Kriterien für eine passende Brusthaube:

 

  1. Sorgen Sie dafür, dass die Brustwarze mittig im Tunnel der Brusthaube sitzt.
  2. Dann beginnen Sie zu pumpen und überprüfen dabei folgende Punkte: 

  • Kann sich Ihre Brustwarze frei im Tunnel bewegen?
  • Wird wenig bis gar kein Gewebe des Brustwarzenhofs in den Tunnel der Brusthaube gezogen? 
  • Können Sie bei jedem Pumpzyklus sanfte, rhythmische Bewegungen der Brust beobachten?
  • Spüren Sie eine komplette Entleerung der Brust?
  • Haben Sie keine Schmerzen an der Brustwarze?

 Wenn Sie eine dieser Fragen mit Nein beantworten, dann wählen Sie bitte eine andere Brusthaubengrösse.

Die besondere Bedeutung des Stillens bei Frauen mit Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes

„Diabetes mellitus“ oder auch im Volksmund „Zuckerkrankheit“ genannt ist eine Erkrankung des Zucker-Stoffwechsels, die – insbesondere unbehandelt - zu Veränderungen an den Blutgefäßen führt und dadurch schwere Folgeerkrankungen nach sich zieht (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall). Die häufigste Form dieser Erkrankung ist der erworbene Diabetes mellitus Typ 2. Sein Auftreten gilt es durch vorbeugende Maßnahmen zu verhindern oder hinauszuzögern.

Auf Grund verbesserter Behandlungsmethoden und verbesserter Schwangerenvorsorge können heute auch Diabetikerinnen schwanger werden. Auch bei vorher scheinbar gesunden Frauen kann in der Schwangerschaft ein sogenannter Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) auftreten.

Frauen, die das betrifft, werden als „Risikoschwangere“ bezeichnet und in der gesamten Schwangerschaft besonders intensiv betreut, in erster Linie, um mögliche negative Auswirkungen auf den Schwangerschaftsverlauf und auf das heranwachsende Kind zu vermeiden, aber auch um in der Folge das Auftreten eines manifesten Diabetes der Mutter zu verhindern.

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Baby-Led Weaning – feste Nahrung ab Beikostreife
von Alexandra Waldschmidt

Baby-Led Weaning (BLW) ist ein alternativer Weg der Beikosteinführung, der Beikost nicht als „Ersatzkost“ verststeht sondern ohne (Zeit-)Druck und Zwang dem Säugling Raum für die eigenständige Erkundung der Nahrung sowie selbstständiges Essenlernen gibt. Wörtlich übersetzt steht es für „(vom) Säugling geführtes Abstillen“ oder „Entwöhnen“. Es ist eine alte Methode, die in einen neuen Trend kommt. Gill Rapley hat für den englischen Sprachraum ein umfassendes Werk veröffentlicht, das von BLW-Eltern als „BLW-Buch“ bezeichnet wird[1]. Sie hat darin einige Grundsätze („Regeln“) ausgearbeitet, die den Einstieg ins und den Umgang mit BLW erleichtern. Gleichzeitig informiert sie über beachtenswerte (Sicherheit-)Maßnahmen und bestärkt die Eltern darin diesen Weg auszuprobieren um sich selbst zu entlasten und ihr Kind seine Kompetenzen voll entfalten zu lassen.

Nach Bedarf gestillte Kinder* bestimmen eigenständig über ihre Mahlzeiten: die Häufigkeit, die Trinkgeschwindigkeit, die Menge. Mit der klassischen Einführung von Beikost wird plötzlich fremdbestimmt was und wie viel gegessen werden soll. Baby-Led Weaning (BLW) setzt an der Selbstbestimmung des Säuglings an: Zeigt der Säugling alle Anzeichen der Beikostreife sowie Interesse an den Mahlzeiten der Eltern, ist er kompetent genug um direkt am Familientisch mitzuessen. Für die Eltern bedeutet das v.a. den Verzicht auf Gläschenkäufe bzw. selbstgekochte Breimahlzeiten und das Füttern ihres Kindes. Stattdessen werden die zubereiteten Speisen ohne Umwege gemeinsam am Familientisch eingenommen. Hierbei entscheidet genauso wie beim Stillen der Säugling was, wie viel und mit welcher Geschwindigkeit er von dem geschaffenen Angebot essen will.


Anfangs steht oft das spielerische Erkunden der Nahrung im Vordergrund: anfassen, in den Mund stecken und wieder hervor holen, zerdrücken, anknabbern (...) - wenn überhaupt, dann werden nur sehr kleine Mengen tatsächlich verzehrt. Dabei lernt das Kind jedoch die vielen verschiedenen Texturen und Geschmäcker der einzelnen Nahrungsmittel intensiv kennen: ein Stück Kartoffel verhält sich ganz anders als eine Scheibe Gurke, Brot, Melone oder Apfel. Das Kind kann und sollte bei jeder Mahlzeit auf diese Weise einbezogen werden, denn nur so kann es die zum Essen nötigen Kau- und Schluckbewegungen erlernen und verfeinern. Dabei imitiert es zunächst das (Ess-)Verhalten der Eltern, während es aus eigenen Erfahrungen stetig dazu lernt. Deswegen ist es wichtig jedem Kind die nötige Zeit zu lassen. Das Eingreifen der Eltern ist auf ein Minimum reduziert. Gill Rapley empfiehlt in ihrem Buch, das Kind weder ununterbrochen zu beobachten noch dessen Versuche zu kommentieren oder gar zu loben bzw. zu schimpfen. Sie betrachtet das (gemeinsame) Essen sowohl als normalen Bestandteil des Familienalltags als auch als gewöhnliche Tätigkeit eines Menschen – etwas, das -wie auch Gonzáles[2] schreibt- ohne Zwang oder Druck ablaufen sollte.

Es gibt nur wenige beachtenswerte Regeln, die v.a. als Sicherheitsmaßnahmen gewertet werden können. Diese beziehen sich z.B. auf die Verschluckungsgefahr oder den Umgang mit Salz, Zucker und Lebensmittelzusätzen.

 

Um die Verschluckungsgefahr so gering wie möglich zu halten, sollte der Säugling immer aufrecht sitzen und dabei leicht vorgebeugt sein. Ihn zurückgelehnt oder gar in sich zusammen gesunken sitzen zu lassen erhöht das Verschluckungsrisiko, da die Nahrung sehr viel leichter in den Rachen rutscht. Da sowohl Kauen als auch (willentliches) Schlucken noch gelernt werden muss, wird ein Hust- oder Würgereiz ausgelöst, der die Nahrung wieder nach vorne oder aus dem Mund befördern soll. Dies klappt umso besser, wenn der Körper leicht vorgebeugt ist und ist ein gesundes Zeichen für die funktionierenden Schutzreflexe der Kleinen. Sollte ein Kind sich weder durch husten, keuchen oder würgen selbst helfen können ist eine bewährte Methode sich das Kind bäuchlings über die Oberschenkel zu legen und leicht auf den Rücken zu klopfen. Die von Eltern manchmal empfundene „Angst vor dem Verschlucken“ ist i.d.R. eine Angst vor dem Ersticken des Kindes. Denn verschlucken kann sich jeder und viele Eltern kennen es bei ihrem Kind bereits vom Stillen, wenn das Kind in einer Trinkpause heftig hustet, um ein Zuviel an Muttermilch zu kompensieren. Die Erstickungsgefahr ist grundsätzlich nicht höher als beim Trinken vom Muttermilch, Wasser, Tee oder beim Essen von Brei.

Ein großes Problem der heutigen Ernährung ist die ständige Verfügbarkeit von Salz, Zucker und künstlichen Zusätzen in unseren Nahrungsmitteln. Dies macht nicht nur den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu schaffen, sondern auch vielen Erwachsenen. Gill Rapley hat daher einfache Regeln zur Verwendung von Salz und Zucker aufgestellt: Säuglinge unter einem Jahr sollten höchstens 1g Salz pro Tag zu sich nehmen. Das bedeutet so salzarm wie möglich zu kochen und zu essen, denn Salz ist in vielen Lebensmitteln (z.B. in Brot, Wurst, Schinken, Speck und einigen Käsesorten (Parmesan, Feta)) und in Fertigessen als Geschmacksverstärker oder Konservierungsmittel bereits enthalten. Zucker kommt mit vielen verschiedenen Labeln daher (u.a. Sucrose/Saccharose (Kristallzucker), Dextrose (Traubenzucker), Fructose (Fruchtzucker), Glucose (Einfachzucker), Glucose-Fructose-Sirup (z.B. aus Maisstärke) uvm.) und birgt nur leere Kalorien anstatt Nährstoffe. Er ist als süßer Geschmacksträger oftmals der handelsüblichen Babykost (z.B. Breie, Tees) zugesetzt. Da Süße ein natürliches Anzeichen für essbare, reife Kost ist, sind v.a. junge Menschen von Natur aus darauf abgestimmt Süßes zu bevorzugen. Ein Überangebot an Zuckern wie es in unserer heutigen Lebenswelt besteht birgt auf Dauer jedoch Gefahren. Auch sind (zugesetzte) Fructose oder Dextrose nicht gesünder als Saccharose o.ä., denn sowohl Menge als auch Darreichungsform sind entscheidend. Daher ist ein wesentlicher BLW-Grundsatz: Keinen Zucker für Säuglinge. Durch eine ausgewogene Ernährung mit Obst und Kohlenhydraten wird das Kind auf natürliche Weise mit dem zum Wachstum nötigen Zucker versorgt.

Ebenso sind künstliche Lebensmittelzusätze (Konservierungsmittel, Süß- und Farbstoffe, Aromen, Verdickungsmittel, Geschmacksverstärker, Säureregulatoren u.ä.) im Idealfall zu vermeiden. Hier gilt: je kürzer die Zutatenliste auf einem Produkt, desto besser!

Erste Speisen können als Fingerfood gereicht werden. Dabei kann alles genutzt werden, dass sich in Streifen oder Scheiben schneiden und servieren lässt oder von sich aus schon eine einfache handhabe zulässt. Dies gilt z.B. für Brokkoli, Gurke, Möhrchen, Nudeln, Kartoffeln, Brot(-rinde), Ei (nur durchgekocht), Mango, Melone, Birne, Banane, Apfel (gedünstet), Avocado oder auch Filet (Schwein, Kalb) und Geflügel. Aber auch ganze Gerichte können gereicht werden. Gill Rapley schreibt dazu: „Auch wenn gerne mit gegartem Gemüse oder frischen Früchten begonnen wird, spricht nichts dagegen auch einen Auflauf, ein Nudelgericht, einen Salat oder ein Pfannengericht anzubieten.“

Einzig harte und kleine Nahrungsmittel (z.B. Schoten, Reis, Erbsen, Heidelbeeren u.ä.) sollten, so Rapleys Empfehlung, anfangs vermieden werden um das Erstickungsrisiko gering zu halten. Erst wenn sowohl Kauen als auch Schlucken sicher beherrscht wird und der Pinzettengriff sich entwickelt hat, können diese „kleinteiligen“ Speisen angeboten werden.

