Einfachpumpset sollte ca. 15 Minuten pro Brust abgepumpt werden, ein Wechselpumpen (5-7 Minuten, 3-5 Minuten, 2-3 Minuten pro Brust) regt die Milchbildung besser an. Mit einem Doppelpumpset sollte 15 Minuten insgesamt gepumpt werden. Das Doppelpumpset ist für alle Mütter empfehlenswert, es regt die Milchbildung gut an und spart Zeit.
Die Mutter braucht zusätzlich zu diesen Informationen das Wissen über Umgang und Aufbewahrung von abgepumpter Muttermilch für frühgeborene Kinder, und sie sollte Hilfestellung bekommen, wo sie gute Milchpumpen ausleihen kann. Hilfreich ist es, wenn die Mutter bei der Vielzahl der Informationen ein Informationsblatt zum Abpumpen von Muttermilch erhält, in dem sie alles nachlesen kann.


Probleme beim Stillmanagement der Mutter

Probleme beim Stillmanagement von Seiten der Mutter sind in erster Linie die Angst und Sorge um das zu früh geborene Kind. Hinzu kommen oft starke Schuldgefühle – Schuld an der Frühgeburt. Die Mütter sind nach der Geburt auch noch nicht ganz fit, manchmal kommt zusätzlich je nach Geburtsverlauf ein schlechtes Allgemeinbefinden hinzu. Der Stillbeginn oder das Abpumpen sind häufig verzögert, die Milchproduktion kommt oft nicht gut in Gang, die Mütter haben zu wenig Milch. Fehlende und/oder nicht korrekte Beratung verunsichert die Mütter zusätzlich. Bei ausländischen Müttern kommen in vielen Fällen Sprachschwierigkeiten hinzu.
Ist die Mutter Trägerin des Cytomegalie-Virus (CMV), kann dies unter Umständen das Anlegen und Stillen verzögern. CMV kann über die Muttermilch übertragen werden und bei Frühgeborenen vor der 32. SSW zu einer Infektion führen. Die Vorgehensweise in den verschiedenen Kliniken ist sehr unterschiedlich, wenn die Mutter CMV-positiv ist: An manchen Kliniken hat es keine Konsequenzen, andere Kliniken klären die Eltern auf, lassen sich diese Aufklärung unterschreiben und verfüttern die Muttermilch unbehandelt. In wieder anderen Kliniken wird die Muttermilch bis zur 32. SSW pasteurisiert. Ist kein Pasteurisator vorhanden, wird die Muttermilch so lange eingefroren, bis das Kind die 32. SSW erreicht hat. Dies kann für die Mütter sehr frustrierend sein.


Das erste Anlegen – Stillen muss erlernt werden

Manche Frühgeborene können recht schnell angelegt werden, bei anderen dauert es Monate, bis sie auch nur in der Lage sind, an der Brust zu nuckeln. Das ist natürlich vor allen Dingen abhängig von der Schwangerschaftswoche, in der sie geboren wurden, sowie vom Allgemeinzustand. Wichtig ist es, der Mutter zu sagen, dass die ersten Anlegeversuche keinesfalls ein erfolgreiches Stillen zum Ziel haben, sondern dem Kennenlernen dienen. Beim ersten Anlegen sollten der Kontakt zur Brust und möglicherweise das Auflecken von Milchtropfen im Vordergrund stehen. Die Mutter lernt, wie sie ihre Milch mit der Hand abdrücken und in welchen Positionen sie ihr Kind sicher und stabil halten kann. Frühgeborene Kinder sind schnell müde beim Trinken und saugschwach; Zu- und Nachfütterung per Sonde, Flasche oder Brusternährungsset sind häufig noch lange nötig. Immer ist viel Geduld erforderlich, bis das Kind in der Lage ist, gut und ausreichend an der Brust zu trinken.


Stillpositionen für frühgeborene Kinder

Frühgeborene Kinder brauchen Sicherheit und Stabilität beim Anlegen. Günstig ist die Übergangshaltung oder auch Frühgeborenen-Haltung. Sie entspricht weitestgehend der Wiegenhaltung, es verändert sich lediglich die Armhaltung der Mutter, Kopf und Körper der kleinen Kinder werden mehr gestützt. Ebenso hilfreich ist die Rückenhaltung, in der die Mutter ihr Kind gut halten und ebenso gut beobachten kann. Als Variante für sehr verschlafene Kinder kann die Mutter die Rückenhaltung so variieren, dass das Kind fast aufrecht gehalten wird.


