5. Schritt 9: Brust oder Flasche - Wo sind die Unterschiede?

Das Stillen, also das direkte Saugen des Babys an der Brust, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom Saugen an der Flasche. Einige Beispiele:

Saugmechanik

Für das Saugen an der Flasche braucht das Baby eine andere Technik als für das Saugen an der Brust, so dass Flaschenfütterung vor allem in der Anfangszeit zu anschließenden Stillproblemen führen kann - Stichwort „Saugverwirrung“ (Erläuterungen s. (4)).

Saugen-Schlucken-Atmen

Beim Trinken muss der Säugling Saugen, Schlucken und Atmen koordinieren. Frühgeborenen gelingt dies an der Flasche erst später als an der Brust. Das erkennt man z.B. daran, dass bei ihnen die Körpertemperatur und die Sauerstoffversorgung des Blutes beim Trinken an der Flasche absinken, aber beim Stillen hoch bleiben. Das Trinken an der Flasche scheint für sie belastender zu sein als das Stillen (1).

Saugmuster

Beim Stillen macht der Säugling zunächst schnelle, flache Saugbewegungen, bis der Milchspendereflex einsetzt; dann wechselt er zu langsamen kräftigen Bewegungen. Die Arbeitsgruppe von Mizuno (3) hat die Dauer der jeweiligen Saugbewegungen und den im Mund des Babys erzeugten Unterdruck sowohl an der Brust als auch an der Flasche gemessen. Um auch bei der Flasche eine Phase „vor dem Milchspendereflex“ zu simulieren, wurden Sauger mit einem speziellen Ventil verwendet, das erst nach einer Weile Milch freigibt.

Die Säuglinge in dieser Untersuchung wurden sowohl gestillt als auch mit der Flasche ernährt, sodass die Daten von denselben Kinder in beiden Situationen erhoben werden konnten. Dabei zeigten sich gegensätzliche Saugmuster: Beim Stillen sank der Unterdruck im Mund des Kindes beim Übergang vom flachen schnellen Saugen ohne Milchaufnahme zum Nahrungssaugen – an der Flasche war es umgekehrt, dort stieg der Unterdruck an. Beim Nahrungssaugen machten die Säuglinge an der Flasche signifikant langsamere Saugbewegungen als an der Brust. Auch diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Saugen an der Flasche anders gesteuert wird als das Stillen.

Sättigung wahrnehmen

Nichtgestillte Säuglinge haben ein erhöhtes Risiko, später übergewichtig zu werden. Dabei spielen vermutlich mehrere Faktoren eine Rolle. In einer mit Fragebögen durchgeführten Studie (2) wurde der Frage nachgegangen, ob dies damit zusammenhängen könne, dass Kinder bei Flaschenfütterung nicht so gut steuern können, wieviel Nahrung sie aufnehmen, wie beim Stillen.

Geprüft wurde auch der Einfluss des Flascheninhaltes (Muttermilch vs. künstliche Säuglingsnahrung). Zunächst wurde festgehalten, wie die Kinder im ersten Lebenshalbjahr ernährt wurden: Wieviel sie gestillt wurden, wie oft sie eine Flasche erhielten, was in der Flasche drin war. Im zweiten Lebenshalbjahr wurde notiert, wie oft ein Kind eine ihm angebotene Flasche oder einen Becher vollständig geleert hat; dies nahmen die Wissenschaftlicher als Indiz dafür, wie gut ein Kind seine Nahrungsaufnahme steuert – ob es aufhört, wenn es satt ist, oder ob es weitermacht, bis der Becher leer ist.

Die Daten von 1250 Kindern konnten ausgewertet werden. Die Ergebnisse zeigten eine Dosisabhängigkeit: Von den Kindern, die im ersten Halbjahr ausschließlich gestillt worden waren, leerten 27% ihre Becher oder Flasche; von den teils gestillten, teils mit der Flasche gefütterten Kindern waren es 54%; und von den ausschließlich Flasche gefütterten Kindern leerten 68% regelmäßig ihnen angebotene Flaschen oder Becher. Diese Dosisabhängigkeit zeigte sich sowohl dann, wenn Muttermilch in der Flasche war, als auch, wenn künstliche Säuglingsnahrung enthalten war. Die Flaschenfütterung als solche scheint die Fähigkeit der Säuglinge zu beeinträchtigen, ihre Nahrungsaufnahme zu steuern.

Quellen

  1. Chen C-H, Wang T-M, Chang H-M, Chi C-S.: "The Effect of Breast- and Bottle-Feeding on Oxygen Saturation and Body Termperature in Preterm Infants." J Hum Lact 2000;16:21-27
  2. Li R, Fein S, Grummer-Strawn L.: "Do Infants Fed From Bottles Lack Self-regulation of Milk Intake Compared With Directly Breastfed Infants?" Pediatrics 2010;125:e1386-e1393
  3. Mizuno K, Ueda A.: "Changes in Sucking Performance from Nonnutritive Sucking to Nutritive Sucking during Breast- and Bottle-Feeding." Ped Research 2006; 59(5):728-731
  4. Reich-Schottky U, Rouw E. Stillen und Stillprobleme. Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS), Bonn 2010

Utta Reich-Schottky
Medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 11

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