Desweiteren folgt BLW den üblichen Beikostempfehlungen in der Hinsicht, dass Honig, Nüsse, Kleieprodukte und bestimmte Fischsorten für Säuglinge und junge Kleinkinder Tabu bleiben. Als begleitendes Getränk wird Wasser und ggf. ungesüßter Tee empfohlen.

Das vielfache Gleichsetzen von BLW mit einer breifreien Beikostzeit ist nicht richtig. Auch wenn Rapley selbst von breifrei spricht, meint sie die Spezialkäufe oder -zubereitung von Babybreien. Die beiden wesentlichen BLW-Grundsätze besagen, dass der Säugling a) nicht gefüttert wird sondern sich selbst bedient und b) sein Essen weder extra gekauft (Babyprodukte) noch extra gekocht und püriert wird – sondern er einfach geeignetes vom Familientisch mitisst. Da in vielen Familien Breie (Milchreis, Gries- oder Haferbrei, Kartoffelbrei und verschiedene Eintöpfe) zum normalen Angebot gehören, können und sollen sie auch dem Säugling serviert werden. Es geht nicht um ein Breiverbot sondern darum eine Vielfalt an verschiedenen Speisen, Konsistenzen und Geschmäckern anzubieten ohne zusätzlichen Aufwand speziell für das jüngste Familienmitglied zu fahren. Dies ermöglicht dem Säugling vom ersten Tag an die aktive Teilnahme an einem weiteren Aspekt des Familienlebens, die Erkundung verschiedenster Nahrungsformen mit allen Sinnen, Selbstbestimmtheit und Kontrolle über die Menge und Geschwindigkeit seines Essens und das respektieren des eigenen Sättigungsgefühls[3].

BLW setzt das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes -und auch sich selbst als Eltern- voraus und bestärkt es gleichzeitig, da sich nahezu täglich die Fortschritte im geschickten Umgang mit der angebotenen Nahrung beobachten lassen. Muttermilch bleibt v.a. in der ersten Zeit die Hauptnahrungsquelle und kann vor, während, nach oder auch anstatt des angebotenen Essens vom Säugling zu sich genommen werden. Es ist eine säuglingszentrierte Herangehensweise und keinefalls als dogmatisch zu betrachten. Ob und inwiefern es umsetzbar für jede Familie ist, liegt im eigenen Ermessen der Familienmitglieder.

 

*Unter Umständen ist es möglich auch flaschengefütterte Säuglinge selbstbestimmt ans Essen heranzuführen. Es erfordert laut Rapley jedoch bereits eine sehr sensible Flaschenfütterungsweise und Eltern, die vom ersten Tag an auf die Sättigungsanzeichen ihres Säuglings achten und bedingungslos eingehen.



[1]   Gill Rapley und Tracey Murkett, Baby-Led Weaning, New York (2010). Kurzinfos unter: http://www.rapleyweaning.com/

[2]   Dr. Carlos González, Mein Kind will nicht essen, 5. Aufl. (2010). Hrsg. von La Leche Liga Deutschland e.V.

[3]   Studien (z.B. Townsend/Pitchford, Baby knows best? The impact of weaning style on food preferences and mody mass index in early childhood in a case-controlled sample. BMJ Open 2012;2:e000298.) weisen mittlereile darauf hin, dass der BLW-Ansatz Kinder im späteren Leben vor Übergewichtigkeit bewahrt.

Erschienen in der Stillzeit 2/2013

Der Mensch als Säugetier und das biologisch sinnvolle Abstillalter

Vor rund drei Jahren erschien im Rundbrief, wie die Stillzeit damals noch hieß, ein Artikel von Katherine A. Dettwyler in der Übersetzung von Utta Reich-Schottky(1), der sich mit der Frage nach dem biologisch sinnvollen, dem natürlichen Abstillalter beim Menschen beschäftigte. Dettwyler leitet ihre Antwort auf diese Frage aus einem Vergleich mit anderen Säugetieren, insbesondere Primaten, ab, weshalb wir uns in dieser Ausgabe mit dem Schwerpunktthema "Säugetiere" auch noch einmal intensiver damit beschäftigen wollen.

Die Anthropologin Dettwyler scheint die einzige zu sein, die sich diesem Thema ausführlich auf wissenschaftlicher Ebene annähert, und so wird eine neuere Arbeit von ihr auch die Ausgangsbasis für diesen Artikel bilden. Unter dem Titel "When to Wean: Biological Versus Cultural Perspectives" [Wann abstillen? Eine Gegenüberstellung biologischer und kultureller Perspektiven] wendet sich ihr 2004 in einer amerikanischen Fachzeitschrift für Gynäkologie veröffentlichter Aufsatz(2) in erster Linie an Frauenärzte, denen sie Informationen an die Hand geben möchte, die eine informierte Entscheidung von Müttern über das Abstillen ermöglichen sollen.

Dettwyler weist eingangs darauf hin, dass das Stillen beim Menschen - anders als bei anderen Säugetieren - natürlich nicht nur ein biologischer Vorgang ist, sondern einer, der sehr stark kulturellen Einflüssen unterworfen ist. Auf der biologischen Ebene ist Stillen bzw. die Ernährung der Jungen mit Muttermilch ganz klar eine Voraussetzung für das Überleben der Nachkommen und damit der Art. Durch die heutige Verfügbarkeit von Ernährungsalternativen in vielen menschlichen Kulturen ist das Stillen für uns Menschen jedoch keine zwingende Voraussetzung für das Überleben unserer Babys mehr, was dazu führt, dass wir aus anderen Gründen als unsere Säugetierverwandten entscheiden, wann, wie oft und wie lange wir unseren Nachwuchs mit Muttermilch versorgen.
Zu diesen Gründen zählen beispielsweise unsere Auffassungen (und die unserer Umwelt) davon, wie Eltern mit Kindern umgehen sollten, wie die optimale Entwicklung eines Babys aussieht, was gesunde Ernährung ist und wie sich Eltern und Kinder in die Gesamtgesellschaft integrieren sollen. Wissenschaft, Religion und Gesellschaft haben dabei einen großen Einfluss, je nach der jeweiligen Sozialisation der Mutter wirkt dabei eine dieser Kräfte stärker als die anderen. Aber natürlich spielen hier auch organisatorische Fragen eine Rolle - welche Aktivitäten eine Mutter regelmäßig freiwillig oder aus Notwendigkeit ausübt, beeinflusst die Stillbeziehung zu ihrem Kind unweigerlich. Konkret in unseren westlichen Industriegesellschaften spielen eben auch die Ratschläge und Informationen von Ärzten, Hebammen, Krankenschwestern und anderen im Gesundheitswesen tätigen Personen, die sich um Mütter kümmern, eine erhebliche Rolle, wie Dettwyler versichert.

Und so kommt es, dass, anders als bei anderen Säugetieren, bei denen allein die Biologie und die aktuellen Umweltbedingungen über den Zeitpunkt des Abstillens entscheiden, manche von uns nach Richtlinien und Vorgaben suchen, die uns sagen, wie lange wir denn stillen sollen, können, dürfen. Eine Übersicht über einige solcher Stillempfehlungen, die teilweise auf einer entsprechenden Tabelle im zitierten Dettwyler-Artikel beruht, ist unten angegeben. Wie man sieht, besteht Einigkeit über die ersten 6 Monate des Lebens, und bis zum Ende des 1. Lebensjahres wünschen sich alle Empfehlenden, dass die Stillbeziehung weiter bestehen möge. Die WHO nennt deutlich auch das gesamte 2. Lebensjahr noch als wünschenswerte Stillzeit, und die amerikanische Vereinigung der Allgemein- bzw. Familienärzte AAFP weist explizit darauf hin, dass noch längeres Stillen grundsätzlich wünschenswert ist und auch eine nachfolgende Schwangerschaft dem nicht entgegensteht. Auf eine Obergrenze legt sich niemand fest, und es wird grundsätzlich die Bereitschaft von Mutter und Kind zum weiteren Stillen als Voraussetzung für längeres Stillen ausdrücklich genannt.

Dettwyler stellt sich nun die Frage, was wohl das natürliche Abstillalter wäre, wenn allein Mutter und Kind und deren Biologie und nicht etwas die kulturell bedingte Umgebungssituation bestimmend dafür wären. Diese Frage lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit beantworten - der Mensch ist nun einmal ein besonderes Tier, eines mit einer sehr ausgeprägten, differenzierten und in verschiedenen Kulturen auch sehr unterschiedlich entwickelten Kulturleistung, von der getrennt er sich nicht betrachten lässt. Unsere sozialen, religiösen und anderen Bindungen sind Teil des Menschseins, so unterschiedlich sie auch von Person zu Person ausfallen mögen.
Als Anthropologin findet Dettwyler die Antwort, die die Anthropologie zu bieten hat, offensichtlich nicht befriedigend. Sie weiß aus der Literatur, dass weltweit viele Kinder drei bis fünf Jahre oder noch länger gestillt werden, und aus ihrer eigenen Forschungsarbeit, dass im westafrikanischen Mali Kinder durchschnittlich zwei Jahre lang gestillt werden. Um eine weitere Perspektive zu erhalten, wendet sie sich also unseren nächsten Verwandten unter den Säugetieren zu, den übrigen Vertretern der Ordnung der Primaten.