Stillmanagement bei Frühgeborenen

Die Stillhäufigkeit und -dauer müssen bei Frühgeborenen angepasst werden an Gestationsalter und Allgemeinzustand. Wenn das Kind anfängt, gut an der Brust zu trinken, können Stillproben (Wiegen) hilfreich sein, um die Zufütterungsmenge nach und nach zu reduzieren. Diese Reduzierung muss langsam und allmählich erfolgen, damit die Kinder auch weiterhin gut gedeihen; mehr Gewicht bedeutet auch mehr Kraft, um an der Brust zu saugen. Geeignete Stillhilfsmittel beim Stillen von Frühgeborenen sind in erster Linie das Brusternährungsset, aber auch der Becher kann hilfreich sein, wobei aber in Betracht gezogen werden muss, dass häufig viel Muttermilch verschüttet wird. Paula Meier (Chicago) zeigt in Studien, dass auch dünnwandige Stillhütchen für Frühgeborene sehr geeignet sein können, in der Praxis wird dieses bestätigt. Fingerfütterung sollte aufgrund des sehr weichen Gaumens frühestens ab der 36. SSW eingesetzt werden, dann auch nur als Kurzzeittherapie. Jeder Einsatz von Stillhilfsmitteln muss gut überlegt, kein Stillhilfsmittel sollte generell eingesetzt werden. Ganz entscheidend dabei ist das Gespräch mit der Mutter, mit welchem Stillhilfsmittel sie gut zurechtkommt. Die Mutter braucht Information über Vor- und Nachteile sowie genauen Umgang mit dem Stillhilfsmittel und auch Hilfestellung zum Abgewöhnen.


Entlassung nach Hause

Die Entlassungskriterien für Frühgeborene sind je nach Klinik unterschiedlich, in der Regel sind es gutes Gedeihen, stabile Herz-Kreislauf- und Atmungswerte, stabile Temperatur und ein gutes Trinkverhalten. Wenn das Kind nach Hause entlassen wird, braucht die Mutter Unterstützung und Hilfestellung für den Übergang nach Hause. Vielleicht wird das Kind noch teilgestillt und zugefüttert, auch hier ist Beistand nötig. Für die ersten Tage oder Wochen sollten Hebammenbetreuung und/oder Stillberatung neben der Unterstützung durch die Stillgruppe möglich sein für einen sanften Übergang von der Kinderklinik nach Hause.

Literatur
Benkert, Brigitte: Das besondere Stillbuch für frühgeborene und kranke Babys. Berlin: Urania, 2001
Egli-Barmettler, Franziska u. Frischknecht-Fallander, Kerri: Geborgenheit, Liebe und Muttermilch. Ein Ratgeber für Eltern von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen, rund ums Stillen, Abpumpen und Muttermilch. Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens
Illing, Dr. Stephan u. Spranger, Dr. Stephanie: Klinikleitfaden Pädiatrie. 4. Aufl. Stuttgart u.a.: Gustav Fischer Verlag, 1998
La Leche League International (Hrsg.), Mohrbacher, Nancy u. Stock, Julie: Handbuch für die Stillberatung. München, 2002
Lauwers, J. u. Shinskie, D.: Counselling the Nursing Mother. A Lactation Consultant’s Guide. Third Edition, Jones and Bartlett, 2000
Lawrence, Ruth: Breastfeeding. A guide for the medical profession. 5. Aufl. St. Louis, Missouri: Mosby, Inc., 1999
Medela (Hrsg.): Frühchen stillen (Broschüre)
Springer, Skadi: Sammlung, Aufbewahrung und Umgang mit abgepumpter Muttermilch für das eigene Kind im Krankenhaus und zu Hause. Leipzig: Leipziger Universitäts-Verlag, 1998
Steidinger, Jürgen u. Uthicke, Klaus J.: Frühgeborene. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1989
Verband Europäischer Laktationsberaterinnen (Hrsg.): VELB-Skriptum Frühgeborene 2004/2005
Walker, Marsha (Hrsg.), ILCA: Core Curriculum for lactation consultant practice. Boston u.a.: Jones and Bartlett, 2002
Wilson-Clay B., Hoover K.: The Breastfeeding Atlas. Lact News Press, 2002
Wissenbach, Agnes, Kämmerer, Barbara, Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (Hrsg.): Frühgeborene brauchen Muttermilch. Bonn: Eberwein, 2004


Barbara Kämmerer
Kinderkrankenschwester, IBCLC
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Kongressbericht 18. AFS Stillkongress 2005

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2006, S. 8-10

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