To sleep or not to sleep
Familienbettforschung in Großbritannien

Über die Vor- und Nachteile des gemeinsamen Schlafens von Eltern und Säugling ist schon viel geschrieben worden, jedoch gibt es kaum Studien darüber, warum Eltern mit ihren Babys zusammen schlafen.
Daher verwendeten Forscher der Universität Durham in Großbritannien eine Kombination von Schlafprotokollen und Gesprächen, um die nächtliche Kinderbetreuung in 253 per Zufall ausgesuchten Familien mit Neugeborenen im Nordosten Englands zu untersuchen. Die Eltern füllten im ersten und dritten Lebensmonat jeweils über einen Zeitraum von einer Woche Schlafprotokolle ihrer Babys aus und wurden am Ende beider Monate befragt.

In der Studie wird vom Familienbett gesprochen, wenn das Baby mindestens einen Teil einer Nacht oder auch mehrere Nächte innerhalb des Protokollzeitraums gemeinsam mit einem Elternteil oder beiden Eltern in einem Erwachsenenbett schlief. Folgende Unterkategorien des Familienbetts wurden definiert:

  • regelmäßiges Familienbett
    (das Baby schlief stets die ganze Nacht im Elternbett),
  •  teilweises Familienbett
    (das Baby schlief an verschiedenen Orten, jedoch mindestens zwei Nächte pro Woche wenigstens teilweise im Elternbett),
  • gelegentliches Familienbett
    (das Baby schlief einmal die Woche oder seltener im Elternbett).

Als Familien ohne Familienbett galten die, in denen die Säuglinge nie gemeinsam mit den Eltern in einem Erwachsenenbett schliefen.

Wir stellten fest, dass viele der an der Studie beteiligten Eltern und Kinder regelmäßig gemeinsam schliefen. Mehr als die Hälfte der Babys (54 %) schliefen mindestens während einer Protokoll-Nacht im ersten oder dritten Monat oder beiden Monaten im Elternbett. In den Gesprächen berichteten 70 % der Eltern, sie hätten bis zum Ende des vierten Lebensmonats mindestens einmal mit ihrem Baby gemeinsam in einem Bett geschlafen.

Die Eltern teilten ihr Bett aus verschiedenen Gründen mit ihrem Baby, u.a. Familienbettideologie (die Ansicht, dass Kinder immer, wenn sie wollen, bei ihren Eltern schlafen sollten), die Freude am engen Kontakt zum Kind, Notwendigkeit aufgrund von Platzmangel sowie Sorge hinsichtlich der Gesundheit und Sicherheit des Babys.
Bei den Familien in unserer Studie, bei denen das Stillen keine Rolle bei der Entscheidung für das (gelegentliche) Familienbett spielte, wurde als Hauptgrund (55 %) für das gemeinsame Schlafen das Beruhigen eines Babys mit Schlafschwierigkeiten angeführt. In diesen Fällen teilten die Eltern gelegentlich ihr Bett mit dem Baby, wenn dies nach dem Hinlegen im Kinderbett so lange weinte, bis die Eltern es schließlich in ihr Bett nahmen, damit sie selbst schlafen konnten.

Am häufigsten gaben die Eltern jedoch an, dass sie deswegen mit ihrem Baby in einem Bett schliefen, weil sich dadurch das nächtliche Stillen viel einfacher und praktischer gestalte. Stillen und das Familienbett hängen eng miteinander zusammen, was durch zahlreiche Studien belegt ist. In unserer Studie teilten 65 % der Mütter, die je gestillt hatten, zumindest gelegentlich ihr Bett mit ihrem Baby, während dies nur 33 % der Mütter taten, die nie gestillt hatten. Bei Babys, die mindestens einen Monat lang gestillt wurden, war der Zusammenhang zwischen Stillen und Familienbett noch deutlicher: 72 % der betreffenden Eltern und Kinder schliefen im gemeinsamen Bett, verglichen mit 38 % bei den anderen Familien.

