Die Anthropologische Perspektive

Vortrag von Katherine Dettwyler (USA), beim AFS-Stillkongress 2010, zusammengefasst von Antje Kräuter

Anthropologie ist die „Lehre vom Menschen“. Je nach Ausgangspunkt untersucht sie den Menschen entweder als biologisches Wesen oder als Sozial- und Kulturwesen. Die biologische Perspektive umfasst die Evolution des Menschen und den Vergleich im Reich der Biologie mit den entwicklungsgeschichtlich nahestehenden Tieren, z. B. mit den großen Menschenaffen.

Biologische Einordnung des Menschen

Biologisch ist der Mensch ein Säugetier: Er ernährt seine Nachkommen mit Milch aus besonderen Milchdrüsen. Besonders eng ist er mit den großen Menschenaffen verwandt, den Orang-Utans und den Gorillas, am engsten mit den Schimpansen und den Bonobos. Die Menschenaffen sind uns körperlich ähnlich, mit einem Gesicht mit nach vorne gerichteten Augen und mit Greifhänden. Sie haben wie wir eine lange Tragzeit, eine lange Jugendentwicklung und eine lange Lebensdauer. Sie haben ebenfalls ein im Vergleich zur Körpergröße großes Gehirn, viel angelerntes Verhalten und eine komplexe soziale Ordnung. Sie haben komplexe Fähigkeiten und eine komplexe Kommunikation. Und sie gebrauchen Werkzeuge, indem sie mit Speeren jagen, in Höhlen leben, Nüsse mit Steinen aufschlagen können und Furcht vor Gewitter und Wasserfällen zeigen. Sie besitzen bereits eine einfache Kultur.

Von den großen Menschenaffen unterscheidet sich der Mensch nur graduell. Wir leben vor allem in noch komplexeren und größeren Gruppen und haben die höchste Lebenserwartung. Bei uns hat gelerntes Verhalten die größte Bedeutung, wir haben die komplexeste und komplizierteste Sprache, die ausgefeiltesten Technologien und die ausgefeiltesten Ausdrucksweisen von Ehrfurcht.

Die Anthropologie sieht die grundlegenden Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Kleinkinder vor dem Hintergrund der Evolution, also der Entwicklung und Anpassung über lange Zeiträume. Dabei waren und sind unterschiedliche Umweltbedingungen und auch soziale Bedingungen wirksam. Über lange Zeit lebte der Mensch in kleinen, umherziehenden Gruppen, die sich durch Jagen und Sammeln ernährten. Merkmale, die ihnen unter diesen Umständen Vorteile brachten, verfestigten sich.

Die Rolle der Kultur

Kultur ist vom Menschen geschaffen. Die damit verbundenen Überzeugungen und Praktiken haben zu den verschiedensten kulturellen Stilen und Schemata geführt, die den Lebensstil formen. Kulturen entwickeln sich sehr viel schneller als sich die biologischen Gegebenheiten im Laufe der Evolution verändern. Moderne kulturelle Praktiken widersprechen oft dem, was unsere Säuglinge und Kleinkinder an Fähigkeiten und Erwartungen in Millionen Jahren erworben haben. Dies kann zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern führen.

Stillen und Entwöhnen

Milchzusammensetzung und Lebensweise

Nach einer Hypothese von D. Blackburn haben die heutigen Milchdrüsen in der frühen Entwicklung der Säugetiere zunächst ein antibakteriell wirksames Sekret abgegeben, das die Eier schützte. Später haben die Jungtiere das Sekret aufgenommen, und zum Infektionsschutz kamen dann die Ernährung und die Versorgung mit Wachstumsfaktoren dazu, besonders für das Wachstum des Gehirns. Stillen beeinflusst auch den Zustand des Babys, seinen Atem, seinen Herzschlag und seinen Blutdruck. Es bedeutet gefühlsmäßigen Trost und schafft ein Wohlgefühl, was der deutsche Begriff besonders gut spiegelt: still(mach)en, Bedürfnisse stillen.

Im Laufe der Evolution haben sich die Säugetierarten in verschiedene Richtungen entwickelt. Die Zusammensetzung der Milch und die Art und Weise des Stillens entsprechen dem jeweiligen Bedarf. Man kann die Säugetiere grob in zwei Gruppen einteilen.

