Stillen bis der Schulbus kommt

 

Gemeinsame Stellungnahme zu einer Sendung des WDR

27. Juli 2011
Sehr geehrte Frau Piel, sehr geehrte Frau Greindl, sehr geehrte Redaktionsmitglieder,

wir, die Vertreterinnen der Mitgliedsorganisationen des Runden Tisches zur Stillförderung in Deutschland, nehmen Bezug auf den Beitrag des WDR vom 30.06.2011 in der Reihe „Menschen hautnah - Stillen bis der Schulbus kommt“.

Als Zusammenschluss von Stillorganisationen begrüßen wir es sehr, dass Sie das gesellschaftliche Randthema Kleinkindstillen in der Sendereihe „Menschen hautnah“ näher beleuchtet haben. Über die Umsetzung des Themas sind wir leider sehr enttäuscht und möchten dies in diesem Schreiben zum Ausdruck bringen.

Besonders bestürzt sind wir über die redaktionelle Aufbereitung der Sendung. Die Reihe, die sonst Menschen einfühlsam begleitet, auch wenn sie ungewöhnliche Ansichten haben oder Lebensläufe aufweisen, die jenseits des Mainstream liegen, wurde in der besagten Sendung ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Anstelle des neutralen Beobachtens der gezeigten Familien traten Kommentare aus dem Off, die das Gesagte negativ interpretierten. Es wurden Personen aus dem Umfeld der Familien interviewt, die aufgrund ihres Berufs oder ihrer Funktion vom Zuschauer als unabhängige Experten angesehen werden (beispielsweise ein Arzt), auch wenn sie in diesem Fall keine fachlich qualifizierten Aussagen trafen bzw. überhaupt treffen konnten. So ergibt sich für den Zuschauer ein verzerrtes Bild, das polarisiert und sowohl die betroffenen Familien negativ darstellt als auch beispielsweise die im Beitrag erwähnten Organisationen, die sich für die Stillförderung einsetzen, diskreditiert.

Vom WDR Personal, namentlich Frau Greindl, war im Vorfeld angekündigt worden, dass ein seriöses und respektvolles Bild präsentiert werden sollte. Dass diese Ankündigung so klar unterlaufen wurde, hat die beteiligten Familien und die Organisationen, die sie ermutigt haben, an der Sendung mitzuwirken, sehr enttäuscht. Alle Kritik zu Formulierungen, Kommentaren, Schnitttechnik und der daraus resultierenden Polarisierung und Pathologisierung des Langzeitstillens ist bereits treffend und sehr konkret vom Team des Forums „Stillen-und-Tragen“ geäußert worden (nachzulesen unter Stillen-und-Tragen.de Stellungnahme zur LZS-Reportage "Menschen hautnah").

Bereits am 13.02.2010 erregte das Thema Langzeitstillen die Gemüter, als die Süddeutsche Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Stillen ohne Ende – Ärzte sind entsetzt, Übermütter begeistert“ veröffentlichte.

Bereits damals gab es eine sachliche Stellungnahme aus evolutionsbiologischer Sicht von Kinderarzt und Buchautor Dr. med. Herbert Renz-Polster, die wir zur Lektüre empfehlen (nachzulesen unter Langzeitstillen - Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC). [Nachtrag 02.02.2012: Original-Artikel von Dr. Renz-Polster: "Langzeitstillen - wo ist das Problem?"]

Wissenschaftlich belegt ist, dass Langzeitstillen biologisch sinnvoll und in vielen Kulturen normal ist, sowie zudem viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind sowie auf das Sozialverhalten und die Interaktion zwischen beiden hat. Entsprechende Quellenangaben haben wir im Anhang für Sie zusammengestellt.

Leider fanden all diese Aspekte keine Beachtung im WDR-Beitrag „Menschen hautnah“. Es wurde eine Chance vertan, dem Motto der diesjährigen Weltstillwoche „Stillen – sprich darüber!“ zum Wohle unserer Kinder zu folgen.