An der Studie beteiligte Mütter, die nicht darauf vorbereitet waren, dass Stillkinder nachts in der Regel häufiger als Flaschenkinder aufwachen, um zu trinken, gaben als Gründe an, weshalb sie das Stillen schon in den ersten Lebenswochen aufgegeben hätten: „das Baby will nachts zu oft gestillt werden” und „die Mutter braucht mehr Schlaf”. Doch die Mütter, die weiter stillten, und ganz besonders diejenigen, die schon bei älteren Geschwisterkindern Erfahrung gesammelt hatten, setzten das Familienbett ein, um häufiges nächtliches Stillen zu erleichtern; viele sagten, dass sie dank des Familienbetts kaum aufzuwachen bräuchten, um das Baby anzulegen.
Die Mehrzahl der gestillten Kinder, die im Elternbett schliefen, verbrachten nicht die ganze Nacht dort; meist wurde das Kind abends allein in ein Kinderbett oder eine Wiege gelegt und beim ersten Stillen ins Elternbett geholt, wo es für den Rest der Nacht blieb.

Es wurde berichtet, dass etliche Hebammen frischgebackenen Müttern, vor allem solchen, die per Kaiserschnitt entbunden hatten, gezeigt hatten, wie sie ihre Kinder in den Tagen nach der Geburt im Krankenhaus im Liegen stillen konnten. Etwa ein Drittel der Mütter, die je gestillt hatten, erzählten, dass sie im Krankenhaus mit ihrem Kind in einem Bett geschlafen hätten.

Wenn auch zumindest in einer Veröffentlichung vor der Möglichkeit des versehentlichen Erstickens beim gemeinsamen Schlafen von Eltern und gestilltem Kind gewarnt wird, so teilen stillende Mütter doch in der Regel ihr Bett mit ihrem Kind, um die Schlafunterbrechung durch das nächtliche Stillen abzumildern – eine Tatsache, der in dem Grundsatzpapier zum Familienbett der American Academy of Pediatrics Rechnung getragen wird.

Da die Anzahl der stillenden Mütter sowohl in Großbritannien als auch in den USA vom Zeitpunkt der Geburt bis zum sechsten Lebensmonat erheblich absinkt, liegt die Annahme nahe, dass mehr Neugeborene als ältere Säuglinge im Familienbett schlafen. Tatsächlich schliefen 47 % der an der Studie beteiligten Babys während des ersten Lebensmonats im Elternbett, dagegen nur noch 29 % im dritten Lebensmonat.
Den Zusammenhang zwischen dem Alter und dem Schlafplatz der Säuglinge bestätigt auch eine australische Studie, bei der festgestellt wurde, dass viel mehr junge (zwei bis zwölf Wochen alt) als ältere Säuglinge (13 bis 24 Wochen alt) im Familienbett schliefen.

Ungefähr 25 % der Flaschenkinder schliefen gemeinsam mit ihren Eltern in einem Bett. Rund die Hälfte dieser Familien tat dies regelmäßig – aus ideologischen Gründen, aufgrund von Platzmangel oder weil es ihnen Freude machte; in den übrigen Familien wurden die Babys nur selten und aus besonderem Anlass (z.B. Krankheit oder Unzufriedenheit des Babys oder zeitweiliger Platzmangel, etwa auf Reisen) ins Elternbett genommen.

Bei Familien, in denen das Baby nur unregelmäßig oder gelegentlich im Elternbett schläft, sind die Sicherheitserwägungen und potentiellen Risikofaktoren möglicherweise ganz andere als bei denen, die regelmäßig ihr Bett mit dem Baby teilen und es dort auch stillen.
In einigen Studien, bei denen die Familien per Videokamera beobachtet wurden, sind Unterschiede zwischen Müttern und Kindern, die normalerweise zusammen schlafen, und solchen, die dies nur gelegentlich tun, aufgefallen. In einer Studie reagierten Familienbett-Mütter schneller auf Signale ihrer Kinder als Mütter, die ihr Bett normalerweise nicht mit ihrem Baby teilten. Bei anderen Studien wurde festgestellt, dass nichtstillende Mütter sowie solche, die nur ab und zu mit ihrem Kind in einem Bett schliefen, ihrem Kind im Schlaf den Rücken zuwandten – im Gegensatz zu den stillenden und regelmäßig mit ihrem Kind schlafenden Müttern, die im übrigen auch näher bei ihrem Kind lagen.

