Gesundheitsförderung durch frühen Stillbeginn

Vom internationalen Verband der Still- und LaktationsberaterInnen wurden 1999 Leitlinien für das Stillmanagement während der ersten 14 Lebenstage veröffentlicht. Sie gelten für gesunde, termingeborene Säuglinge und enthalten 24 Standards für Geburtskliniken. Der erste lautet: „So bald als möglich nach der Geburt Bedingungen zum Stillen schaffen, idealerweise während der ersten zwei Stunden“. In der Ergänzung heißt es: „Ununterbrochenen Hautkontakt von Mutter und Kind mindestens während der ersten zwei Stunden nach der Geburt oder bis nach dem ersten Stillen ermöglichen“ und „Alle nicht unbedingt erforderlichen Maßnahmen bis mindestens zwei Stunden nach der Geburt oder nach dem ersten Stillen verschieben“.

Als Kinderkrankenschwester in Geburtskliniken und als Stillberaterin im häuslichen Bereich habe ich die Erfahrung gemacht, dass jede Mutter-Kind-Beziehung und der Stillerfolg im Wesentlichen von dem Erleben der Geburt und der ersten Zeit danach geprägt sind.

Warum sind diese frühen Erfahrungen so bedeutungsvoll?

Weil eine Spontangeburt mit einer Hormonsituation verbunden ist, die bei einer Frau und ihrem Kind einen einzigartigen Wahrnehmungszustand auslöst; und weil dieser in der sensibelsten Phase der Gehirnentwicklung erlebt wird. Was heißt das? Die Entwicklung des Gehirns ist von Informationen abhängig, die es durch Sinnesreize erhält. Der jeweils erste Reiz einer Sinneszelle gilt als prägend, wenn er als Impuls im Gehirn gespeichert wird und eine Funktion auslöst. Empfangene sensorische Impulse während der Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit sind fundamentale Informationen und Impulse für die Steuerung von Körperfunktionen, eines individuellen Körpergefühls und körperlicher Fähigkeiten. Einmal gespeicherte Impulse werden vom Gehirn kontinuierlich angefordert, das heißt, sie prägen Bedürfnisse. Im Normalfall speichert das Gehirn in vorgegebenen Zeitabschnitten jeweils die Reize nur eines Sinnesorgans. Eine Spontangeburt ist jedoch für Mutter und Kind mit außergewöhnlichen Stimulationen aller Sensorzellen verbunden. Insbesondere die in der Haut des Kindes und in der Uterusschleimhaut der Mutter lösen extreme Hormonausschüttungen aus. Für beide entsteht dadurch eine Hormonsituation, die es möglich macht, dass neue Reize aller Sinnesorgane in unmittelbarer Folge im Gehirn gespeichert werden können. In dieser einmaligen Situation werden neurale Verbindungen hergestellt, die den Ablauf zukünftiger Gehirnfunktionen dauerhaft prägen. Für diese „Bindungs- oder Bondingphase“ wird in der Literatur die Dauer von bis zu zwanzig Stunden nach der Geburt angegeben.

Wenn Mutter und Kind in dieser Zeit das erste Stillen und den ersten Blickkontakt in ungestörter Zweisamkeit erleben, finden sie alle Wahrnehmungen für dauerhaftes Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit. Gleichzeitig wird die begonnene Gehirnentwicklung eines Neugeborenen durch die Verbindung vertrauter und neuer Sinnesreize am Körper der Mutter fortgesetzt. Dadurch ist die Entwicklung von Gesundheit möglich.

Mit dem ersten Schrei fordert jedes Neugeborene die Mutter auf, ihm wieder existentielle Sicherheit, Geborgenheit, Wärme und Halt zu geben. Nach einer Spontangeburt ohne Medikamenteneinfluss greift eine Frau reflektorisch nach ihrem Kind und nimmt es an den Körper. Dadurch macht ein Neugeborenes die Erfahrung, dass seine Signale verstanden werden und es dafür sorgen kann, dass seine Bedürfnisse gestillt werden. Nur am Körper der Mutter findet es die dafür erforderlichen Sinnesreize. Sie steuern alle notwendigen Organfunktionen und lösen bei Mutter und Kind ein wohliges Körpergefühl und Entspannung aus. Durch die Achtung von Intimität und Zweisamkeit sind beide in dieser Entspannungsphase durch ihre Hormonsituation in einem ausschließlich emotionalen Wahrnehmungszustand. Sie genießen mit geschlossenen Augen nur ihr eigenes Körpergefühl. In dieser Situation wird ein Kind durch die Fülle vertrauter Sinnesreize so vitalisiert, dass es beginnt, seine Nahrungsquelle zu suchen. Es ist voller Vertrauen und offen für neue Wahrnehmungen, wenn es aus eigener Kraft mit weit geöffnetem Mund die Brustwarze umschließt und zu saugen beginnt. Dieses Erfolgserlebnis gibt einem Kind „Ur-Vertrauen“, das heißt, es fühlt unbewusst und dauerhaft das Vertrauen für die Fähigkeit, aus eigener Kraft für existentielle Sicherheit und Wohlfühlen sorgen zu können. Diese Wahrnehmung wird als eine beglückende Erfahrung gespeichert.