Wir wünschen uns für die Zukunft Beiträge, die den Fakten Rechnung tragen, Experten zu Wort kommen lassen und den Zuschauern durch eine differenzierte und neutrale Art der Darstellung die Möglichkeit geben, eine eigene Meinung zum Thema zu entwickeln. Auf diese Weise würde es Müttern, die ihre Kinder bis weit über das erste Lebensjahr hinaus stillen wollen, ermöglicht, Unterstützung für ihre Entscheidung zu erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Elke Cramer, 1. Vorsitzende BDL (Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC e.V.)
Utta Reich-Schottky, 2. Vorsitzende AFS (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen AFS e. V.)
Lisa Fehrenbach, Beauftragte für Stillen und Ernährung im Deutschen Hebammenverband BDH e. V.
Marina Weidenbach, 2. Vorsitzende Aktionsgruppe Babynahrung AGB e. V.
Erika Nehlsen, IBCLC Ausbildungszentrum für Laktation und Stillen
Dr. Brigitte Borrmann, Kommissarische Leitung des Fachgebiets Gesundheits- und Krankheitslehre, Psychosomatik Universität Osnabrück
Myrte van Lonkhuisen, Vizepräsidentin ELACTA (Europäische LaktationsberaterInnen Allianz)
Kristina Heindel, 1. Vorsitzende LLL (La Leche Liga Deutschland e.V.)
Edith Winter, Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands BFHD e.V.
Elizabeth Hormann, Europäisches Institut für Stillen und Laktation
Sabine Friese-Berg, Fachliche Leitung Fortbildungszentrum Bensberg
Monika Pleiß, Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit Bundesverband GfG e.V.

Anlage

  • Hintergrundinformationen und Quellenangaben zum Langzeitstillen
  • Elektronische Visitenkarte des Runden Tisches zur Stillförderung in Deutschland

Fakten über das Langzeitstillen

Langzeitstillen bietet anhaltenden Immunschutz

Langzeitstillen fördert soziale Anpassungsfähigkeit

Langzeitstillen sichert eine Nahrungsquelle in Notsituationen

Langzeitstillen bedeutet einen größeren Schutz der Mutter vor Brustkrebs

Langzeitstillen senkt das Risiko für Kindesmissbrauch und -vernachlässigung durch die Mutter

Betrachtet man vor diesem Hintergrund internationale Empfehlungen zur Stilldauer, so liest man Folgendes:

  • World Health Organization: „two years of age or beyond“ www.who.int/nut/documents/gs_infant_feeding_text_eng.pdf [Nachtrag 02.02.2012: funktionierender Link zum WHO-Artikel "What is the recommended food for children in their very early years?"]
  •  American Academy of Pediatrics: “It is recommended that breastfeeding continue for at least 12 months, and thereafter for as long as mutually desired.” www.aappolicy.aappublications.org/cgi/content/full/pediatrics%3b100/6/1035
  • American Academy of Family Physicians: “Breastfeeding beyond the first year offers considerable benefits for both mother and child and should continue as long as mutually desired. If the child is younger than two years of age, the child is at increased risk of illness if weaned.” www.aafp.org/x6633.xml
  • AAFP specific section of nursing the older child: “Breastfeeding should ideally continue beyond infancy, but this is currently not the cultural norm and requires ongoing support and encouragement. Breastfeeding during a subsequent pregnancy is not unusual. If the pregnancy is normal and the mother is healthy, breastfeeding during pregnancy is the woman’s personal decision... Breastfeeding the nursing child after delivery of the next child may help to provide a smooth transition psychologically for the older child.”
  • Nationale Stillkommission in Deutschland: „Der endgültige Zeitpunkt des Abstillens ist eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen wird.“ www.bfr.bund.de/cm/343/stilldauer.pdf

Basierend auf K. A. Dettwylers „hominid blueprint for the natural age of weaning in modern human populations” hat Utta Reich-Schottky von der AFS (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen) bereits 2002 veröffentlicht, dass menschliche Babys, wie ihre nicht menschlichen Primaten-Verwandten, biologisch darauf angelegt sind, zu erwarten, mindestens zweieinhalb Jahre lang gestillt zu werden. Diesem Ergebnis liegt das Konzept der „lebensgeschichtlichen Daten“ zugrunde, das Schwangerschaftsdauer, relative Größe des Neugeborenen, Alter beim Zahnwechsel und bei Geschlechtsreife, Körpergewicht des Erwachsenen, relative Größe des Gehirns und gesamte Lebensspanne vergleichend anthropologisch bewertet (nachzulesen unter www.reich-schottky.de/pdf_stillen/biologisches_Abstillalter02.pdf). 

Nachtrag: Reaktion des WDR auf die Stellungnahme des Runden Tisches

Am 08. August 2011 schickte der WDR eine Antwort zur Stellungnahme des Runden Tisches zur Stillförderung an die 1. Vorsitzende des BDl, Elke Cramer. Dieser Brief ist auf der BDL-Seite "Stillen bis der Schulbus kommt - Stellungnahme zu dem Beitrag des WDR vom 30.06.2011 in der Reihe „Menschen hautnah - Stillen bis der Schulbus kommt“." veröffentlicht (direkter Link zur Antwort des WDR).

 

aus: Stillzeit. Die Fachzeitschrift der AFS. Heft 4/2011, S. 25-26

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