A. Nesthocker: Die Jungtiere bleiben allein in der Höhle oder im Nest. Wenn die Mutter weg ist, rufen sie nicht und sie urinieren wenig und koten nicht. Die Mutter kommt in größeren Abständen zum Säugen. Die Milch muss schnell sättigen. Die Milch dieser Säugetiere hat einen hohen Gehalt an Eiweiß und Fett.

B. Nestflüchter und Traglinge. Die Jungtiere stehen nach kurzer Zeit auf und folgen der Mutter nach (z.B. Pferde) oder sie werden von der Mutter getragen. Diese Babys rufen, wenn sie von der Mutter getrennt sind. Sie werden häufig gestillt und saugen langsam. Die Milch dieser Säugetiere enthält wenig Eiweiß und Fett. Zu dieser Gruppe gehören auch die Menschen. Die menschliche Milch enthält dementsprechend wenig Eiweiß und Fett und ist an relativ kontinuierliche Abgabe angepasst. Wo es kulturell erlaubt ist, nach Wunsch des Babys zu stillen, kann dies alle paar Minuten mehrmals in einer Stunde vorkommen. Es ist auch normal, mehrmals in der Nacht zu stillen.

Biologisches Abstillalter

Anhaltspunkte für das biologische Abstillalter beim Menschen liefert der Vergleich mit anderen Säugetieren, insbesondere den Menschenaffen. Für die Berechnung kann man verschiedene Lebensdaten zum Abstillalter in Bezug setzen. Wenn man die Schwangerschaftsdauer vergleicht, ergäbe das beim Menschen eine Stillzeit von 4,5 Jahren. Wird abgestillt, wenn sich das Geburtsgewicht vervierfacht hat, wären das durchschnittlich 2,5 bis 3 Jahre. Ein Drittel des Gewichts des Erwachsenen wird beim Menschen nach 6 bis 7 Jahren erreicht. Die meisten Primaten stillen ihren Nachwuchs bis zum Verlust der Milchzähne und dem Auftauchen der ersten bleibenden Backenzähne; beim Menschen fallen im Durchschnitt mit 6 ½ Jahren die Milchzähne aus. Auch das Immunsystem reift mit 6 bis 7 Jahren aus.

Daraus folgt, dass 2,5 bis 7 Jahre Stillen natürlich sind. In vielen Kulturen wird 2 bis 4 Jahre oder länger gestillt. Die WHO empfiehlt, sechs Monate ausschließlich zu stillen und danach neben geeigneter Beikost weiter zu stillen bis zum Alter von 2 Jahren und darüber hinaus.

Tragen des Kindes

Menschenkinder sind keine Nesthocker, sind nicht daran angepasst, stundenlang allein zu bleiben. Sie sind auch keine Nestflüchter, sie laufen nicht, kaum geboren, der Mutter aus eigener Kraft hinterher. Wie die anderen großen Primaten sind sie Traglinge. Die höheren Primaten tragen ihre Jungen zuerst vorn, nach und nach mehr hinten. Kleine Affenkinder können sich am Bauch der Mutter im Fell festhalten, sogar noch wenn sie schon laufen können.

Die Menschen haben kein Fell zum Festhalten, benötigen aber ihre Arme nicht mehr zur Fortbewegung und können ihre Kinder halten und mit vielen Methoden und Tragehilfen über weite Entfernungen tragen. Das Baby beruhigt sich beim Hin- und Hergehen, was bei der Konstruktion von Wiegen nachgeahmt wurde. In der Wiege fehlen allerdings die vertrauten Berührungen, Gerüche und Laute, die körperliche Nähe und die Liebkosungen. Das aufrechte Halten und Tragen ist außerdem günstig für die Verdauung und zur Vorbeugung des Refluxes.

Die Kleinen haben noch eine gebeugte Stellung der Beine, der Rücken ist noch leicht gerundet, die Beine sind angezogen - die ideale Position für das Tragen auf der Hüfte. In den meisten menschlichen Kulturen greift man zu Hilfsmitteln, so dass die Babys besser auf der Hüfte reiten können oder Halt am Bauch oder auf dem Rücken finden. Wenn der Rücken das Gewicht aufnimmt, hat die Mutter beide Arme und Hände frei. In vielen Gesellschaften werden die Kleinen auch von anderen Personen getragen, auch von älteren Geschwistern.

