Attachment Parenting – Mit Liebe erziehen

Es gibt nicht einmal eine deutsche Übersetzung des Begriffs, und doch wird es auch hierzulande in den letzten Jahren immer bekannter: Attachment Parenting. Aber was ist das überhaupt ?

Attachment Parenting steht für den bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern, bei den Allerkleinsten angefangen. Wirklich neu ist der Gedanke nicht; geprägt wurde der Begriff bereits vor 20 Jahren von Dr. William Sears (Kinderarzt) und Martha Sears (Krankenschwester). Das Ehepaar hat acht Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Als Autoren schrieben sie Bücher rund um die Themen Kinder und Erziehung. 2001 brachten sie ihr Buch "The Attachment Parenting Book" heraus, welches im Dezember 2012 auch auf Deutsch erschien ("Das Attachment Parenting Buch", Tologo Verlag).

Wie geht eigentlich artgerechte Haltung für Menschen?

Die Grundlage dieses, in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum immer bekannter und beliebter werdenden, Umgangs mit Kindern bilden hiernach folgende Bausteine:

Bonding
Der Kontakt nach der Geburt und danach ist wichtig zum Bindungsaufbau. Stillen gilt als ideale Methode zur Ernährung und zur Erfüllung von Nähebedürfnissen. Das Kind sollte nur dann essen, wenn es hungrig ist, und aufhören, wenn es satt ist - kein Stillen oder Flaschegeben nach der Uhr mehr.

Babytragen
Das Kind hat das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Geborgenheit. Körperkontakt, wie er oft "nebenbei" beim Tragen des Babys in Tuch oder Tragehilfe gegeben ist, erfüllt dieses Bedürfnis.

Gemeinsames Schlafen / Familienbett, evtl. Geschwisterbett
Durch die Nähe und Sicherheit in der Nacht schlafen Kind und Eltern meist besser.

Gleichgewicht und Grenzen
Ausgeglichenheit und Bedürfnisse aller beachten: Ausgeglichene Eltern können die Bedürfnisse aller am besten erfüllen. Es soll sich niemand aufopfern, es soll allen gut gehen.

Glaube an das Weinen des Babys
Weinen ist Kommunikation, nicht Manipulation. Eltern können dies nutzen und die Bedürfnisse ihres Babys erkennen. Weinen ist eine Sprache des Babys, der Eltern zuhören sollten.

Vorsicht vor "Babytrainern"
Die distanzierten Wege der Erziehung; vorrangiger Unterschied: "Babytrainer" betrachten Weinen vorrangig als nervende, unbequeme Angelegenheit, die abgestellt werden muss, damit das Baby besser in die Umgebung der Erwachsenen passt. Das Baby wird dahingehend "trainiert" (Beispiel: Schlafprogramme). Dies fördert die Insensibilität gegenüber den Äußerungen des Kindes. Großes Argument: "Aber es funktioniert!" - tut es (vermeintlich) erst einmal auch, weil das Kind abschaltet und resigniert. Es bringt nichts, immer wieder zu versuchen, sich mitzuteilen, wenn einem niemand zuhört.

Bereits die Sears' machen klar, dass sich bedürfnisorientierter Umgang mit Kindern und beispielsweise eine Berufstätigkeit der Eltern oder der Mutter nicht ausschließen. Auch sind sie der Ansicht, dass hierbei Mutter wie Vater gleichermaßen involviert sind und räumen somit mit Vorurteilen auf. Etwa damit, dass bedürfnisorientierte Erziehung nur ein Konzept für "Gluckenmütter" sei, deren Kinder jahrelang unselbstständig am "Rockzipfel" hängen. Stattdessen hilft sie zunächst Baby und Eltern in den ersten Monaten, sich gut kennenzulernen und einander anzupassen. Es wird aber auch deutlich, dass es sich hierbei eigentlich um eine Grundhaltung dem Kind (dem Menschen) gegenüber handelt, auch jenseits der Babyzeit.

Emotionale Investitionen
Dinge, die man tut - aber die auch bestimmen, was für eine Art Eltern man sein wird. Der Kontrast ist klar zu den, auf den ersten Blick elternzentriert scheinenden, Ratgebern von Babytrainern. Diese verkaufen sich laut Sears deshalb so gut, weil sie schnelle Ergebnisse versprechen (Beispiel: "Jedes Kind kann schlafen lernen"), und vermeintlich schnelle Ergebnisse oder das Versprechen solcher in einer zielorientierten Gesellschaft gut ankommen.