Um die Stillzeitdauer von anderen Primaten und Mensch vergleichen zu können, muss man eine Möglichkeit finden, die unterschiedlichen durchschnittlichen Lebenserwartungen der einzelnen Arten bei diesem Vergleich zu berücksichtigen. Dazu bietet sich das in der Zoologie verwendete Konzept der Lebenszyklusstadien an. Der Lebenszyklus von nicht-menschlichen Primaten lässt sich untergliedern in:

  • Pränataler Zeitraum: durchschnittliche Tragzeitdauer
  • Säuglingszeit: Zeitraum von der Geburt bis zum Durchbruch der ersten bleibenden Zähne
  • Jugend/juveniles Stadium: Zeitraum vom Durchbruch des ersten bleibenden Zahns bis zum Durchbruch des letzten bleibenden Zahns
  • Erwachsenenalter: Zeitraum vom Durchbruch des letzten bleibenden Zahns bis zum Ende der durchschnittlichen Lebensdauer der Art

Daneben gilt es auch noch, die Dauer der fortpflanzungsfähigen Zeit der Weibchen zu bestimmen, was oft über das Alter bei der ersten Menstruation oder bei der Brunst oder über das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt als Anfangszeitpunkt und das Einsetzen der Menopause als Endzeitpunkt geschieht. Ebenfalls als Lebenszyklusdaten erfasst werden in der Zoologie oft Angaben zum (immer durchschnittlichen) Gewicht erwachsener Weibchen bzw. Männchen, zum Geburtsgewicht, zur Anzahl der aus einer Trächtigkeit hervorgehenden Jungen, zum Absetzalter (also Dauer des Stillens), zum Menstruationszyklus, zu den Abständen von Geburten und etlichen mehr.

Für die Beantwortung der Frage nach dem natürlichen Abstillalter hat Dettwyler Daten zusammengetragen, die das Absetzalter bei Primaten in Bezug zu verschiedenen dieser Lebenszyklusvariablen setzen. Diese sind:

  • Körpergewicht der erwachsenen Weibchen
  • Zeitpunkt des Erreichens eines Drittels des durchschnittlichen Erwachsenengewichts
  • Zeitpunkt des Erreichens eines bestimmten Mehrfachen des Geburtsgewichts
  • Tragzeitdauer
  • Zeitpunkt des Durchbrechens der ersten bleibenden Molaren (hinteren Backenzähne)
  • Alter bei der ersten Trächtigkeit

Unter den Primaten bestehen sehr große Unterschiede hinsichtlich all dieser Lebenszyklusdaten, und Vergleiche sind schwierig, wie die Autoren einer von Dettwyler zu diesem Thema zitierten Studie, P. H. Harvey und T. H. Clutton-Brock, schreiben.(3) Diese Schwierigkeiten begründen sich in mehreren Faktoren.
Zum einem ist bei einem Vergleich verschiedener Arten generell davon auszugehen, dass die in der Literatur vorliegenden Daten von unterschiedlicher Qualität sind (und die praktische Erhebung dieser Daten eigens für einen Vergleich bei mehreren Spezies von derselben Person durchführen zu lassen, verbietet sich in der Praxis aus Zeit- und Kostengründen). Harvey und Clutton-Brock führen insbesondere das Absetzalter als eine schwierig zu erfassende Variable an, weshalb bei der Interpretation von Daten dazu besondere Vorsicht geboten sei.
Der zweite Problemfaktor ist die fehlende taxonomische Unabhängigkeit. Wenn in eine Analyse mehrerer Arten einige sehr eng verwandte und sich daher ähnliche Spezies einbezogen werden, kann das zu falschen Schlussfolgerungen führen. Ein Beispiel dazu von Harvey und Clutton-Brock: Ihnen lagen Daten zu sieben verschiedenen Gibbon-Arten vor, die alle einen sehr ähnlichen Lebenszyklus aufweisen, monogam (also mit nur einem Lebenspartner) leben und sich von Früchten ernähren. Da es ansonsten nur wenige monogame Primaten gibt, könnte bei einer Betrachtung mehrerer Arten, in die diese sieben Gibbon-Arten einzeln aufgenommen würden, statistisch ein Zusammenhang zwischen Monogamie und der Ernährung von Früchten aufgezeigt werden, da die Gibbon-Daten ein statistisches Übergewicht bekommen - ihre Lebensweise geht womöglich auf dasselbe evolutionäre Ereignis zurück und sollte daher nur einmal, nicht siebenmal, in die Analyse eingehen.
Die Autoren führen noch weitere, meist statistische Auswertungsprobleme an, die hier wiederzugeben zu weit führen würde. Wesentlich ist, dass man Aussagen, die aus solchen Vergleichsstudien gewonnen werden, mit Vorsicht genießen muss, dass aber im Fall der von Dettwyler zitierten Studie zu den Unterschieden in den Lebenszyklusdaten von Primaten sich die Autoren dieser Fallstricke bewusst waren und entsprechende Maßnahmen ergriffen haben, um die möglichen auftretenden Fehler auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Aus ihrer Literaturauswertung ermittelt Dettwyler die folgenden Schätzungen für ein "natürliches" Abstillalter beim Menschen:

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit vom Körpergewicht der erwachsenen Weibchen
Für diese Berechnung legt Dettwyler die von Harvey und Clutton-Brock in der zitierten Arbeit berechnete Regressionsgleichung zugrunde, die diese aus den von ihnen aus der Literatur zusammengetragenen Daten zu 158 Primaten-Arten abgeleitet haben und die in der untenstehenden Tabelle angegeben ist. Dettwyler hat die Gleichung dann auf das durchschnittliche Körpergewicht von Frauen aus verschiedenen Populationen angewandt und kam zu folgenden Ergebnissen: Für die relativ kleinen Angehörigen des Volkes der !Kung, bei denen das Durchschnittsgewicht erwachsener Frauen 40,10 kg beträgt, ergibt sich ein Abstillalter von 2,8 Jahren. Bei den mittelgroßen Angehörigen der Landbevölkerung von Mali mit 53,60 kg Durchschnittsgewicht wären es 3,3 Jahre, und bei den großen Bewohnern der USA mit einem Durchschnittsgewicht von 55,35 kg wären es knapp 3,4 Jahre. Bei den sehr großen Inuit, bei denen es die Frauen auf ein Durchschnittsgewicht von 64,50 kg bringen, ergibt sich nach dieser Gleichung eine "natürliche" Abstillzeit von knapp 3,7 Jahren.

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Erreichens eines Drittels des durchschnittlichen Erwachsenengewichts
Unter Bezugnahme auf eine anthropologische Arbeit, die an der Universität von Utah in den USA erstellt wurde, postuliert Dettwyler, dass Primaten ihren Nachwuchs wie andere Säugetiere absetzen, wenn dieser etwa ein Drittel seines Erwachsenengewichts erreicht hat. Diese sehr verallgemeinernde Aussage von Charnov und Berrigan(4) ist jedoch mit etwas Vorsicht zu genießen, da zumindest eine der als Beleg zitierten Arbeiten diese Schlussfolgerung nicht eindeutig stützt. Wenn man anhand der von Dettwyler verwendeten statistischen Daten diese Gleichung auf den Menschen überträgt, ergibt sich über eine Bandbreite von verschiedenen Populationen eine Spanne des zu erwartenden Abstillalters von 4 bis 7 Jahren.

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Erreichens eines bestimmten Mehrfachen des Geburtsgewichts
Für diese Betrachtung zieht Dettwyler eine Arbeit aus dem Jahr 1991 heran, deren Autoren die Auffassung vertreten, dass "der Vorgang des Absetzens im Zusammenhang mit einem kritischen oder Schwellenkörpergewicht steht, das vom Nachwuchs erreicht wird, und zwar bei Säugetieren mit großem Körperbau, insbesondere bei den anthropoiden Primaten (Menschenaffen), den Ungulaten (Huftieren) und Pinnipedien (Wasserraubtiere: Robben u.ä.)."(5)
In dieser Arbeit wird nur eine schwache Beziehung zwischen Absetzalter und mütterlichem Gewicht festgestellt, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass, anders als in der Primatenstudie, Tiere mit sehr unterschiedlichen Körperbautypen verglichen wurden. Außerdem wird in der Originalarbeit darauf hingewiesen, dass das Absetzalter innerhalb einer Art ebenfalls variiert, und dass die Unterschiede mit dem Ernährungszustand der Mutter in Zusammenhang stehen. Die Autoren stellen jedoch grundlegend fest, dass das Absetzen erfolgt, wenn der Nachwuchs das Vierfache seines Geburtsgewichts erreicht.
Um diese Erkenntnis auf den Menschen übertragen zu können, muss man wissen, wann Menschenkinder durchschnittlich ihr Geburtsgewicht vervierfacht haben. Dettwyler zieht dazu statistische Daten aus den USA heran, die auf die meisten westlichen Industrieländer übertragbar sein dürften. Danach liegt die 50. Perzentile für das Geburtsgewicht von Jungen bei 3,27 kg und von Mädchen bei 3,23 kg. Die Vervierfachung ihres Geburtsgewichts erreichen Jungen im Alter von 27 Monaten und Mädchen mit 30 Monaten, wenn man abermals die 50. Perzentile betrachtet. (Zur Erinnerung: Ein Gewicht auf der 50. Perzentile bedeutet, dass 50 % der Kinder gleichen Alters und gleichen Geschlechts leichter als das betreffende Kind sind.)
Für Kinder in Bevölkerungen, die nicht so üppig ernährt sind wie die westlichen, dürfte es länger bis zur Vervierfachung des Geburtsgewichts dauern. Dettwylers Daten aus Mali, die aufgrund des geringen Stichprobenumfangs nicht mit statistischer Sicherheit repräsentativ sind, besagen, dass dort Mädchen ihr Geburtsgewicht im Durchschnitt mit etwa 3 Jahren und Jungen mit etwa 3 Jahren und 3 Monaten vervierfachen.
Dettwyler merkt an, dass sich die in der von ihr zitierten Studie angegebenen Absetzzeiten wahrscheinlich nicht auf das vollständige Absetzen beziehen. "Bei Primaten tritt die erneute Empfängnis am Ende der durch die Laktation bedingten geschlechtlich inaktiven Phase (Anöstrus) ein, was mit einer Abnahme der Säugedauer oder -häufigkeit einhergeht [...]. Dieser Zeitpunkt ist jedoch allgemein nicht mit dem des Absetzens identisch, wenn dieses als das vollständige Aufgeben des Säugens definiert wird. Bei vielen Arten wird auch noch durch die folgende Schwangerschaft bis nur nächsten Geburt in geringem Umfang weiter gesäugt."(4) Man muss also zu den oben angeführten Zeiten noch ein paar Monate bis zum vollständigen Abstillen hinzurechnen, so dass sich bei dieser Betrachtung ein zu erwartendes Abstillalter von knapp 3 Jahren bei gut ernährten Populationen und von 3 bis 4 Jahren bei nicht optimal ernährten Bevölkerungsgruppen ergibt.

