Das Baby verstehen - Wissenswertes für Stillberaterinnen und Eltern

Wenn ein Baby weint, möchten nicht nur Eltern diesen Zustand möglichst schnell beenden. Doch oft ist es gar nicht so einfach herauszufinden, was das Baby hat. Der Kurs „Störung in der Stillbeziehung – Signale des Babys verstehen“ soll helfen, die Zeichen von Babys frühzeitig und richtig zu deuten.

Der wenige Monate alte Elias liegt auf den Oberschenkeln seines Vaters und gluckst vor Freude. Papa macht ein lustiges Geräusch. Elias lacht, Papa macht es wieder. Elias lacht erneut. Hier sieht man zwei, die sich verstehen. Der kurze Videofilm ist Teil der Fortbildung „Störung in der Stillbeziehung – Signale des Babys verstehen“. Die Referentin Susanne Schindler, Diplom-Sozialpädagogin, integrative Paar- und Familientherapeutin, Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin, berichtete beim AFS-Regionaltreffen der Vereinsmitglieder aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im September 2009 über neue Ergebnisse in der Säuglingsforschung.

Die Elternschule ist eine Präventionsidee der Schreisprechstunde an der Universitätsklinik Heidelberg. Sie bereitet werdende Eltern auf ihre neue Rolle vor und kann auch viele Stillprobleme schon im Vorhinein abfangen. Eltern sollen schon während der Schwangerschaft lernen, die Zeichen eines Babys zu deuten und adäquat auf sie zu reagieren. Das Programm kann dadurch helfen, eine stabile Beziehung und eine sichere Bindung zu ihrem Neugeborenen aufzubauen, so dass Missverständnisse, exzessives Schreien, Stillprobleme und daraus folgende seelische Störungen gar nicht erst entstehen.

Die drei Monate alte Sara liegt auf ihrer Spieldecke, vor ihr sitzt ihre Mutter und bimmelt mit einem Spielglöckchen vor Saras Augen. Sara wendet erst den Blick ab, hebt dann wie abwehrend ein Ärmchen, beginnt schneller zu atmen und quengelt. „Was hast Du denn? Guck mal, das Glöckchen“, versucht ihre Mutter die Aufmerksamkeit des Babys auf das Spielzeug zu lenken. Doch Sara geht auf das Spielangebot nicht ein und beginnt schließlich zu weinen – sie wollte Ruhe, aber Mama hat es nicht gleich verstanden.

Babys Zeichen lesen

Babys haben verschiedene Aufmerksamkeitszustände. Während der „aufmerksamen Wachheit“ ist das Kind kontaktbereit. Es hält Blickkontakt, lächelt, gibt positive Laute von sich, zeigt eine „angemessene“ Erregung. Jetzt ist es dazu aufgelegt, mit jemandem zu spielen, zu albern, sich für ein Spielzeug oder die Außenwelt zu interessieren und zu kommunizieren.

Bei „Desinteresse“ hingegen schaut es weg, nimmt den Blick des Partners nicht auf, hat einen neutralen oder eher verdrießlichen Gesichtsausdruck. Es gibt keine Laute von sich. Der Körper ist entweder schlaff oder in einer zu starken Anspannung. Das Baby signalisiert damit: Bitte nicht stören. Es braucht Ruhe, passives Dabeisein oder sogar Schlaf, aber keine weitere Stimulation.

Werden diese Zeichen nicht gesehen, geht es in den nächsten Zustand „Überlastung“. Das Baby versucht mit heftigeren Signalen zu zeigen, dass es jetzt keine weitere Stimulation braucht. Es dreht den Kopf weg, „fuchtelt“ mit den Armen, vollführt auch mit den Beinen heftigere Bewegungen. Es spreizt die Fingerchen ab, hält sich an sich selbst fest oder reibt sich die Augen. Der kleine Brustkorb hebt und senkt sich durch den schnelleren Atem, das Kind beginnt zu quengeln, wenn es jetzt keine Ruhe oder Beruhigung bekommt, wird es schlussendlich zu weinen beginnen.

Nicht alle Eltern können die Zeichen instinktiv lesen und richtig reagieren. Aber man kann es lernen. Das entsprechende Kurskonzept einschließlich Lehrmaterialien wurde von der Abteilung „Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie“ des Universitätsklinikums Heidelberg mit Unterstützung der in Bensheim ansässigen Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie entwickelt.

Die Kursunterlagen bestehen aus einem theoretischen Grundlagenbuch, einem Anleitungsheft mit konkreten Handlungsvorgaben und einer DVD mit zahlreichen Videosequenzen von Eltern-Kind-Interaktionen, mit denen die Beschreibungen anschaulich werden. Auch für Stillberaterinnen ist hier spannendes Material dabei.

Wichtig: Immer reagieren

Zwei wichtige Botschaften des Kurses hebt Schindler hervor: „Eltern sollten immer authentisch emotional sein“, also auf keinen Fall Babys „bespaßen“ und so tun, als hätte man gute Laune, obwohl man eigentlich traurig oder müde ist. „Babys spüren das und sind dann eher verwirrt, wenn der Ausdruck nicht zum Gefühl passt“, so Schindler.
Schon im Bauch bekommt das Baby alle Emotionen seiner Mutter mit und ist direkt nach der Geburt in der Lage mit allen Sinnen seine Umwelt wahrzunehmen, andere zu imitieren und vor allem zu zeigen, wie es ihm geht und was es jetzt braucht. „Und daher kann es auch unauthentische Eltern wahrnehmen und darüber irritiert sein“, erklärt Schindler.

Mit dem Ammenmärchen von der „starken Lunge durch Schreien“ räumt sie ebenfalls schnell auf: „Es ist wissenschaftlich erprüft und erwiesen, dass man Babys niemals schreien lassen darf“, betont sie, „ein weinendes Baby muss immer beachtet und der Grund für sein Weinen erforscht werden.“ Im Idealfall erkennen die Eltern schon vorher, dass das Baby z. B. die Brust sucht oder sich abwendet und Ruhe braucht, so dass es gar nicht zu häufigen und langen Schrei-Episoden kommt.

Nicole D. Schmidt
AFS-Stillberaterin

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2010, S. 22-23

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