In einer weiteren Studie filmten wir regelmäßig im Familienbett schlafende Eltern und Säuglinge, die gemeinsam zu Hause schliefen, und verglichen das Familienbett-Verhalten von zehn stillenden und flaschegebenden Müttern und ihren Kindern. Stillende Mütter schliefen auf eine charakteristische Weise, die von mehreren Forschern unabhängig voneinander beschrieben worden ist, zusammen mit ihren Kindern:

Die Mutter nimmt spontan eine bestimmte seitliche Lage ein, zum Baby gewandt, die Knie unter die Füße des Babys hochgezogen, den Oberarm über den Kopf des Babys gelegt. Diese Lage macht die Brüste der Mutter für das Baby leicht zugänglich, und Babys orientieren sich für den Großteil der Nacht zu den Brüsten ihrer Mutter hin. Außerdem bietet diese Lage einige Vorteile in puncto Sicherheit:

  • das Baby liegt flach auf der Matratze und nicht zu dicht an den Kopfkissen,
  • die Knie und der Arm der Mutter bilden eine Barriere für das Baby, so dass es im Bett nicht nach unten oder oben rutschen kann,
  • die Mutter überwacht, wie hoch die Decke über den Körper des Babys gezogen ist,
  • Vater oder Mutter können sich kaum versehentlich auf das Baby legen, da der Ellbogen und die Knie der Mutter im Weg sind,
  • die Mutter ist nah genug, um die Körpertemperatur und Atmung des Babys ständig überwachen zu können.

Familien, die mit ihren Kindern gemeinsam schliefen, jedoch nicht stillten, schliefen anders, vor allem hinsichtlich der körperlichen Orientierung zum Baby. Mütter, die nie gestillt hatten, schmiegten sich zum Schlafen nicht um ihr Kind und schufen somit nicht durch ihren Körper einen begrenzten Raum im Bett für das Baby. Statt dessen legten sie es in Kopfhöhe in ihr Bett, entweder zwischen oder auf die Kopfkissen der Eltern. Diese Mütter lagen auch während einer viel kürzeren Zeit ihren Kindern zugewandt, und auch wenn die Babys den größten Teil der Nacht ihren Müttern zugewandt schliefen, waren Mutter und Kind aufgrund der Schlaflage der Mutter weniger lange einander zugewandt. Die Mütter, die nicht stillten, schliefen mit ihren Kindern anscheinend so, als schliefen sie mit einem anderen Erwachsenen im Bett (Köpfe auf derselben Höhe, keine schützende Schlafhaltung, weniger beständige Orientierung zum Baby hin).

Wie zu erwarten war, unterschied sich die Häufigkeit und Dauer der nächtlichen Mahlzeiten erheblich zwischen Stillkindern und Flaschenkindern im Familienbett: Flaschenkinder wurden im Durchschnitt einmal pro Nacht gefüttert, während Stillkinder mindestens zweimal, manchmal auch viermal und öfter pro Nacht tranken. Mit der Häufigkeit der Nachtmahlzeiten hängen auch Häufigkeit und Gleichzeitigkeit des Aufwachens von Mutter und Kind zusammen. Stillende Mütter und ihre Kinder wachten in der Nacht deutlich häufiger und gleichzeitiger auf als flaschegebende Mütter und ihre Kinder.

Der häufigste Platz im Bett war bei allen Babys die Mitte, zwischen den Eltern. Stillkinder schliefen manchmal auch einen Teil der Nacht auf der Außenseite der Mutter, während Flaschenkinder ihren Platz im Bett die ganze Nacht beibehielten. Der wechselnde Schlafplatz der Stillkinder erklärt sich dadurch, dass manche Mütter ihr Baby mal links und mal rechts von sich hinlegten, um das Stillen an der jeweiligen Brust zu erleichtern. Allerdings war auch deutlich, dass manche Mütter an beiden Brüsten stillen konnten, ohne ihre Lage zu verändern.