Krabbeln scheint kein notwendiger Entwicklungsschritt zu sein. Babys konnten sich in evolutionären Zeiträumen nicht am Boden aufhalten, bis sie Laufen konnten, weil das zu gefährlich war. Manche Kulturen lassen auch heute ihre Kinder erst auf den Boden, wenn sie laufen können.

Über lange Zeiten konnten Mütter ihre Arbeit mit der Kinderbetreuung kombinieren, sie hatten die Kinder bei sich. Die heutige Zivilisation trennt Familie und Arbeit und verringert auch die körperliche Nähe zum Säugling - Kinderwagen, Autositze, Babywippen usw. statt tragen. Aus anthropologischer Sicht brauchen Babys jedoch ständigen Hautkontakt zu einem anderen Menschen.

Schreien und Schlafen

Schreien

Schreien ist ein Signal: das Baby braucht etwas, braucht die Aufmerksamkeit der Mutter. Wird dieses Signal nicht beantwortet, schreit es noch lauter, länger und schriller. Das Schreien ist von physiologischer Anspannung begleitet, schnellem Herzschlag, Anstieg des Stresshormons Kortisol, Absinken des Sauerstoffgehalts im Blut.

Mütter werden durch das Schreien zu Recht irritiert. Der Sinn des Schreiens besteht gerade darin, die Erwachsenen zu aktivieren, um Zuwendung von ihnen zu bekommen. Um das Schreien zu stillen, ist körperlicher Kontakt notwendig. Man hat festgestellt, dass Babys bei vertrauten Personen anders weinen als bei Fremden - als ob sie bei letzteren Gefahr vermuten.

In der typisch westlichen Kultur scheint es normal zu sein, dass Babys 30 bis 40 Minuten schreien, meist nachmittags oder abends. Es sehe zwar aus, als ob etwas weh täte, aber tue es nicht, so dass den Eltern empfohlen wird, sich daran zu gewöhnen, es würde schon vergehen. In traditionellen Kulturen sind das Weinen am Nachmittag und sogenannte Koliken wenig oder unbekannt. Die Betreuer reagieren sofort und folgen ihren Instinkten.

Schlafen

Alle Säugetiere schlafen mit ihren Jungen: Nilpferde, Hunde, Faultiere, Gorillas, Orang-Utans, Meerkatzen, .... Auch in den meisten Kulturen des heutigen Menschen schlafen die Mütter mit ihren Kindern zusammen!

Es laufen große Kampagnen gegen das gemeinsame Schlafen, wegen eines möglichen Todes des Kindes. Andererseits wurden viele Kinderbetten wegen Unfällen mit Todesfolgen in den USA vom Markt genommen, weil Babys sich irgendwo einklemmten, erstickten oder herausfielen. In den Jahren 2004 bis 2009 wurden ca. 5 Millionen Kinderbetten in den USA wegen Konstruktionsfehlern zurückgerufen.

Wenn Erwachsene mit kleinen Kindern zusammen schlafen, sollte dies nicht auf einem Sofa geschehen, sondern die Schlafumgebung muss sicher sein (s. AFS-Faltblatt „Stillen und Schlafen“ und das ausführliche Infoblatt „Sicheres Schlafen und Stillen“). Forschungen zeigten, dass Kinder, die routinemäßig mit den Eltern zusammen geschlafen hatten, im Kindergartenalter größere Selbständigkeit zeigten und sozial unabhängiger wurden (Schön und Silvren, 2007). Die größte Bedeutung hat das Zusammenschlafen für das erfolgreiche Stillen, das dadurch jederzeit problemlos möglich ist.

Zusammenfassung

Es entspricht der menschlichen Natur, Kinder mehrere Jahre lang zu stillen, auch nachts.

Menschenkinder sollten getragen und nicht im Nest zurückgelassen werden.

Eltern und Kinder sollten zusammen schlafen, unter sicheren Bedingungen, möglichst so lange wie das Kind gestillt wird oder länger.

Literatur

Walter-Lipow U: Der Mensch als Säugetier oder das biologisch sinnvolle Abstillalter. Stillzeit 2/2005

Stuart-Macadam P, Dettwyler K: Breastfeeding - Biocultural Perspectives. Aldine de Gruyter, New York 1995 

Antje Kräuter
AFS-Stillberaterin

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 4/2010

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