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit von der Tragzeitdauer
Den von Harvey und Clutton-Brock(3) zusammengetragenen Daten entnimmt Dettwyler das Verhältnis der Stilldauer zur Tragzeitdauer für große Affen - beim Orang-Utan dauert danach die Stillzeit 4,21-mal so lange wie die Tragzeit, beim Gorilla 6,18-mal so lange, und beim Schimpansen 6,40-mal so lange. Da Schimpanse und Gorilla am nächsten mit dem Menschen verwandt sind, schließt sie auf eine natürliche menschliche Stillzeit von rund 6 mal 9 Monaten (Dauer einer durchschnittlichen Schwangerschaft), was dann ein biologisches Abstillalter von 4,5 Jahren ergibt.

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Durchbrechens der ersten bleibenden Molaren (hinteren Backenzähne)
Hier beruft sich Dettwyler auf die Arbeiten der Anthropologin Holly Smith, die bei 21 verschiedenen Primaten-Arten die Beziehung zwischen Alter beim Zahndurchbruch und beim Absetzen untersucht hat und dabei feststellte, dass diese Ereignisse bei vielen Primaten gleichzeitig eintreten. Da mir die Originalarbeit von Smith leider nicht vorliegt, kann ich hier nicht angeben, um welche Primaten es sich dabei handelt, und angesichts der Tatsache, dass allein die Arbeit von Harvey und Clutton-Brock 135 Primaten-Arten umfasst und der Wissenschaft derzeit 625 Arten und Unterarten dieser Ordnung bekannt sind, ist dieser Übertragungsschluss vielleicht einer der gewagtesten, den Dettwyler vornimmt. Sie selbst führt die Schimpansen als Ausnahme an, bei denen die ersten Molaren mehrere Jahre vor dem Absetzen durchbrechen. Nimmt man die von Smith beobachtete Zeitgleichheit beider Ereignisse dennoch als Anhaltspunkt, so ergibt sich ein zu erwartendes Abstillalter von 5,5 bis 6,5 Jahren.

Absetz-/Abstillalter in Abhängigkeit vom Alter bei der ersten Trächtigkeit
Für diese Betrachtung verwendet Dettwyler eine Teilmenge der von Harvey und Clutton-Brock bereitgestellten Daten, nämlich die der 28 Primaten-Arten, für die Angaben sowohl zum Absetzalter als auch zum durchschnittlichen Alter bei der ersten Trächtigkeit vorliegen. Sie stellt fest, dass beide Variablen stark korrelieren, und ermittelt die in der untenstehenden Tabelle angegebene Regressionsgleichung. Um diese auf den Menschen anwenden zu können, benötigt man Informationen zum durchschnittlichen Alter bei der ersten Schwangerschaft, welches naturgemäß in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich ausfällt. Dettwyler rechnet mit 20, 16 und 12 Jahren und erhält entsprechend ein zu erwartendes Abstillalter von 6,31, 4,68 bzw. 3,18 Jahren. Eine Schwäche dieser Betrachtung liegt sicher darin, dass die Schwankungsbreite im Alter von Erstgebärenden in verschiedenen Kulturen unterschiedlich hoch sein dürfte und daher eine solche Berechnung eine extreme Vereinfachung der tatsächlichen Umstände darstellt.

Dettwyler schließt aus den hier genannten Daten, dass das natürliche oder biologische Abstillalter beim Menschen wahrscheinlich zwischen 2,5 und 7 Jahren liegt. Diese große Spanne ergibt sich, wie man schnell aus untenstehender Tabelle ersehen kann, aus den sehr unterschiedlichen Berechnungsverfahren, die sie heranzieht. Einige dieser Ansätze sind sicherlich mit einer gewissen Skepsis zu bewerten und müssten anhand weiterer Literaturdaten überprüft werden, aber es scheint niemanden zu geben, der an einer solchen Arbeit Interesse hat - zumindest konnte ich keine weitere Literatur in dieser Richtung finden.
Dennoch deuten alle Daten daraufhin, dass die oft geforderte Mindeststilldauer von sechs Monaten (voll) bzw. einem Jahr (mit Beikost) eher kürzer ist, als es unsere natürlich Stilldauer wäre, und dass "Langzeitstillen" über Zeiträume von ein bis drei Jahren eher als "Normstillen" bezeichnet werden sollte und erst eine Stilldauer, die über drei Jahre hinausgeht, wirklich in den Bereich des "Langzeitstillens" vordringt.

An dieser Stelle darf keinesfalls unerwähnt bleiben, dass sich aus diesen Betrachtungen keine Empfehlung für die Stilldauer ableiten lässt. Dettwyler selbst sagt immer wieder in ihren Arbeiten und z.B. auch einem Interview(6) mit Debbi Donovan, IBCLC, dass sie keinesfalls die Forderung aufstellen möchte, Mütter sollen generell mindestens 2,5 Jahre stillen. Zitat aus diesem Interview (meine Übersetzung): "Ich bin der Ansicht, dass die Gefühle der Mutter [bei der Entscheidung über die Stilldauer] eine Rolle spielen sollten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand sich zur Märtyrerin machen und weiter stillen sollte, wenn sie es nicht länger möchte. Aber es ist wichtig, dass Mütter umfassend über die normale Stilldauer für Menschenkinder informiert sind. Dazu gehört auch, dass sie verstehen, warum das Kind weiter stillen möchte (dass es also nicht einfach eine Angewohnheit ist, und dass das Kind auch nicht fordernd oder manipulierend ist, nur weil es sich wie ein Mensch verhält, der natürlicher-/normalerweise mehrere Jahre stillen möchte bzw. dies einfach voraussetzt), und dass sie die möglichen Folgen vorzeitigen Abstillens kennen (bezüglich der Gesundheit von Mutter und Kind, sowohl auf der körperlichen als auch der emotionalen Ebene)."

Es ist sicher noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten, bis wir genauer sagen können, was das natürliche, physiologische Abstillalter für Menschen ist, doch der Blick auf die Primaten, der hier getan wurde, zeigt uns, dass die "Langzeitstillkinder" zumindest auf dem richtigen Weg sind.

Empfehlungen zur Stilldauer

 

Ansätze für die Schätzung des natürlichen Abstillalters beim Menschen nach Dettwyler

Bezugsgröße

Berechnung und Quelle

Anmerkungen

Schlussfolgerung für den Menschen

Gewicht des ausgewachsenen Weibchens

Abstillalter in Tagen = 2,71 x (Gewicht des ausgewachsenen Weibchens in Gramm)0,56
Harvey und Clutton-Brock, nach Dettwyler

Laut Originalautoren sind die Daten zum Abstillalter von sehr unterschiedlicher Qualität, weshalb die abgeleitete Beziehung möglicherweise nicht sehr genau ist. 

Je nach durchschnittlichem Körpergewicht erwachsener Frauen in der betrachteten Bevölkerungsgruppe ergibt sich ein Abstillalter zwischen 2,8 und 3,7 Jahren.

Gewicht ausgewachsener Tiere

Zeitpunkt, zu dem das Körpergewicht des Kindes = 1/3 x Erwachsenengewicht ist.
Charnov und Berrigan

Der Literaturbeleg enthält eine stark verallgemeinernde Formulierung. 

Je nach durchschnittlichem Erwachsenen Gewicht ergibt sich ein Abstillalter von 4,5 bis 7 Jahren.

Geburtsgewicht 

Zeitpunkt, zu dem das Körpergewicht des Kindes = 4 x Geburtsgewicht ist.
Lee et al. 

Abgeleitet aus einer Literaturstudie, in die Menschenaffen, Huftiere und Wasserraubtiere einbezogen waren. 

Je nach allgemeinem Ernährungszustand der Bevölkerung ergibt sich ein Abstillalter zwischen knapp 3 und 3 bis 4 Jahren.

Tragzeit

Abstillalter in Monaten = das 6fache der durchschnittlichen Schwangerschaftsdauer
Harvey und Clutton-Brock, Interpretation von Dettwyler 

Abgeleitet von beobachteten Verhältnissen von Stilldauer zu Tragzeit bei Schimpansen und Gorillas.

Es ergibt sich ein Abstillalter von rund 4,5 Jahren.

Alter beim Durchbruch der ersten bleibenden Molaren 

Abstillalter = Alter beim Durchbruch
Holly Smith, nach Dettwyler 

Abgeleitet aus Daten von 21 Primaten-Arten. 

Es ergibt sich ein Abstillalter von rund 5,5 bis 6,5 Jahren.

Alter bei der ersten Tragzeit 

Abstillalter in Tagen = 1,4493 x (Alter bei der ersten Tragzeit in Monaten)1,3450
Harvey und Clutton-Brock, nach Dettwyler 

Abgeleitet aus Daten von 28 Primaten-Arten. 

Je nach angenommenem durchschnittlichen Alter bei der ersten Schwangerschaft ergibt sich ein Abstillalter von 3,2 bis 6,3 Jahren.

(1) Rundbrief, Ausgabe 1-2/2002, S. 9-10
(2) K.A. Dettwyler: When to Wean: Biological Versus Cultural Perspectives. Clinical Obstetrics and Gynecology, 2004, Band 47, Heft 3, S. 712-723
(3) Paul H. Harvey und T. H. Clutton-Brock: Life History Variation in Primates. Evolution, 1985, Band 39, Heft 3, S. 559-581
(4) E. L. Charnov, D. Berrigan: Why do Female Primates Have Such Long Lifespans and So Few Babies? or Life in the Slow Lane. Evolutionary Anthropology, 1993, Band 1, S. 191-114
(5) P. C. Lee, P. Majluf und I. J. Gordon: Growth, Weaning and Maternal Investment from a Comparative Perspective. Journal of the Zoological Society London, 1991, Band 225, S. 99-114
(6) http://parenting.ivillage.com/tp/tpweaning/0,,40lb,00.html

Dr. Ulrike Walter-Lipow

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2005, S. 12-18

Frühgeborene brauchen Muttermilch

Als Frühgeborene bezeichnet man Kinder, die vor der 37. SSW und mit einem Gewicht unter 2.500g geboren werden. In Deutschland werden ca. 8% der Kinder zu früh geboren, und diese Rate ist in den letzten Jahren trotz aller medizinischen Fortschritte relativ konstant geblieben. Zu früh geboren, zu früh für das Kind, zu früh für die Mutter, die Eltern. Abhängig von der Schwangerschaftswoche und der dadurch bedingten Unreife der Organe (Lunge, Nieren, Magen, Darm, Haut, Gehirn usw.) können viele Probleme auftreten: Temperaturinstabilität, Atemprobleme, Neigung zu Infektionen und Probleme mit der Ernährung (um nur einige zu nennen). Stillen – bzw. Ernährung mit Muttermilch – wird leider häufig nicht in Betracht gezogen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, Angst und Unwissenheit spielen oft eine große Rolle. Doch auch Frühgeborene – und gerade sie – brauchen Muttermilch!