Der andere wesentliche Unterschied, der beobachtet wurde, betrifft die Schlaflage des Babys. Flaschenkinder schliefen überwiegend auf dem Rücken, während alle Stillkinder bis auf eines den größten Teil der Nacht in Seitenlage verbrachten, wahrscheinlich deshalb, weil diese Lage das Stillen erleichtert. Wegen des erhöhten Risikos, in der Bauchlage am Plötzlichen Kindstod zu sterben, wird die Rückenlage heute in allen westlichen Ländern als Schlaflage für Babys empfohlen.
Die Seitenlage wurde zwar bis vor kurzem in den USA empfohlen, jedoch wird in Großbritannien schon seit fast zehn Jahren davon abgeraten, da mehrere Studien zum Plötzlichen Kindstod darauf schließen lassen, dass die Seitenlage ein größeres SIDS-Risiko mit sich bringt als die Rückenlage.

Die Sache wird dadurch noch komplizierter, dass epidemiologische Studien zur Schlaflage den Aspekt des Familienbetts nicht einbezogen haben. Mehrere Forscher haben festgestellt, dass Säuglinge, die alleine in Seitenlage schlafen, auf den Bauch rollen können, was das Risiko des Plötzlichen Kindstods erhöht. Doch ein Kind, das neben seiner Mutter in Seitenlage schläft, kann nicht auf den Bauch rollen. Gegenwärtig ist noch nicht bekannt, ob die Seitenlage auch in diesem Fall mit einem erhöhten SIDS-Risiko verbunden ist. Der Zusammenhang zwischen der Schlaflage von gestillten Babys, die im Familienbett schlafen, und dem Plötzlichen Kindstod muss noch weiter erforscht werden.

Die Anwesenheit des Vaters im Bett schien kaum Auswirkungen auf die im Elternbett schlafenden Säuglinge zu haben. Die überwiegende Mehrheit der Väter sowohl von Still- als auch von Flaschenkindern lag während des Großteils der Nacht von ihren Babys abgewandt, und ihre Anwesenheit änderte nichts an der Nähe oder Orientierung des Mutter-Kind-Paars. Wir stellten keine großen individuellen Unterschiede hinsichtlich des väterlichen Aufgewecktwerdens durch den Säugling in der Nacht fest.

Es ist offensichtlich, dass das gemeinsame Schlafen von Eltern und Säugling nicht überall gleich abläuft, sondern eine große Bandbreite aufweist. Viele britische Eltern teilen ihr Bett regelmäßig mit ihrem Baby - aus einer Reihe von Gründen, u.a. aus Bequemlichkeit, Überzeugung, Notwendigkeit, Sorge oder weil sie es einfach genießen. Der Hauptgrund ist die Erleichterung des nächtlichen Stillens.
Selbst in einer ethnisch homogenen Population sollte man nicht davon ausgehen, dass alle Eltern, die mit ihrem Baby in einem Bett schlafen, dies auf die gleiche Weise oder aus ähnlichen Gründen heraus tun. Wenn beurteilt werden soll, inwieweit das Schlafen im Familienbett sicher ist, müssen die Umstände und Motive in Betracht gezogen werden, und beim Formulieren von Ratschlägen für Eltern müssen die Gründe, warum Eltern ihr Bett mit ihrem Baby teilen, berücksichtigt werden.


Helen L. Ball lehrt Anthropologie und leitet das Eltern-Baby-Schlaflabor an der Universität Durham, England. Seit 1995 untersucht sie Schlafkonstellationen von Eltern und ihren Babys. Momentan arbeiten sie und ihr Forschungsteam an zwei Projekten: dem gemeinsamen Schlafen von Zwillingen im Säuglingsalter und dem gemeinsamen Schlafen von Mutter und Kind auf der Wöchnerinnenstation.

 

Helen L. Ball
Original: Bedsharing Research in Britain
http://www.mothering.com/9-0-0/html/9-4-0/bedsharing-britian.shtml

Übersetzung: Cordula Kolarik

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 6/2002, S. 16-19

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