Bei diesem Stillbeginn kommt es durch die Stimulation der Brustwarze bei der Mutter und die Stimulation des kindlichen Gaumens im vertrauten Körperkontakt zu einer erneuten Ausschüttung von Glücks- und Liebeshormonen. Dadurch entsteht eine Hormonsituation, die nicht nur Glück, sondern auch körperliche Lust auslöst; und sie löst die „Sehnsucht“ nach Blickkontakt aus. Während ein Kind vor der Geburt nur speichert, „dass“ es wahrnimmt, beginnt mit der Geburt die Möglichkeit, im Gegenüber zu erkennen, „was“ es wahrnimmt. Ein Neugeborenes ist in der Lage, im Abstand von 25-30 cm ein Gesicht wie mit einem Kamerablick zu sehen und zu speichern. Wenn ein Neugeborenes im Gefühl des Glücks in das glückliche Gesicht der Mutter sieht, erkennt es sich darin selbst. Das heißt, es sieht sich mit den Augen der Mutter und findet darin Anerkennung für den Genuss des eigenen Körpers. Mutter und Kind erkennen gemeinsam, dass es für sie selbst und ihr Gegenüber gut ist, im vertrauten Körperkontakt eigenes Glück zu zeigen. Mit dieser Erkenntnis findet ein Kind durch die Mutter das Gefühl von Liebe. Es scheinen Funken zu sprühen, wenn eine Frau in die strahlenden Augen und das lächelnde Gesicht ihres Kindes sieht. Liebe fließt durch den Körper wie ein glitzernder Strom. In Ruhephasen findet ein Körper neue Kraft für die Suche nach seinen Energiequellen. Darum sinken Mutter und Kind nach dem Stillen gemeinsam in einen sanften Schlaf.

Durch die Verbindung von Körper- und Blickkontakt in der Bondingphase ist eine Mutter-Kind-Beziehung von tiefem Vertrauen in eigene emotionale Bedürfnisse und in die des anderen geprägt. Sie ist frei von dem Gefühl gegenseitiger Abhängigkeit. Durch gemeinsames Wohlfühlen erkennt eine Frau sehr schnell die Signale ihres Kindes und wird eigene und die Bedürfnisse ihres Kindes in Einklang bringen. Durch die Anerkennung individueller Bedürfnisse und durch liebevolle Kommunikation im Zusammensein mit den Eltern beginnt in dieser frühen Phase die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstachtung. Diese zunächst unbewusste Erfahrung ist die fundamentale Voraussetzung für gegenseitige Achtung. Die Geburts- und Stillkultur prägen wesentlich die Kultur einer Gesellschaft.

Jedes Neugeborene, das sich wohlfühlt, sucht instinktiv sein Gegenüber, um Anerkennung für das eigene Körpergefühl zu finden. Es ist nur mit der Fähigkeit der „Ich-Wahrnehmung“ ausgestattet, um sich durch Sinnesreize selbst kennen zu lernen. Da die Körperwahrnehmung im Körper der Mutter begonnen hat, lösen alle Sinnesreize in der Bindungsphase, die ein Kind ohne Körperkontakt zur Mutter und in einem anderen Gegenüber findet, Störungen der emotionalen „Ich-Wahrnehmung“ aus. Es sind Irritationen der „Körper-Ich“ Wahrnehmung, die durch sensorische Integrationsstörungen ausgelöst werden. Diese beeinträchtigen Steuerfunktionen des Gehirns und Nervensystems und damit die Entwicklung von Gesundheit.

Stillförderung ist Gesundheitsförderung, wenn beim Stillbeginn die Voraussetzungen dafür geschaffen werden:
Durch die Achtung der symbiotischen Verbindung von Mutter und Kind bei der Geburt.
Durch die Achtung der Ur-Sehnsucht im Menschen, mit der Geburt das Gefühl von Liebe zu finden; für Vertrauen in individuelles Fühlen und Empfinden, für Vertrauen in individuelle Bedürfnisse, für Vertrauen in die Fähigkeit, aus eigener Kraft für Gesundheit und Entfaltung der Persönlichkeit sorgen zu können. Wir fördern diese Entwicklungen durch respektvolles Verhalten bei einer Geburt und in den ersten Lebensstunden eines Kindes.

 

Renate Fegter
Kinderkrankenschwester mit Zusatzqualifikation
IBCLC Stillberaterin
Stexwig
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aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. 2/2003, S. 25-26

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