Bedeutung der Muttermilch und des Stillens für frühgeborene Kinder

Muttermilch für frühgeborene Kinder, auch Preterm-Milch genannt, unterscheidet sich von der Muttermilch für reifgeborene Kinder. Der Eiweißgehalt ist deutlich erhöht, ebenso der Gehalt von sIgA, Laktoferrin und Lysozym, der Zellgehalt ist doppelt so hoch wie in reifer Muttermilch – Frühgeborene erfahren daher einen höheren Immunschutz. Deutlich erhöht sind auch Natrium sowie die Enzyme, die die Verdauung günstig beeinflussen, leicht höher ist der Fettgehalt, leicht niedriger der Laktosegehalt.
Muttermilch schützt die Frühgeborenen vor Infektionen, es kommt seltener zu einer Nekrotisierenden Enterocolitis (NEC), eine gefährliche Darmerkrankung für Frühgeborene. Fette und Wachstumsfaktoren fördern Entwicklung und Reifung (vor allen auch von Augen und Gehirn), die Muttermilch wird besser vertragen und verdaut als künstliche Säuglingsnahrung. Außerdem sind die Vitalzeichen (Herzfrequenz, Atmung, Sauerstoffgehalt) beim Stillen stabiler, als wenn die Kinder aus der Flasche trinken. Und – Muttermilchernährung hat auch bei Frühgeborenen Langzeitauswirkungen und kann viele Erkrankungen verhindern oder positiv beeinflussen. Innerhalb eines Monats wandelt sich die Preterm-Milch zur reifen Muttermilch.


Anreicherung der Muttermilch

Für Frühgeborene ist Muttermilch alleine nicht immer ausreichend. Früher wurde empfohlen, die Muttermilch bei Frühgeborenen, die vor der 30. SSW geboren wurden, anzureichern. Inzwischen gibt es Studien dazu, dass grundsätzlich alle Frühgeborenen besser gedeihen, wenn ihre Muttermilch angereichert wird. An einigen Kliniken bekommen daher alle Frühgeborenen Frauenmilchsupplement (FMS) als Pulver in die Muttermilch, bestehend u.a. aus Eiweiß, Maltodextrin, Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen. Eine Möglichkeit, den Fettgehalt der Muttermilch zu erhöhen, ist das sogenannte „Lactoengineering“ nach Paula Meier, Chicago. Basierend darauf, dass die Muttermilch nach Einsetzen des Milchspendereflexes einen höheren Fettgehalt hat, kann die Mutter durch ihr Pumpmanagement den Fettgehalt ihrer Milch erhöhen. Auch eine sanfte Brustmassage vor dem Pumpen oder Stillen erhöht den Fettgehalt der Muttermilch.


Bedeutung des Stillens für die Mutter eines frühgeborenen Kindes

Die Mutter kann sich durch Stillen und/oder Abpumpen von Muttermilch aktiv am Genesungs- und Entwicklungsprozess beteiligen. Die Beziehung zu ihrem Kind, gestört durch Frühgeburt und Krankenhausaufenthalt, ist belastbarer, die Trennung kann besser verarbeitet werden. Stillen erhöht die Bindungsfähigkeit, die Mutter kann ihr Kind in seiner besonderen Situation und mit seiner Erkrankung besser annehmen. Die Stillhormone beruhigen und entspannen die Mutter. Stillen ist ein Beitrag zur Normalität in dieser Ausnahmesituation, Stillen ist Therapie für alle Beteiligten!


Erstes Gespräch

Es ist sehr bedeutsam, wenn die Geburt des Kindes plötzlich und unerwartet gekommen ist, bald mit der Mutter über die Bedeutung der Muttermilch für ihr frühgeborenes Kind zu sprechen. Ebenso braucht die Mutter Informationen zum Abpumpen und die zu erwartende Milchmenge. Auch die Bedeutung des Känguruhns kann in diesem ersten Gespräch Thema sein. Känguruhn fördert auf einzigartige Weise die Mutter-Kind-Beziehung, sorgt für mehr Stabilität der Kinder in allen Bereichen und wirkt sich bei der Mutter förderlich auf die Milchmenge aus. In der Praxis ist es häufig zu erleben, dass Mütter, die eigentlich nicht stillen wollten, sich in dieser besonderen Situation umentscheiden, um ihrem Kind einen guten Start zu geben. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Mutter sich in diesem Gespräch gegen Stillen und Muttermilchgabe entscheidet. Auch diese Entscheidung muss akzeptiert werden, in diesem Fall braucht die Mutter Informationen zum Abstillen.


Anregung der Milchbildung

Ganz wichtig bei Müttern von Frühgeborenen ist es, so früh wie möglich die Milchbildung gut in Gang zu bringen, das heißt abzupumpen. Die Mutter sollte so bald wie möglich anfangen abzupumpen, nach der Geburt nach Möglichkeit direkt, spätestens aber nach 6 Stunden (immer abhängig vom Allgemeinzustand der Mutter).
Es empfiehlt sich eine Pumphäufigkeit alle 3-4 Stunden, möglichst auch 1x nachts. Mit einem Einfachpumpset sollte ca. 15 Minuten pro Brust abgepumpt werden, ein Wechselpumpen (5-7 Minuten, 3-5 Minuten, 2-3 Minuten pro Brust) regt die Milchbildung besser an. Mit einem Doppelpumpset sollte 15 Minuten insgesamt gepumpt werden. Das Doppelpumpset ist für alle Mütter empfehlenswert, es regt die Milchbildung gut an und spart Zeit.
Die Mutter braucht zusätzlich zu diesen Informationen das Wissen über Umgang und Aufbewahrung von abgepumpter Muttermilch für frühgeborene Kinder, und sie sollte Hilfestellung bekommen, wo sie gute Milchpumpen ausleihen kann. Hilfreich ist es, wenn die Mutter bei der Vielzahl der Informationen ein Informationsblatt zum Abpumpen von Muttermilch erhält, in dem sie alles nachlesen kann.


Probleme beim Stillmanagement der Mutter

Probleme beim Stillmanagement von Seiten der Mutter sind in erster Linie die Angst und Sorge um das zu früh geborene Kind. Hinzu kommen oft starke Schuldgefühle – Schuld an der Frühgeburt. Die Mütter sind nach der Geburt auch noch nicht ganz fit, manchmal kommt zusätzlich je nach Geburtsverlauf ein schlechtes Allgemeinbefinden hinzu. Der Stillbeginn oder das Abpumpen sind häufig verzögert, die Milchproduktion kommt oft nicht gut in Gang, die Mütter haben zu wenig Milch. Fehlende und/oder nicht korrekte Beratung verunsichert die Mütter zusätzlich. Bei ausländischen Müttern kommen in vielen Fällen Sprachschwierigkeiten hinzu.
Ist die Mutter Trägerin des Cytomegalie-Virus (CMV), kann dies unter Umständen das Anlegen und Stillen verzögern. CMV kann über die Muttermilch übertragen werden und bei Frühgeborenen vor der 32. SSW zu einer Infektion führen. Die Vorgehensweise in den verschiedenen Kliniken ist sehr unterschiedlich, wenn die Mutter CMV-positiv ist: An manchen Kliniken hat es keine Konsequenzen, andere Kliniken klären die Eltern auf, lassen sich diese Aufklärung unterschreiben und verfüttern die Muttermilch unbehandelt. In wieder anderen Kliniken wird die Muttermilch bis zur 32. SSW pasteurisiert. Ist kein Pasteurisator vorhanden, wird die Muttermilch so lange eingefroren, bis das Kind die 32. SSW erreicht hat. Dies kann für die Mütter sehr frustrierend sein.


Das erste Anlegen – Stillen muss erlernt werden

Manche Frühgeborene können recht schnell angelegt werden, bei anderen dauert es Monate, bis sie auch nur in der Lage sind, an der Brust zu nuckeln. Das ist natürlich vor allen Dingen abhängig von der Schwangerschaftswoche, in der sie geboren wurden, sowie vom Allgemeinzustand. Wichtig ist es, der Mutter zu sagen, dass die ersten Anlegeversuche keinesfalls ein erfolgreiches Stillen zum Ziel haben, sondern dem Kennenlernen dienen. Beim ersten Anlegen sollten der Kontakt zur Brust und möglicherweise das Auflecken von Milchtropfen im Vordergrund stehen. Die Mutter lernt, wie sie ihre Milch mit der Hand abdrücken und in welchen Positionen sie ihr Kind sicher und stabil halten kann. Frühgeborene Kinder sind schnell müde beim Trinken und saugschwach; Zu- und Nachfütterung per Sonde, Flasche oder Brusternährungsset sind häufig noch lange nötig. Immer ist viel Geduld erforderlich, bis das Kind in der Lage ist, gut und ausreichend an der Brust zu trinken.


Stillpositionen für frühgeborene Kinder

Frühgeborene Kinder brauchen Sicherheit und Stabilität beim Anlegen. Günstig ist die Übergangshaltung oder auch Frühgeborenen-Haltung. Sie entspricht weitestgehend der Wiegenhaltung, es verändert sich lediglich die Armhaltung der Mutter, Kopf und Körper der kleinen Kinder werden mehr gestützt. Ebenso hilfreich ist die Rückenhaltung, in der die Mutter ihr Kind gut halten und ebenso gut beobachten kann. Als Variante für sehr verschlafene Kinder kann die Mutter die Rückenhaltung so variieren, dass das Kind fast aufrecht gehalten wird.