Beim Attachment Parenting geht es mehr um das Miteinander, um Akzeptanz und Kommunikation - hin zur Intuition, zum Beobachten des Kindes und dem Umgang miteinander. Weg von dem Bild des Babys oder Kindes als garstiger kleiner Tyrann, der seine Eltern manipulieren will, wenn man ihm nicht möglichst von Anfang an Einhalt gebietet und ihn in seine Schranken weist. Weg vom Schreckgespenst des "Verwöhnens", das seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gerade in Deutschland die Ängste junger Eltern oder deren wohlmeinender Ratgeber bestimmt. Somit wird klar, dass dieser Umgang mit Kindern auch nichts mit "laissez faire" oder antiautoritärer Erziehung zu tun hat.

Attachment Parenting geht davon aus, dass ein Kind mit einer guten Bindung, das als Baby und Kleinkind und weiterhin Nähe und Unterstützung erfahren hat, Urvertrauen fassen konnte und die Sicherheit hat, dass seine Eltern und Bezugspersonen für es da sind und versuchen zu verstehen, was es ihnen sagen will, auch wenn es noch keine Worte hat. Dass dieses Kind meist durch sein Vorbild und das Ruhen in seinem Vertrauen eher zu einem verständigen, selbstbewussten Menschen heranwachsen und sich loslösen kann, da seine Bedürfnisse gestillt wurden ("Ein gestilltes Bedürfnis kommt nicht wieder").

In Deutschland wurde in den letzten Jahren ein weiterer Name bekannt, bekannter vermutlich auch als die Sears'; inzwischen auch gern gesehener Gast in Talkshows und Interviews: Dr. Herbert Renz-Polster, ebenfalls Kinderarzt und Autor, sowie in der Forschung tätig und Vater von vier Kindern. Seine Frau Dorothea ergänzt das Spektrum als Erzieherin und Mütterpflegerin. Bekannt wurde er zunächst 2004 mit einem sehr umfassenden und ganzheitlichen Gesundheitsratgeber für Kinder. Vorrangig befasst er sich mit der kindlichen Entwicklung aus Sicht der Verhaltens- und Evolutionsforschung. So kam mit seinem 2009 erschienen Buch "Born to be wild - Babys verstehen" der Begriff des "Steinzeitbabys" auf und mit dem 2011 erschienenen "Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung." der Startpunkt für die Sicht, dass nicht nur Legehennen und Kühe artgerecht gehalten und behandelt werden können und vielleicht auch sollten, sondern auch der Homo sapiens.

Renz-Polster beschreibt, dass unsere Art zu leben noch relativ jung ist, unsere Babys nach ihrer Geburt aber vielmehr das erwarten, was Zehntausende von Jahren das Dasein ihrer Vorfahren bestimmt hat. Und wo nach den Regeln der Evolution auch nur derjenige überlebt hat, der sich da entsprechend verhalten hat, um seinen Fortbestand zu sichern. So weiß unser Baby nicht, dass es sich in einem Haus oder einer Wohnung mit Heizung und einem Dach über dem Kopf befindet und dass die Zahl der umherschleichenden Säbelzahntiger in seiner unmittelbaren Umgebung vermutlich relativ gering sein dürfte. In seinem biologischen Programm gilt: wer allein irgendwo liegen- und zurückgelassen wird, stirbt. Klar also, dass auch das von Nomadenvorfahren abstammende Baby des 21. Jahrhunderts sich bei Mama oder Papa im Tragetuch meist am sichersten fühlt und nahe bei seinen Bezugspersonen am ruhigsten schläft.

Auch das Verständnis für den pubertierenden Fünfzehnjährigen steigt vielleicht, wenn man sich vor Augen hält, dass seine Altersklasse vor noch nicht so langer Zeit die Welt bewegt hat. Jugendliche waren für die wirklich innovativen Ideen zuständig. Körperlichen Stärke hatte Vorrang - es wurde nicht von ihnen erwartet in der Schule möglichst lange still zu sitzen. Weiter geht es, dass wir eigentlich alle Gemeinschaft und Zusammenarbeit brauchen und erwarten und viele darunter leiden, faktisch allein zu leben und vieles alleine bewältigen zu müssen.

Wie die Sears' auch, so plädiert auch Renz-Polster dafür, sich zusammenzuschließen und Unterstützung zu holen. Das Modell der isolierten Kleinfamilie oder des Alleinerziehendenhaushalts ist nicht das, was unser Leben und Überleben über Jahrtausende geprägt hat.

So machte sich auch hier in Deutschland eine Art Paralleltrend auf den Weg. Mittlerweile gibt es auch im Bereich Attachment Parenting Informationen und Elternkurse, es gibt "Artgerecht-Camps" und Gemeinschaftsinitiativen, Trage- und Stillberater und Mütterpflegerinnen, etwa nach außerklinischen Geburten.

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 1/2014, S. 32/33

 

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