Stillmanagement bei Frühgeborenen

Die Stillhäufigkeit und -dauer müssen bei Frühgeborenen angepasst werden an Gestationsalter und Allgemeinzustand. Wenn das Kind anfängt, gut an der Brust zu trinken, können Stillproben (Wiegen) hilfreich sein, um die Zufütterungsmenge nach und nach zu reduzieren. Diese Reduzierung muss langsam und allmählich erfolgen, damit die Kinder auch weiterhin gut gedeihen; mehr Gewicht bedeutet auch mehr Kraft, um an der Brust zu saugen. Geeignete Stillhilfsmittel beim Stillen von Frühgeborenen sind in erster Linie das Brusternährungsset, aber auch der Becher kann hilfreich sein, wobei aber in Betracht gezogen werden muss, dass häufig viel Muttermilch verschüttet wird. Paula Meier (Chicago) zeigt in Studien, dass auch dünnwandige Stillhütchen für Frühgeborene sehr geeignet sein können, in der Praxis wird dieses bestätigt. Fingerfütterung sollte aufgrund des sehr weichen Gaumens frühestens ab der 36. SSW eingesetzt werden, dann auch nur als Kurzzeittherapie. Jeder Einsatz von Stillhilfsmitteln muss gut überlegt, kein Stillhilfsmittel sollte generell eingesetzt werden. Ganz entscheidend dabei ist das Gespräch mit der Mutter, mit welchem Stillhilfsmittel sie gut zurechtkommt. Die Mutter braucht Information über Vor- und Nachteile sowie genauen Umgang mit dem Stillhilfsmittel und auch Hilfestellung zum Abgewöhnen.


Entlassung nach Hause

Die Entlassungskriterien für Frühgeborene sind je nach Klinik unterschiedlich, in der Regel sind es gutes Gedeihen, stabile Herz-Kreislauf- und Atmungswerte, stabile Temperatur und ein gutes Trinkverhalten. Wenn das Kind nach Hause entlassen wird, braucht die Mutter Unterstützung und Hilfestellung für den Übergang nach Hause. Vielleicht wird das Kind noch teilgestillt und zugefüttert, auch hier ist Beistand nötig. Für die ersten Tage oder Wochen sollten Hebammenbetreuung und/oder Stillberatung neben der Unterstützung durch die Stillgruppe möglich sein für einen sanften Übergang von der Kinderklinik nach Hause.

Literatur
Benkert, Brigitte: Das besondere Stillbuch für frühgeborene und kranke Babys. Berlin: Urania, 2001
Egli-Barmettler, Franziska u. Frischknecht-Fallander, Kerri: Geborgenheit, Liebe und Muttermilch. Ein Ratgeber für Eltern von Frühgeborenen und kranken Neugeborenen, rund ums Stillen, Abpumpen und Muttermilch. Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens
Illing, Dr. Stephan u. Spranger, Dr. Stephanie: Klinikleitfaden Pädiatrie. 4. Aufl. Stuttgart u.a.: Gustav Fischer Verlag, 1998
La Leche League International (Hrsg.), Mohrbacher, Nancy u. Stock, Julie: Handbuch für die Stillberatung. München, 2002
Lauwers, J. u. Shinskie, D.: Counselling the Nursing Mother. A Lactation Consultant’s Guide. Third Edition, Jones and Bartlett, 2000
Lawrence, Ruth: Breastfeeding. A guide for the medical profession. 5. Aufl. St. Louis, Missouri: Mosby, Inc., 1999
Medela (Hrsg.): Frühchen stillen (Broschüre)
Springer, Skadi: Sammlung, Aufbewahrung und Umgang mit abgepumpter Muttermilch für das eigene Kind im Krankenhaus und zu Hause. Leipzig: Leipziger Universitäts-Verlag, 1998
Steidinger, Jürgen u. Uthicke, Klaus J.: Frühgeborene. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1989
Verband Europäischer Laktationsberaterinnen (Hrsg.): VELB-Skriptum Frühgeborene 2004/2005
Walker, Marsha (Hrsg.), ILCA: Core Curriculum for lactation consultant practice. Boston u.a.: Jones and Bartlett, 2002
Wilson-Clay B., Hoover K.: The Breastfeeding Atlas. Lact News Press, 2002
Wissenbach, Agnes, Kämmerer, Barbara, Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (Hrsg.): Frühgeborene brauchen Muttermilch. Bonn: Eberwein, 2004


Barbara Kämmerer
Kinderkrankenschwester, IBCLC
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Kongressbericht 18. AFS Stillkongress 2005

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 1/2006, S. 8-10

Brustkrebs und Stillen

Brustkrebs heißt in der Medizinersprache auch „Mammakarzinom“, von dem lateinischen Wort mamma = Brust und griechisch karkinos = Krebs abgeleitet.

Brustkrebs in der Stillzeit

Etwa 25% der Brustkrebserkrankungen treten bei Frauen in der Prämenopause auf, betreffen also zu einem erheblichen Teil Frauen in der reproduktiven Phase ihres Lebens, d. h. Frauen, die noch Kinder bekommen können. Brustkrebs ist die häufigste Krebsform bei schwangeren Frauen oder bei Frauen, die kürzlich entbunden haben, und tritt bei einer von 3000 Schwangerschaften auf. Die betroffenen Frauen sind durchschnittliche zwischen 32 und 38 Jahren alt.

Wahrscheinlich wird die Anzahl der Frauen, bei denen ein Brustkrebs während Schwangerschaft und Stillzeit auftritt, in den nächsten Jahren ansteigen, da zum einen die Stillzeit deutlich verlängert ist und zum anderen immer mehr Frauen erst in höherem Alter ein Kind bekommen.

Etwa 1-3% aller Mammakarzinome werden in Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Stillzeit entdeckt. Die Prognose eines Mammakarzinoms richtet sich nach dem Stadium, in dem es entdeckt wird und ist in Schwangerschaft und Stillzeit nicht schlechter als außerhalb dieser Zeit, jedoch wird die Diagnose häufig relativ spät gestellt.

Risikofaktoren für Brustkrebs

Die eigentliche Ursache für Brustkrebs ist unbekannt. Forscher haben aber eine Reihe von Risikofaktoren aufgedeckt, die das individuelle Risiko einer Frau, an Brustkrebs zu erkranken, erhöhen:

  • zunehmendes Alter
  • Brustkrebs bei Verwandten 1. Grades (Mutter, Schwester): zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko.
  • Frühe erste Menstruation oder vergleichsweise späte Wechseljahre
  • Geburt des ersten Kindes nach dem 30. Lebensjahr
  • Kinderlosigkeit
  • Vorausgegangene Erkrankungen an Brustkrebs: erhöhtes Risiko an der zweiten Brust an Krebs zu erkranken.

Es gibt auch Faktoren, die das individuelle Risiko einer Brustkrebserkrankung senken: Geburt eines oder mehrerer Kinder (Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer 2002: Jede Geburt senkt das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, um 7%.)

Dauer des Stillens: multinationale Studie im Lancet (2002; 360:187-95): Die internationale Metaanalyse von 47 Studien aus 30 Ländern kam zu dem Ergebnis, dass das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, mit der Geburt eines oder mehrerer Kinder sinkt. Auch der schützende Effekt des Stillens vor Brustkrebs wird in dieser Studie eindeutig nachgewiesen. Dabei zeigte sich, dass Brustkrebs bei Fraen, je länger sie gestillt haben, desto seltener auftritt. Es kommt auf die Gesamtlebensstilldauer einer Frau an und nicht auf die Zahl der gestillten Kinder.

Vorgehen in der Stillzeit

Erste Anzeichen für ein Mammakarzinom sind oft Knoten in oder Hautveränderungen an der Brust. Durch konsequente Vorsorgeuntersuchungen und Selbstuntersuchungen der Brust kann Brustkrebs oft schon früh entdeckt und dann gut behandelt werden.

Wenn eine Schwangerschaft festgestellt worden ist, sollte im Rahmen der Schwangerenvorsorge auch die Brust vom Frauenarzt abgetastet werden. Bei Auffälligkeiten sind weitere Untersuchungen notwendig. Um auch in der Schwangerschaft/Stillzeit auf Krebs verdächtige Knoten entdecken zu können, ist es wichtig, dass eine Frau möglichst schon vor der Stillzeit regelmäßig ihre Brust selbst untersucht hat und dies dann auch selbstverständlich in der Stillzeit fortsetzt.

Schwangere oder stillende Frauen haben gewöhnlich weiche, geschwollene z. T. auch etwas knotige Brüste, so dass kleine, durch Krebs bedingte Knoten schwer zu entdecken sind. Außerdem neigen auch gerade in der Stillzeit viele Frauen dazu, einen Knoten mit dem Stillen zu erklären und verzögern dadurch eine frühzeitige Diagnosestellung.
Aufgrund dieser Verzögerung wird Brustkrebs gewöhnlich bei Schwangeren in einem fortgeschrittenerem Stadium entdeckt als bei nicht schwangeren Frauen und hat daher eine scheinbar schlechtere Prognose. Die Zeitspanne vom Auftreten erster Symptome bis zur endgültigen Diagnosestellung schwankt zwischen 5 und 15 Monaten.

Symptome

Ein verdächtiger Knoten, der nicht im Verlauf des Stillens innerhalb weniger Tage verschwunden ist, sollte schnellstens abgeklärt werden. Daher ist bei scheinbar wiederkehrenden Knoten oder auch bei wiederkehrenden Milchstaus an ein und derselben Stellen die Brust einschließlich der Lymphknoten (in der Achsel und oberhalb ds Schlüsselbeins) sorgfältig abzutasten.

Plötzlich andauerndes Verweigern nur einer Brust (die bislang angenommen wurde!) durch das Kind kann ein frühes Zeichen von Brustkrebs sein (Goldsmith Zeichen oder milk-rejection sign of breast cancer): Kinder, die von Geburt an an beiden Brüsten gestillt wurden, verweigerten plötzlich die Milch einer Seite. In der verweigerten Brust wurde später ein Tumor entdeckt, der sich durch eine Biopsie als maligne (bösartig) herausstellte. Man nimmt an, dass dieses „Milch-Verweigerungs-Phänomen“ entweder aus Geschmacks-, Geruchs- oder Konsistenzveränderungen der Milch resultiert.

Diagnostik

Eine weitere Diagnostik durch einen Facharzt muss veranlasst werden bei

  • knotigem, nicht eindeutig zystischem Befund, der länger als 72 Stunden andauert
  • mastistikartige Symptome, ohne Fieber, die auch nach Antibiotikatherapie (für 10 Tage) bestehen bleiben
  • wiederkehrendem Milchstau/Mastitis an derselben Stelle
  • Auftreten von „Orangenhaut“
  • Plötzlich eingezogener, vorher „normaler“ Mamille (Brustwarze)
  • Plötzlich anhaltende Verweigerung einer Brust im Zusammenhang mit einem tastbaren Knoten

Der Verdacht auf Brustkrebs wird meistens gestellt aufgrund eines auffälligen Tastbefundes oder einer sichtbaren Veränderung der Brust. Um diesen Verdacht zu bestätigen oder aber zu entkräften müssen weitere Untersuchungen erfolgen:

  • Ultraschall
  • Mammographie (Röntgendarstellung der Brust)
    Diese ist nicht das Mittel der Wahl zur Diagnosestellung, da ca. 25% (über 50% nach Scherbaum Perl) der Mammographien bei Schwangeren/Stillenden falsch negativ sein (d. h. negativ obwohl Brustkrebs vorliegt). D. h. sie ist wenig aussagekräftig und schwer interpretierbar. Außerdem kann die bei dieser Untersuchung erforderliche Quetschung der Brust zu einer Begleitmastitis führen.
  • Biopsie
    Bei jedem tastbaren Knoten sollte eine Gewebeprobe (für die Untersuchung unter dem Mikroskop) entnommen werden. Ein Abstillen ist vorher nicht erforderlich, jedoch besteht – laktationsbedingt – eine stärkere Blutungsneigung (Einlager einer Drainage) und die Gefahr der Bildung einer Milchfistel durch die Biopsie. Diese Milchfisteln heilen in der Regel aus. Nach der OP kann das Kind, sobald die Mutter nach der Narkose dazu in der Lage ist, wieder angelegt werden.

Behandlung

Zwei Drittel aller Brustkrebsarten können heute brusterhaltend operiert werden. Ist der Krebs schon weit fortgeschritten, muss aber die gesamte Brust entfernt werden.

Die auf die OP folgende Therapie richtet sich nach der Größe des Tumors und dem Stadium der Krebserkrankung (eventuelle Ausbreitung in Lymphknoten, Knochen, Leber). Eventuell muss eine Strahlentherapie, möglicherweise auch eine Chemotherapie folgen. Diese anschließende Therapie beeinflusst dann auch die weitere Entscheidung im Hinblick auf das Stillen.

Lautet die Diagnose Mammakarzinom, muss meistens abgestillt werden. Eine Frau benötigt in dieser für sie körperlich und seelisch sehr belastenden Situation vielleicht alle Kraftreserven für sich. Jedoch wäre nach einer brusterhaltenden Therapie und vor geplanter Nachbestrahlung auch ein langsames Abstillen/einseitiges Abstillen möglich.

Auch bei einer Chemotherapie könnte – mit Stillpause und Abpumpen/Verwerfen der Muttermilch (MM) während und nach der Chemotherapiebehandlung – weitergestillt werden. Gerade im Hinblick auf die Bedeutung des Stillens für das seelische Wohlbefinden der Mutter ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt! Für eindeutige Empfehlungen ist die Datenlage auf diesem Gebiet jedoch momentan noch zu klein. Es wird sich also immer um individuelle Beratungen und Entscheidungen handeln.

Stillen nach Brustkrebs

Nach Petok 1995 und Riordan Auerbach 1999 werden ca. 4-5% aller Frauen, die in der Prämenopause wegen Brustkrebs behandelt wurden, (noch einmal) schwanger und es stellt sich hiermit auch die Frage, inwieweit eine vorausgegangene Therapie das Stillen beeinflusst.

Die Schwangerschaft scheint keinen Einfluss auf die Überlebenszeit von Frauen zu haben, die in der Vergangenheit schon einmal Brustkrebs hatten. Auch das ungeborene Kind wird anscheinend nicht beeinflusst.

Ebenso gibt es keinen Beweis dafür, dass durch Stillen nach einer Behandlung wegen Brustkrebs das Risiko des Wiederauftretens der Krebserkrankung ansteigt. Auch für das Neugeborene besteht kein gesundheitliches Risiko. Frauen, die wegen Brustkrebs behandelt wurden, dürfen ihr Kind stillen. Aufgrund der positiven Effekte des Stillens für Mutter und Kind sollten Arzt und Hebamme diese (wie auch alle anderen Frauen) zu längerem Stillen ermutigen.

Brust-OP vor der Stillperiode

Je nach Menge des entfernten Gewebes und nach der Schnittführung kommt es nach einer Brust-OP zu einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung der Milchbildung und Milchabgabe. Das nach der OP noch vorhandene Drüsengewebe ist eventuell mengenmäßig stark reduziert, so dass demzufolge von der betreffenden Brust auch nur noch geringe Mengen Milch gebildet werden können. Die Milchbildung kann auch aufgrund der Durchtrennung von Nervenfasern beeinträchtigt sein. Hat Drüsengewebe aufgrund von Milchgangsdurchtrennungen keinen Anschluss mehr zur Brustwarze und kann nicht mehr entleert werden, so kommt es infolge zu einem Milchstau und zu einer daraus resultierenden Stauungsinvolution (Rückbildung, durch den Stau bedingt) des betroffenen Gewebes.

Für die Beratung gilt:

Sofern eine Brust nicht radikal operiert, d. h. ganz entfernt werden musste, kann (und soll) das Kind nach der Geburt auf beiden Seiten angelegt werden. Wird es nach Bedarf gestillt, wird die nicht operierte Brust im Falle einer reduzierten Milchbildung der operierten Brust entsprechend mehr Milch bilden.

Mit einem mehr oder weniger großen, örtlich begrenzten Milchstau ist zu rechnen. Dieser Stau wird sich (s. o.) – eventuell mit Unterstützung durch Kühlen – im Verlauf von 2-3 Wochen zurückbilden.

Hat eine Frau nach einer Brust-OP Zwillinge geboren, die sie stillen möchte, kann sie dazu durchaus in der Lage sein. Um einem mangelhaften Gedeihen vorzubeugen muss auf ein gutes Stillmanagement von Anfang an geachtet werden und auch das Gewicht der Kinder kontrolliert werden. Wichtig: Nicht jedem Kind eine feste Seite anbieten, sondern wechselnd anlegen!

Bestrahlung vor der Stillperiode

War im Vorfeld der Stillzeit aufgrund einer Krebserkrankung eine Bestrahlung notwendig, so kann diese die Laktation mehr oder weniger stark beeinträchtigen. Durch die Bestrahlung kommt es zu einer Gewebsfibrose und einer Zerstörung der Milchlappen. In der Folge sind daher die Milchbildung und Milchabgabe in dieser Brust auf alle Fälle beeinträchtigt. Allerdings lässt sich keine eindeutige Aussage darüber machen, wie stark diese Beeinträchtigung sein wird, da die Angaben in der Literatur relativ ungenau bezüglich der genaueren Definition des „erfolgreichen“ Stillens sind.

Da jedoch meist nur eine Brust betroffen ist, ann mit der anderen Seite komplikationslos gestillt werden. Problematisch iwrd es sicherlich sein, wenn eine Mutter nach Bestrahlung oder OP Zwillinge stillen möchte. Für diesen Fall gilt auch (s. o.) unter Gewichtskontrolle der Kinder auszuprobieren. Auch hier auf den Seitenwechsel beim Anlegen der Kinder achten!

Literatur

Scherbaum, Perl, Kretschmer [2003] „Stillen – frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit“, Deutscher Ärzteverlag
Wilson-Clay, Hoover [2002]: „Breastfeeding Atlas“, second edition
Biancuzzo [2005]: „Stillberatung“, Urban & Fischer
Petok, Ellen S. [1995]: „Breast Cancer and Breastfeeding: Five Cases“, Journal of Human Lactation, Vol. 11, No. 3, p. 205-209
Goldsmith, H. S. [1974]: „milk rejection sign of breast cancer“, American Journal of Surgery, Vol. 127, p. 280-281

Carla Ehlers
Medizinischer Beirat AFS

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 2/2008, S. 13-15

Aromen in der Muttermilch: von Geburt an Essen am Familientisch - Muttermilch macht's möglich

Eigentlich ist es ja ein alter Hut. Wir wissen alle, dass von allem, was die Mutter zu sich nimmt, mal mehr und mal weniger in ihre Milch gelangt. Das gilt für die verschiedenen Fette, für Vitamine, Genussmittel und Medikamente, für Erwünschtes und Unerwünschtes. Mütter, die Milch abpumpen oder von Hand entleeren, sind mitunter erschrocken, wenn die Milch nach einer Spinatmahlzeit plötzlich grünlich aussieht. Und wer normalerweise keinen Knoblauch isst und dann ein gut gewürztes Tzatziki, erlebt möglicherweise eine deutliche Reaktion beim Kind.

Dänische Forscher wollten es jetzt genauer wissen (s. u.). Sie stellten Kapseln mit vier verschiedenen Aromen her (Menthol, Kümmel, Lakritz und Banane) und gaben diese Kapseln 18 stillenden Müttern. Vor der Einnahme und 2, 4, 6 und 8 Stunden danach wurden Milchproben gesammelt und untersucht.

Das Bananenaroma ist ein flüchtiger Stoff; nur in einer Milchprobe, die schon nach einer Stunde gewonnenen worden war, konnten Spuren davon gefunden werden. Die anderen Aromen konnten über mehrere Stunden nachgewiesen werden.

Interessant sind die Schlussfolgerungen der AutorInnen. Sie vermuten, dass die unterschiedlichen Geschmacksstoffe in der Muttermilch die Kinder empfänglicher dafür machen, sich später auf neue Geschmäcker einzulassen.

Außerdem lernen die Kinder so ganz nebenbei die bei ihnen zuhause übliche Familienkost kennen. Wenn ihnen diese Lebensmittel dann beim Zufüttern angeboten werden, ist ihnen das Aroma schon als „essbar“ bekannt und vertraut.

Guten Appetit wünscht
Utta Reich-Schottky

Literatur

Helene Hausner, Wender L.P. Bredie, Christian Mølgaard, Mikael Agerlin Petersen and Per Møller: Differential transfer of dietary flavour compounds into human breast milk. Physiology & Behavior May 2008
 

Utta Reich-Schottky
medizinischer Beirat AFS

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2008

Das Baby verstehen - Wissenswertes für Stillberaterinnen und Eltern

Wenn ein Baby weint, möchten nicht nur Eltern diesen Zustand möglichst schnell beenden. Doch oft ist es gar nicht so einfach herauszufinden, was das Baby hat. Der Kurs „Störung in der Stillbeziehung – Signale des Babys verstehen“ soll helfen, die Zeichen von Babys frühzeitig und richtig zu deuten.

Der wenige Monate alte Elias liegt auf den Oberschenkeln seines Vaters und gluckst vor Freude. Papa macht ein lustiges Geräusch. Elias lacht, Papa macht es wieder. Elias lacht erneut. Hier sieht man zwei, die sich verstehen. Der kurze Videofilm ist Teil der Fortbildung „Störung in der Stillbeziehung – Signale des Babys verstehen“. Die Referentin Susanne Schindler, Diplom-Sozialpädagogin, integrative Paar- und Familientherapeutin, Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin, berichtete beim AFS-Regionaltreffen der Vereinsmitglieder aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im September 2009 über neue Ergebnisse in der Säuglingsforschung.

Die Elternschule ist eine Präventionsidee der Schreisprechstunde an der Universitätsklinik Heidelberg. Sie bereitet werdende Eltern auf ihre neue Rolle vor und kann auch viele Stillprobleme schon im Vorhinein abfangen. Eltern sollen schon während der Schwangerschaft lernen, die Zeichen eines Babys zu deuten und adäquat auf sie zu reagieren. Das Programm kann dadurch helfen, eine stabile Beziehung und eine sichere Bindung zu ihrem Neugeborenen aufzubauen, so dass Missverständnisse, exzessives Schreien, Stillprobleme und daraus folgende seelische Störungen gar nicht erst entstehen.

Die drei Monate alte Sara liegt auf ihrer Spieldecke, vor ihr sitzt ihre Mutter und bimmelt mit einem Spielglöckchen vor Saras Augen. Sara wendet erst den Blick ab, hebt dann wie abwehrend ein Ärmchen, beginnt schneller zu atmen und quengelt. „Was hast Du denn? Guck mal, das Glöckchen“, versucht ihre Mutter die Aufmerksamkeit des Babys auf das Spielzeug zu lenken. Doch Sara geht auf das Spielangebot nicht ein und beginnt schließlich zu weinen – sie wollte Ruhe, aber Mama hat es nicht gleich verstanden.

Babys Zeichen lesen

Babys haben verschiedene Aufmerksamkeitszustände. Während der „aufmerksamen Wachheit“ ist das Kind kontaktbereit. Es hält Blickkontakt, lächelt, gibt positive Laute von sich, zeigt eine „angemessene“ Erregung. Jetzt ist es dazu aufgelegt, mit jemandem zu spielen, zu albern, sich für ein Spielzeug oder die Außenwelt zu interessieren und zu kommunizieren.

Bei „Desinteresse“ hingegen schaut es weg, nimmt den Blick des Partners nicht auf, hat einen neutralen oder eher verdrießlichen Gesichtsausdruck. Es gibt keine Laute von sich. Der Körper ist entweder schlaff oder in einer zu starken Anspannung. Das Baby signalisiert damit: Bitte nicht stören. Es braucht Ruhe, passives Dabeisein oder sogar Schlaf, aber keine weitere Stimulation.

Werden diese Zeichen nicht gesehen, geht es in den nächsten Zustand „Überlastung“. Das Baby versucht mit heftigeren Signalen zu zeigen, dass es jetzt keine weitere Stimulation braucht. Es dreht den Kopf weg, „fuchtelt“ mit den Armen, vollführt auch mit den Beinen heftigere Bewegungen. Es spreizt die Fingerchen ab, hält sich an sich selbst fest oder reibt sich die Augen. Der kleine Brustkorb hebt und senkt sich durch den schnelleren Atem, das Kind beginnt zu quengeln, wenn es jetzt keine Ruhe oder Beruhigung bekommt, wird es schlussendlich zu weinen beginnen.

Nicht alle Eltern können die Zeichen instinktiv lesen und richtig reagieren. Aber man kann es lernen. Das entsprechende Kurskonzept einschließlich Lehrmaterialien wurde von der Abteilung „Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie“ des Universitätsklinikums Heidelberg mit Unterstützung der in Bensheim ansässigen Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie entwickelt.

Die Kursunterlagen bestehen aus einem theoretischen Grundlagenbuch, einem Anleitungsheft mit konkreten Handlungsvorgaben und einer DVD mit zahlreichen Videosequenzen von Eltern-Kind-Interaktionen, mit denen die Beschreibungen anschaulich werden. Auch für Stillberaterinnen ist hier spannendes Material dabei.

Wichtig: Immer reagieren

Zwei wichtige Botschaften des Kurses hebt Schindler hervor: „Eltern sollten immer authentisch emotional sein“, also auf keinen Fall Babys „bespaßen“ und so tun, als hätte man gute Laune, obwohl man eigentlich traurig oder müde ist. „Babys spüren das und sind dann eher verwirrt, wenn der Ausdruck nicht zum Gefühl passt“, so Schindler.
Schon im Bauch bekommt das Baby alle Emotionen seiner Mutter mit und ist direkt nach der Geburt in der Lage mit allen Sinnen seine Umwelt wahrzunehmen, andere zu imitieren und vor allem zu zeigen, wie es ihm geht und was es jetzt braucht. „Und daher kann es auch unauthentische Eltern wahrnehmen und darüber irritiert sein“, erklärt Schindler.

Mit dem Ammenmärchen von der „starken Lunge durch Schreien“ räumt sie ebenfalls schnell auf: „Es ist wissenschaftlich erprüft und erwiesen, dass man Babys niemals schreien lassen darf“, betont sie, „ein weinendes Baby muss immer beachtet und der Grund für sein Weinen erforscht werden.“ Im Idealfall erkennen die Eltern schon vorher, dass das Baby z. B. die Brust sucht oder sich abwendet und Ruhe braucht, so dass es gar nicht zu häufigen und langen Schrei-Episoden kommt.

Nicole D. Schmidt
AFS-Stillberaterin

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2010, S. 22-23

5. Schritt 9: Brust oder Flasche - Wo sind die Unterschiede?

Das Stillen, also das direkte Saugen des Babys an der Brust, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom Saugen an der Flasche. Einige Beispiele:

Saugmechanik

Für das Saugen an der Flasche braucht das Baby eine andere Technik als für das Saugen an der Brust, so dass Flaschenfütterung vor allem in der Anfangszeit zu anschließenden Stillproblemen führen kann - Stichwort „Saugverwirrung“ (Erläuterungen s. (4)).

Saugen-Schlucken-Atmen

Beim Trinken muss der Säugling Saugen, Schlucken und Atmen koordinieren. Frühgeborenen gelingt dies an der Flasche erst später als an der Brust. Das erkennt man z.B. daran, dass bei ihnen die Körpertemperatur und die Sauerstoffversorgung des Blutes beim Trinken an der Flasche absinken, aber beim Stillen hoch bleiben. Das Trinken an der Flasche scheint für sie belastender zu sein als das Stillen (1).

Saugmuster

Beim Stillen macht der Säugling zunächst schnelle, flache Saugbewegungen, bis der Milchspendereflex einsetzt; dann wechselt er zu langsamen kräftigen Bewegungen. Die Arbeitsgruppe von Mizuno (3) hat die Dauer der jeweiligen Saugbewegungen und den im Mund des Babys erzeugten Unterdruck sowohl an der Brust als auch an der Flasche gemessen. Um auch bei der Flasche eine Phase „vor dem Milchspendereflex“ zu simulieren, wurden Sauger mit einem speziellen Ventil verwendet, das erst nach einer Weile Milch freigibt.

Die Säuglinge in dieser Untersuchung wurden sowohl gestillt als auch mit der Flasche ernährt, sodass die Daten von denselben Kinder in beiden Situationen erhoben werden konnten. Dabei zeigten sich gegensätzliche Saugmuster: Beim Stillen sank der Unterdruck im Mund des Kindes beim Übergang vom flachen schnellen Saugen ohne Milchaufnahme zum Nahrungssaugen – an der Flasche war es umgekehrt, dort stieg der Unterdruck an. Beim Nahrungssaugen machten die Säuglinge an der Flasche signifikant langsamere Saugbewegungen als an der Brust. Auch diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Saugen an der Flasche anders gesteuert wird als das Stillen.

Sättigung wahrnehmen

Nichtgestillte Säuglinge haben ein erhöhtes Risiko, später übergewichtig zu werden. Dabei spielen vermutlich mehrere Faktoren eine Rolle. In einer mit Fragebögen durchgeführten Studie (2) wurde der Frage nachgegangen, ob dies damit zusammenhängen könne, dass Kinder bei Flaschenfütterung nicht so gut steuern können, wieviel Nahrung sie aufnehmen, wie beim Stillen.

Geprüft wurde auch der Einfluss des Flascheninhaltes (Muttermilch vs. künstliche Säuglingsnahrung). Zunächst wurde festgehalten, wie die Kinder im ersten Lebenshalbjahr ernährt wurden: Wieviel sie gestillt wurden, wie oft sie eine Flasche erhielten, was in der Flasche drin war. Im zweiten Lebenshalbjahr wurde notiert, wie oft ein Kind eine ihm angebotene Flasche oder einen Becher vollständig geleert hat; dies nahmen die Wissenschaftlicher als Indiz dafür, wie gut ein Kind seine Nahrungsaufnahme steuert – ob es aufhört, wenn es satt ist, oder ob es weitermacht, bis der Becher leer ist.

Die Daten von 1250 Kindern konnten ausgewertet werden. Die Ergebnisse zeigten eine Dosisabhängigkeit: Von den Kindern, die im ersten Halbjahr ausschließlich gestillt worden waren, leerten 27% ihre Becher oder Flasche; von den teils gestillten, teils mit der Flasche gefütterten Kindern waren es 54%; und von den ausschließlich Flasche gefütterten Kindern leerten 68% regelmäßig ihnen angebotene Flaschen oder Becher. Diese Dosisabhängigkeit zeigte sich sowohl dann, wenn Muttermilch in der Flasche war, als auch, wenn künstliche Säuglingsnahrung enthalten war. Die Flaschenfütterung als solche scheint die Fähigkeit der Säuglinge zu beeinträchtigen, ihre Nahrungsaufnahme zu steuern.

Quellen

  1. Chen C-H, Wang T-M, Chang H-M, Chi C-S.: "The Effect of Breast- and Bottle-Feeding on Oxygen Saturation and Body Termperature in Preterm Infants." J Hum Lact 2000;16:21-27
  2. Li R, Fein S, Grummer-Strawn L.: "Do Infants Fed From Bottles Lack Self-regulation of Milk Intake Compared With Directly Breastfed Infants?" Pediatrics 2010;125:e1386-e1393
  3. Mizuno K, Ueda A.: "Changes in Sucking Performance from Nonnutritive Sucking to Nutritive Sucking during Breast- and Bottle-Feeding." Ped Research 2006; 59(5):728-731
  4. Reich-Schottky U, Rouw E. Stillen und Stillprobleme. Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (AFS), Bonn 2010

Utta Reich-Schottky
Medizinischer Beirat AFS und Gutachterin BFHI

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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 3/2010, S. 11

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